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Di, 19. Mai 2026
Leopoldina und RKI fordern einen harten Lockdown – Bundesländer reagieren
Nationale Akademie der Wissenschaften
Leopoldina und RKI fordern einen harten Lockdown – Bundesländer reagieren

Die Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert einen harten Lockdown mit weiteren Einschränkungen unterstützt vom Robert-Koch-Institut. Einige Bundesländer haben bereits reagiert.

VON Alexander Wallasch | 8. Dezember 2020
Renten: Niemand soll es merken © Getty Images
Unehrlich und unwürdig
Renten: Niemand soll es merken

Leere Kassen, mehr Rentner, weniger Beitragszahler: Die Debatte um die Altersvorsorge kocht wieder hoch – Corona beschleunigt die Frührente.

VON Gastautor | 8. Dezember 2020
Polizeiliche Durchsuchungen bei AWO-Mitarbeitern imago images / Noah Wedel
AWO-Affäre
Polizeiliche Durchsuchungen bei AWO-Mitarbeitern

Bei Durchsuchungen im Zusammenhang mit der AWO-Affäre beschlagnahmten die Ermittler Vermögenswerte in Millionenhöhe.

VON Redaktion | 8. Dezember 2020
Steuerstaat bizarr: Erst werden Mieter abkassiert, dann sollen sie Wohngeld beantragen imago images / Eibner
Viel zu niedrige Freibeträge für Wohnungen
Steuerstaat bizarr: Erst werden Mieter abkassiert, dann sollen sie Wohngeld beantragen

Der Staat knöpft Mietern und Eltern durch absurd niedrige Freibeträge so viel Einkommen ab, dass sich manche die Wohnungsmiete kaum noch leisten können. Denen rät das Bundesfinanzministerium dann, Wohngeld vom Staat zu beantragen. So werden Bürger zu Hilfsempfängern gemacht.

VON Redaktion | 8. Dezember 2020
Rundfunkbeitrag steigt nicht, Haseloffs Koalition hält – was kommt jetzt? picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Klaus-Dietmar Gabbert
Erhöhung zum 1. Januar gekippt
Rundfunkbeitrag steigt nicht, Haseloffs Koalition hält – was kommt jetzt?

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff hat den Antrag der Gebührenerhöhung zurückgezogen und die Koalition hält dennoch. Doch der Streit von heute wird damit nur in die Zukunft vertagt.

VON Redaktion | 8. Dezember 2020
Ausgerechnet Pischetsrieder – Bei BMW und VW gescheitert, nun Daimler-Aufsichtsratschef imago images / Sven Simon
Aufstieg und (kein)Fall von Automobilmanagern
Ausgerechnet Pischetsrieder – Bei BMW und VW gescheitert, nun Daimler-Aufsichtsratschef

Wenn die Erinnerung an einen gescheiterten Konzernchef noch zu frisch ist, nimmt man eben für den Aufsichtsrat einen, der vor einigen Jahren schon scheiterte. In Deutschlands Autochefetagen geht es derzeit unterhaltsam zu.

VON Redaktion | 8. Dezember 2020
Sachsen-Anhalt: Die Erhöhung des Rundfunkbeitrages kommt nicht picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Klaus-Dietmar Gabbert
Haseloff zieht Staatsvertrag zurück
Sachsen-Anhalt: Die Erhöhung des Rundfunkbeitrages kommt nicht

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident zieht die Abstimmung über den Rundfunkstaatsvertrag zurück. Das verhindert die Gebührenerhöhung, ohne dass CDU-Fraktion und AfD-Fraktion gemeinsam dagegen votieren. Wie es mit der Koalition in Magdeburg weitergeht, bleibt offen.

VON Klaus-Rüdiger Mai | 8. Dezember 2020
In Erdogans Fängen – ein EU-Gipfel ohne Aussicht auf Erfolg imago images / photothek
Deutschland kuscht
In Erdogans Fängen – ein EU-Gipfel ohne Aussicht auf Erfolg

Wieder einmal wird die EU zeigen, dass sie unfähig ist, aktuelle Krisen konsequent anzugehen. Eine entscheidende Rolle dabei spielt die Bundesrepublik Deutschland, die sich fest in den Fängen des türkischen Präsidialdiktators befindet.

VON Tomas Spahn | 8. Dezember 2020
Olaf Scholz: Ein Pharisäer als Laudator für Dan McCrum imago images / photothek
METZGERS ORDNUNGSRUF 48-2020
Olaf Scholz: Ein Pharisäer als Laudator für Dan McCrum

Ausgerechnet der Bundesfinanzminister, dessen BaFin einst den FT-Journalisten der Marktmanipulation bezichtigte, lobt ihn jetzt bei einer Preisverleihung.

VON Oswald Metzger | 8. Dezember 2020
Hart aber Fair: Die Alibijugendlichen zum Rapport Screenprint: ARD/hart aber fair
Echte Konfliktlinien geschickt umgangen
Hart aber Fair: Die Alibijugendlichen zum Rapport

Bei Hart aber Fair sind die meisten Gäste jung und attackieren Olaf Scholz - allerdings von einer Seite, die diesem sehr genehm ist. Und so soll am Ende Opa Söder-Wähler das Gefühl kriegen: Im Großen und Ganzen alles in Ordnung.

VON Max Roland | 8. Dezember 2020
Eine Frage des gesunden Menschenverstands
Den geistigen Lockdown überwinden
Eine Frage des gesunden Menschenverstands

Die Schriftstellerin Eva Rex plädiert für eine konservative Lesart der jüdischen Denkerin Hannah Arendt. Von Till Kinzel

VON Gastautor | 7. Dezember 2020
Merkel: „Wir werden den Winter nicht ohne zusätzliche Maßnahmen durchstehen können“ picture alliance / ROPI | Pignatelli/EUC
Vor der Unionsfraktion
Merkel: „Wir werden den Winter nicht ohne zusätzliche Maßnahmen durchstehen können“

Vor der Unionsfraktion kann Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) keine Erfolge ihrer Lockdown-Maßnahmen verkünden, sondern nur wieder weitere Verschärfungen. Selbst bei der Begründung ihrer Haushaltspolitik kommt sie ins Stottern.

VON Redaktion | 7. Dezember 2020
EY-Studie: Pharma-Industrie forscht in neuer Höchstgeschwindigkeit imago images / IP3press
Run auf den Corona-Impfmarkt
EY-Studie: Pharma-Industrie forscht in neuer Höchstgeschwindigkeit

Die Zahl der potentiellen Impfstoffe und Wirkstoffe zur Behandlung von Covid-19 wächst auf mehrere Hundert. Für Deutschlands Biotech-Branche könnte das den Schritt aus der Nische bedeuten.

VON Redaktion | 7. Dezember 2020
Polizei fahndet nach Umweltaktivisten wegen versuchten Totschlags auf Polizisten picture alliance/dpa | Boris Roessler
Baumstamm gezielt auf Polizisten gestürzt
Polizei fahndet nach Umweltaktivisten wegen versuchten Totschlags auf Polizisten

Die Krawalle im Dannenröder Forst gehen weiter. Während ein bekannter Pianist ein Konzert im Wald gibt und man sich beschwert, dass die Polizei Wasserwerfer eingesetzt hat, geht diese Nachricht dagegen medial fast unter.

VON Redaktion | 7. Dezember 2020
Show-Einsatz der Bundespolizei in Fernzügen der Deutschen Bahn picture alliance/dpa
Achtung, Kontrolle
Show-Einsatz der Bundespolizei in Fernzügen der Deutschen Bahn

Auf den Gedanken, dass der mündige Bürger einer Demokratie das als Zumutung empfinden könnte, ist den Damen und Herren in der Politik - die Bundespolizei ist ja nur ausführendes Organ und die meisten Beamten können einem leid tun - wohl nicht gekommen.

VON Georg Gafron | 7. Dezember 2020
Seehofers Forderung floppt: SPD will nicht nach Syrien abschieben imago images / Karina Hessland
Vor der Innenministeerkonferenz
Seehofers Forderung floppt: SPD will nicht nach Syrien abschieben

Thüringens Innenminister Georg Maier hat schon klargemacht, dass es nichts wird mit dem vermeintlichen Law & Order-Auftritt des Bundesinnenministers Seehofer in Sachen Abschiebungen nach Syrien. Stattdessen: "Kampf gegen Rechts".

VON Alexander Wallasch | 7. Dezember 2020
Asylsuchende beziehen Villa in Ebersberg shutterstock/haraldmuc
Junge Migranten im Millionärsviertel
Asylsuchende beziehen Villa in Ebersberg

Die Stadt Ebersberg bei München muss Asylbewerber unterbringen – und mietet dafür eine Stadtvilla mit riesigem Garten. Der Bürgermeister wusste nach eigener Aussage von nichts.

VON Redaktion | 7. Dezember 2020
Generalprobe für grün-rote Wahlkampfstrategie auch im Bund picture alliance/dpa
Ohne CDU keine Regierungsmehrheit
Generalprobe für grün-rote Wahlkampfstrategie auch im Bund

Laut aktueller Umfragen können Grüne und SPD bundesweit nur mit Hilfe der Union Regierungsämter erlangen. Die Union soll daher mit allen Mitteln daran gehindert werden, eine Mitte-Rechts-Regierung anzustreben.

VON Roland Springer | 7. Dezember 2020
Corona-Quartett: Gegensätze prallen aufeinander, Sicherheiten schwinden Screenprint Sevus-TV: Corona-Quartett
Corona-Quartett
Corona-Quartett: Gegensätze prallen aufeinander, Sicherheiten schwinden

Massentests: Arzt und Biochemiker Alexander S. Kekulé: Alle durchtesten ist sinnlos. Roland Tichy: Was nach dem Testen? Internist Richard Greil: Massentesten ist eine psychologische Frage. Michael Fleischhacker: Also testen, bis wir was anderes haben?

VON Fritz Goergen | 7. Dezember 2020
Corona-Update: Politik hat sich in Härte-Show verfangen picture alliance/dpa/dpa-Pool | Matthias Balk
Weiter planlos
Corona-Update: Politik hat sich in Härte-Show verfangen

Die Zahlen bleiben in dieser Woche auf hohem Niveau. Die Regierungen wollen Stärke zeigen und panikgetriebene Aktionen beherrschen die Schlagzeilen. Mängel der Vorsorge-Politik werden noch sichtbarer.

VON Redaktion | 7. Dezember 2020

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19. Mai 2026

Der Staat als Beute

Angst um die Pfründe – das Imperium schlägt um sich

Von
Alexander Heiden

Im Gleichschritt marschieren Sozialdemokraten und Christdemokraten gegen den gemeinsamen Fressfeind.

„Jedem muss klar sein, was droht, wenn die AfD an die Macht kommt“, sagt Dirk Wiese, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, im „Spiegel“: „Einen solch unverhohlenen Zugriff auf den Staatsapparat hat es hierzulande seit dem Ende der Naziherrschaft nicht mehr gegeben.“

Auch Andreas Schmidt, SPD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt, spricht von einem Angriff auf den Staat: „Der Staat ist kein Beutegut.“

Und CDU-Parteifreund Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, klagte im „Stern“: „Die AfD zeigt in Sachsen-Anhalt, was sie unter Regieren versteht: Gefolgsleute statt Fachleute.“

Die schärfsten Kritiker der Elche waren vorher selber welche.

Der Berliner Grüne Benedikt Lux sagte einst dem „Neuen Deutschland“:

„Wir haben fast die gesamte Führung aller Berliner Sicherheitsbehörden ausgetauscht und dort ziemlich gute Leute reingebracht. Bei der Feuerwehr, der Polizei, der Generalstaatsanwaltschaft und auch beim Verfassungsschutz. Ich hoffe sehr, dass sich das in Zukunft bemerkbar macht.“

Seit Jahrzehnten greifen die Parteien von „Unsere Demokratie“ schamlos und unverhohlen auf den Staatsapparat zu. Erst waren es nur SPD und CDU/CSU, dann durften nacheinander die FDP und die Grünen beim Posten-Nach-Parteibuch-Verteilspiel mitmachen.

Damit jeder etwas abbekommt, haben sie dafür nicht nur immer mehr Stellen im Staatsapparat selbst, also in Ministerien und Behörden, geschaffen. Zusätzlich haben sie Versorgungsposten für abgehalfterte und/oder bedürftige Parteifreunde in halbstaatlichen bzw. staatlich kontrollierten Organisationen erfunden.

Beispiele? Es sind viel zu viele, um alle aufzulisten.

• Andrea Nahles, Ex-SPD-Vorsitzende, ist Präsidentin der Bundesagentur für Arbeit.
• Ronald Pofalla, Ex-Kanzleramtsminister für die CDU, wurde Vorstand bei der Deutschen Bahn.
• Thorsten Schäfer-Gümbel, Ex-SPD-Chef in Hessen, wurde Chef der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit)
• Ulrike Demmer, Ex-Regierungssprecherin für die SPD, ist Intendantin beim RBB
• Ulrich Wilhelm, Ex-Regierungssprecher für die CDU, wurde Intendant beim Bayerischen Rundfunk
• Klaus Müller, grüner Ex-MdB, ist Chef der Bundesnetzagentur
• Sönke Rix, Ex-SPD-MdB, ist Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung
• Klara Geywitz, Ex-Bauministerin für die SPD, ist Vizepräsidentin des Bundesrechnungshofs
• Stefan Harbarth, Ex-Merkel-Vertrauter und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, ist Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Eine Partei taucht nicht auf: die AfD. Dafür haben sich ausnahmslos alle anderen Parteien den Staat zur Beute gemacht.

Sparkassen als Endlagerstätte

Kaum ein Bereich absorbiert ehemalige Politiker so regelmäßig wie die Sparkassenorganisation. Das System aus DSGV, Landesverbänden, kommunalen Sparkassen, DekaBank und Landesbanken gilt seit Jahren als klassisches Biotop für Ex-Landräte, Minister und Berufspolitiker.

• Matthias Neth (CDU) – erst Landrat des Hohenlohekreises, dann Chef des Sparkassenverbands Baden-Württemberg
• Cord Bockhop (CDU) – erst Landrat im Landkreis Diepholz, dann Präsident Sparkassenverbands Niedersachsen
• Ulrich Reuter (CSU) – erst Landrat im Landkreis Aschaffenburg, dann Präsident des Sparkassenverbands Bayern, dann sogar Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV)
• Matthias Dießl (CSU) – erst Landrat Landkreis Fürth, dann Präsident des Sparkassenverbands Bayern
• Thomas Mang (SPD) – erst Landrat im Landkreis Ammerland, dann Präsident des Sparkassenverbands Niedersachsen
• Gerhard Grandke (SPD) – erst Staatssekretär in Hessen, dann Geschäftsführender Präsident des Sparkassen- und Giroverbands Hessen-Thüringen
• Heinrich Haasis (CDU) – erst Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg, dann Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands

Staatseigene Versorgungsstellen

Michael Güntner (CDU) war Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und wurde Vorsitzender der Geschäftsführung der Autobahn GmbH des Bundes.

Gerhard Schulz war auch Staatssekretär im Verkehrsministerium und wurde Geschäftsführer der Toll Collect GmbH.

Michael Theurer (FDP) war Bundestagsabgeordneter und wurde Vorstand der Deutschen Bundesbank.

Lutz Lienenkämper (CDU) war Finanzminister in NRW und wurde ebenfalls Vorstand der Deutschen Bundesbank.

Nur manchmal geht es schief. Michael Schäfer Grüne-Abgeordneter in Berlin und Trauzeuge von Robert Habeck, sollte Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena) werden. Das klappte dann am Ende doch nicht.

Fremde Länder

Wenn gar nichts mehr hilft, werden verdiente Parteifreunde auf lukrative und attraktive Botschafterposten gehievt.

Der Ex-EU-Abgeordnete Alexander Graf Lambsdorff von der FDP ist Botschafter in Moskau.

Andreas Michaelis, Ex-Merkel-Vertrauter, wurde Botschafter in Washington.

Annette Schavan, Ex-Merkel-Vertraute, wurde Botschafterin im schönen Vatikan.

Steffen Seibert, Ex-Regierungssprecher von Angela Merkel, ist Botschafter in Israel.

Kampf um den Fleischtopf

Die Angst aller anderen Parteien vor der AfD ist nicht politisch motiviert.

Es geht um das, was mit dem schönen alten deutschen Wort „Pfründe“ beschrieben wird. Die Parteien habe sich den Staat zur Beute gemacht und fürchten nun, dass ihnen jemand die Beute streitig machen könnte.

Mit Sorge um die Demokratie oder gar um das Volk hat das alles nichts zu tun. Die Motive könnten egoistischer nicht sein.

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19. Mai 2026

Nun auch Forsa

AfD bei Forsa auf Allzeithoch – Merz wird für die CDU zum Absturzkanzler

Von
Redaktion

Die nächste Umfrage, der nächste Absturz, die nächste Beschwichtigung aus dem abschmierenden Maschinenraum einer Partei, die sich immer noch einredet, sie regiere dieses Land. Forsa misst die AfD nun bei 28 Prozent. Das ist für dieses Institut ein neues Allzeithoch auf Bundesebene. Die Union steht bei 22 Prozent. Sechs Punkte Abstand. Aus dem Kanzlerwahlverein CDU/CSU ist unter Friedrich Merz eine Partei geworden, die der eigenen Niederlage beim Wachsen zusieht.

Noch härter trifft die Union der zweite Wert. Bei der politischen Kompetenz liegt die AfD inzwischen ebenfalls vor CDU und CSU. 15 Prozent trauen ihr am ehesten zu, die Probleme des Landes zu lösen, der Union nur noch 13 Prozent. Für eine Partei, die jahrzehntelang vom Versprechen lebte, Ordnung, Stabilität und Regierungsfähigkeit zu verkörpern, ist das der Verlust ihres letzten politischen Besitzstandes. Nun ja, aber auch kein Wunder. Das letzte Tafelsilber ist ausverkauft – und die Schwiegermutter will kein Mensch.

Friedrich Merz steht im Zentrum dieser Entwicklung. Nur noch 14 Prozent der Bürger sind mit seiner Arbeit zufrieden (leben diese Personen wirklich im gleichen Land?), 85 Prozent unzufrieden. Selbst in den eigenen Reihen ist die Lage gekippt: 57 Prozent der Unionsanhänger sind mit dem Kanzler nicht zufrieden. Ein CDU-Kanzler, den die Mehrheit der eigenen Wähler ablehnt, ist als Regierungschef keinen Tag länger haltbar. Er ist ein politischer Haftungsfall.

Nun kommt noch das neue INSA-Politikerranking für Bild hinzu. Alice Weidel springt dort von Rang acht auf Rang vier, erreicht 4,0 Punkte und zieht an Markus Söder vorbei. Vor ihr liegen nur noch Boris Pistorius, Cem Özdemir und Hendrik Wüst. Merz dagegen bleibt mit 2,7 Punkten auf dem letzten Platz des Rankings, noch hinter Jens Spahn. Die Union verliert also nicht nur gegen die AfD als Partei. Ihre Führungsfigur verliert auch im direkten Bild der handelnden Personen.

Man muss diese Werte präzise lesen: Im ZDF-Politbarometer steht Weidel weiter am Ende der Top Ten, das Bild ist also nicht bei jedem Institut gleich. Aber gerade deshalb ist das INSA-Ranking politisch so katastrophal für die Union. Es zeigt, dass die AfD nicht mehr nur als Protestadresse wirkt. Ihre Vorsitzende wird in einem vielbeachteten Ranking plötzlich vor dem CSU-Chef und vor fast der gesamten Unionsspitze einsortiert. Merz bleibt dort Schlusslicht. Das ist für die CDU kein Warnsignal mehr, das ist ein Befund.

Die Forsa-Zahlen stehen ohnehin nicht allein. INSA sah die AfD zuletzt bei 29 Prozent und die Union bei 22 Prozent. Die SPD kam nur noch auf 12 Prozent, FDP und BSW lagen bei jeweils 3 Prozent. Schwarz-Rot kommt zusammen gerade noch auf 34 Prozent. Das ist keine Mehrheit im Land, das ist die Fortsetzung einer Regierung gegen die Stimmung im Land.

Auch der ARD-Deutschlandtrend meldete Anfang Mai erstmals die AfD vor der Union: 27 Prozent für die AfD, 24 Prozent für CDU/CSU, 12 Prozent für die SPD. Zugleich waren nur 13 Prozent mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden. In der Geschichte des Deutschlandtrends seit 1997 wurde nach dem ersten Amtsjahr keine Bundesregierung so schlecht bewertet wie diese schwarz-rote Regierung.

Dazu kommt die Stimmung im Land. 84 Prozent der Befragten sorgten sich laut INSA um Deutschland, 64 Prozent trauten keiner denkbaren Koalition zu, die Probleme zu lösen. Falls die angekündigten Reformen scheitern, wollten 67 Prozent Merz als Kanzler ausgetauscht sehen, darunter 46 Prozent der Unionswähler. Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Urteil.

Die CDU kann sich nicht länger hinter der alten Formel verstecken, Umfragen seien keine Wahlen. Richtig. Aber Umfragen messen politische Erschöpfung. Und sie zeigen seit Wochen immer in dieselbe Richtung: Die AfD steigt, die Union verliert, die SPD bleibt im Keller, Merz wird zur Belastung. Wer daraus nur ableitet, man müsse die eigene Botschaft besser erklären, will die erklärte Botschaft der Bürger nicht verstehen. Die Zeichen stehen hier nicht auf Unzufriedenheit, sondern nunmehr auf „Hau ab!“

Merz ist auf ganzer Linie gescheitert. Er versprach einen Kurswechsel und lieferte Schwarz-Rot, statt versprochener Entlastungen gibt es immer neue Zumutungen. Während er den Steuerzahlern seine Friseurkosten aufbürdet, redet er davon, dass die Deutschen mehr arbeiten sollen. Ihr da in der Galeere: rudert schneller, der Chef will Wasserski fahren!

Er versprach bürgerliche Politik und bindet seine Partei an eine SPD, die selbst nur noch von der Erinnerung an frühere Macht lebt. Für die CDU wird die Frage damit brutal einfach: Will sie Friedrich Merz retten oder sich selbst? Beides zusammen geht immer weniger. Eine Partei, die mit 22 Prozent hinter der AfD liegt, deren Kanzler im eigenen Lager keine Mehrheit mehr überzeugt und deren Koalition von fast der Hälfte der Bürger vorzeitig beendet werden soll, kann nicht so tun, als sei alles nur eine raue Phase. Laut INSA wünschten sich 49 Prozent ein vorzeitiges Ende von Schwarz-Rot vor 2029, nur 32 Prozent wollten diese Koalition weiterregieren sehen.

Die Union hat Merz lange als letzten Ausweg verkauft. Jetzt wirkt er wie die Endstation eines jahrzehntelangen Betrugs der Partei am Wähler. Die Partei wollte nach Merkel wieder konservativ klingen, ohne entsprechend zu handeln. Sie pflegt die Brandmauer, wundert sich über den Aufstieg der AfD (die Fritze Merz halbieren wollte) und lässt sich zugleich von der SPD in eine Politik treiben, für die sie nie gewählt wurde. Das Ergebnis hat sie nun in Prozentzahlen vorliegen.

Merz wird die CDU nicht aus diesem Loch führen. Er ist Teil des Lochs. Jede weitere Woche mit ihm an der Spitze nährt die Bestätigung, dass diese Partei nur noch Angst vor der eigenen Lage hat. Angst vor der Wahrheit, dass ihr Kurs die AfD nicht schwächt, sondern stärker macht. Angst vor der Einsicht, dass Wähler sich nicht endlos beschimpfen, belehren und ignorieren lassen.

Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Friedrich Merz beschädigt ist. Die Frage lautet, wann die CDU ihn über Bord wirft. Vermutlich ist sie dazu gar nicht mehr in der Lage. Als Teil des „UnsereDemokratie“-Kartells ist sie vermutlich nur noch dazu fähig, den Willen der Wähler so lange wie möglich zu ignorieren, einen bevorstehenden Machtwechsel möglichst lange hinauszuzögern und so dreckig wie möglich zu gestalten. Dieser CDU wird am Ende so niemand eine Träne nachweinen.

Eine Regierung, die nach einem Jahr so tief im Misstrauen steckt, hat kein moralisches Recht, sich bis 2029 durchzuschleppen. Wenn Merz fällt, darf nicht nur der nächste Name aus dem Apparat nachrücken. Dann müssen Neuwahlen her.

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19. Mai 2026

Nolans „Odyssee“ und die woke Inkonsistenz

Homer wird zum Drama der Diversität – und Griechenland zahlt auch noch dafür

Von
Matthias Nikolaidis

Nicht enden will der Online-Furor über Christopher Nolans „The Odyssey“ – einen Film, den in seiner Gänze noch keiner gesehen hat. Aber die Elemente, die bisher zum Vorschein gekommen sind, zeichnen eine Route vor, die eindeutig ist. Nolans hauptsächliche Inspiration für den Film soll die neue, feministische Übersetzung der Odyssee von Emily Wilson sein, die das homerische Epos in englische Pentameter verwandelt hat und den Protagonisten für einen „komplizierten Mann“ hält.

Zu dieser eher exzentrischen Perspektive auf das Epos kamen aber Nolans Besetzungsflausen hinzu. Ende 2025 stand fest, dass neben Matt Damon und Charlize Theron auch Zendaya und Lupita Nyong’o zum Cast gehören sollten – also Darstellerinnen, deren Phänotyp nicht allzu viel mit dem Bild der alten Griechen zu tun hat. Regte es jemanden auf? Ja, aber das blieb zunächst auf die finsteren Kanäle von X beschränkt und dringt erst jetzt langsam in den allgemeinen Blick vor.

Das eigentlich Kuriose an der Sache ist, dass man uns jahrelang erzählt hat, dass weiße Europäer oder Amerikaner nicht einmal die Kleidung oder den Frisierstil anderer Ethnien übernehmen dürfen. Zum Beispiel gibt es in den entsprechenden Kreisen Diskussionen darüber, ob es erlaubt ist, als Weißer Rastalocken zu tragen, oder ob man dadurch das Recht der Jamaikaner an ihrer indigenen, ursprünglichen Kultur verletzt. Ähnliches gilt für Indianerkostüme auf deutschen Faschingsfeiern, die out sind, wo Grüne so etwas zu sagen haben.

Darüber hinaus gibt es in Hollywood immer wieder die unreflektierte Auffassung, dass man eine bestimmte Rolle in einem sehr engen Sinne „typecasten“ muss – und das soll auch und vor allem die ethnische Herkunft betreffen. Offenbar wäre es niemandem eingefallen, etwa einen Martin Luther King von einem Weißen spielen zu lassen. Denn man kann sagen, dass die Hautfarbe Kings sehr viel mit seiner Geschichte zu tun hat.

Typgerechte Besetzung – das war offenbar mal

Aber als die israelische Schauspielerin Gal Gadot für die Titelfigur in Cleopatra: Rise of a Queen im Gespräch war, da hieß es allen Ernstes, sie sei „nicht schwarz“ genug dafür. Dabei war die historische Kleopatra makedonischer Herkunft und auch die Ägypter jener Zeit keineswegs schwarz. Trotzdem war die Rede vom „whitewashing“ der Rolle, etwa bei BBC Arabic. Seit 2020 dauert diese Diskussion, vielleicht kommt der Film irgendwann in die Kinos.

Daneben freute sich der Bundesverband Lambda 2019 darüber, dass immer mehr „Trans*-Personen“ in Serien und Filmen vorkommen. Nur ein Wermutstropfen blieb für den LGBT-Verband: „… in bekannten Filmbeispielen wie ‚The Danish Girl‘, ‚Alle Farben des Lebens‘ oder ‚Dallas Buyers Club‘ spielen cis-Darstellende die vorkommenden Trans*-Charaktere.“ Das fand man ungerecht, vor allem aus einem Grund: „Es geht um Kontrolle der Erzählweisen, Empowerment der Trans*-Community, um Macht über die eigenen Geschichten und um Botschaften an die Zuschauenden, cis wie trans*.“

Darum geht es also, und das in allen Fällen: um die Macht über Besetzungen, Macht über Erzählungen, um Pfründe für die eigene Gruppe, egal ob es sich um nun Araber handelt oder um Trans-Personen.

Auf einmal ist es andersrum

Aber in Nolans „Odyssee“ läuft die Sache auf einmal andersherum. Hier wurden nicht mehr die Rollen von Schwarzen oder Trans-Personen an ebensolche Schauspieler vergeben, sondern die zweifellos weiße Figur Helena wurde zur Tiefschwarzen gemacht, ein männlicher Heros zum Transmann mit abgenommenen Brüsten. Es wird also nicht mehr entsprechend der Figur besetzt, sondern im Gegensatz zu ihr. Das zeigt: Es war nie etwas anderes gemeint, es ging immer nur um die Ausweitung der eigenen Einflusszone, um „Macht“ und „Botschaft“ und Pfründe.

Und so sprechen nun die Kritiker Nolans vom „race-bending“ oder „race-swapping“. Die identitätspolitische Diskussion ist einen Schritt weiter und beißt sich sozusagen in den Schwanz. Es geht jetzt um die Aneignung der westlichen Kultur durch andere, aber auch um die geistige Aufoktroyierung einer Fassung der neo-westlichen Gesellschaft, die nicht mehr homogen sein soll. Und wer wollte das bestreiten, aber es hat mit der Odyssee nichts zu tun.

Nichts wäre ja gegen Dramen einzuwenden, in denen auch Menschen von außerhalb Europas eine angemessene Rolle spielen. Aber warum sollte die britische Königin Charlotte, übrigens eine geborene Herzogin zu Mecklenburg, von der farbigen Schauspielerin Golda Rosheuvel gespielt werden in einer Netflix-Serie, flankiert von schwarzen Hofdamen? Das kann nur an Problemen in unserer Gegenwart liegen, nur werden die nicht weniger durch solche Filme und Serien. Am Ende behaupten einige eben auch, dass die Königin wirklich ein wenig schwarz gewesen sei. So endet es dann: Das Bewusstsein soll das Sein bestimmen.

Griechenland zahlt für Woke-Version der Odyssee

15 Tage durfte Nolans Team in Griechenland drehen: auf der Peloponnes, rund um das ehrwürdige Pylos, wo ja auch der für die Odyssee wichtige Achäerfürst Nestor seinen Sitz hatte, daneben in der antiken Festung Akrokorinth. Aber an einer Stelle hat sich der Griechenland-Trip sicher nicht niedergeschlagen – in der Besetzung von Nolans Film.

Und hier wird es tatsächlich noch einmal eng. Denn auch in Griechenland ist man empört. Der griechische Staat hat der Produktionsfirma für die Dreharbeiten eine Erstattung eines Großteils der Kosten zugestanden. Just am vergangenen Mittwoch erging die Entscheidung, dass Nolan Anspruch auf mehrere Millionen Euro Staatszuschuss hat, wovon Teile laut der Transparenzbehörde auch schon ausgezahlt wurden. Darauf wies zuerst der griechische Fernsehsender Star hin. Und so haben auch die Griechen einen Grund sich zu erregen. Denn warum sollten sie aus ihrer Staatskasse ein Machtwerk mitfinanzieren, das nicht die literarische Qualität der Odyssee in den Mittelpunkt stellt, sondern die absurden Ideen einer abgehobenen Hollywood-Klasse über Rasse und Geschlecht?

Laut Elon Musk uriniert Nolan mit seiner Besetzung „auf Homers Grab“ und beleidigt so die Griechen insgesamt in grober Weise. In der Tat gibt es die Vermutung, dass der Regisseur die wenig Homer-gerechte Besetzung mit einer Kenianerin, einer farbigen Schauspielerin, einem anti-trumpistischen Latino und einem „Transmann“ nur deshalb vornahm, weil er so seinen Anspruch auf einen Oscar aufrechterhalten kann. Die Woke-Presse erregt sich darüber, dass andere diesen Verdacht haben. Aber es ist keine Verschwörungstheorie, sondern die offizielle Politik der Academy Awards seit 2024.

Nur eine Ethnie steht nicht unter dem Schutz der Academy

Und wenn Variety sich über die Kritiker der „diversen Besetzung“ von Nolans Film lustigmacht, dann muss man den Kollegen sagen: Die Kritiker haben recht – sogar nach den früheren Kriterien der Woken, die jetzt nicht mehr gelten sollen. Aber auch das haben die neuen Hollywood-Oscar-Regeln verändert: Die weiße Ethnie ist nun weniger wert als alle anderen, denn nur sie genießt nicht den besonderen Schutz der Academy. Es ist also gut, jede weiße Rolle, bei der das möglich erscheint, mit einer anderen Ethnie zu besetzen. Nur umgekehrt sollte das natürlich nicht passieren, denn das ginge gegen die Schutzrechte der andern Ethnien.

Daneben könnten die Nolan-Kritiker noch in einem weiteren Punkt richtig liegen: Wokisierte Filme haben es in letzter Zeit äußerst schwergehabt in den Kinos und überhaupt am Markt. Die Beispiele reichen von „Schneewittchen“ mit der präpotenten Rachel Zegler bis hin zu Film-Sequels wie „Charlie’s Angels“ (2019) oder „The Marvels“ (2023) mit ihren feministischen Untertönen.

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19. Mai 2026

Tichys Einblick Magazin 06-2026

EU-Steuerzahlerbund: „Das ist der Startschuss für das Ende der EU“

Von
Redaktion

Brüssel. Die EU-Kommission unter ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen stellt nach Meinung des Präsidenten des Europäischen Steuerzahlerbundes, Michael Jäger, mit der Ausweitung eigener Einnahmen über Steuern und Abgaben und der Aufnahme eigener Schulden die Machtfrage. Stimme die Politik dieser weiteren Zentralisierung zu, sei das der Startschuss für das Ende der EU, sagt Steuerzahlerbund-Präsident Jäger im Gespräch mit der Juni-Ausgabe des Magazins Tichys Einblick. „Die EU ist als Verbund souveräner Staaten gegründet worden, nicht als Steuer- und Schuldenstaat mit Eigenleben. Wenn Brüssel immer neue Einnahmequellen, neue Schulden und neue Zuständigkeiten beansprucht, dann geht es nicht mehr allein um den EU-Haushalt, sondern es geht um die Frage: Wer hat die Macht?“, kritisiert Jäger.

„Aus EU-Koordinierung wird schleichend Zentralisierung. Jetzt kann man den Zug noch stoppen“, appelliert Jäger an die Mitgliedsländer. „Wenn man aber die EU-Eigenmittel- und die EU-Schuldenermächtigungsideen der EU-Kommission durchgehen lässt, dann ist es vorbei. Meines Erachtens würde damit letztendlich sogar der Startschuss für das Ende der EU eingeläutet. Denn die Vorhaben – EU-Steuern sowie Vergemeinschaftung von Schulden, und Brüssel verteilt dann, wie es will – können und dürfen die Nationalstaaten im Eigeninteresse nicht mitmachen.“
Deren Einfluss auf die EU werde immer geringer. „Je mehr echte EU-Eigenmittel kommen, desto schwächer werden die nationalen Parlamente. Genau dort liegt für mich das demokratische Defizit“, erklärt Jäger. „Steuerpolitik braucht unmittelbare demokratische Legitimation, und die liegt vor allem in den Mitgliedstaaten. Wer Steuerkompetenz nach Brüssel verlagert, verlagert auch die Kontrolle weg vom Wähler.“ Die EU werde nicht durch „mehr Geld, mehr Regeln, mehr Bürokratie, mehr Umverteilung“ gestärkt, sondern „durch mehr Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und bessere Rahmenbedingungen“.

Das gesamte Interview in Tichys Einblick 06-2026 >>>

19. Mai 2026

Ex-Generäle: falsches Signal

EU-Orden für Merkel und Selenskyj

Von
Richard Schmitt

Zusammen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dem früheren polnischen Präsidenten Lech Wałęsa erhält sie diesen Orden des EU-Parlaments für ihren „außergewöhnlichen Einsatz für europäische Werte, Stabilität und Demokratie“. Merkel soll für ihre „langjährige Rolle als Krisenmanagerin Europas“ und Selenskyj für seinen „unermüdlichen Kampf für die Souveränität der Ukraine“ geehrt werden.

Wenige Stunden vor dieser Würdigung meldete sich Merkel in einem Interview im WDR zu Wort und kritisierte die aktuelle europäische Politik gegenüber Russland: „Die militärische Unterstützung, die wir bisher geleistet haben, ist absolut richtig. Ich finde es auch richtig, dass wir darüber hinaus viel mehr tun, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen. Was ich bedauere, ist, dass Europa meines Erachtens sein diplomatisches Potenzial nicht ausreichend nutzt.“

Militärische Stärke – und Diplomatie

Merkel betonte, Diplomatie sei neben militärischer Stärke unverzichtbar – auch und gerade im Umgang mit Russland. Sie erinnerte daran, dass sie bereits bei ihrem letzten Europäischen Rat im Oktober 2021, nur vier Monate vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine, ein neues diplomatisches Format zwischen EU und Russland vorgeschlagen hatte. Dieses sei jedoch am Widerstand einiger Mitgliedstaaten, insbesondere aus Osteuropa, gescheitert. „Man muss weiter daran arbeiten, bis man eine gemeinsame Position erreicht“, mahnte sie. „Diplomatie war immer die andere Seite der Medaille – auch im Kalten Krieg.“

Wer traut wem?
Die Ukraine im Korruptionsskandal fordert noch mehr Geld für 20 Millionen Drohnen

Die ehemalige Kanzlerin wies Spekulationen zurück, selbst als Sonderbeauftragte für Friedensgespräche zur Verfügung zu stehen: „Ich bin nicht die richtige Person dafür, weil ich keine Macht mehr habe.“ Nur aktive Politiker mit realer Verhandlungsautorität könnten glaubwürdig mit dem Kreml sprechen. Gleichzeitig warnte sie davor, die diplomatischen Bemühungen allein den USA unter Präsident Donald Trump zu überlassen: „Es reicht nicht, wenn nur Trump Kontakt zu Russland hält.“

Die Aussagen Merkels fallen in eine Zeit wachsenden Drucks auf die EU, einen Sondergesandten für Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine zu ernennen. Sowohl Moskau als auch Kiew haben grundsätzliche Offenheit für einen solchen Vermittler signalisiert, während Trumps Team sich derzeit stärker auf andere Konflikte konzentriert. Der amtierende deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte, eine einheitliche EU-Vertretung sei „derzeit nicht geplant“, Gespräche dazu aber auf europäischer Ebene sowie im kleineren Format mit Frankreich und Großbritannien liefen. Merz warnte vor falschen Hoffnungen: „Vor allem hoffen wir, dass wir die Bereitschaft Moskaus stärken können, an den Verhandlungstisch zu kommen.“

Merkels Position ist nicht neu: In früheren Äußerungen wie ihrer Buchvorstellung „Freiheit“ hatte sie ihre Russland-Politik verteidigt und betont, ein Dialog bleibe notwendig, um den Krieg zu beenden. Kritiker aus Polen und den Baltischen Staaten werfen ihr vor, zu naiv gegenüber Putin gewesen zu sein und die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges teilweise falsch zu verorten. Dennoch unterstreicht die Ex-Kanzlerin beharrlich: Ohne ernsthafte diplomatische Anstrengungen neben militärischer Unterstützung werde es keinen Frieden geben.

Ex-Generäle zerpflückten Merkels Umgang mit Putin und erklärten den EU-Orden als „falsches Signal“.

Merkels Mahnung passt in die große Debatte über die strategische Autonomie Europas: Angesichts eines möglichen US-Rückzugs aus der Ukraine-Unterstützung fordert sie mehr Eigenverantwortung. Die heutige Ehrung Merkels mit einem EU-Orden würdigt ihre historische Rolle, erinnert aber auch an die ungelösten Probleme ihrer Amtszeit – an die Energieabhängigkeit von Russland und natürlich an die seit 2015 ungebrochene Massenzuwanderung mit all ihren dramatischen Folgen.

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19. Mai 2026

Nationaler Politiker-Notstand

Mit einem „internationalen Gesundheitsnotstand“ lässt sich der Klimanotstand nicht ersetzen

Von
Fritz Goergen

Wo die Propaganda-Wirkung des Klimanotstands nachlässt, wollen sie sich gleich mit einem „internationalen Gesundheitsnotstand“ die Ermächtigung für autoritäre Demokratie holen. Sie merken gar nicht, wie sie damit ihren eigenen „Politiker-Notstand“ ausrufen. Bei den Umfragezahlen von sechs Instituten wundert das ebenso wenig wie bei allen anderen Nachrichten aus einem Land im politisch verursachten Abstieg.

Im September sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, Kommunalwahlen in Niedersachsen. Anzeichen für bessere als schlechte Ergebnisse der Union und SPD sind nicht in Sicht. Tatsächliche Reformen als Ergebnis des Fahrplanes im Koalitionsstreit stellt sich wohl niemand mehr vor. Die Brandmauerparteien versuchen nur noch, ihre Posten so lange wie möglich über die Runden zu retten. Die Einheitsmeinungsmedien sind dabei, auch sie fürchten das danach. Eine bleierne Lähmung liegt über dem Land und Europa. Dort draußen sind große Veränderungen unterwegs, hier Friedhofsruhe mit kreischender Begleitmusik wie eben beim ESC oder Lauterbach beim „internationalen Gesundheitsnotstand“, der dem von den Propheten selbst abgesagten Klimanotstand folgen soll.

Der sogenannte Expertenrat für Klimafragen hat eben den Regierungsstolz vom März dementiert, auf Kurs beim „Klimaziel 2030“ zu sein. Nach Vergleichsportal Verivox machen weiter steigende Energiekosten 68 Prozent der Befragten große Sorgen. Nur acht Prozent lässt das gelassen (Steuerfinanzierte). Die Energiekosten haben sich nach Verivox für viele spürbar verteuert. Seit Kriegsbeginn sind die Neukundenpreise für Gas um rund 20 Prozent gestiegen. Zahlten Neukunden vor Ausbruch des Krieges Mitte Februar noch rund 8,1 Cent pro Kilowattstunde, sind es aktuell 9,7 Cent/kWh. Die Heizölpreise stiegen im gleichen Zeitraum um 33 Prozent. Trotz Tankrabatt verteuerte sich der Dieselpreis um 13 Prozent, E10 kostet aktuell rund 10 Prozent mehr. 49 Prozent gehen davon aus, dass die Energiepreise auch nach einem Ende des Iran-Konflikts weiter steigen werden. 24 Prozent erwarten einen deutlichen Kostenanstieg, weitere 25 Prozent zumindest leicht steigende Preise. Auf sinkende Energiekosten setzt nur etwa ein Drittel der Befragten (32 Prozent). – Die vielen Bürger, die ihre Lebenshaltungskosten kaum noch stemmen können, wollen wissen, was die übersättigte politische Klasse tut, um ihnen die Zielerreichung am Monatsende zu erleichtern. Und nicht, ob der deutsche Beitrag zur Erderwärmung 0,015 oder 0,016 Grad Celsius bis 2100 beträgt. Für den sie mit Energiepreisen, Deindustrialisierung und Wohlstandsverlusten bezahlen müssen.

Deutschland war im ersten Quartal des Jahres Nettoexporteur von Strom. Von Januar bis März sind laut Bundesnetzagentur 17,9 Terawattstunden ausgeführt und 15,3 Terawattstunden eingeführt worden (dpa). Die „witzige“ Nachricht des Tages: Der mittägliche Überschussstrom, der für viel Geld ins Ausland verklappt werden muss, wird nun positiv als Exportstrom dargestellt. Um die Mittagszeit pumpen die PV-Anlagen so viel Strom in die Netze, dass dieser Strommüll nur abgenommen wird, wenn der deutsche Stromkunde noch ordentlich Geld dazugibt. Abends muss er dann teuer wieder zurückgekauft werden. Das ist dann häufig Atomstrom aus Frankreich. Es herrscht nationaler Politiknotstand.

Hierzulande wird die Kreditaufnahme teurer, da die Anleiherenditen weiter steigen, die langfristigen Renditen auf den höchsten Stand seit 2011.



China investiert wieder mehr in Europa und baut so viele Fabriken wie nie zuvor. „Greenfield-Investitionen“, bei denen keine Unternehmen aufgekauft, sondern neue Produktionsstätten errichtet werden, stiegen 2025 auf den Höchstwert von fast neun Milliarden Euro – eine Steigerung von 51 Prozent gegenüber 2024. Sagt eine neue Studie der China-Denkfabrik Merics und der Rhodium Group (HB). Vor allem im Automobilsektor bauen chinesische Unternehmen neue Fabriken in Europa. Die Summe der Investitionen betrug hier im vergangenen Jahr 7,6 Milliarden Euro, mehr als 90 Prozent davon konzentrierten sich auf die Lieferkette für Elektrofahrzeuge. Zugleich legen die chinesischen Exporte in die EU weiter zu. Das Ausmaß des Warenzustroms ist so groß, dass Ökonomen von einem neuen „China-Schock“ sprechen. – Volkswirtschaftlich handelt es sich um Mitnahmeeffekte Chinas, keinen Gewinn für Europa.

Außenkanzler Merz erfreute mit seiner Äußerung Alarabya in Qatar, er würde seinen Kindern derzeit davon abraten, in den Vereinigten Staaten zu leben oder zu studieren wegen des sich rasch verändernden sozialen Klimas und der begrenzten Möglichkeiten selbst für Hochqualifizierte. – Wie steht es damit in Deutschland, Herr Merz?

♦

Der Golfpoker geht weiter. President Donald Trump hat den geplanten Militärschlag gegen den Iran gestoppt. Der Emir von Katar, der Kronprinz von Saudi-Arabien und der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate hätten ihn gebeten, den Angriff zu verschieben, da „ernsthafte Verhandlungen“ im Gange seien. Die ihrer Meinung nach zu einem Abkommen führten, das für die USA, alle Länder im Nahen Osten und darüber hinaus „sehr akzeptabel“ sei. Zentraler Punkt des Abkommens sei keine Atomwaffen für den Iran. Aufgrund seines Respekts für die genannten Staatschefs, sagte Trump, habe er Kriegsminister Pete Hegseth, den Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Daniel Caine, sowie das US-Militär angewiesen, den geplanten Angriff nicht durchzuführen und sich gleichzeitig auf einen „umfassenden Angriff“ auf den Iran vorzubereiten, falls kein „akzeptables Abkommen“ erreicht werde.

China und America. Keinen Zweifel an der Strategie der Trump-Regierung lässt zu, was Marco Rubio gesagt hat: »China hat einen Plan. Es glaubt, die Vereinigten Staaten zu überholen und zur mächtigsten Nation der Welt zu werden. Und sie setzen diesen Plan um. „Ich mache ihnen keinen Vorwurf. Wäre ich die chinesische Regierung, hätte ich denselben Plan.“ China handelt rational im eigenen Interesse. Das Problem ist nicht der Plan, sondern wo er mit amerikanischen Interessen kollidiert. „Ihr Aufstieg darf nicht auf unsere Kosten gehen. Ihr Aufstieg darf nicht unser Abstieg sein.“ Das ist kein kurzfristiger Handelskonflikt. Sondern prägendes Merkmal der Beziehungen über lange Zeit. Für Investoren hat dies konkrete Folgen für ihre Portfolios. Eine anhaltende Rivalität zwischen den USA und China bedeutet anhaltenden Druck auf die Lieferketten durch China. Es bedeutet, Investitionen in Verteidigung und Halbleiter haben weiter nationale Priorität, Rückverlagerung der Produktion und Fertigung in Partnerländern zieht weiteres Kapital an. Unternehmen mit hoher Umsatzabhängigkeit von China tragen weiter geopolitische Risiken. Der Markt hat dies teilweise bereits eingepreist, aber noch nicht vollständig.«

18. Mai 2026

TE 06-2026

Rechtsprofessor: Staatliche Förderung von Meldestellen ist verfassungswidrig

Von
Redaktion

Augsburg. Die staatliche Förderung von Meldestellen, die zulässige politische Meinungsäußerungen im Internet verfolgen, ist nach Einschätzung des Augsburger Staatsrechtlers Prof. Josef Franz Lindner nicht zulässig. Der Staat beauftrage die NGOs mit Aufgaben, die ihm selbst verboten sind. „Der Staat flüchtet sich ins Privatrecht, was nach den verwaltungs- und verfassungsrechtlichen Grundsätzen unzulässig ist, und lässt Andere Dinge tun, die die ihm selbst so nicht ohne Weiteres erlaubt sind“, kritisiert Prof. Lindner im Gespräch mit der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Tichys Einblick. Es stelle sich die Frage, „inwieweit der Staat berechtigt ist, privat organisierte Meldestellen zu fördern, die dann das machen, was der Staat selbst gar nicht dürfte“, so Lindner. Für solche Meldestellen im staatlichen Auftrag brauche es eine gesetzliche Grundlage.

Rechtlich fragwürdig sei auch die Beauftragung der Bundesnetzagentur mit der Meinungsregulierung im Internet. Eigentlich sei es ihre Aufgabe, die Netze für Telekommunikation und das Bahnnetz und deren Zugang zu regulieren. „Natürlich ist das Internet auch ein Netz, aber die Kompetenzen der Bundesnetzagentur in dieser Hinsicht beziehen sich ja nicht auf die Netzregulierung – zum Beispiel die Entgelte –, sondern auf Inhalte.“ Die an die Bundesnetzagentur angedockte Behörde Digital Services Coordinator (DSC) sei „zu einer inhaltsbezogenen Kompetenzbehörde ausgebaut worden: Sie lässt die „Trusted Flagger“ zu, die die Aufgabe haben, das Netz nach illegalen Posts zu durchforsten und solche an die Plattformen zu melden“, erklärt der Jurist, der 2025 mit anderen die NGO Free Speech Aid gegründet hat.
Die Bundesnetzagentur habe nun Einfluss darauf, was im Internet „als sagbar, was als legal und was als illegal gilt. Sie macht Vorgaben, die zwar nicht als Weisungen gegenüber den „Trusted Flaggern“ zu verstehen sind, aber als Orientierungsrahmen.“ Im Leitfaden der Bundesnetzagentur würden Hass, Hetze und Hassrede als Beispiele unzulässiger Meinungsäußerungen genannt. „Das sind aber per se noch keine illegalen Äußerungen“, so Prof. Lindner. „Dass zu einem großen Teil auch legale Meinungsäußerungen in den Fokus der „Trusted Flagger“ geraten, und zwar aufgrund dieses Orientierungsrahmens, das ist eine Entwicklung, die man sehr genau beobachten muss.“

Das gesamte Interview in Tichys Einblick 06-2026 >>>

18. Mai 2026

Vegan und Vegetarisch immer weniger gefragt

Fleischersatz-Produktion: Von wenig zu noch weniger

Von
Thomas Punzmann

Wenn man Soja, Weizengluten, Erbsenprotein und Lupinenmehl mit Wasser, Ölen und Bindemitteln mischt, anschließend diesem Vorprodukt mit Stärke und Haferfasern Form gibt, dann mit Rote-Bete-Saft, Karamell, Salz, Hefeextrakt und Aromen auch noch Geschmack hinzufügt, produziert man, etwa in einem kontinuierlichen Hochtemperatur-Kurzzeitverfahren (HTST), bei dem Rohstoffe wie Stärke oder Proteine unter Druck, Wärme und Scherung plastifiziert, gekocht und durch Düsen geformt werden, vegetarische oder sogar vegane Nahrungsmittel.

Wie man intuitiv versteht, wird ein so hergestelltes Lebensmittel nicht einfach zu verkaufen sein. Um es dennoch verkaufen zu können, benutzte man den Begriff, den man eigentlich durch dieses Produkt ersetzen will. Man nennt es Fleisch. Da man aber offensichtlich befürchtete, eventuell der Täuschung bezichtigt zu werden, fügte man noch das Wort Ersatz an. Fleischersatz, das klang dann schon viel besser. Und, wenn man es schon nannte, ahmte man auch noch gleich das Aussehen nach. Und so gibt es Fleischersatz in Form von Würsten, Schnitzeln und Koteletts.

Neu ist diese semantische Dehnung der Begriffe nicht. Schon früher gab es den Kaffeeersatz Muckefuck, der sowohl geschmacklich als auch farblich – so wie eben der Fleischersatz – Erinnerung an das originale Vorbild wecken soll. Dieser Kaffeeersatz kann aus unterschiedlichen Lebensmitteln gewonnen werden. Löwenzahn, Dattelkernen, Feigen und Spargel bis hin zu Maiskörnern, Kartoffeln und Eicheln. Meistens werden jedoch als Hauptbestandteile Getreidesorten wie Dinkel, Roggen und Gerste verwendet. Hinzu kommt noch die Pflanze Zichorie. Die Wurzeln der Zichorie verleihen dem Getränk eine leicht bittere Note. Dadurch erinnert der Geschmack des Muckefucks ganz besonders an den eines echten Kaffees.

Dieses Modell der semantischen Dehnung scheint nun aber seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Erstmals seit Beginn der Erhebung schrumpft die Produktion von Fleischersatzprodukten in Deutschland. Nach Jahren politischer, medialer und moralischer Dauerbewerbung sank die Produktion 2025 um 1,2 Prozent auf 124.900 Tonnen. Der Produktionswert ging sogar noch stärker zurück. Um 2,2 Prozent auf 632,6 Millionen Euro.

Dabei galt die Branche lange als Zukunftsmarkt. Seit 2019 hatte sich die Produktionsmenge mehr als verdoppelt – von 60.400 auf zuletzt knapp 125.000 Tonnen. Doch trotz aller Wachstumszahlen bleibt der Markt gemessen an der klassischen Fleischwirtschaft jedoch eine Randerscheinung. Während Fleischersatzprodukte auf einen Produktionswert von rund 632 Millionen Euro kommen, erzeugte die deutsche Fleischindustrie Waren im Wert von 45,2 Milliarden Euro. Mehr als das 70-Fache.

Parallel zum Rückgang des Fleischersatzes steigt der Fleischkonsum wieder an. Nach Jahren rückläufiger Zahlen lag der Pro-Kopf-Verzehr 2025 bei 54,9 Kilogramm, nach 52,9 Kilogramm im Jahr 2023 und 53,5 Kilogramm 2024. Besonders Geflügel wird wieder stärker nachgefragt.

Die Zahlen sprechen damit eine deutliche Sprache: Der politisch und gesellschaftlich forcierte Trend zur Fleischvermeidung verliert an Zugkraft. Trotz massiver Aufmerksamkeit und jahrelanger Wachstumsraten bleibt der Markt für Tofuwurst, Veggie-Schnitzel und ähnliche Produkte eine Nische.

Auch auf europäischer Ebene bleibt das Thema ideologisch aufgeladen. In der EU wurde zuletzt über Verbote von Begriffen wie „Veggie-Burger“ oder „Tofu-Wurst“ gestritten. Nach einem Kompromiss dürfen solche Bezeichnungen zwar weiterhin verwendet werden. Andere Begriffe mit direktem Bezug auf Fleischstücke, etwa „Veggie-Hühnchen“ oder „Tofu-Rippchen“, sollen künftig jedoch nicht mehr erlaubt sein. Das EU-Parlament und die Mitgliedstaaten müssen dem Kompromiss aber noch formell zustimmen.

Der Versuch, traditionelle Ernährung semantisch umzudeuten, stößt zunehmend an praktische und damit auch an wirtschaftliche Grenzen. Die Firma Rügenwalder hat da schon ihre eigenen Erfahrungen gemacht.

Vom Fleischhändler zum Soja-Mogul
„Go woke, go broke“? Wie die Rügenwalder Mühle auf harte Zeiten zusteuert

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18. Mai 2026

Klage abgewiesen

Tichys Einblick gewinnt gegen Bundesverband Trans*

Von
Redaktion

„Ja, meine Position ist, dass der Mord an unverantwortlich reichen Menschen nicht nur ethisch vertretbar, sondern nachgerade geboten ist“, ließ Tuuli Reiss im Juni 2025 auf Blue Sky verlauten. Folter sei in diesen Fällen hingegen „ethisch nicht notwendig“, aber „vollkommen in Ordnung.“

Gewaltfantasien im Netz sind keine Seltenheit. Pikant wird es allerdings, wenn die Autoren solcher Zeilen Funktionen innehaben oder innehatten, in denen sie explizit Gewaltprävention betreiben sollen.

Wie eben Tuuli Reiss, ehemals „Fachreferent*in für Gesundheitspolitik und Gewaltschutz“ beim Bundesverband Trans* (BVT). So wurde Reiss auf der Homepage des Verbands geführt, so auch im Artikel benannt, in dem Tichys Einblick die sozialmediale Entgleisung aufgriff und kommentierte.

Der Verband ließ Tichys Einblick dennoch umgehend wegen falscher Tatsachenbehauptungen abmahnen. Denn laut eigenen Angaben war Tuuli Reiss zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Monaten nicht mehr in dieser Funktion für den BVT tätig. Allerdings: Diese falschen Tatsachen waren über die eigene Homepage des BVT abrufbar und wurden gemäß der selbst bereitgestellten Information verbreitet – nicht nur von TE. Noch im April 2026 übrigens war die entsprechende Information online verfügbar.

Freilich hätte in einem solchen Fall die einfache Bitte um Korrektur angesichts der veränderten Sachlage genügt. Aber der Bundesverband Trans* wollte es wissen und verlangte von TE die Übernahme der Abmahnkosten.

Diesem Ansinnen schob das Landgericht Frankfurt nun einen Riegel vor.

Aggressiver Aktivismus
Transaktivist hält Mord an "unverantwortlich reichen Menschen" für "ethisch vertretbar" und "geboten"
Das Gericht folgte der Argumentation von Tichys Einblick, dass kein Unterlassungsanspruch vorliege, wies die Klage des BVT ab und bezeichnet bereits die Abmahnung als „unberechtigt“. Dazu erklärt das Gericht in der Urteilsbegründung: „Eine nachvollziehbare Erklärung, warum der Kläger auch im Äußerungszeitpunkt auf seiner Homepage Dr. Reiss als eigene Mitarbeitende ausweist, aber meint, Dritte dürften sie dennoch nicht als seine Mitarbeitende bezeichnen, konnte der Kläger bis zuletzt – auch in der mündlichen Verhandlung – nicht geben.“

Der Bundesverband Trans* betont in einer Pressemitteilung bezüglich der abgewiesenen Klage, dass es sich bei den Kommentaren von Reiss um die „privaten gewaltverherrlichenden Äußerungen eines ehemaligen Teammitglieds“ gehandelt habe und weist darauf hin, dass sich die Organisation „damals sofort und unmissverständlich von den Aussagen auf Social Media distanziert“ habe. Sie entsprächen „in keiner Weise“ der Haltung des Verbands.

Dass Gewaltbereitschaft und insbesondere gegen Frauen gerichtete Aggression in der transaktivistischen Szene nicht unüblich sind, belegen indes zahllose Aussagen von Transfrauen, die sich im Netz misogynen Gewaltfantasien hingeben. Die Aktivistin Mary Cate Delvey sammelt und dokumentiert diese Zeugnisse des in transsexuellen Kreisen gepflegten Frauenhasses:

Bleibt die Frage, warum der Bundesverband Trans* auf einer solch wackligen Grundlage klagt, die vom Gericht denn auch krachend verworfen wurde. Viele derartige aussichtslose Klagen entsprechen dem, was man in den USA als „SLAPP-Klage“ bezeichnet.

Sofafarben als Mediendebatte
Ein blaues Sofa macht uns Ärger und mächtige Feinde
SLAPP steht für „Strategic Lawsuit Against Public Participation“ (strategische Klage gegen öffentliche Beteiligung). Typische Merkmale einer solchen Klage sind, dass ein wirtschaftlich oder politisch mächtiger Kläger gegen einen Journalisten, Aktivisten, Wissenschaftler oder einfachen Bürger vorgeht. Die Streitwerte werden aufgepumpt, manchmal auch künstlich, das Verfahren wird über alle Instanzen und Jahre geführt – man kann es sich schließlich leisten, der Beklagte hingegen oft nicht.

Der Ausgang des Verfahrens ist egal, denn Ziel ist nicht, Recht zu erhalten. Es geht darum, unliebsame Stimmen zum Verstummen zu bringen, abzuschrecken und einzuschüchtern. Durch Kosten, Zeit und Risiko wird Druck aufgebaut, um den Beklagten zu zermürben. Auch TE wird immer wieder Ziel solcher Klagen.

Derartige Prozesse binden und vergeuden unnötig kostbare Ressourcen. Umso wichtiger, dass hier im Sinne der Presse- und Meinungsfreiheit entschieden wurde.

Danke, dass Sie uns dabei helfen, gegen Einschüchterungs- und Vernichtungsversuche wie diese zu bestehen!

18. Mai 2026

KI erobert die Welt anders als vermutet

Der Aufstand der Roboterautos

Von
Holger Douglas

Atlanta hat Zukunft erlebt. Sie kam nicht mit UFOS, nicht mit fliegenden Autos, nicht mit Sirenen und nicht mit autonomen Robotern. Sie kam als weißer elektrischer Jaguar I-PACE, ohne Fahrer, ohne Fahrgast, ohne erkennbaren Sinn. Und dann kam noch einer. Und noch einer. Und noch einer. Bis sich eine amerikanische Wohnstraße wie ein Wartezimmer der künstlichen Intelligenz anfühlte. Die Anwohner staunten.

Früher erkannte man technische Fehlentwicklungen daran, daß sie rauchten, knallten oder stehenblieben. Heute erkennt man sie daran, daß sie perfekt lautlos funktionieren nur eben am falschen Ort. In Atlanta drangen früh am Morgen zwischen sechs und sieben Uhr fünfzig leere autonome Waymo-Taxis in eine Sackgasse ein. Die Autos wollten offenbar niemanden abholen. Sie wollten auch nirgendwo hin. Sie waren einfach da. Wie eine Delegation aus dem Silicon Valley, die der Vorstadt mitteilen wollte: Ihr habt zwar Haustiere, Kinder und Schulbusse, aber wir haben ein Update. Oder vielleicht wollten sie auch nur mal sehen, wie es ist, ein Vorgarten-Ornament zu sein.

Die Bewohner versuchten, sich mit einem neonfarbenen Warnschild zu wehren. In der alten Welt wäre auf einem solchen Schild gestanden: „Langsam, Kinder!“ In der neuen Welt stoppte es die Waymos. Die Fahrzeuge standen jetzt herum und rechneten vermutlich: Hindernis erkannt. Schild gesehen, doch keine Kinder. Sackgasse erkannt. Rückwärtsfahren möglich. Acht Waymos sollen zeitweise festgehangen haben. Acht autonome Nobelautos in gemeinsamer Sinnkrise. Das ist der digitale Burnout im Kleinformat: Wenn der Prozessor glüht, aber die Reifen sich nicht drehen.

Früher fluchte der Fahrer, stieg aus, schimpfte, hupte und fuhr dann irgendwie weiter. Heute gibt es keinen Fahrer mehr, der flucht. Das Auto meditiert. Es blickt mit Lidar und Radar in die Welt und wartet auf Erleuchtung aus der Cloud. Der Mensch steht daneben und fragt: „Wer ist zuständig?“ Die Antwort lautet: niemand, jedenfalls niemand, der in Reichweite wäre. Der Wagen gehört einer Firma, die Software bestimmt über den Wagen, der Fahrgast existiert nicht, und die Verantwortung fährt gerade in einer anderen Sackgasse. Es ist die erste Form von Geisterverkehr, bei der die Geister eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen haben.

Das Taxiunternehmen Waymo, das in seiner Flotte über rund 3.800 autonome Fahrzeuge in den USA verfügt, betont, man nehme Rückmeldungen der Anwohner ernst und habe das Routing-Verhalten bereits korrigiert. Hier zeigte sich die erste Form des autonomen Bürokratismus: Nicht der Mensch muß zum Amt, sondern das Amt kommt als fahrerloses Auto in die Wohnstraße, dreht drei Runden und erklärt durch seine bloße Anwesenheit, daß der Vorgang leider nicht abgeschlossen werden konnte.

Man muß sich nur vorstellen, wie die Sache weitergeht, wenn erst sämtliche Fahrzeuge autonom sind. Morgens um sieben verweigert der Schulbus die Abfahrt, weil ein Lieferroboter mit einem Müllfahrzeug eine ethische Vorrangfrage ausficht. Die autonome Feuerwehr fährt zwar los, kehrt aber nach 400 Metern um, weil die Einsatzstelle laut Kartenmaterial noch nicht ausreichend validiert ist. Der selbstfahrende Leichenwagen interpretiert ein Schlagloch als Bestattungsort und hält eine kurze Trauerphase ab. Und der autonome Dienstwagen des Bürgermeisters kreist drei Stunden um das Rathaus, weil er in den Sitzungsunterlagen den Begriff „Kreisverkehr“ gefunden hat.

Ampeln werden dann nicht mehr rot, gelb oder grün zeigen, sondern „bitte warten, Software kalkuliert“. Parkplätze werden zu Sammelstellen verunsicherter Elektro-SUVs. Vor Kindergärten stehen nicht mehr Elterntaxis, sondern leere Robotaxis, die mit ernster Miene Kinder schützen wollen, indem sie ihnen den Weg versperren. Und wenn irgendwo ein Mensch ein Schild aufstellt, kommt sofort ein städtischer Hinweis: „Bitte keine analogen Gegenstände in algorithmisch sensiblen Zonen.“

Die große Angst vor der künstlichen Intelligenz war immer, daß sie eines Tages zu klug wird. Vielleicht ist die erste Gefahr banaler: Sie wird nicht böse, sondern pedantisch. Sie übernimmt nicht die Welt, sie blockiert nur die Einfahrt. „Ziel erreicht!“ Sie versklavt die Menschheit nicht, sie läßt sie warten, weil die Situation „nicht eindeutig“ ist. Das digitale Gehirn hat nicht vor, die Menschheit auszulöschen; es hat nur vergessen, sie in der Routing-Tabelle zu priorisieren.

Atlanta hat also keinen Maschinensturm erlebt. Eher digitale Eskapaden mit sehr teuren Autos. Aber das zeigt, was passiert, wenn Stadtverkehr nicht mehr aus Fahrern besteht, sondern aus Flottenlogik, Kartenmaterial, Optimierungszielen und Fernwartung. Die autonome Zukunft kommt nicht als Terminator. Sie kommt als leeres Taxi, das frühmorgens um sechs am Haus vorbeigleitet, noch einmal wendet, noch einmal wiederkommt und freundlich mitteilt: Die Route wurde neu berechnet.

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18. Mai 2026

Kanzlerkurs: Keine Strategie, kein Fahrplan

Bei Miosga: All you can schwafel mit Markus Söder

Von
Gastautor

Den Magen füllen, ohne dick zu werden – dafür kennt die Geschichte die verrücktesten Ideen. Früher schluckte man Baumwollbällchen, heute Flohsamen. Beides soll im Magen aufquellen und den Hunger killen. In der viktorianischen Zeit wurden sogar meterlange Bandwürmer im Darm gezüchtet und später mit Ködern (Fleischstückchen am Bindfaden) wieder herausgelockt. Werbespruch: „Eat! Eat! Eat! And always stay thin!“ („Iss! Iss! Iss! Und bleibe immer dünn). Viele Patienten infizierten sich, starben sogar.

Die Ohren füllen, ohne etwas zu sagen – dafür kennt die Welt Markus Söder. Ob die Rhetorik des bayerischen Ministerpräsidenten eher nach dem Baumwoll- oder Bandwurm-Prinzip funktioniert, erforschen wir an diesem Abend. Fest steht nur: 1. Es klingt nach viel. 2. Es enthält nichts konkret Verwertbares. 3. Für den Patienten Deutschland dürfte es nicht besonders gesund sein.

Mit seiner typischen Strategie aus Abschweifungen, Eigenlob (für sich und Bayern) und großen Tönen, ohne sich festzulegen, scharwenzelt Söder durch die Sendung. Im Einzelgespräch hat er mit Miosga leichtes Spiel; die gelernte Nachrichtensprecherin kann ihm wie gewohnt überhaupt nichts entgegensetzen. Als später eine Unternehmerin und ein Journalist die Runde erweitern, wird es zumindest zeitweise amüsant. Aber auch nicht informativer.

HAUSHALTSKRISE UND STEUERPOLITIK
Substanzbesteuerung: Finanzministerium will Sonderregeln bei GmbH-Investmentfonds abschaffen
Welche Reformen braucht Deutschland? Wie können die Wirtschaft gestärkt, die Menschen entlastet werden? Keiner in der Runde kommt auf die Idee, Stichworte wie „Staatsquote“ oder „Sparen“ zu nennen. Auch die unzähligen Milliarden für NGOs, für Entwicklungshilfe an China (!), für Solar- und Windkraftstrom, für Radwege in Peru und goldene Toiletten in der Ukraine kommen selbstverständlich nicht aufs Tapet. Es geht wie üblich um Umverteilung und Steuererhöhungen. Reformen seien „zwingend notwendig“, sagt Söder. Und zwar am besten alle auf einmal in einem Paket, denn „die Bevölkerung erwartet jetzt endlich einen tatsächlichen Ruck und einen Satz nach vorne.“

Söder versucht, die Regierung zu kritisieren, ohne sie zu kritisieren. Mit Phrasen wie „Wir sind zur Mitte der ersten Halbzeit. Da kann noch viel passieren“ nimmt er Merz & Co. in Schutz. „Zu sagen, die haben da ein Jahr rumgesessen und Däumchen gedreht, das wäre nicht angemessen.“

Hört sich an wie Baumwollbällchen.

Auf die anstehenden Landtagswahlen dürfe Merz aber keine Rücksicht nehmen, warnt Söder. „Es wird nicht besser, wenn man Dinge, die man tun muss, endlos verschiebt.“ Miosga lässt einspielen, wie der Kanzler der zweiten Wahl gerade von Gewerkschaftern ausgelacht und ausgebuht wurde. Söder: Bei den Reformen sei es ebenfalls „zwingend notwendig“, dass sich auch die Gewerkschaften einbringen. „Zwingend notwendig“ verwendet er in diesem Abend mindestens viermal. Es scheint seine neue Lieblingsfloskel zu sein. Eher kraftlos warnt er nebenbei vor der AfD: „Die wird von Russland unterstützt und quasi von Teilen der USA.“ Das sei absurd.

Stimmt, genau so klingt es. Noch ein Baumwollbällchen.

Von Miosga mit alten Aussagen konfrontiert, schnappt das Polit-Chamäleon ein. Dass er früher stets die Grünen dämonisierte und jetzt plötzlich nicht mehr, spielt für Söder keine Rolle: „Das war mit dem Thema Bundestagswahl erledigt.“ Mit Cem Özdemir werde es aber keine Freundschaft geben, denn „in der Politik gibt’s ja wenig Freunde, sondern nur interessierte Bekannte“. Und überhaupt: „Wir haben jetzt solche Probleme, dass es völlig egal ist wenn man sagt, was war vor einem oder zwei oder drei Jahren. Jetzt müss mer schauen, dass wir vorankommen und Deutschland aus der Krise führen, vor allem die Wirtschaft.“

Eine Phrase jagt die nächste. Ob es doch ein Bandwurm wird?

Wirtschaft und Stimmung stürzen ab
Deutschland und die große Depression
Aus der Wirtschaft sitzt jemand am Tisch. Mittelständlerin Melanie Baum (Baum Zerspanungstechnik) deren Energiekosten von 18.000 auf 80.000 Euro explodiert sind, will von Söder wissen, wann sie nun endlich mit einer Entlastung rechnen kann. Und schwupps, schon ist Söder die Vergangenheit grad wieder recht: „Wir hätten sie schneller gespürt, wenn wir nicht diese sch…limmen Zölle gehabt hätten.“ Baum stellt ihn: „Genau, aber ohne den Konjunktiv. Mal so ab jetzt betrachtet, wir gucken nach vorn. Haben Sie ja gerade auch gesagt“. Söder kneift die Lippen zusammen: „Na, in diesem Jahr“, presst er widerwillig heraus.

Es wird die so ziemlich einzige konkrete Aussage bleiben, die Söder an diesem Abend von sich gibt. Man merkt der Unternehmerin ihre Resignation an: Mit klarer Strategie und einem Fahrplan ist bei einem Söder nicht zu rechnen.

Gordon Repinksi gibt Söder Kontra. Weniger inhaltlich, dafür ist der Politico-Redakteur selbst zu sehr auf Mainstreamkurs, aber zumindest der gigantischen Sprechblase versucht er etwas Luft abzulassen. Am versierten Schwafler aus dem Bayernland beißt er sich jedoch die Zähne aus. Dafür, dass Repinski der Regierung ein „Systemversagen“ unterstellt, kassiert er von Söder erstmal einen Rüffel, verbunden mit allumfassender Kritik an den bösen Medien, „die den ganzen Tag nur versuchen, alles in Grund und Boden zu machen“, statt endlich mal „einen Beitrag zu leisten“.

Eine Mehrwertsteuer-Erhöhung sei „kein echt gutes Signal“, sagt Söder. Repinski gibt den Dolmetscher: „Das ist auf jeden Fall erstmal kein Ausschluss, um das mal in der Politikersprache zu übersetzen.“ Söder ist genervt: „Nee, ich hab mich da schon dagegen ausgesprochen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es kommt.“ Repinski: „Genau. Das ist kein Ausschluss.“ Söder verdreht die Augen.

Und wo wird nun gespart, wie sollen die Lücken im Haushalt geschlossen werden? „Herr Söder hat jetzt noch nichts Konkretes gesagt, wo man das wirklich einsammeln kann“, äzt Repinski. „Am Ende würde ich vermuten, irgendwas wird bei der Mehrwertsteuer passieren.“ Söder schiebt noch ein letztes Baumwollbällchen hinterher: „Damit, glaube ich, wird er nicht recht behalten.“

Immerhin, eine gute Nachricht hat der Abend: Söder sagt, er werde künftig nicht mehr jede Bratwurst und jeden Leberkäs’ auf Social Media posten. „Jeder weiß mittlerweile, was ich gern esse.“

Baumwolle wird es nicht sein. Die ist für die anderen.

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18. Mai 2026

Schulden und Angst machen

Dobrindts Aufbauplan: Bunker-App und 110.000 Feldbetten

Von
Richard Schmitt

„Was, wenn der Russe kommt?“ – diese uralte Frage stellt die „Bild“ nun in einem aktuellen Bericht, weil es eine neue Gefahr eines russischen Angriffs auf Europa geben soll. Es wird also von Invasionsplänen jener Nation gesprochen, die sich von 1989 bis 1994 freiwillig aus allen besetzten osteuropäischen Ländern hunderte Kilometer Richtung Osten zurückgezogen hat und seit 2022 immer nur einige Kilometer weit im Krieg gegen die Ukraine die Front Richtung Westen verschieben kann.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will trotzdem für den Ernstfall eines russischen Großangriffs vorsorgen und dafür viel Steuergeld ausgeben: Mit einem 10-Milliarden-Euro-Sonderprogramm soll der Zivilschutz bis 2029 aufgerüstet werden – neue Spezialfahrzeuge, 110.000 Feldbetten, medizinische Einheiten an insgesamt 50 Standorten und ein bundesweites Kataster von Bunkern, Tunneln und Tiefgaragen, das in die Warn-App NINA integriert werden soll.

U-Bahnstationen als Unterkünfte bei Nuklearkrieg?

Dobrindt sagte dazu der „Bild“-Zeitung: „Wir rüsten auf beim Bevölkerungsschutz.“ Ein neues „Kommando zivile Verteidigung“ soll dazu Militär und Zivilschutz vernetzen. Das Technische Hilfswerk (THW) erhält ein eigenes Bauprogramm. Deutschland, das nach dem Kalten Krieg seine Bunker größtenteils aufgegeben hatte und nur noch wenige hundert öffentliche Schutzräume für 84 Millionen Einwohner besaß, startet damit ein milliardenteures Programm, bei dem künftig Tiefgaragen und U-Bahn-Stationen als Notunterkünfte dienen.

Doch: Die Zahl von 110.000 Feldbetten klingt beeindruckend, aber für einen echten Verteidigungsfall mit 84 Millionen Betroffenen würde dies natürlich kaum ausreichen. Und die Integration von Tiefgaragen und U-Bahnstationen in die App NINA ist praktisch, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass moderne Kriege hybride Bedrohungen (wie Cyberangriffe oder Desinformation) mit konventionellen kombinieren. Statt Milliarden in den Bau von Bunkern zu stecken, wären Investitionen in Resilienz – also in eine bessere digitale Infrastruktur, in eine dezentrale Energieversorgung, in eine Notfall-Information für die Bevölkerung – vermutlich kostengünstiger und wirksamer.

Keine Investitionen trotz Schuldenorgie
„Sondervermögen“ oder der große Bluff

Wettrüsten in Europa

Die Bunkerbau-Initiative Dobrindts passt zu der offziell gewünschten Stimmung: Westeuropa stehe vor einem großen russischen Angriff, entweder 2029 oder erst 2032 – so genau wissen das die Betreiber des Narrativs dann auch nicht. Die Folgen dieser Außen- und Sicherheitspolitik mit einer angenommenen russischen Invasion: Allein Deutschland plant bis 2029 Verteidigungsausgaben von bis zu 153 Milliarden Euro jährlich (3,5 Prozent des BIP). Die europäischen NATO-Mitglieder gaben 2025 bereits 559 Milliarden US-Dollar aus, ein Anstieg um fast 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr – der stärkste seit 1953. Und die EU mobilisiert im Rahmen von „Readiness 2030″ bis zu 800 Milliarden Euro. Die Preise für militärisches Gerät steigen teils um 50 Prozent, weil die Lieferketten überfordert sind.

Warum das Gleichgewicht des atomaren Schreckens nun nicht mehr funktionieren sollte, wird weder von Alexander Dobrindt noch von Friedrich Merz oder von Ursula von der Leyen erklärt: Seit Jahrzehnten war klar (auch Russlands Staatsführung), dass Frankreich und Großbritannien mit Nuklearwaffen auf einen russischen Angriff auf Mitteleuropa reagieren würden – die Briten verfügen bekanntlich über 225 Atomwaffen, die Franzosen über 290. St. Petersburg und Moskau könnten somit jeweils 257-mal komplett zerstört werden.

Manche Regierungskritiker sagen, noch mal 10 Milliarden Schulden? Bisher wurden solche Milliarden wie bei der Infrastruktur nicht für den angegebenen Zweck genutzt.

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18. Mai 2026

Brüssel und Berlin: klimataub, wokeverstaubt

Energie, Meinungsfreiheit, Migration – Amerika und Europa auf Kollisionskurs

Von
Fritz Goergen

President Trump auf TruthSocial: »Gute Besserung! Nach 15 Jahren, in denen die Democrats behauptet haben, der „Klimawandel“ werde den Planeten zerstören, hat der oberste Klimaausschuss der Vereinten Nationen nun zugegeben, dass seine eigenen Prognosen (RCP8.5) FALSCH waren!
Viel zu lange wurde der Klimaschutz von den Democrats missbraucht, um die Amerikaner zu verängstigen, eine verheerende Energiepolitik durchzusetzen und Milliarden in ihre dubiosen Forschungsprogramme zu investieren.
Im Gegensatz zu den Democrats, die mit dem Unsinn des Klimaalarmismus ihren „Grünen Neuen Betrug“ vorantreiben, wird meine Regierung stets auf WAHRHEIT, WISSENSCHAFT und FAKTEN basieren!«

In Westeuropa macht die Interessengemeinschaft der autoritären Beherrschung der Massen durch Klimapanik im sonstigen Wokismus-Kommunismus unbeirrbar weiter. Gäbe die Classe Politique ihren Irrtum zu, bliebe nichts von ihr übrig. Denn sie hat abgesehen von ihrer Selbstbedienung nichts, WOFÜR sie wäre, nur WOGEGEN.

Die Union bei INSA mit 22 Demoskopieprozenten hinter der AfD mit 29 ist das eine. Viel gravierender sind 64 Prozent, die keiner denkbaren Koalition zutrauen, die Probleme des Landes zu lösen. Wenn 74 Prozent Volksabstimmungen über Wehrpflicht, Rente und Kernkraft wollen, ist das ein klares Misstrauensvotum der Bürger gegen den Parteienstaat.

Der Parteienstaat ist immun gegen die Erklärung von Xavier Milei der Kernthese von  Ludwig von Mises im Comic, die »nicht ideologisch, sondern wissenschaftlich ist: Ohne ökonomische Kalkulation kann eine moderne, funktionierende Wirtschaft nicht existieren. Jedes System, das Marktpreise ausblendet, ist dazu verdammt, Entscheidungen blindlings zu treffen, unabhängig von den Absichten der Regierenden. Das ist der eigentliche Grund, warum sozialistische Experimente immer wieder im wirtschaftlichen Scheitern enden.«

Will die Regierung den Zivilschutz für den Kriegs- und Anschlagsfall mit einem „Sonderprogramm“ in Höhe von zehn Milliarden Euro aufstocken (Bild), schwant dem geübten Bundesbürger sofort, diese Sonderschulden werden sie auch nicht für den genannten Grund ausgeben, sondern Löcher stopfen, um an jeder Reform vorbeizukommen. Hingegen glaubt jeder sofort, wenn beim Innenminister eine neue Stabsstelle „Kommando zivile Verteidigung“ geschaffen werden soll. Noch mehr Bürokratie, noch mehr steuerfinanzierte Abhängige, passt zum verzweifelten Abwehrkampf gegen das Regierungsende.

Wohlfahrt ohne Wohlstand geht nicht. Deutschland hat nicht genug Kinder, um die Renten und das Gesundheitssystem künftig zu finanzieren – fast ein Drittel dieser Kinder steuert bei diesem Bildungsnotstand selbst direkt auf dauerhafte Sozialhilfe zu.

Und die Staatsquote ist höher als in Kuba und China.

Wer noch nicht wusste, was es mit der Kaste der Berufspolitiker des Parteienstaats auf sich hat: Lauterbach ist nicht Ausnahme, sondern Regel.

Chinas atemberaubende Atomfabrik: 50 Reaktoren gleichzeitig.

EU gegen Ungarn. Philip Pilkington: »Die ungarischen Wähler stimmten über innenpolitische Themen ab, ohne zu verstehen, dass es um globale und geopolitische Fragen ging. Die Fidesz-Regierung hatte Ungarn an die Seite der USA, Chinas und Russlands auf die Gewinnerseite der entstehenden Weltordnung manövriert. Die neue Regierung wird Ungarn genau in dem Moment, in dem die EU zerfällt und sich die neue Weltordnung verfestigt, wieder in die implodierende EU zurückführen. Das ist verheerend für Europa, denn Ungarn hätte das Sprungbrett für die Rückkehr in die Weltordnung sein können; genau darauf haben viele von uns hingearbeitet. Der vulgäre „Jakobinismus“, der sich jetzt in Budapest ausbreitet, droht sich zu verfestigen und totalitär zu werden, denn die Folgen dieses strategischen Fehlgriffs werden innerhalb weniger Wochen deutlich werden: Zuerst geht der Treibstoff aus, später kommt es in Europa zu Lebensmittelknappheit.«

Russlands Präsident Wladimir Putin wird weniger als eine Woche nach President Trump Chinas Präsident Xi Jinping vom 19. bis 20. Mai in Peking treffen, teilten Moskau und Peking am Samstag mit. Das offizielle Framing ist der 25. Jahrestag des Vertrags der Guten Nachbarschaft und der freundschaftlichen Zusammenarbeit. Was Xi von Putin in seiner Strategie für die nächste Runde mit Tump will, ist tatsächliches Thema.

Finnlands früherer Präsident Sauli Niinistö meint, Russlands Präsident Wladimir Putin sei zu Verhandlungen mit den Europäern bereit (Stern). Putins Botschaft laute: „Ich bin bereit zu reden, aber denkt nicht, dass ich schwach bin.“ Man müsse Putins Worte und Handlungen zusammenzählen, sagte Niinistö nach den schweren Angriffen auf die Ukraine in den vergangenen Tagen und den Test der neuen Langstreckenrakete Sarmat. Niinistö hat Putin in seiner Amtszeit Dutzende Male persönlich getroffen und fordert Verhandlungen über die zukünftige europäische Sicherheitsarchitektur: „Das ist ein Thema, das deutlich über den Ukraine-Krieg hinausgeht, und Europa sollte da unbedingt beteiligt sein.“ – Dieser Grad von Einsicht ist in Paris, Berlin und Brüssel wohl eine vergebliche Hoffnung. 

Die üblichen Journalisten, Analysten suchen Erklärungen in Trumps Launen, sie sollten auf eine so einfache Botschaft wie die von Marco Rubio hören: »Russia, China, and Iran are not going to come from outside our hemisphere, destabilize our region in our own backyard, not under President Trump.” “THE WESTERN HEMISPHERE IS OURS!”« Kurz: Russland, China und Iran werden unsere Hemisphäre und Nachbarschaft nicht destabilisieren, nicht unter President Trump.

Warum Großbritannien in Welt-Zusammenhängen nicht mehr vorkommt, erhellt sich vielleicht etwas scherzhaft hier:

In einer Woche ist Pfingstmontag und die Welt ist hoffentlich erleuchteter.

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17. Mai 2026

Joachim Steinhöfel im Interview

„Staatsanwalt als politischer Bodyguard“

Von
Alexander Wendt

Tichys Einblick: Herr Steinhöfel, Sie vertreten als Anwalt Nius in einer Klage gegen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, der dieses Medium und andere Plattformen in der Sendung „Markus Lanz“ als „Feinde von Demokratie“ bezeichnet hat. Daraufhin warfen Ihnen etliche Nutzer auf X vor, Sie wollten die Meinungsfreiheit des Politikers beschneiden. Erklären Sie uns: Warum darf sich ein Regierungschef nicht in dieser Weise über Medienunternehmen äußern?

Joachim Steinhöfel: Soweit diese Kritik vereinzelt erhoben wird, beruht sie auf mangelnder Kenntnis der Rechtslage. Das Bundesverfassungsgericht hat zuletzt im April 2024 in unserem erfolgreichen Verfahren für Julian Reichelt gegen die Bundesrepublik Deutschland klargestellt: Dem Staat kommt kein grundrechtlicher Ehrenschutz zu. Der Staat hat keine Grundrechte. Der Staat hat keine Meinungsfreiheit. Er ist lediglich Adressat der Grundrechte – also unserer Abwehrrechte als Bürger gegenüber dem Staat.

Ministerpräsident Günther argumentiert jetzt, er hätte die betreffenden Bewertungen als Privatmann geäußert.

Daniel Günther hat in der Sendung am 7. Januar 2026 wörtlich gesagt: „Ich bin aber nicht als Bürger hier, sondern ich bin Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein.“ Er sprach also explizit als Repräsentant des Staates. Und was man als Bürger sagen darf, ist dem Staat aus guten Gründen verwehrt. Dem Staat verbietet es das allgemeine Persönlichkeitsrecht, sich ohne rechtfertigenden Grund herabsetzend über Bürger zu äußern oder deren Meinung abschätzig zu kommentieren. Als Bürger dürfte Günther Nius hart kritisieren, als Ministerpräsident darf er das in dieser Form nicht. Aber auch als Bürger darf er Nius nicht vorwerfen, völlig faktenfrei zu berichten – es handelte sich um eine falsche Tatsachenbehauptung.

Der Leitsatz in dem wohl bekanntesten Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Meinungsfreiheit, dem Lüth-Urteil von 1958, lautet: „Grundrechte sind Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat.“ Dieses Bewusstsein scheint heute nur noch schwach vorhanden zu sein. Bräuchten wir Kurse in Verfassungskunde?

Unbedingt. Aber die erste Reihe in diesen Kursen müsste für unsere Regierungsbank reserviert sein – mit Ehrenplätzen für die aktuellen und früheren Amtsträger Nancy Faeser, Lisa Paus und Karin Prien sowie Ministerpräsident Daniel Günther; denn das Bewusstsein für Grundrechte als Abwehrrechte gegen den Staat fehlt gerade dort am meisten. Stattdessen erleben wir einen Staat, der sich als Volkserzieher und Vormund versteht und sich dazu inakzeptabler Floskeln wie „Hass und Hetze“ oder „Desinformation“ bedient. Wenn jemand von „Hass und Hetze“ spricht, plappert er entweder gedankenlos nach, was alle plappern, oder er will politisch unerwünschte Kritik delegitimieren.

Was heißt das?

Die Logik ist zwingend: Meint der Betreffende Äußerungen, die von der Meinungsfreiheit gedeckt sind? Dann steht jemand vor Ihnen, der Ihr Grundrecht einschränken und Ihnen den Mund verbieten will. Meint er aber das, was das Gesetz ohnehin verbietet? Warum spricht er dann nicht von „strafbaren Äußerungen“? Und wer soll bitteschön definieren, was „Desinformation“ ist? Die Politik? Oder wie es offenbar der schleswig-holsteinischen CDU vorschwebt, die öffentlich-rechtlichen Sender als Wahrheitsministerium?

Manche wenden ein, das Lüth-Urteil von 1958 sei ja schon recht alt.

Soll ein kritisches Buch verschwinden?
Correctiv gegen Steinhöfel
All diesen Akteuren sollte man jeden Tag einen Auszug aus einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2018 vorlesen, damit sie ein für alle Mal begreifen, was Meinungsfreiheit bedeutet: „Die mögliche Konfrontation mit beunruhigenden Meinungen, auch wenn sie in ihrer gedanklichen Konsequenz gefährlich und selbst wenn sie auf eine prinzipielle Umwälzung der geltenden Ordnung gerichtet sind, gehört zum freiheitlichen Staat. Der Schutz vor einer ‚Vergiftung des geistigen Klimas‘ ist ebenso wenig ein Eingriffsgrund wie der Schutz der Bevölkerung vor einer Kränkung ihres Rechtsbewusstseins durch totalitäre Ideologien oder eine offenkundig falsche Interpretation der Geschichte.“

Sofort nach Günthers Zensurdrohung gegen Medien, die er dann gar nicht so gemeint haben wollte, meldete sich die Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg mit der Ankündigung, man wolle gegen Inhalte unliebsamer Medien vorgehen. Sie vertreten in dieser Sache schon eine Klage gegen diese Landesmedienanstalt. Was hat es mit diesem Vorgehen dieser Organisation gegen Medien auf sich?

Diesem Vorgehen fehlt es bereits an einer verfassungskonformen Ermächtigungsgrundlage. Die Landesmedienanstalten beschneiden damit rechtswidrig das Grundrecht der Pressefreiheit. Im Übrigen ist das durch den Medienstaatsvertrag begründete Aufsichtssystem als solches verfassungswidrig. Es etabliert eine dauerhafte, nicht anlassbezogene staatliche Presseaufsicht. Diese richtet sich gezielt gegen online verbreitete journalistische Medien, die aufgrund ihrer Vertriebsform weder dem Beschwerdemanagement des Deutschen Presserats noch einer anerkannten Einrichtung der Freiwilligen Selbstkontrolle unterliegen. Das Grundrecht des Artikels 5 GG garantiert jedoch die Unabhängigkeit des Pressewesens insgesamt. Damit ist nicht vereinbar, diesen spezifischen Teil der Presse einer besonderen staatlichen Aufsicht zu unterwerfen und fortlaufend zu reglementieren. Exakt dies ist jedoch der Inhalt der aktuellen Regelung: Sie statuiert Eingriffsbefugnisse und zielt auf eine kontinuierliche Überwachung journalistischer Sorgfaltsstandards durch staatliche Behörden.

In Gießen wurde ein Reporterteam von Tichys Einblick von einem angestachelten linken Mob eingekreist, gestoßen und geschlagen, ein „Bild“-Reporter wurde bedroht. In Berlin-Treptow forderte die Linkspartei: „rechten Medien auf die Tasten treten“. Zeichnet sich damit eine „weiche Zensur“ gegen bestimmte Medien ab – gegen die also, denen Familienministerin Prien Demokratie-„Zersetzung“ vorwirft?

Das ist längst keine „weiche Zensur“ mehr. Das ist der Übergang zur offenen Gewalt. Jahrelang wurde gepredigt, dass gewalthaltige Videospiele Jugendliche „radikalisieren“ und aus Worten Taten würden. Gilt das plötzlich nicht mehr, wenn Spitzenpolitiker verbal aufrüsten? Wenn Regierungsmitglieder wie Familienministerin Prien einem Daniel Günther servil zur Seite springen und legitime Regierungskritik als „Zersetzung“ brandmarken, nachdem der Ministerpräsident kritische Medien zu „Feinden“ erklärt hat, dann geben sie Journalisten metaphorisch zum Abschuss frei. Der Pöbel, der in Gießen zuschlug oder in Berlin „auf die Tasten treten“ will, ist lediglich der militante, oft staatlich finanzierte Vollstrecker dieser Rhetorik. Die Täter fühlen sich durch den staatlich verordneten „Kampf gegen rechts“ im Recht. Gewalt wird in Deutschland von Teilen dieses Milieus stillschweigend akzeptiert, solange sie nur die „Richtigen“ trifft. Politiker ertragen den Widerspruch nicht mehr. Weil ihnen die Souveränität fehlt, diesen Gegenwind auszuhalten, versuchen sie, ihn juristisch abzustellen.

Der Entwurf der Bundesregierung für ein sogenanntes „Transparenzgesetz“ steht demnächst zur Abstimmung: Es soll der Bundesnetzagentur die Vollmacht geben, notfalls auch ohne richterlichen Beschluss Medienunternehmen zu durchsuchen und dort Beschlagnahmungen vorzunehmen. Was halten Sie davon?

Tichys Lieblingsbuch der Woche
Der Kampf um die Freiheit in Europa
Die Verordnung sieht massive Eingriffe in gleich mehrere Grundrechte vor: Erstens wird die Meinungs- und Informationsfreiheit beschnitten. Durch das enorme Bestimmtheitsdefizit – was ist überhaupt „politische Werbung“? – führt diese Regulierung nicht zu mehr Transparenz, sondern zur Nichtveröffentlichung von politischen Inhalten weit über Wahlwerbespots hinaus. Das ist eine faktische Reichweitenbeschränkung durch Überregulierung. Zweitens ist es ein Anschlag auf die unternehmerische Freiheit. Die operative Komplexität und Rechtsunsicherheit treffen kleine Verlage, Start-ups und unabhängige Medien ungleich härter als etablierte Medienhäuser. Das führt zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dieses Gesetz noch zu stoppen?

Ob sich das stoppen lässt? Es muss. Aber die Regierungen haben spätestens, seit sie das grob verfassungswidrige Netzwerkdurchsetzungsgesetz durchgepeitscht haben, in Sachen Meinungsfreiheit jeden Respekt vor dem Grundgesetz verloren. Wenn Google und Meta politische Werbung wegen dieser Hürden ganz einstellen, zeigt das: Dieses Gesetz reguliert den Diskurs nicht, es tötet ihn ab.

Haben Sie eine Theorie, warum viele Politiker heute derart empfindlich auf zugespitzte Kritik reagieren? Früher gab es kübelweise Spott, Häme und auch Bemerkungen gröbster Art beispielsweise gegen Franz Josef Strauß, Helmut Kohl oder Rudolf Scharping – ohne dass die Betroffenen ständig zur Staatsanwaltschaft rannten.

Das hat drei Gründe: fehlendes persönliches Format, Angst vor Machtverlust und ein zunehmend autoritäres Staatsverständnis. Früher waren Politiker wie Strauß, Wehner oder Kohl „politische Eichen“. Wenn sich da ein Wildschwein dran rieb, hat das die Eiche nicht gekümmert. Oder sie hat rhetorisch zurückgekeilt. Das war Teil des demokratischen Ringens. Heute erleben wir eine politische Klasse, die Kritik an ihrer Arbeit sofort zum Angriff auf die Demokratie umdeutet. Das ist eine gefährliche Anmaßung: Ich bin der Staat; wer mich kritisiert, delegitimiert den Staat. Diese Politiker haben den Staatsanwalt zu ihrem privaten Bodyguard gemacht. Statt sich im Argument zu behaupten, rufen sie nach dem Gewaltmonopol des Staates. Sie ertragen den unmittelbaren Widerspruch nicht, den die sozialen Medien heute ermöglichen. Früher filterte die Presse die Leserbriefe, heute lesen sie ungefiltert, was die Bürger von ihnen denken. Und weil ihnen die Souveränität fehlt, diesen Gegenwind auszuhalten, versuchen sie, ihn juristisch abzustellen. Das ist kein Ausdruck von Stärke, sondern von tiefer Unsicherheit.

Schließlich haben die sozialen Medien beim Aufstieg des argentinischen Präsidenten Javier Milei eine zentrale Rolle gespielt. Viele europäische Politiker spielen allenfalls in der zweiten Liga. Sie haben Angst, ihre Posten und Apanagen zu verlieren.

Sie haben als Anwalt jahrelange Erfahrung mit dem Justizapparat. In letzter Zeit stoßen Staatsanwaltschaften selbst bei völlig harmlosen Äußerungen von Bürgern Ermittlungen an, Untergerichte fällen extrem restriktive Urteile – doch in der zweiten Instanz enden die Verfahren beispielsweise wegen angeblicher Politikerbeleidigung oder Volksverhetzung dann oft mit Freispruch. Täuscht der Eindruck, oder tummeln sich in den unteren Justizetagen heute mehr Aktivisten?

Ich würde hier nicht von Aktivisten sprechen. Das Problem ist viel banaler und zugleich gefährlicher: Es ist oft schlichte Inkompetenz – wie im Bendels-Fall in Bamberg oder in der Sache „Schwachkopf“ oder dem Plakat vom Tegernsee mit Spott über Habeck und Baerbock –, gepaart mit einer völligen Überlastung der Justiz durch eine aberwitzige Zahl von Strafanzeigen von Frau Strack-Zimmermann, Friedrich Merz, Robert Habeck, Annalena Baerbock und anderen. Die Staatsanwaltschaften winken Anzeigen am Fließband durch, weil die Zeit für eine saubere Prüfung fehlt. Das Ergebnis ist eine Katastrophe für den Rechtsstaat: Ich schätze, dass jedes Jahr Tausende von grob rechtswidrigen Strafbefehlen rechtskräftig werden. Da werden Menschen für Meinungsäußerungen bestraft, die zulässig sind. Es trifft den unbescholtenen Bürger, der sich noch nie etwas hat zuschulden kommen lassen. Der sieht sich plötzlich der geballten Staatsgewalt ausgesetzt, braucht einen Strafverteidiger und hat Angst um seine bürgerliche Existenz. Diese Menschen knicken unter dem psychischen Druck schnell ein. Sie akzeptieren die Strafe, nur damit der Albtraum aufhört, statt sich durch die Instanzen zu kämpfen. So wird Unrecht rechtskräftig.

„Das Strafrecht wird hier zur Waffe im politischen Meinungskampf umfunktioniert. Das hat mit Rechtsstaat nichts mehr zu tun, das ist Machterhalt per Gesetzblatt.“

Es fällt auf, dass Gesetzgeber versuchen, eine Art Sonderrecht zu etablieren: Beispielsweise mit dem Paragrafen 188 StGB, der Beleidigungen gegen Politiker anders behandelt als gegen Normalbürger. Die Justizministerin will demnächst auch Bürgern im Fall ihrer Verurteilung wegen Volksverhetzung das Recht nehmen, für öffentliche Ämter zu kandidieren. Haben wir es hier mit einem systematischen Vorgehen zu tun?

Ideologiepolizei im Gesinnungsstaat?
Der freiheitliche Rechtsstaat ist nicht vom »Populismus« bedroht
Das ist keineswegs ein Ausreißer, das ist System. Wir sind längst in einer Realität angekommen, die George Orwell in der „Farm der Tiere“ prophezeit hat: „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“ Genau das erleben wir hier mit dem Aufbau eines Zweiklassenstrafrechts: oben die geschützte politische Kaste, die sich für „gleicher“ hält, und unten der gewöhnliche Bürger. Der Gesetzgeber sendet das fatale Signal, dass die Ehre eines Politikers schwerer wiegt als die Ehre des „Normalbürgers“. Es widerspricht dem Gleichheitsgrundsatz unserer Verfassung. Noch gefährlicher ist der Plan der Justizministerin, bei Volksverhetzung die Wählbarkeit zu entziehen. Bisher kam dies bei Verurteilungen wegen Vorbereitung eines Angriffskriegs und Hochverrat gegen den Bund, Abgeordnetenbestechung oder Sabotagehandlungen an Verteidigungsmitteln in Betracht. Diese Hürde jetzt für Meinungsdelikte einzureißen ist durchschaubar: Es geht um Konkurrenzschutz. Da der Tatbestand der Volksverhetzung von den unteren Instanzen mittlerweile extrem weit ausgelegt wird, schafft man sich so ein Instrument, um missliebige politische Wettbewerber einfach per Strafbefehl aus dem demokratischen Spiel zu nehmen. Das Strafrecht wird hier zur Waffe im politischen Meinungskampf umfunktioniert. Das hat mit Rechtsstaat nichts mehr zu tun, das ist Machterhalt per Gesetzblatt.

Zahlreiche Verfahren wegen sogenannter Meinungsdelikte werden von „Meldestellen“ angestoßen, die das Internet durchforsten. Auf welcher Rechtsgrundlage handeln diese Stellen eigentlich – vor allem wenn es sich um die Speicherung der Daten von Bürgern handelt?

Die Rechtsgrundlage ist meist nicht existent. Der Staat betreibt hier eine durchschaubare Flucht ins Privatrecht: Weil Behörden das Netz nicht anlasslos nach „falscher Meinung“ scannen dürfen, kauft man sich diese Überwachung bei privaten Vereinen ein. Diese üppig mit Steuergeld alimentierten Hilfstruppen legen Dossiers an und speichern Daten, wofür ihnen oft jede Befugnis fehlt. Es ist ein simpler Trick: Man lagert den Verfassungsbruch an willfährige Vorfeldorganisationen aus, um eine staatlich finanzierte Denunziationsstruktur zu etablieren.

Der Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel betreibt seit 1989 eine eigene Kanzlei in Hamburg mit Ausrichtung auf Wettbewerbs- und Medienrecht. Mehr als 200 Verfahren hat er bis vor den BGH geführt. Steinhöfel gilt als Experte für Presserecht und Meinungsfreiheit. Seit 1989 erstreitet er Präzedenzfälle gegen Techgiganten wie Meta (Facebook) und Regierungen. Der Bestsellerautor („Die digitale Bevormundung“) prägt als einer der profiliertesten Juristen Deutschlands die Debatte um digitale Grundrechte. 2020 erreichte Steinhöfel für Tichys Einblick vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe, dass „Correctiv“ beim sogenannten Fact-Checking im Auftrag von Facebook einen Beitrag „aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht mit dem Stempel ‚teils falsch‘ hätte versehen dürfen“.

Joachim Steinhöfel. Der Staat gegen Steinhöfel. Wie der Staat das Recht beugt, die Meinungsfreiheit attackiert – und warum Sie der Nächste sind. Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag, Paperback, 256 Seiten, 18,00 €


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17. Mai 2026

Woke Haken für Reclaim und Reform UK?

Neu im Kino: Glennkill – Ein Schaf, wer nur an einen Krimi denkt

Von
Emil Kohleofen

Wer beim Titel an hügelige englische Landschaften, High Tea und schrullige britische Ermittler denkt, sollte sich nicht irreführen lassen; hier wurden wohldosiert politische Botschaften platziert, die den Anspruch eines woken Zeitgeistes auf Deutungshoheit zum Ausdruck bringen. Die Bühne aus englischer Dorfidylle, Shaun-das-Schaf-Optik und Linksverkehr dient augenscheinlich nur dazu, den nichtsahnend hereingestolperten Fan der Inspectoren Barnaby, Morse und Lewis einzulullen. In Wirklichkeit sind diese Requisiten so hohl und leer wie Werbung für das Kulturfest in „Denbrook“, dem fiktiven Dorf (tatsächlich wohl Ivinghoe, am Fuße der Chiltern Hills), wo der Krimi spielen soll. Diese Leere füllt das Drehbuch von Craig Mazin mit den politsch korrekt gemeinten bunten Inhalten.

Inspector wer?

Wo z.B. die „Barnaby“-Serie das englische Landleben mit besonderer Betonung auf Spezialitäten, Musik, Folklore und Bauten zelebriert, enttäuscht das Kulturfest im Dorf Denbrook mit einer lieblosen Anhäufung von Einmachgläsern dubiosen Inhalts, alten Ölschinken und angestaubten Medaillen unter drei Faltpavillons. Lachhaft und sinnlos, die zehn Pfund Eintritt nicht wert, wie die Organisatorin Beth Hannock (Hong Chau), selbst zugibt.

Besser kann man es nicht zum Ausdruck bringen: Hier steht nur noch die lokalkolorierte Hülle einer Kultur, die darauf wartet, nach Belieben mit buntem Inhalt geimpft zu werden. So farbenfroh wie George Hardys Schafsherde, die, wie man den Trivia-Seite der IMDB entnehmen kann, den Rassen (wenn man die noch so nennen darf) Shetland, Icelandic, Merino, Norfolk Horn, Danish Landrace, Lincoln Longwool, North Country Cheviot und Boreray entstammen. Nicht unähnlich den dörflichen Protagonisten, deren asiatischen und afrikanischen Wurzeln man jedenfalls an Hand ihrer ur-englischen Namen (…Merrow,,,Hillcoate…), nicht mehr erkennen kann.

Wolverine im wollig-wuscheligen Ruhestand

Mein Gott, was ist Hugh Jackman, der das Mordopfer, den Schäfer George Hardy spielt, doch alt geworden! Hardy hat sich, nachdem er durch die Entdeckung eines Gegenmittels gegen die Schafskrankheit „Orf“ (Ecthyma contagiosum, „Lippengrind“oder „Schafpocken“) zum mehrfachen Millionär wurde, auf dem Land zur Ruhe gesetzt und hütet Schafe. Er lebt nicht etwa im nahen Dorf, sondern in einem Wohnwagen (US-Camper-Ikone Marke Airstream), offenbar mit Stromversorgung von einem kleinen Windrad. Er liest seinen Schafen aus seinen Büchern vor (keine e-books!) und schreibt tatsächlich Briefe mit seiner Hand auf nach Rosen duftendem Papier.

Eine platte Retourkutsche jagt die nächste

Die Freude über diesen Ausflug zu längst vernachlässigbaren Tugenden währt nur kurz. Allzu plump werden der lokale Schlachter „Ham“ Gilyard (Conleth Hill) als blutrünstiger Vegetarier-Hasser, der lokale Polizist (Nicholas Braun als Officer Tim Derry) als Einfaltspinsel und die Dorfbevölkerung als repräsentativ für sämtliche Länder des ehemaligen britischen Weltreichs dargestellt. So wichtig ist diese Optik der Regie (Kyle Balda) offenbar, dass jede sich bietende Gelegenheit für einen Kameraschwenk genutzt wird, um möglichst viel des unterschiedlichen Lokalkolorits abzubilden.

So oft wird dieses Instrument des Rundumblicks auf immer mehr unterschiedliche, scheinbar zufällig anwesende Passanten eingesetzt, dass man dahinter ein besonderes Anliegen vermuten kann. Wenn es hingegen darum geht, die Zuschauer eines illegalen Hundekampfs gegen einen Schafsbock (Streuner Sebastian) abzubilden, wird auf Vielfalt eher verzichtet. Unnötig viel Zeit verwendet der Film auf die Darstellung von Diskriminierung und Rückständigkeit innerhalb der Schafsherde (soziale Ächtung von im Winter geborenen Lämmern und Angst vor der Überquerung einer asphaltierten Straße).

Weiche kuschelige Schale, harter ideologischer Kern ?

Wer die Stimmen von Bastian Pastweka (Spricht den Bock Mopple) und Anke Engelke (spricht die Aue Lily) und Computer-generierte, vermenschlichte Tiere mag, wird den Film wohl mögen. Wer sich ungern englisches Landleben vorstellt, in dem englische Landschaften, Architektur und Fauna nur noch als Kulisse für eine idealisierte und imaginäre bunte Weltbevölkerung dienen, der wird ein Unbehagen verspüren. In Kreisen der neuen britischen Rechten wird der Streifen sicher keine Fans finden.

Und ob Schafe wirklich sprechen können, und wer den Schäfer warum auf dem Gewissen hatte (sein Sohn, um an das Erbe zu kommen), ist dann wirklich Nebensache.

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17. Mai 2026

Wildpinkeln für alle!

Warum sich die Grünen um Schlangen vor Damentoiletten sorgen

Von
Gastautor

Ich bitte um Nachsicht, wenn ich aus gegebenem Anlass ein wenig aus dem familiären Nähkästchen plaudere: Mein Vater war ein freizügiger Mensch mit einem nur rudimentär ausgeprägten Schamgefühl. Wenn ihn ein dringendes Bedürfnis überkam – er hatte zeitlebens eine nervöse Blase –, konnte er sich an jedem beliebigen Ort Erleichterung verschaffen. Andere Menschen überkommt panische Angst und ein quälender Harnverhalt, wenn sie befürchten müssen, bei diesem intimen Akt beobachtet zu werden.

Einmal weilte ich mit ihm zusammen in Moskau, als ihn just auf dem Roten Platz jenes Bedürfnis überkam. Er eilte in Richtung des Leninmausoleums und dem daran angrenzenden Ehrenfriedhof, wo allerlei Nationalgrößen beerdigt sind wie Maxim Gorkij, Juri Gagarin und Väterchen Stalin, um sich dort das Wasser abzuschlagen. Ich konnte ihn glücklicherweise gerade noch davon abhalten mit dem dringenden Hinweis, dass er sich danach wohl in einem (damals noch sowjetischen) Straflager wiederfinden würde. Oder zumindest zu einem peinlichen Verhör in der Lubjanka.

Ich bin in Sachen Schamgrenze ähnlich gestrickt wie er, vermeide es jedoch aus Gründen allgemeiner Rücksichtnahme, meine Mitmenschen mit der öffentlichen Zurschaustellung von Intimitäten zu verstören. Für uns Männer gibt es glücklicherweise sogenannte Pissoirs, wo man umstandslos einem dringenden Bedürfnis nachkommen kann. In der Vergangenheit waren sie oft fantasievoll als kleine Blechkioske gestaltet mit mehreren Sichtschutzwänden und einer „Pinkelrinne“ am Boden. Die Berliner Schnauze taufte diese Etablissements auf den Namen „Café Achteck“.

Leider sind öffentliche Pissoirs heutzutage oft so versifft, dass man sich nicht hineintraut, wie die in städtischen U-Bahngeschossen, Bahnhöfen oder entlang der Autobahnen. In diesem Fall bleiben noch Parks, Blumenrabatten oder die freie Natur, wenn an entsprechenden Orten keine Regelungen gegen „unerlaubtes Wildpinkeln“ erlassen wurden. In südlichen Ländern wird man übrigens manchmal angehupt, wenn man sich an den Straßenrand stellt und am Hosenstall herumnestelt. Da muss man durch.

Dem uns entgegengesetzten Geschlecht ist der anatomische Vorzug, über ein leicht zu bedienendes, außen am Körper angebrachtes Entwässerungswerkzeug zu verfügen, nicht vergönnt. Sie müssen sich zur regelmäßigen Drainage immer teilweise ausziehen und hinsetzen, wozu es einer (abschließbaren) Toilette bedarf. Doch die Installation von Urinalen ist billiger und einfacher als die einer ähnlich großen Zahl von Toiletten. Deswegen gibt es tendenziell weniger Sitztoiletten, was zur Folge hat, dass sich etwa in Theater- oder Konzertpausen vor den Damenklos oft lange Schlangen bilden.

Dass man sich für solcherlei Verrichtungen nicht anstellen muss, weil es eben per „Hähnchen“ schneller und unkomplizierter geht, zählt zu den letzten Privilegien einer zutiefst verunsicherten und deklassierten Männlichkeit. Ich gestehe offen, dass ich mir zuweilen ein hämisches Grinsen nicht verkneifen kann, wenn ich sehe, wie sich die Damen vor der Toilette stauen und Angst haben, vor dem Ende der Konzertpause nicht fertig zu sein. Manchmal sage ich auch etwas wie „Warum stehen Sie denn an? Gibt’s hier was umsonst?“ und genieße die giftigen Reaktionen mancher Rockträgerinnen.

Wenn ich jetzt lesen muss, dass die Grünen – wer auch sonst? – uns Männern auch dieses letzte Privileg streitig machen wollen, überkommt mich ein dringendes Bedürfnis der anderen, hier aus rechtlichen Gründen nicht näher zu beschreibenden Art. Jedenfalls hat die Grünenfraktion im Bayerischen Landtag einen Antrag unter der Überschrift „Frauen müssen übrigens auch mal“ eingebracht mit dem Ziel, die bayerische Versammlungsstättenverordnung dahingehend zu ändern, dass die bisher pro 1000 Besucher vorgeschriebene Zahl von zwölf Pissoirs und acht Toiletten (für Männer) an die der Frauen (insgesamt zwölf Toiletten) angeglichen werden soll. Eine Grünen-Landtagsabgeordnete verstieg sich zu dem Verdacht, dass Schlangen vor dem Frauenklo „politisch gewollt“ seien, was ich hier aus oben schon genannten Gründen nicht kommentieren möchte.

Am einfachsten und gerechtesten wäre es, man würde für alle 72 oder werweißwieviele Geschlechter nur noch und ausschließlich Sitzklosetts anbieten. Das wäre wegen des geringeren Wasserverbrauchs von Pissoirs – es gibt sogar geruchsfreundliche Trockenpissoirs – allerdings nicht besonders Ressourcen und Klima schonend und auch viel teurer. Deswegen empfehle ich an dieser Stelle die generelle Abschaffung von Toiletten und Pissoirs und naturverbundenes Wildpinkeln für alle. Wegsehen, Männer!

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17. Mai 2026

Entscheidung der Bundestagspräsidentin

Reichstagsgebäude: Schwarz-Rot-Gold oder Regenbogen-Flagge?

Von
Sophia Juwien

Im vergangenen Jahr entschied Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die Regenbogenflagge nicht mehr zum Berliner Christopher Street Day auf dem Reichstagsgebäude hissen zu lassen, sondern ausschließlich am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit. Am 17. Mai 2002 rehabilitierte der Bundestag homosexuelle Opfer der NS-Justiz. Zudem erinnert der Tag an die Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation von 1990, Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel für Krankheiten zu streichen. Deshalb wehe die Flagge am 17. Mai und nicht am Tag des Berliner Christopher Street Days. Dabei soll es auch in diesem Jahr bleiben.

Diese Entscheidung löst nun erneut heftige Debatten aus, vor allem bei Grünen und Linken, die vom Bundestag eine aktive Symbolpolitik einfordern. Grüne Abgeordnete hatten Klöckner bereits im Vorjahr in einem Brief aufgefordert, ihre Haltung zu ändern und „Solidarität zu zeigen“. Für sie sind die Teilnahme am CSD und das Hissen der Regenbogenflagge „Ausdruck einer vielfältigen, freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft“. Dabei geht es längst nicht mehr nur allein um den Schutz Homosexueller vor Diskriminierung.

Staatliche Neutralität oder Symbolpolitik?

Die Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, forderte zum 17. Mai nicht nur mehr „Schutz“, sondern gleich eine Ergänzung des Grundgesetzes (Artikel 3) sowie eine Reform des Abstammungsrechts. Das Selbstbestimmungsgesetz nannte sie einen „riesengroßen Gewinn für die Community“. Zur Begründung erklärte sie, queere Menschen seien unter dem Grundgesetz bis in die 1990er-Jahre hinein verfolgt worden und benötigten deshalb ausdrücklich verfassungsrechtlichen Schutz.

Das zeigt wieder einmal mehr, worum es eigentlich geht: Nicht um die Beseitigung von Ungerechtigkeiten, die rechtliche Gleichstellung ist seit Langem vollzogen, sondern um die dauerhafte Verankerung einer Ideologie in der Verfassung. Das Grundgesetz ist kein Baukasten für aktuelle Lobbyinteressen, sondern die Grundordnung des Gemeinwesens. Wer es ständig ändern will, um bestimmte Ideologien durchzusetzen, der riskiert, aus einem allgemeinen Dokument ein Instrument für Privilegien einzelner Gruppen zu machen.

Staatlich finanzierter Kulturkampf

Mit Hunderten Millionen Euro jährlich entsteht seit Jahren ein regelrechtes Paralleluniversum aus staatlich finanzierten NGOs, Beauftragten, Aktivisten und Förderprojekten, deren Auftrag die systematische Umerziehung der Gesellschaft zu einer queeren Identitätspolitik ist. Allein das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ verschlingt rund 190 Millionen Euro jährlich. Offiziell heißt es „Demokratieförderung“ und „Kampf gegen Extremismus“. Tatsächlich fließt ein wachsender Teil dieses Geldes in queere Sexualaufklärung, Diversitätsprojekte und die Verbreitung einer Ideologie, die biologische Geschlechter und traditionelle Familienbilder als weniger schützenswert darstellt.

Das eigentlich Erschreckende ist jedoch nicht einmal die bloße Höhe der Summen. Es ist die unverfrorene Dreistigkeit, mit der der Staat mit dem Geld der Steuerzahler gezielt in die Köpfe bereits von Kindern und Jugendlichen eindringt.

Ein dafür besonders abstoßendes Beispiel ereignete sich kürzlich bei einer Projektwoche an einer Oberschule in Sachsen: Zwei nicht-binäre Aktivisten zeigten 14-jährigen Schülern pornografische Aufnahmen nackter, eng umschlungener Männer – sogenannte „Homo-Pornos“. Dies geschah im Rahmen offizieller „Aufklärungsarbeit“. Die AfD sprach von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch staatlich finanzierte Aktivisten. Tichys Einblick berichtete.

Eklat in Sachsen
Pornos im Klassenzimmer: Warum der Skandal bis ins Familienministerium reicht

Solche Vorfälle sind die logische Konsequenz einer Politik, die den Staat nicht mehr als neutralen Hüter der Freiheit sieht, sondern als aktiven Erzieher zu einer neuen, linken Sexual- und Geschlechtermoral – alles unter dem Deckmantel von „Gleichheit“ und „Diversität“.

Kollisionen mit der Wirklichkeit

Besonders deutlich werden die Konflikte dort, wo politische Selbstdefinition auf Sicherheitsfragen und Frauenrechte trifft.

Eine Umfrage der WELT bei den Justizministerien der Länder vom Januar 2025 ergab bundesweit fünf dokumentierte Übergriffe von trans-identifizierten Häftlingen auf weibliche Mitgefangene, davon vier mit sexuellem Hintergrund. Betroffen waren unter anderem die JVA Chemnitz in Sachsen und die JVA Vechta in Niedersachsen, wo es zu Belästigungen, Bedrohungen und sexuellen Übergriffen kam. Vorfälle, die teils zur Rückverlegung der Täter in Männeranstalten führten.

Auch 2026 halten solche Fälle die Debatte am Laufen, wie der anhaltende Streit um den Rechtsextremisten Sven Liebich, der Ende 2024 per Selbstauskunft seinen Geschlechtseintrag änderte und sich von fortan Marla-Svenja nennt. Daraufhin sollte er seine Haftstrafe zunächst im Frauengefängnis Chemnitz antreten. Liebich tauchte unter, wurde dann jedoch im April 2026 in Tschechien festgenommen.

Hinzu kommen zahlreiche Klagen von Frauensportvereinen, Schwimmverbänden und Betreibern von Umkleideräumen, die sich gegen die Teilnahme biologischer Männer in Frauenkategorien wehren. Während internationale Verbände wie World Athletics oder das IOC im März 2026 klare Geschlechtstests und den weitgehenden Ausschluss von Transfrauen aus den Frauenkategorien beschlossen haben, kämpfen in Deutschland weiterhin viele lokale Vereine und Sportlerinnen gegen die Öffnung ihrer Schutzbereiche.

Klöckners zurückhaltende Haltung bei der Beflaggung ist deshalb weit mehr als eine Entscheidung über ein politisches Symbol. Der Streit um die Regenbogenflagge steht exemplarisch für die Frage, ob staatliche Institutionen gesellschaftspolitische Haltungen aktiv repräsentieren sollen oder ob sie als übergeordnete Institutionen bewusst Distanz zu politischen Bewegungen wahren müssen. Genau auf dieser Unterscheidung beharrt die Bundestagspräsidentin mit ihrer Entscheidung. Ihr Verweis auf Schwarz-Rot-Gold erinnert daran, dass der Staat nicht einzelne gesellschaftliche Gruppen zu schützen hat, sondern die Gesamtheit der Bürger.

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Siegerin Dara aus Bulgarien, ESC 2026, Wien, 16.05.2026
17. Mai 2026

Eurovision Song Contest

Beim ESC sieht sich Europa im Spiegel an – und erkennt sich nicht wieder

Von
Alexander Heiden

Sparen wir uns jede Vorrede und steigen gleich in den Wettbewerb ein. Halt, nein: doch nicht. Zuvor verlieren wir noch ein ganz kurzes Wort über das „Wort zum Sonntag“.

Das kommt direkt vor Beginn des „Eurovision Song Contest“ (ESC) vom Katholikentag in Würzburg. Gesprochen wird es von einer gewissen Johanna Vering. Sie ist Pastoralreferentin. Die Katholische Bischofskonferenz traut sich also noch nicht einmal mehr, einen geweihten echten Geistlichen vor das TV-Millionenpublikum zu schicken, um das Wort Christi zu verbreiten.

Frau Verings Auftritt ist modisch ein Anschlag auf den Sehnerv und intellektuell ein Anschlag auf die Vernunft. Wer will, kann sich in der ARD-Mediathek selbst davon überzeugen. Ich würde davon aber dringend abraten, zum Wohle des Seelenheils.

Deutschlands Katholische Kirche ist nicht zu retten.

Versager des Abends

Niemand dürfte widersprechen, wenn man sagt, dass Festivals der Country-Musik Kult-Veranstaltungen für traditionelle Mannsbilder und deren Verehrerinnen sind. Damit tritt man niemandem zu nahe.

Der ESC ist das Gegenteil: eine Kult-Veranstaltung für die schwul-lesbische Community. Auch das kann man sagen, ohne jemandem zu nahe zu treten.

Veranstalter ist, wie nun schon seit 70 Jahren, die Eurovision. Das ist der Zusammenschluss aller staatlichen (oder öffentlich-rechtlichen) Fernsehsender Europas. Weil im vergangenen Jahr Österreich den Wettbewerb gewonnen hatte, findet der ESC diesmal in Wien statt. Ausrichter ist also Österreichs Staatssender ORF.

Wer sich in Deutschland über ARD und ZDF erregt, wird am ORF verzweifeln.

Moderatorin Victoria Swarowski ist die Erbin der zweitreichsten Familie Österreichs. Außerdem ist sie die Verlobte von Mark Mateschitz, das ist der Erbe der reichsten Familie Österreichs. Beides zusammen erklärt womöglich, warum sie es im ORF so weit gebracht hat. An etwas anderem kann es kaum liegen, bei nüchterner Betrachtung.

Ihr Co-Moderator Michael Ostrowski bemüht sich sowohl ästhetisch wie habituell, aus dem Moderatoren-Paar ein Moderatorinnen-Duo zu machen. Das führt den arglosen Beobachter in die Irre, denn der Mann zieht sich zwar an wie Elton John und bewegt sich wie Liberace, hat tatsächlich aber vier Kinder. Er passt sich nur seinem Publikum an, siehe oben.

Der Kommentator bei der ARD-Übertragung heißt Thorsten Schorn. Er fackelt, wie schon in den beiden Vorjahren, ein schier endloses Kalauer-Feuerwerk ab. Der Nachfolger des legendären Peter Urban ist erneut eine Zumutung. Aber hier gilt analog die Bibel – genauer: Markus 10,25. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass sie beim ÖRR einen personellen Fehlgriff zugeben oder gar korrigieren.

Aufreger des Abends

Das kroatische Lied thematisiert den stillen, körperlichen Widerstand kroatischer und bosnischer Katholikinnen gegen die osmanische Herrschaft im 15. bis 19. Jahrhundert.

Dabei geht es vor allem um die sogenannten Sicanje-Tattoos: Das waren traditionelle Symbole, die sich slawische Frauen während der osmanischen Besatzung stachen, um sich vor Zwangskonvertierung und Versklavung zu schützen. Türkische Medien und Kommentatoren in den sozialen Medien haben gegen das Lied scharf protestiert, weil es „anti-türkisch“ und „anti-osmanisch“ sei.

Tradition und Geschichte
Kritik am kroatischen „Kreuzzug“ auf der ESC-Bühne in Wien

In jedem Fall ist es der politischste Beitrag des Abends, ein Lied mit echter historischer und nationaler Grundierung.

Aber ARD-Kommentator Thorsten Schorn thematisiert diesen Inhalt mit keiner Silbe. Stattdessen fabuliert er irgendeine andere Geschichte, um die es in dem Text angeblich gehe. Das ist, mit Verlaub, glatt gelogen – und mehr als nur ein kleiner Skandal.

Lied des Abends

Insgesamt fällt auf, dass wieder viel mehr Lieder in der Muttersprache der Sänger vorgetragen werden. Sarah Engels, die deutsche Teilnehmerin, trällert allerdings auf Englisch. Das sagt viel über Europa aus – und leider auch über Deutschland.

Italien zeigt am deutlichsten, dass Heimatliebe außerhalb der Bundesrepublik nicht versteckt wird. Sal da Vinci ist mit 57 Jahren nicht nur der älteste Teilnehmer, er singt auch das mutigste Lied. „Per sempre sì“ („Für immer ja“) erzählt vom ewigen Versprechen bei der Hochzeit, von Treue und Verzicht und vom christlichen Glauben. Es ist so etwas wie eine gesungene Kriegserklärung an den woken Modernismus. „Gefährliche Nostalgie“ kommentierten linke Kulturkritiker denn auch.

ESC in Wien
Sal-Da-Vinci-Code – zu viel Italianità, zu viel Napoli, zu viel Gefühl: Die Linke flippt aus

Aber, siehe da: Den Leuten gefällt das. Italien landet auf dem fünften Platz. Es hat sicher auch nicht geschadet, dass die italienischen Tänzerinnen echte Kleidung tragen und nicht aussehen wie Bahnhofsnutten (was bei vielen anderen Vorträgen der Fall ist).

Israel

Den österreichischen Sieger aus dem letzten Jahr kennt niemand mehr. „JJ“ ist sein Künstlername, sein Ruhm war extrem schnell verblasst.

Also begann er, wie so viele Künstler im Schaffens- und Erfolgsloch, sich mit steilen politischen Äußerungen wieder ins Gespräch zu bringen. In einem Zeitungsinterview zeigte er sich enttäuscht darüber, dass Israel am diesjährigen ESC teilnehmen darf. Das sei falsch, wegen Gaza und so.

Die Empörung darüber ist ihm nun aber nicht so wichtig, dass er in der Show auf seine zwei Eröffnungsnummern – und den damit verbundenen monetären Mehrwert – verzichten würde.

Konsequenz wird halt doch sehr überschätzt.

Boykottiert wird aber trotzdem. Die Staatssender von Irland, Island, den Niederlanden, Slowenien und Spanien sind dem ESC demonstrativ ferngeblieben, weil der israelische Künstler mitsingen darf. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil die Show auch ohne die fünf Israel-Hasser vier Stunden dauert.

Randnotizen

Musikalisch ist die Show nicht erhebend, aber sie hat durchaus ihre Momente.

Die will ich Ihnen, lieber Leser, hier auf keinen Fall unterschlagen. Schließlich habe ich mir das Ganze ja überhaupt nur deshalb angesehen, damit Sie es nicht müssen. Die meisten Nummern sind bestenfalls nichtssagend. Aber nicht alle.

Norwegen schickt einen Freddie Mercury für Arme: Schnurrbart, schwarze Latzhose, freier Oberkörper. Und das Mikrofon hält er wie… na, Sie wissen schon. An die Musik des Herrn kann ich mich leider beim besten Willen nicht erinnern.

Auch an den Griechen wird sich niemand wegen der Stimme oder wegen des Sangesguts erinnern, denn beides ist nicht vorhanden. Dafür fährt der Typ in kurzen Hosen, mit Sonnenbrille, orangefarbenen Fellstiefeln und Wollmütze zu einem irren Techno-Rhythmus auf einem Roller über die Bühne. Das hat, man kann es nicht anders sagen, einen gewissen Unterhaltungswert.

Wer hingegen nach Gründen sucht, weshalb Serbien auf keinen Fall in die EU gelassen werden darf, dem liefert die Band aus Belgrad drei Minuten nonstop Argumente am Stück.

Abstimmen dürfen neben dem Publikum in allen zugeschalteten Ländern übrigens auch wieder „professionelle Jurys“. Die sind natürlich ausschließlich dazu da, den Publikumswillen im Sinne der Politischen Korrektheit so weit wie möglich auszuhebeln. Darin sind sie den Regierungen in den meisten Teilnehmerstaaten nicht unähnlich.

Das klappt diesmal nur so mittelgut. Die Jurys können nicht verhindern, dass die ersten Drei in der Publikumswertung auch insgesamt das Podium besetzen: Bulgarien gewinnt vor Israel und Rumänien.

Fehlt noch was? Ach ja: Deutschland wird Drittletzter. Null Punkte vom Publikum. Nur die Österreicher und die Briten landen noch hinter uns.

Das passt irgendwie, oder?

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16. Mai 2026

Steuerfinanzierte Indoktrination:

Ein Zensor zum Knuddeln

Von
Gastautor

Es gibt Länder, in denen man am Nachmittag auf der Piazza sitzt, einen Espresso bestellt (Cappuccino nach elf Uhr ist eine Spezialität deutscher Touristen, aber das nur am Rande) und sich darüber wundert, was die Deutschen so machen. Diese Woche fiel der Autorin ins Auge: ein staatlich gefördertes Computerspiel namens „Moderate Cuddlefish“. Wer nun glaubt, es handle sich um das Geheimrezept für besonders zartes Tintenfisch-Carpaccio, irrt charmant. „Cuddlefish“ ist die englische Kreuzung aus „Cuttlefish“ und „Cuddle“, also eine knuddelige Tintenfisch-Plattform, auf der deutsche Jugendliche lernen sollen, was Meinungsfreiheit eigentlich ist. Nämlich: das richtige Löschen.

Herausgegeben wird das pädagogische Wunderwerk von der Bundeszentrale für politische Bildung, einer Institution, die schon ihrem Namen nach erklärt, was sie tut, und die in der Praxis vor allem demonstriert, was politische Bildung in Deutschland bedeutet. Der Spieler übernimmt die Rolle des Moderators in einem fiktiven sozialen Netzwerk und filtert Kommentare zur Klimakrise. Löscht er die richtigen, also jene mit Zweifeln an der Klimapolitik, freut sich das Spiel und belohnt ihn mit dem Lob „Zufluchtsort für Weltverbesserer“. Löscht er die falschen, also jene, mit denen Aktivisten beschimpft werden, warnt das Spiel vor einer „klimafeindlichen Agenda“. Auf dem Papier soll das Spiel „die individuelle demokratische Urteilsbildung kritisch anregen“. In jedem anderen europäischen Land hieße das, der Spieler dürfe sich seine Meinung selbst bilden. In Deutschland heißt es, er solle die richtige finden.

Vier Arme gegen die Vernunft

Der Tintenfisch, so erklärt es die offizielle Beschreibung, brauche „im übertragenen Sinn vier Arme“, um die rasante Geschwindigkeit der modernen Hasskommentare zu bewältigen. Ein hübsches Bild. Auf Sizilien hätte man das arme Tier längst zu Calamari fritti verarbeitet, mit Olivenöl, Zitrone und einer Prise Petersilie, statt es zum nationalpädagogischen Zensurinstrument zu adeln. Aber Deutschland ist nicht Sizilien. Hier macht man aus einem Polpo eine Allegorie für moralisch sortiertes Kommunizieren und stellt ihn anschließend in den Lehrplan.

Originell ist die Idee ohnehin nicht. Bereits 2016 wurde der erste Prototyp im „Gamejam“ der bpb entwickelt, damals noch zum Thema „Flucht und Vertreibung“. Man erkennt das Muster: Wackelt das Narrativ, wechselt man den Anstrich und behält das Mobiliar. Aus dem Flüchtlingsdiskurs von 2016 wurde der Klimadiskurs von 2020, identisches Spielprinzip. Was beide eint, ist die schöne Vorstellung, dass auf der einen Seite die Wahrheit steht und auf der anderen das, was weg muss. Eine erfrischend einfache Welt. Pizza Hawaii hat mehr inhaltliche Komplexität und bleibt dennoch eine kulinarische Zumutung.

Der letzte Glaubenskrieg

Bezeichnend bleibt die Themenwahl. In Mailand, Madrid und Manchester ist die Klimaberichterstattung längst aus den Schlagzeilen verschwunden, weil die Wähler dort inzwischen andere Sorgen haben. In Berlin klammert man sich umso fester an das einzige Thema, das einigermaßen funktioniert. Die deutsche Klimadebatte ist mittlerweile, was die Filmindustrie ein Spin-off nennt: eine Verlängerung des Originals für ein immer kleiner werdendes Publikum, mit immer skurrileren Plots. Andere europäische Länder bauen Kernkraftwerke, Deutschland baut Tintenfisch-Apps.

Die 20.000 Euro Steuergeld, die das Projekt verschlungen hat, sind im Vergleich zu anderen Förderorgien der jüngeren Vergangenheit fast schon bescheiden. Robert Habecks Wirtschaftsministerium hatte vor zwei Jahren noch knapp 400.000 Euro an eine Firma überwiesen, deren Chef zuvor in Augsburg mehrere Gastronomieversuche in den Sand gesetzt hatte und seither vor allem Stille produziert. Gemessen daran wirkt der knuddelige Tintenfisch wie ein Sonderangebot. Mit einem kleinen Unterschied: Was der Augsburger Wirt nicht zustande brachte, liefert die bpb mit Bravour. Es entstand tatsächlich ein Produkt, und dieses Produkt erreicht seine Zielgruppe.

ARD drängt in Spielesektor:
Das schwarze Loch der Games-Förderung

Heimatdienst mit Tintenfisch

Lohnenswert ist ein Blick auf den Auftraggeber. Die Bundeszentrale für politische Bildung wurde 1952 unter dem ehrlicheren Namen „Bundeszentrale für Heimatdienst“ gegründet, in bewusster sprachlicher Anlehnung an die „Reichszentrale für Heimatdienst“ der Weimarer Republik. Die Adenauer-Regierung ließ sich damals sogar von deren altem Leiter Richard Strahl beraten, der dem Bundesinnenministerium erfreut mitteilte, er erachte „die angewandten Methoden im wesentlichen für richtig“. So beginnen also Behörden, die der Nation Demokratie beibringen sollen.

Heute beschäftigt die Anstalt über 300 Mitarbeiter, unterhält Standorte in Bonn, Berlin und Gera und wird zuverlässig mit dem politischen Personal der jeweils regierenden Koalition versorgt. Thomas Krüger (SPD) hielt den Chefsessel von 2000 bis Anfang 2026, ein Vierteljahrhundert ohne Pause. Sein Nachfolger Sönke Rix sitzt seit März dort, ebenfalls SPD. Auf dem Papier ist die bpb „überparteilich“. Wer 26 Jahre denselben Parteibuch-Farbton im Direktorenbüro sitzen hat, darf den Begriff aber großzügig auslegen.

Wie die Koalition zwei Ex-MdB versorgt
Die BpB bekommt eine Doppelspitze – und bleibt aller Voraussicht nach eine „linksgrüne Vorfeldorganisation“

 

Wie das in der Praxis aussieht, musste die bpb schon einmal vor dem Bundesverfassungsgericht lernen. Im Fall Konrad Löw stellte Karlsruhe fest, dass die Anstalt als staatliche Stelle zur Ausgewogenheit verpflichtet sei und sich nicht wie ein Privater auf die Meinungsfreiheit berufen dürfe. Eine Bundesoberbehörde, der das Verfassungsgericht erklären muss, dass sie keine Boulevardredaktion ist, hat ein Rollenproblem. Und ausgerechnet diese Behörde liefert Tintenfische in die Klassenzimmer.

Erziehung zum Wegklicken

Genau das ist das Problem. Die App liegt im Play Store, sie läuft in Klassenzimmern auf den Tablets, und aus Sicht der Macher ist sie hervorragend gemacht. Die Mechanik ist simpel, die Optik niedlich, der pädagogische Anspruch unverkennbar. Wer das Spiel durchläuft, hat danach ein klares Gefühl dafür, welche Aussagen in Ordnung sind und welche besser verschwinden. Es ist die ideale Vorbereitung auf eine Republik, in der das Klopfen an der Tür im Morgengrauen wieder einen gewissen Wiedererkennungswert besitzt.

Vielleicht ist es das, was an dieser ganzen knuddeligen Veranstaltung am meisten irritiert. Nicht der Inhalt, der ist albern. Nicht die Kosten, die sind überschaubar. Sondern die heitere Selbstverständlichkeit, mit der ein staatliches Institut Kindern beibringt, dass freie Rede etwas ist, das man im Zweifelsfall einfach knuddelig wegmoderiert. Auf Sizilien wäre der Polpo längst auf dem Teller gelandet.

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16. Mai 2026

Tradition und Geschichte

Kritik am kroatischen „Kreuzzug“ auf der ESC-Bühne in Wien

Von
Richard Schmitt

Während auf dem schrillen und queeren ESC-Spektakel selbst der nackteste und verrückteste Beitrag kaum noch aufregen kann, sorgt das kroatische Quintett Lelek mit seinem Beitrag „Andromeda“ vor dem aktuellen Finale des Song Contest in Wien für einige Debatten: Die fünf Sängerinnen – Inka Večerina Perušić, Judita Štorga, Korina Olivia Rogić, Lara Brtan und Marina Ramljak – tragen auf der Bühne stolz nachgestellte traditionelle Sicanje-Tattoos im Gesicht und an den Armen. Diese historischen Körperzeichnungen gelten als Symbole des katholischen Widerstands gegen die osmanische Herrschaft auf dem Balkan. Und die Tattoos sorgen nun in der Türkei für heftige Reaktionen.

ESC in Wien
Sal-Da-Vinci-Code – zu viel Italianità, zu viel Napoli, zu viel Gefühl: Die Linke flippt aus
Lelek verbindet im aktuellen ESC-Song moderne Pop- und Folk-Elemente mit kraftvollen mehrstimmigen Harmonien. Der Titel „Andromeda“ verweist auf die griechische Mythologie, erzählt aber zugleich die Geschichte katholischer Frauen in Bosnien-Herzegowina während der osmanischen Zeit. „Unsere Mütter haben keine Sklavinnen geboren“, lautet eine zentrale Textzeile. Die Frauen seien gezwungen gewesen, sich zu tätowieren, um sich vor Versklavung, Zwangsehen, Entführungen in Harems und Zwangskonversionen zum Islam zu schützen. Es handelte sich nicht nur um bloße Tätowierungen, sondern um ein ganzes rituelles Erbe, das von Großmüttern an Töchter und Enkelinnen weitergegeben wurde.

Die Sicanje (auch Bocanje genannt) sind eine der ältesten slawischen Traditionen, die vor allem unter katholischen Kroatinnen in Zentralbosnien und Teilen Dalmatiens gepflegt wurde. Historiker wie Ćiro Truhelka dokumentierten sie bereits im 19. Jahrhundert. Die Motive – oft Kreuze und christliche Symbole – dienten als sichtbares Bekenntnis zum katholischen Glauben. Da Tätowierungen im Islam als haram (verboten) gelten, machten sie die Frauen für osmanische Entführer und Vergewaltiger unattraktiv. Sie schützten somit auch vor dem „Blutzehnten“ (Devşirme), der Zwangsrekrutierung christlicher Kinder, und vor der Zerstörung der kulturellen und religiösen Identität. Die Praxis reicht möglicherweise bis in illyrische oder vorchristliche Zeiten zurück und wurde besonders unter osmanischer Herrschaft (15. bis 19. Jahrhundert) zur Form des passiven Widerstands.

„Anti-osmanische Propaganda“

In der Türkei kommt diese Erinnerung an ein sehr dunkles Kapitel der Geschichte gar nicht gut an: Türkische Medien und Social-Media-Nutzer werfen Lelek anti-osmanische und anti-türkische Propaganda vor. Der türkische Eurovision-Account betonte zwar, es gebe keine direkten Beweise für eine gezielte Provokation, doch die Reaktionen zeigen tiefe Sensibilität. Ähnliche Reaktionen trafen 2025 die griechische Sängerin Klavdía Papadopoúlou, deren Song mit dem Genozid an den Pontos-Griechen durch die Osmanen in Verbindung gebracht wurde – ein Vorwurf, den die Türkei vehement zurückweist.

Aus "Nie wieder" wurde "Jetzt wieder"
ESC: In Wien müssen Juden für Polizeischutz bezahlen
Dazu sorgte noch der israelische Sender Kan für einen Eklat, als er die Performance mit einem Witz über „übertriebene Hennatattoos in Eilat“ kommentierte. Lelek antwortete deutlich: „Wir sind verstört über die Verhöhnung unserer Kultur und der Opfer unterdrückter katholischer Frauen. Es fehlt jede Empathie für das Leid anderer.“ Kan löschte den Post und entschuldigte sich später.

Der kroatische Abgeordnete Marin Miletić (Partei MOST) reagierte auf X scharf: „Warum stört euch die Wahrheit? Das kroatische Volk hat fast 400 Jahre gegen die Osmanen gekämpft. Sie haben uns nicht besiegt. Wir haben unseren Glauben, unsere Kultur und unsere Identität bewahrt. Gott sei Dank!“

Die Kontroverse wirft grundsätzliche Fragen auf. Darf man in einem vermeintlich unpolitischen Musikwettbewerb historische Wahrheiten thematisieren? Oder muss jede Erinnerung an osmanische Expansion und die damit verbundenen Leiden der christlichen Balkanvölker tabuisiert werden?

Lelek selbst versteht ihren Auftritt nicht primär als politische Provokation, sondern als Hommage an weibliche Stärke, an das kulturelles Erbe und an die Widerstandsfähigkeit. Die Gruppe hat mit ihrer Qualifikation für das Finale bereits bewiesen, dass ihre authentische, emotionale Performance international ankommt. Mit ihren Sicanje-Tattoos haben die kroatischen Sängerinnen jedenfalls ein Stück Geschichte des Balkans auf die Eurovision-Bühne gebracht – ein Thema, das in Zeiten wie diesen absolut nicht verharmlost werden sollte.

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