Die Woken wissen auch nicht mehr, was sie wollen. Jahrelang forderten sie ethnisches Typecasting und verabscheuten kulturelle Aneignung. Aber wenn Konservative eine diverse „Odyssee“ kritisieren, geraten sie in Verschwörungsverdacht. Dass Athen dafür auch noch zahlt, ist ein Treppenwitz der Geschichte.
IMAGO, Screenprint X - Collage: TE
Nicht enden will der Online-Furor über Christopher Nolans „The Odyssey“ – einen Film, den in seiner Gänze noch keiner gesehen hat. Aber die Elemente, die bisher zum Vorschein gekommen sind, zeichnen eine Route vor, die eindeutig ist. Nolans hauptsächliche Inspiration für den Film soll die neue, feministische Übersetzung der Odyssee von Emily Wilson sein, die das homerische Epos in englische Pentameter verwandelt hat und den Protagonisten für einen „komplizierten Mann“ hält.
Zu dieser eher exzentrischen Perspektive auf das Epos kamen aber Nolans Besetzungsflausen hinzu. Ende 2025 stand fest, dass neben Matt Damon und Charlize Theron auch Zendaya und Lupita Nyong’o zum Cast gehören sollten – also Darstellerinnen, deren Phänotyp nicht allzu viel mit dem Bild der alten Griechen zu tun hat. Regte es jemanden auf? Ja, aber das blieb zunächst auf die finsteren Kanäle von X beschränkt und dringt erst jetzt langsam in den allgemeinen Blick vor.
Das eigentlich Kuriose an der Sache ist, dass man uns jahrelang erzählt hat, dass weiße Europäer oder Amerikaner nicht einmal die Kleidung oder den Frisierstil anderer Ethnien übernehmen dürfen. Zum Beispiel gibt es in den entsprechenden Kreisen Diskussionen darüber, ob es erlaubt ist, als Weißer Rastalocken zu tragen, oder ob man dadurch das Recht der Jamaikaner an ihrer indigenen, ursprünglichen Kultur verletzt. Ähnliches gilt für Indianerkostüme auf deutschen Faschingsfeiern, die out sind, wo Grüne so etwas zu sagen haben.
Darüber hinaus gibt es in Hollywood immer wieder die unreflektierte Auffassung, dass man eine bestimmte Rolle in einem sehr engen Sinne „typecasten“ muss – und das soll auch und vor allem die ethnische Herkunft betreffen. Offenbar wäre es niemandem eingefallen, etwa einen Martin Luther King von einem Weißen spielen zu lassen. Denn man kann sagen, dass die Hautfarbe Kings sehr viel mit seiner Geschichte zu tun hat.
Typgerechte Besetzung – das war offenbar mal
Aber als die israelische Schauspielerin Gal Gadot für die Titelfigur in Cleopatra: Rise of a Queen im Gespräch war, da hieß es allen Ernstes, sie sei „nicht schwarz“ genug dafür. Dabei war die historische Kleopatra makedonischer Herkunft und auch die Ägypter jener Zeit keineswegs schwarz. Trotzdem war die Rede vom „whitewashing“ der Rolle, etwa bei BBC Arabic. Seit 2020 dauert diese Diskussion, vielleicht kommt der Film irgendwann in die Kinos.
Daneben freute sich der Bundesverband Lambda 2019 darüber, dass immer mehr „Trans*-Personen“ in Serien und Filmen vorkommen. Nur ein Wermutstropfen blieb für den LGBT-Verband: „… in bekannten Filmbeispielen wie ‚The Danish Girl‘, ‚Alle Farben des Lebens‘ oder ‚Dallas Buyers Club‘ spielen cis-Darstellende die vorkommenden Trans*-Charaktere.“ Das fand man ungerecht, vor allem aus einem Grund: „Es geht um Kontrolle der Erzählweisen, Empowerment der Trans*-Community, um Macht über die eigenen Geschichten und um Botschaften an die Zuschauenden, cis wie trans*.“
Darum geht es also, und das in allen Fällen: um die Macht über Besetzungen, Macht über Erzählungen, um Pfründe für die eigene Gruppe, egal ob es sich um nun Araber handelt oder um Trans-Personen.
Auf einmal ist es andersrum
Aber in Nolans „Odyssee“ läuft die Sache auf einmal andersherum. Hier wurden nicht mehr die Rollen von Schwarzen oder Trans-Personen an ebensolche Schauspieler vergeben, sondern die zweifellos weiße Figur Helena wurde zur Tiefschwarzen gemacht, ein männlicher Heros zum Transmann mit abgenommenen Brüsten. Es wird also nicht mehr entsprechend der Figur besetzt, sondern im Gegensatz zu ihr. Das zeigt: Es war nie etwas anderes gemeint, es ging immer nur um die Ausweitung der eigenen Einflusszone, um „Macht“ und „Botschaft“ und Pfründe.
Und so sprechen nun die Kritiker Nolans vom „race-bending“ oder „race-swapping“. Die identitätspolitische Diskussion ist einen Schritt weiter und beißt sich sozusagen in den Schwanz. Es geht jetzt um die Aneignung der westlichen Kultur durch andere, aber auch um die geistige Aufoktroyierung einer Fassung der neo-westlichen Gesellschaft, die nicht mehr homogen sein soll. Und wer wollte das bestreiten, aber es hat mit der Odyssee nichts zu tun.
Nichts wäre ja gegen Dramen einzuwenden, in denen auch Menschen von außerhalb Europas eine angemessene Rolle spielen. Aber warum sollte die britische Königin Charlotte, übrigens eine geborene Herzogin zu Mecklenburg, von der farbigen Schauspielerin Golda Rosheuvel gespielt werden in einer Netflix-Serie, flankiert von schwarzen Hofdamen? Das kann nur an Problemen in unserer Gegenwart liegen, nur werden die nicht weniger durch solche Filme und Serien. Am Ende behaupten einige eben auch, dass die Königin wirklich ein wenig schwarz gewesen sei. So endet es dann: Das Bewusstsein soll das Sein bestimmen.
Griechenland zahlt für Woke-Version der Odyssee
15 Tage durfte Nolans Team in Griechenland drehen: auf der Peloponnes, rund um das ehrwürdige Pylos, wo ja auch der für die Odyssee wichtige Achäerfürst Nestor seinen Sitz hatte, daneben in der antiken Festung Akrokorinth. Aber an einer Stelle hat sich der Griechenland-Trip sicher nicht niedergeschlagen – in der Besetzung von Nolans Film.
Und hier wird es tatsächlich noch einmal eng. Denn auch in Griechenland ist man empört. Der griechische Staat hat der Produktionsfirma für die Dreharbeiten eine Erstattung eines Großteils der Kosten zugestanden. Just am vergangenen Mittwoch erging die Entscheidung, dass Nolan Anspruch auf mehrere Millionen Euro Staatszuschuss hat, wovon Teile laut der Transparenzbehörde auch schon ausgezahlt wurden. Darauf wies zuerst der griechische Fernsehsender Star hin. Und so haben auch die Griechen einen Grund sich zu erregen. Denn warum sollten sie aus ihrer Staatskasse ein Machtwerk mitfinanzieren, das nicht die literarische Qualität der Odyssee in den Mittelpunkt stellt, sondern die absurden Ideen einer abgehobenen Hollywood-Klasse über Rasse und Geschlecht?
Laut Elon Musk uriniert Nolan mit seiner Besetzung „auf Homers Grab“ und beleidigt so die Griechen insgesamt in grober Weise. In der Tat gibt es die Vermutung, dass der Regisseur die wenig Homer-gerechte Besetzung mit einer Kenianerin, einer farbigen Schauspielerin, einem anti-trumpistischen Latino und einem „Transmann“ nur deshalb vornahm, weil er so seinen Anspruch auf einen Oscar aufrechterhalten kann. Die Woke-Presse erregt sich darüber, dass andere diesen Verdacht haben. Aber es ist keine Verschwörungstheorie, sondern die offizielle Politik der Academy Awards seit 2024.
Nur eine Ethnie steht nicht unter dem Schutz der Academy
Und wenn Variety sich über die Kritiker der „diversen Besetzung“ von Nolans Film lustigmacht, dann muss man den Kollegen sagen: Die Kritiker haben recht – sogar nach den früheren Kriterien der Woken, die jetzt nicht mehr gelten sollen. Aber auch das haben die neuen Hollywood-Oscar-Regeln verändert: Die weiße Ethnie ist nun weniger wert als alle anderen, denn nur sie genießt nicht den besonderen Schutz der Academy. Es ist also gut, jede weiße Rolle, bei der das möglich erscheint, mit einer anderen Ethnie zu besetzen. Nur umgekehrt sollte das natürlich nicht passieren, denn das ginge gegen die Schutzrechte der andern Ethnien.
Daneben könnten die Nolan-Kritiker noch in einem weiteren Punkt richtig liegen: Wokisierte Filme haben es in letzter Zeit äußerst schwergehabt in den Kinos und überhaupt am Markt. Die Beispiele reichen von „Schneewittchen“ mit der präpotenten Rachel Zegler bis hin zu Film-Sequels wie „Charlie’s Angels“ (2019) oder „The Marvels“ (2023) mit ihren feministischen Untertönen.

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