Beim ESC sieht sich Europa im Spiegel an – und erkennt sich nicht wieder

Es soll einfach ein riesiges, schräges und fröhliches Musikfest sein. Doch die Eurovision will sogar aus dem größten Live-Musikevent der Welt vier Belehrungsstunden machen. Das gelingt zwar – aber anders als gedacht.

picture alliance / APA-Images | Klaus Titzer
Siegerin Dara aus Bulgarien, ESC 2026, Wien, 16.05.2026

Sparen wir uns jede Vorrede und steigen gleich in den Wettbewerb ein. Halt, nein: doch nicht. Zuvor verlieren wir noch ein ganz kurzes Wort über das „Wort zum Sonntag“.

Das kommt direkt vor Beginn des „Eurovision Song Contest“ (ESC) vom Katholikentag in Würzburg. Gesprochen wird es von einer gewissen Johanna Vering. Sie ist Pastoralreferentin. Die Katholische Bischofskonferenz traut sich also noch nicht einmal mehr, einen geweihten echten Geistlichen vor das TV-Millionenpublikum zu schicken, um das Wort Christi zu verbreiten.

Frau Verings Auftritt ist modisch ein Anschlag auf den Sehnerv und intellektuell ein Anschlag auf die Vernunft. Wer will, kann sich in der ARD-Mediathek selbst davon überzeugen. Ich würde davon aber dringend abraten, zum Wohle des Seelenheils.

Deutschlands Katholische Kirche ist nicht zu retten.

Versager des Abends

Niemand dürfte widersprechen, wenn man sagt, dass Festivals der Country-Musik Kult-Veranstaltungen für traditionelle Mannsbilder und deren Verehrerinnen sind. Damit tritt man niemandem zu nahe.

Der ESC ist das Gegenteil: eine Kult-Veranstaltung für die schwul-lesbische Community. Auch das kann man sagen, ohne jemandem zu nahe zu treten.

Veranstalter ist, wie nun schon seit 70 Jahren, die Eurovision. Das ist der Zusammenschluss aller staatlichen (oder öffentlich-rechtlichen) Fernsehsender Europas. Weil im vergangenen Jahr Österreich den Wettbewerb gewonnen hatte, findet der ESC diesmal in Wien statt. Ausrichter ist also Österreichs Staatssender ORF.

Wer sich in Deutschland über ARD und ZDF erregt, wird am ORF verzweifeln.

Moderatorin Victoria Swarowski ist die Erbin der zweitreichsten Familie Österreichs. Außerdem ist sie die Verlobte von Mark Mateschitz, das ist der Erbe der reichsten Familie Österreichs. Beides zusammen erklärt womöglich, warum sie es im ORF so weit gebracht hat. An etwas anderem kann es kaum liegen, bei nüchterner Betrachtung.

Ihr Co-Moderator Michael Ostrowski bemüht sich sowohl ästhetisch wie habituell, aus dem Moderatoren-Paar ein Moderatorinnen-Duo zu machen. Das führt den arglosen Beobachter in die Irre, denn der Mann zieht sich zwar an wie Elton John und bewegt sich wie Liberace, hat tatsächlich aber vier Kinder. Er passt sich nur seinem Publikum an, siehe oben.

Der Kommentator bei der ARD-Übertragung heißt Thorsten Schorn. Er fackelt, wie schon in den beiden Vorjahren, ein schier endloses Kalauer-Feuerwerk ab. Der Nachfolger des legendären Peter Urban ist erneut eine Zumutung. Aber hier gilt analog die Bibel – genauer: Markus 10,25. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass sie beim ÖRR einen personellen Fehlgriff zugeben oder gar korrigieren.

Aufreger des Abends

Das kroatische Lied thematisiert den stillen, körperlichen Widerstand kroatischer und bosnischer Katholikinnen gegen die osmanische Herrschaft im 15. bis 19. Jahrhundert.

Dabei geht es vor allem um die sogenannten Sicanje-Tattoos: Das waren traditionelle Symbole, die sich slawische Frauen während der osmanischen Besatzung stachen, um sich vor Zwangskonvertierung und Versklavung zu schützen. Türkische Medien und Kommentatoren in den sozialen Medien haben gegen das Lied scharf protestiert, weil es „anti-türkisch“ und „anti-osmanisch“ sei.

In jedem Fall ist es der politischste Beitrag des Abends, ein Lied mit echter historischer und nationaler Grundierung.

Aber ARD-Kommentator Thorsten Schorn thematisiert diesen Inhalt mit keiner Silbe. Stattdessen fabuliert er irgendeine andere Geschichte, um die es in dem Text angeblich gehe. Das ist, mit Verlaub, glatt gelogen – und mehr als nur ein kleiner Skandal.

Lied des Abends

Insgesamt fällt auf, dass wieder viel mehr Lieder in der Muttersprache der Sänger vorgetragen werden. Sarah Engels, die deutsche Teilnehmerin, trällert allerdings auf Englisch. Das sagt viel über Europa aus – und leider auch über Deutschland.

Italien zeigt am deutlichsten, dass Heimatliebe außerhalb der Bundesrepublik nicht versteckt wird. Sal da Vinci ist mit 57 Jahren nicht nur der älteste Teilnehmer, er singt auch das mutigste Lied. „Per sempre sì“ („Für immer ja“) erzählt vom ewigen Versprechen bei der Hochzeit, von Treue und Verzicht und vom christlichen Glauben. Es ist so etwas wie eine gesungene Kriegserklärung an den woken Modernismus. „Gefährliche Nostalgie“ kommentierten linke Kulturkritiker denn auch.

Aber, siehe da: Den Leuten gefällt das. Italien landet auf dem fünften Platz. Es hat sicher auch nicht geschadet, dass die italienischen Tänzerinnen echte Kleidung tragen und nicht aussehen wie Bahnhofsnutten (was bei vielen anderen Vorträgen der Fall ist).

Israel

Den österreichischen Sieger aus dem letzten Jahr kennt niemand mehr. „JJ“ ist sein Künstlername, sein Ruhm war extrem schnell verblasst.

Also begann er, wie so viele Künstler im Schaffens- und Erfolgsloch, sich mit steilen politischen Äußerungen wieder ins Gespräch zu bringen. In einem Zeitungsinterview zeigte er sich enttäuscht darüber, dass Israel am diesjährigen ESC teilnehmen darf. Das sei falsch, wegen Gaza und so.

Die Empörung darüber ist ihm nun aber nicht so wichtig, dass er in der Show auf seine zwei Eröffnungsnummern – und den damit verbundenen monetären Mehrwert – verzichten würde.

Konsequenz wird halt doch sehr überschätzt.

Boykottiert wird aber trotzdem. Die Staatssender von Irland, Island, den Niederlanden, Slowenien und Spanien sind dem ESC demonstrativ ferngeblieben, weil der israelische Künstler mitsingen darf. Das ist aber nicht weiter schlimm, weil die Show auch ohne die fünf Israel-Hasser vier Stunden dauert.

Randnotizen

Musikalisch ist die Show nicht erhebend, aber sie hat durchaus ihre Momente.

Die will ich Ihnen, lieber Leser, hier auf keinen Fall unterschlagen. Schließlich habe ich mir das Ganze ja überhaupt nur deshalb angesehen, damit Sie es nicht müssen. Die meisten Nummern sind bestenfalls nichtssagend. Aber nicht alle.

Norwegen schickt einen Freddie Mercury für Arme: Schnurrbart, schwarze Latzhose, freier Oberkörper. Und das Mikrofon hält er wie… na, Sie wissen schon. An die Musik des Herrn kann ich mich leider beim besten Willen nicht erinnern.

Auch an den Griechen wird sich niemand wegen der Stimme oder wegen des Sangesguts erinnern, denn beides ist nicht vorhanden. Dafür fährt der Typ in kurzen Hosen, mit Sonnenbrille, orangefarbenen Fellstiefeln und Wollmütze zu einem irren Techno-Rhythmus auf einem Roller über die Bühne. Das hat, man kann es nicht anders sagen, einen gewissen Unterhaltungswert.

Wer hingegen nach Gründen sucht, weshalb Serbien auf keinen Fall in die EU gelassen werden darf, dem liefert die Band aus Belgrad drei Minuten nonstop Argumente am Stück.

Abstimmen dürfen neben dem Publikum in allen zugeschalteten Ländern übrigens auch wieder „professionelle Jurys“. Die sind natürlich ausschließlich dazu da, den Publikumswillen im Sinne der Politischen Korrektheit so weit wie möglich auszuhebeln. Darin sind sie den Regierungen in den meisten Teilnehmerstaaten nicht unähnlich.

Das klappt diesmal nur so mittelgut. Die Jurys können nicht verhindern, dass die ersten Drei in der Publikumswertung auch insgesamt das Podium besetzen: Bulgarien gewinnt vor Israel und Rumänien.

Fehlt noch was? Ach ja: Deutschland wird Drittletzter. Null Punkte vom Publikum. Nur die Österreicher und die Briten landen noch hinter uns.

Das passt irgendwie, oder?

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Kommentare ( 116 )

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andreas donath
1 Monat her

Die können mich kreuzweise mit ihrer linkswoken Gesinnungs-Show! Ich boykottiere das seit Jahren, gerade weil ich großer Musikfan bin. Ich schaue mir stets mit großem Gewinn – dort bewerten, neben dem Publikum, echte Experten die vorgetragenen Songs und analysieren deren Gehalt auf hohem Niveau – den alternativen Grand Prix an, der auch am Samstagabend in seiner sechsten Auflage wieder zu begeistern wusste. Jeder kritisch denkende Mensch und Musikliebhaber sollte beim kultigen „NuoVision Songcontest 2026“ vorbeischauen (leicht zu ergoogeln).

Last edited 1 Monat her by andreas donath
A.G.
1 Monat her

Das Land mit einer (gerade frisch gewählten) rrrrrrechten Regierung, Bulgarien, hat gewonnen. Das Land ohne Nationalstolz, dafür aber Woke mit Klimawandel und einer linken Regierung hat verloren, Deutschland.

UHUvogel
1 Monat her

Also, wir haben uns den Nuovision Song Contest angeschaut. Der war WIRKLICH unterhaltsam und außergewöhnlich.

uweschettler
1 Monat her
Antworten an  UHUvogel

Finde ich auch. Und wenig LGBTQ+-Kram im Vergleich zu den Vorjahren. Und Künstler, die durchaus singen konnten (auch wenn einem nicht alles gefallen muss).
Nur : Es muss den ARD-Vernatwortlichen doch klar sein, dass ein Auftritt in nuttigem Outfit und obszöner Körpersprache nicht Allen in Europa gefällt.

ESC-Gast
1 Monat her

Ein gelungener Kommentar zur jährlichen Trash-Veranstaltung, ESC genannt. Endlich ein Siegertitel ohne Woke-Bezug, den die Jurys in den letzten zwei Jahren gegen das völlig anders abstimmende Publikum durchgedrückt haben.
Eines allerdings finde ich starken Tobak. Die fünf boykottierenden Länder als „Israel-Hasser“ zu bezeichen ist heftig. Sorry, aber das ist Blödsinn. Berechtigte Kritik an der Regierung Israels hat nichts mit Hass zu tun, das stellt sich der Autor auf die gleiche niedrige Stufe wir die „Hass und Hetze-Brüller“.

andreas donath
1 Monat her
Antworten an  ESC-Gast

Nein, das ist keine berechtigte Kritik. Dieses schmale, kleine Israel kämpft seit der Staatsgründung 1948 jeden Tag um seine nackte Existenz. Es ist umgeben von feindseligen islamischen Staaten wie dem riesigen Iran, die die einzige Demokratie im Nahen Osten komplett vernichten wollen und jeden einzelnen Juden, vom Säugling bis zum Greis, auf den Tod hassen. Da die Israelis sich eben kein weiteres Mal auf die Schlachtbank führen lassen wollen, haben sie gelernt, sich mit Herzblut und einem gewissen, in meiner Sicht absolut unabdingbaren, Offensivgeist zu verteidigen – sonst gäbe es sie längst nicht mehr.

andreas
1 Monat her

Wie hieß das Siegerlied? Bungabunga oder so ähnlich? Mit irgendeiner Form von Musik hat diese schmierige Freakshow nur in seltenen Fällen, eher versehentlich, zu tun. Ich will nicht dafür zahlen mit meiner Zwangsgebühr.

corsen
1 Monat her

Nein, das Stadtbild ist aggressiv und mitunter fett.

corsen
1 Monat her

Man muss nicht alles kaputt schreiben. Paar Bierchen, gute Laune, wenn man nicht raus gehen möchte oder zusammen mit vielen anderen schauen, sich – ja das gehört dazu – über die sog. Jurys ärgern. Aber trotzdem waren doch ein paar gute Interpreten dabei. Nicht an Billy Joel gemessen, aber das macht auch kein vernünftiger Mensch. Beispiel Austria: ein junger Falco mit Witz und Charme. Die Ironie in Landessprache ist natürlich nicht für ganz Europa geeignet. Mein Favorit übrigens Schweden. Auch weit abgeschlagen. Jedem steht doch frei, den Fernseher aus zu lassen. Und jetzt auf geht’s, Daumen runter Rekord. Aber dafür… Mehr

Sabine Schoenfelder
1 Monat her

Ein politisierter, manipulierter Event mit schlechter Musik….war da noch was ?
Singen und Sport gibt es nur noch mit HALTUNG.

corsen
1 Monat her
Antworten an  Sabine Schoenfelder

Ja ist es, aber trotzdem möchte niemand diese Chance auf ein Multi Millionen Publikum missen.

Landgraf Hermann
1 Monat her

Das Ergebnis ist wahrscheinlich getürkt. Israel auf Platz 2 ? Sie sollten sicher nicht 1. werden, weil sonst der nächste ESC in Israel stattfinden müsste.

Sabine Ehrke
1 Monat her
Antworten an  Landgraf Hermann

Sehe auch ich so.

uweschettler
1 Monat her
Antworten an  Landgraf Hermann

Das kommt mir auch so vor. Wie viele Länder häzten dann wohl den ESC 2027 in Tel Aviv boykottiert? Das wäre das Ende des ESC geworden. Man konnte Israel nicht gewinnen lassen.

Fulbert
1 Monat her

Wenn die Deutschen mit Engels antreten, winken andere Länder aus leidvoller Erfahrung ab.

corsen
1 Monat her
Antworten an  Fulbert

Versteht doch hier wieder keiner zu so später Stunde 😉