Die Sargnägel der Woche

Am Ende dieser Woche glauben die meisten Mainstreammedien, etwas Positives zu erkennen. Sie verwechseln Ankündigungen der CDU-SPD-Koalition mit konkretem Handeln. Zu beobachten sind zwei Selbstmordkandidaten, die nebeneinander am Abgrund stehen und darauf warten, dass der jeweils andere zuerst springt: „Bitte nach Ihnen!“

In dieser Woche beschwor der schwarz-rote Kanzler in seiner Not „die Kultur des Miteinander“. Bei genauerem Hinhören war aber nur ein Klopfen zu vernehmen, verursacht von zwei weiteren Sargnägeln, die ins Holz getrieben wurden.

I.

Erster Nagel. Nein, dass Friedrich Merz ausgebuht wurde auf dem von seiner linken Vorsitzenden Yasmin Fahimi aufgehetzten DGB-Kongress, ist es nicht. So gehört es sich, wenn ein Mann der Marktwirtschaft einigermaßen Haltung bewahrt. Doch Merz vermied fast alle Angriffsflächen. Er umschiffte strittige Themen etwa in Sachen Steuerreform, beschwor – es ist kein Witz – „das bewährte Tempo der parlamentarischen Demokratie“, also die Blockade, die dieses Land lähmt. Trotzdem erntete er Pfiffe – dafür, dass den Gewerkschaften sein Einknicken immer noch nicht weit genug geht. Die Arbeitnehmerorganisation ist weit davon entfernt, einzusehen, dass sie in den vergangenen Jahren von der dümmsten Energie- bis zum Versagen in der Asylpolitik alles getan hat, um die Deindustrialisierung zu beschleunigen und die Sozialsysteme zu schwächen. Auf derselben Veranstaltung wurde Sozialministerin Bärbel Bas für den Satz bejubelt: „Die Unterschiede zwischen der Union und uns waren selten so spürbar wie heute.“ Es gibt keine gemeinsame Basis mehr in dieser Koalition. Das „Miteinander der Demokraten“ hält den Verfall des Landes mangels Substanz nicht auf. Merz hat keine Wahl. Er muss die Koalition beenden, weiß es nur noch nicht, oder will es sich nicht eingestehen.

II.

Zweiter Nagel. Noch am Abend desselben Tages sitzen die Spitzen eben dieser Koalition sechs weitere Stunden lang zusammen und verkünden anschließend kein Ergebnis. Sind aber hoch zufrieden. Denn sie haben nun (wieder einmal) einen Zeitplan. Nachdem lange fast nichts gelang (von einer halben Korrektur des Habeckschen Heizungshammers abgesehen), soll nun alles auf einmal –Steuerschraube, Rente, Gesundheitsreform, Entbürokratisierung – zu einem Paket fest verschnürt und mit allen Sozialpartnern, also auch diesem DGB, im „Dialog“ in knappster Frist, also bis zu den Sommerferien erledigt werden. Aus einem einzigen Grund: Im Herbst warten Landtagswahlen im Osten und in Berlin mit absehbar verheerenden Folgen für die Koalitionsparteien. Nun also „konstruktive Gespräche“. So wird in der Diplomatie offener Streit bezeichnet. Glaubt jemand ernsthaft, bis zur Rettung sei es nur noch ein Schritt? Merz setzt auf die heilsame Wirkung des Kompromisszwangs. In Wahrheit wird bereits die Luft knapp im Doppelsarg.

III.

Was treibt die SPD weiter in den Untergang? Steckt dahinter eine Strategie oder ist es die seltsame Lust am Suizid? Mit Klassenkampf werden Klingbeil und Bas ihre Köpfe nicht aus der Schlinge ziehen können. Sie setzen auf die Notlage, in der Merz steckt. Sie wissen, dass der keinen anderen Ausweg hat, als – wie es das Grundgesetz vorsieht – seine Blockademinister zu entlassen, die Koalition damit zu beenden und es zunächst mit einer Minderheitsregierung zu versuchen, was nicht ohne Stimmen aus den Reihen der AfD im Bundestag zu machen wäre. Und dann, nur dann, sehen Klingbeil und Bas bei Neuwahlen eine Chance für sich selbst und ihre Partei. Für sie hat der Wahlkampf schon begonnen. Sie hoffen, dass der Union die Merkelwähler verloren gehen. Es ist eine Rechnung ohne den Wirt. Merz wird –so oft er auch Versprechen gebrochen hat – auch diesen notwendigen Schritt vermutlich nicht gehen. Doch immer mehr Abgeordneten der Union ist der Erhalt ihrer Erwerbsgrundlage wichtiger als Solidarität zu einem Kanzler, der es erkennbar nicht schafft. Es steht gar nicht fest, dass Merz der nächste Kanzlerkandidat seiner Partei sein wird.

IV.

Am Ende dieser Woche glauben die meisten Mainstreammedien dennoch, etwas Positives zu erkennen. Sie verwechseln erneut Ankündigungen mit konkretem Handeln. Da ist aber allenfalls kurzatmiges Reagieren: Nach dem absehbaren Scheitern der 1.000-Euro-„Entlastungsprämie“ auf Kosten der Arbeitgeber wird der Verzicht auf die geplante Anhebung der Kohlendioxidabgabe und eine Verlängerung des „Tankrabatts“ niemanden blenden. Die Regierenden hoffen dennoch, ihr Herumgemurkse lasse das dumme Volk erleichtert aufatmen. Zu beobachten sind zwei Selbstmordkandidaten, die nebeneinander am Abgrund stehen und darauf warten, dass der jeweils andere zuerst springt: „Bitte nach Ihnen!“

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Kommentare ( 89 )

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spindoctor
29 Tage her

„Der Verfassungsrechtler Hans Herbert von Arnim prägte schon vor fast 30 Jahren den Ausspruch, die Kartellparteien hätten sich den Staat zur Beute gemacht. Die Selbstbediener können sich die Diäten – also das Äquivalent zum Gehalt – eigenmächtig erhöhen, schaffen ständig neue Stellen in Ministerien und betreiben über parteinahe Stiftungen eine verdeckte Parteienfinanzierung.“
Aus: „Beutegemeinschaft“, https://recherche-d.de/lexikon/beutegemeinschaft

Peter Pascht
28 Tage her
Antworten an  spindoctor

„Parteienherrschaft – statt Volksouveranität“- Prof. H.H. von Arnim
„Korruption ist die Seele des Systems“ – Prof. H.H. von Arnim

Freigeistiger
29 Tage her

Merz soll also ein „Mann der Marktwirtschaft“ sein. Dummerweise betreibt er aber sozialistische Plan-und Mangelwirtschaft.
Ach so, er wird halt von der SPD dazu gezwungen, sich zu verleugnen. Aber der Kanzler heißt doch Merz und nicht Klingbeil, nicht wahr. Wenn Merz nicht Kanzler will oder kann, dann soll er gefälligst zurücktreten.

Axel Fachtan
29 Tage her

Lasst sie springen. Möglichst schnell.
Springt und rettet so das Land.
Deutschland kann nur gerettet werden,
wenn die endgültig weg sind.
Keine Wiederkehr als Zombies!
Ihr seid als Lebende schon tot genug.

rainer erich
29 Tage her

Da lobe ich mir doch die FAZ, die feststellt, dass die Regimes in Schland, Frankreich und GB rein gar nichts dafür können und man endlich mit dem unfairen Bashing der Herren Merz, Starmer und Macron aufhören solle. Es sei irgenderwas anderes, z.B. der wirtschaftliche Niedergang , für den niemand etwas kann. Sowenig wie für die gesellschaftlichen “ Verwerfungen. Das muss alles vom Westhimmel gefallen sein. Am Ende treibe man das Land resp die Länder mit diesem Bashing der Unschuldigen noch den Populisten in die Hände. Und das wäre das Ende, von was auch immer. Keine Ahnung, dazu kenne ich die… Mehr

Hueckfried69
29 Tage her

Meines Wissens gibt es noch keine gesicherten Zahlen über die Anzahl potentieller Abtrünniger in der Union. Ich glaube, Andreas Roedder spricht hier von etwa einem Drittel. Die Union wird dies mittelfristig riskieren müssen, läuft dabei natürlich Gefahr, nur noch drittstärkste Partei hinter der AfD und den Grünen – die sich eine erhebliche Zahl der Dissident „einsacken“ könnten – zu werden. Die Alternative wäre es, Hendrik Wüst zum Kanzlerkandidaten aufzubauen. Das Ergebnis wäre für das Land allerdings noch schlimmer als ein Weiter- So mit Merz.

Kassandra
29 Tage her
Antworten an  Hueckfried69

Roedder ist auch so einer, der rechts blinkt und links mitschwimmt – von 2015 an. Schade, ich hatte ihm mehr zugetraut – aber halt auch kein Rückgrat, der Mann. Alles TransformationsAgendaVerfolger. Wahrscheinlich mit entsprechenden Vorteilen. Dabei soll er 3 Töchter haben, was einen schwedischen Politiker zu solcher Stellungnahme treibt: Sweden’s Migration Minister Johan Forssell: Last year, a 16-year-old girl was raped on her way home by a recognized refugee, but he was not expelled because the crime wasn’t considered serious enough under the Refugee Convention. As a father of two daughters, I cannot defend a system that puts criminals’ rights… Mehr

Der Ingenieur
29 Tage her

„In dieser Woche beschwor der schwarz-rote Kanzler in seiner Not „die Kultur des Miteinander.“

Wer soll das sein?

Ich kenne nur einen völlig farblosen Kanzler, der wie ein Chamäleon von einer auf die andere Sekunde seine Farbe völlig wechselt, um sich opportunistisch der jeweiligen Situation anzupassen, anstatt Farbe zu bekennen.

Last edited 29 Tage her by Der Ingenieur
verblichene Rose
29 Tage her
Antworten an  Der Ingenieur

Er hat doch eine Farbe. Bei der Union war das jedenfalls mal schwarz, was immer das (heute) auch noch bedeuten mag…!

alter weisser Mann
29 Tage her

„wenn ein Mann der Marktwirtschaft einigermaßen Haltung bewahrt“
Da konnte ich vor lauter Lacen nicht mehr weiterlesen. Ich vermute da habe ich nichts verpasst, wenn es so merzelt.

Kassandra
29 Tage her
Antworten an  alter weisser Mann

Mich hat schon Herles Bemerkung hierzu irritiert: „Die Unterschiede zwischen der Union und uns waren selten so spürbar wie heute.“
Denn ich sehe nicht, dass die auch nur irgendwo nicht am gleichen Strick zögen – nämlich dem um unseren Hals.
WH hingegen schreibt: „Es gibt keine gemeinsame Basis mehr in dieser Koalition. Das „Miteinander der Demokraten“ hält den Verfall des Landes mangels Substanz nicht auf. Merz hat keine Wahl. Er muss die Koalition beenden, weiß es nur noch nicht, oder will es sich nicht eingestehen.“

Michael Theren
29 Tage her

das Agieren der CDU/CSU wird seit Jahren bei TE als Ergebnis von Dummheit, Feigheit, Falschinformnation dargestellt, was aber wenn es schlicht dem Ziel und dem Wunsch der CDU-Lenker entspricht, Deutschland gemeinsam mit der „Linken“ eben genau so zu „transformieren“?

dabovobis
29 Tage her

Alles, ausnahmslos alles, was Herr Herles schreibt, atmet unglücklicherweise den Geist der Unions- bzw. FDP-Loyalität. Wie sonst könnte er den derzeitigen Kanzler auch nur im Geringsten mit „Marktwirtschaft“ in Verbindung bringen. Merz ist geradezu der Totengräber der freien und sozialen Marktwirtschaft. Er macht seit seiner Machtübernahme im letzten Jahr einfach so weiter, wie es Merkel vor 20 Jahren angefangen hat, nicht ohne kürzlich pikanterweise selbst zu verkünden, man könne nicht einfach so weitermachen wie in den letzten 20 Jahren. Es macht immer wieder ein Stück weit fassungslos, wie man einer Partei die Treue halten kann. Ich kann meiner Frau, meinen… Mehr

verblichene Rose
29 Tage her

Sargnagel stimmt. Nur dachte ich bislang, daß die bei mir erst nach meinem Ableben eingeschlagen werden und ich das dann nicht mehr mitbekomme. Aber das was diese „Koalition der Grausamkeiten“ gerade abzieht, ist schon eine pathologische Schamabwehr. Andere nennen das auch Skrupellosigkeit.