Anthony Fauci oder 50 Jahre Dr. Tod

Der Ex-Chefpropagandist von Corona in den USA will nichts mehr sagen. Doch über Anthony Fauci gibt es viel zu sagen. Seine Karriere von AIDS bis Corona zeigt, wie ein überehrgeiziger Mediziner politische Macht aufbaut.

picture alliance / Captital Pictures | Andrew Thomas / CNP /MediaPunch

Anthony Fauci will nicht mehr. Der 85-Jährige hat über seine Anwälte erklären lassen, dass er nicht noch einmal vor dem US-Senat erscheinen wird. Eine weitere Befragung sei „unzulässige Schikane“.

Als genau das, als Schikane nämlich, dürften mindestens die Senatoren der Republicans und Millionen Zuschauer an den TV-Geräten Faucis Auftritt bei der Anhörung zur Aufarbeitung der Corona-Zeit am 29. Juli 2026 empfunden haben. Der langjährige Direktor des „National Institute of Allergy and Infectious Diseases“ (NIAID) berief sich 111-mal auf den Fünften Zusatz zur US-Verfassung – kurz: auf sein Recht zu schweigen.

Das war eine Provokation der gewählten Volksvertreter. Denn an seinem allerletzten vollen Tag im Amt hatte Ex-Präsident Joe Biden von den Democrats – oder wer auch immer für ihn da die Entscheidungen traf – Fauci schon im Januar 2025 vorsorglich begnadigt: für alle möglichen Bundesstraftaten zwischen dem 1. Januar 2014 und dem 19. Januar 2025, soweit sie mit Faucis Regierungsfunktionen zusammenhängen.

Trotzdem will der Mann, der für Amerika jahrzehntelang stets alle Antworten parat hatte, nun nicht nur keine mehr geben. Er will erst gar nicht mehr kommen.

Der ewige Doktor

Anthony Fauci ist kein Arzt im herkömmlichen Sinn. Er hat Medizin studiert, aber er ist quasi lebenslang Funktionär des staatlichen Gesundheitsapparats.

Im Jahr 1968 übernahm er den ersten Posten bei NIAID. Richard Nixon war noch nicht Präsident, das war noch Lyndon B. Johnson. Der Vietnamkrieg tobte. Deutschland wurde noch von Kurt Georg Kiesinger regiert. Seitdem kamen und gingen Präsidenten, Gesundheitsminister, Kongressmehrheiten und ganze politische Epochen.

Fauci blieb.

Im Jahr 1974 übernahm er eine eigene Abteilung, 1984 wurde er Direktor von NIAID. Das blieb er 38 Jahre lang. Zwischen 1988 und 1994 koordinierte er zusätzlich die AIDS-Forschung der „National Institutes of Health“ (NIH). Er war der Einflüsterer von sieben Präsidenten, Republicans und Democrats, von Ronald Reagan bis Joe Biden. Nach mehr als einem halben Jahrhundert im Staatsdienst wechselte er 2023 als Professor an die Georgetown University.

Man könnte sagen: Eine solche Karriere bedeutet Erfahrung. Man kann aber auch sagen: Sie bedeutet Macht – und zwar unverdünnt durch politische Wahlen. Man kennt das von Behördenchefs auf der ganzen Welt: Mit jedem Jahr im Amt wachsen der Einfluss und die Unantastbarkeit. Fauci kontrollierte Forschungsprioritäten und Fördergelder, er überwachte Studienprogramme und den Zugang zur politischen Führung. Mit seinen Stellungnahmen entschied er letztlich darüber, welche wissenschaftlichen Fragen als seriös galten und welche Forscher Geld bekamen.

Gewählte Regierungen müssen sich vor dem Volk rechtfertigen. Anthony Fauci musste das nie.

Der Mann verkörpert archetypisch eine Expertokratie, die sich selbst für unpolitisch erklärt, die aber in Wahrheit massiv in politische Entscheidungen eingreift. In der Corona-Zeit beanspruchte Fauci die Autorität „der Wissenschaft“. Heute, wo es um Verantwortung für entsetzliche Fehler geht, inszeniert er sich als unwichtiger Berater mit begrenzten Zuständigkeiten.

AIDS: Die Geburt des Systems Fauci

Schon in der AIDS-Krise Anfang der 1980er-Jahre zeigte sich seine Neigung, vage Möglichkeiten als weitgehende Gewissheiten vorzutragen – gepaart mit einer unübersehbaren Geltungssucht.

Nachdem auch einige Kinder an HIV erkrankt waren, spekulierte er 1983 in einem Bericht für das „Journal of the American Medical Association“ (JAMA) über eine mögliche Übertragung durch enge Kontakte im Alltag. Daraus entstand sinngemäß die Schlagzeile: Zusammenleben in der Wohnung kann AIDS übertragen.

Spätere Erkenntnisse bestätigten diesen Übertragungsweg nicht. Doch die Warnung eines (damals noch) angesehenen NIH-Mannes verstärkte die Angst vor Infizierten. Menschen mit HIV wurden gemieden, Kinder von Schulen ferngehalten, Patienten wie Aussätzige behandelt. Das passiert, wenn ein Beamter mit Regierungsautorität im Rücken öffentlich eine Worst-Case-Hypothese diskutiert.

Dann, 1984, übernahm Fauci die Leitung von NIAID. Während draußen eine tödliche Seuche tobte und Menschen starben, agierte der Forschungsapparat unter ihm mit dem Tempo und mit der Selbstgefälligkeit einer typischen Behörde: Prozesse waren wichtiger als Ergebnisse, Regeln wichtiger als Menschlichkeit.

Wer in einer offiziellen Studie außerhalb der Vorgaben selbstständig potenziell lebensrettende Präparate einnahm, wurde aus der Studie geworfen. Wer die absurd engen Kriterien nicht erfüllte, bekam keinen Zugang zu vielversprechenden experimentellen Präparaten. Wer nicht in der Nähe eines großen Forschungszentrums lebte, blieb oft draußen. Für Faucis Behörde waren die kranken Menschen, denen die Zeit davonlief, kaum mehr als Studienobjekte. Der Kinofilm „Dallas Buyers Club“ rekonstruierte den Skandal als Hollywood-Film und bekam dafür drei Oscars.

Fauci hatte die Regeln nicht erfunden. Aber er stand an der Spitze der Bürokratie, die sie verteidigte.

„Fauci, du tötest uns“

Aktivisten aus der Homosexuellen-Szene wurden zunehmend wütend. Sie besetzten Gebäude, störten öffentliche Veranstaltungen und konfrontierten die abgehobene Medizin-Bürokratie mit den verheerenden Folgen von deren sturer Regelfixierung.

Der Aktivist Larry Kramer überschrieb einen offenen Brief an Fauci 1988 mit den Worten: „Ich nenne Euch Mörder.“ In dem Schreiben bezeichnete er Fauci außerdem als inkompetenten Idioten.

Das traf einen wunden Punkt. Tatsächlich verwaltete die Medizinbürokratie umständlich ihre eigenen Verfahren, während auf den Krankenhausstationen eine Generation junger Männer starb. Fauci gab später selbst zu, das damalige Studiensystem sei zu starr und „benutzerunfreundlich“ gewesen. Diese Formulierung klingt noch heute grotesk harmlos. Ein schlecht programmierter Fahrkartenautomat ist benutzerunfreundlich. Bei AIDS bedeutete „Benutzerunfreundlichkeit“, dass Todkranke keinen Zugang zu möglicherweise lebensrettenden Medikamenten bekamen.

Erst der massive Druck der Aktivisten öffnete das System. Patientenvertreter bekamen Zugang zu Beratungsgremien. Aufnahmebedingungen für Studien wurden verändert. Community-basierte Studien entstanden. Dem Druck beugte sich der geschmeidige Fauci dann 1989: Da endlich unterstützte auch er den „Parallel Track“, der experimentelle Präparate auch außerhalb klassischer Studien zugänglich machte.

Aber Fauci reagierte erst, nachdem die Betroffenen aus der Rolle dankbarer Patienten ausgebrochen waren und den politischen Preis des Stillstands erhöht hatten. Dann gab er öffentlich den großen Reformer – doch er reformierte ein System, dessen Starrheit er zuvor selbst verursacht hatte.

Der Tunnelblick auf AZT

Das Symbol dieser Epoche war AZT. Der Wirkstoff war 1964 als mögliches Krebsmedikament entwickelt worden. Dann legte man es wegen fehlender Wirksamkeit beiseite.

Im Jahr 1985 zeigte AZT im Laborversuch (nicht an Menschen) eine Wirkung gegen HIV. Plötzlich griffen die US-Gesundheitsbehörden in ungeahnter Geschwindigkeit nach dem Strohhalm.

Eine Studie mit schwer erkrankten Patienten wurde nach nur 16 Wochen vorzeitig beendet. Kritiker sagen: Um AZT schnell zulassen zu können. Das tat die US-Genehmigungsbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) dann auch im Jahr 1987. Es gab keinerlei solide Langzeitkenntnisse. Die verabreichten Dosen verursachten schwere Nebenwirkungen; dazu gehörten Anämien, Schädigungen des Knochenmarks, Übelkeit und eine zusätzliche Belastung ohnehin geschwächter Patienten. Das Medikament musste rund um die Uhr eingenommen werden und kostete anfangs etwa 10.000 Dollar pro Jahr. Die HI-Viren entwickelten bei einer Monotherapie Resistenzen.

Die Studie, mit der alles gerechtfertigt wurde, war nicht nur viel zu früh abgebrochen worden: Nur ein kleiner Teil der Teilnehmer hatte selbst die verkürzte Beobachtungszeit komplett mitgemacht. Begleitbehandlungen waren nicht vereinheitlicht. Der Abbruch verhinderte genau jene längerfristigen Erkenntnisse, die bei einem derart giftigen Medikament besonders wichtig gewesen wären.

Das alles störte Fauci nicht.

Sein NIAID ließ AZT sogar auch an symptomfreien HIV-Infizierten untersuchen. Frühe Ergebnisse deuteten auf eine Verzögerung des Krankheitsverlaufs hin. Daraufhin wurde die Behandlung auf Menschen ausgeweitet, die noch keine AIDS-Symptome hatten. Spätere Langzeitdaten und die britisch-französische sogenannte „Concorde“-Studie zeigten jedoch keinen Überlebensvorteil der sofortigen AZT-Gabe bei symptomfreien Infizierten.

Fauci räumte 1993 selbst ein, der anfänglich sichtbare Vorteil sei nach längerer Beobachtung verschwunden. Bei symptomfreien Patienten stand einem möglichen kurzfristigen Nutzen die erhebliche Toxizität gegenüber. Das war wieder die Methode Fauci: Eine selbstherrliche Medizinbürokratie machte aus einem ersten Hoffnungsschimmer mal eben eine amtliche Einbahnstraße. AZT erhielt die zentrale Forschungsaufmerksamkeit und institutionelles Prestige. Andere vielversprechende Ansätze mussten sich weiter mühsam durch das Behördendickicht kämpfen und blieben oft erschöpft auf der Strecke.

Fauci stand an der Spitze eines Systems, das selbst in Fragen von Leben und Tod nur den Ausweg gestattete, den es selbst kontrollierte.

Geschichte wiederholt sich

Die Parallelen zu Corona knapp 40 Jahre später sind verblüffend.

Die Corona-Impfstoffe waren zwar kein neues AZT. Die institutionelle Reaktion war trotzdem fast dieselbe. Wieder wurde Unsicherheit als Gewissheit präsentiert. Wieder kontrollierte eine kleine Gruppe von selbsternannten Experten die zulässige Debatte. Wieder galten Kritiker nicht als Menschen mit möglicherweise richtigen Einwänden, sondern als Gefahr für die öffentliche Gesundheit.

Äußerst dubios bleibt Faucis Rolle beim Ursprung des Virus. Der US-Rechnungshof hat Zahlungen des NIH über die „EcoHealth Alliance“ an das Wuhan Institute of Virology bestätigt. Er stellte zudem erhebliche Lücken bei der Überwachung ausländischer Forschungspartner fest. Das beweist mindestens, dass Fauci öffentlich auch deshalb maximal selbstsicher auftreten konnte, weil er kaum politische Kontrolle fürchten musste.

Der lebenslange Bürokrat Fauci beherrscht eine Kunst besonders gut: Sich in der Krise riesigen Einfluss zu sichern – und später die eigene Verantwortung kleinzureden. In der AIDS-Krise behandelte er Todkranke lange als Bittsteller, mitunter auch als Versuchskaninchen. In der Corona-Zeit forderte er aggressiv Vertrauen in einen Apparat, der unter seiner Führung schon wieder denselben Unfug anstellte.

Jahrzehntelang verlangte Fauci, dass man seinen Aussagen glaubt. Jetzt verlangen die gewählten Volksvertreter Rechenschaft über diese Aussagen – und bekommen nichts als Schweigen. Ausgerechnet der Mann, der Zweifel an seinem öffentlichen Urteil stets zur Gefahr für das Vertrauen in die Wissenschaft erklärte, verschanzt sich jetzt hinter Anwälten.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 56 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

56 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Mausi
17 Tage her

Ludwig IVX bzw. Heinrich VIII. Die Herrscher dieser Zeit verstand sich als Herrscher von Gottes Gnaden. Es kam nicht auf die Zustimmung menschlicher Einrichtungen oder Institutionen oder gar auf die des Volkes an. Wie sagte meine Großmutter früher: Jede Mode kommt wieder.

Konstanze Werner
18 Tage her

Eine Nachfrage zu den jüngsten Veröffentlichungen in Bezug auf die modmRNA-Injektionen für Schwangere:
In den Textnachrichten wird über ausgelöste Zytokinsürme und Fieber nach der zweiten Injektion mit diesem Medikament berichtet. Von einem erhöhten Fehlgeburtenrisiko war die Rede.
Nun: Welche wissenschaftliche Studien lagen Fauci und Ptn. eigentlich vor, die über Zytokinstürme und Fieber nach den Injektionen, hier besonders nach der zweiten, berichteten ? Er beruft sich ja drauf !

Der Ingenieur
18 Tage her

Denn an seinem allerletzten vollen Tag im Amt hatte Ex-Präsident Joe Biden von den Democrats – oder wer auch immer für ihn da die Entscheidungen traf – Fauci schon im Januar 2025 vorsorglich begnadigt: für alle möglichen Bundesstraftaten zwischen dem 1. Januar 2014 und dem 19. Januar 2025, soweit sie mit Faucis Regierungsfunktionen zusammenhängen.

Trotzdem will der Mann, der für Amerika jahrzehntelang stets alle Antworten parat hatte, nun nicht nur keine mehr geben. Er will erst gar nicht mehr kommen.“

Weil die Begnadigung nur auf Bundesebene gilt und ihm von den meisten Bundesstaaten droht, doch noch zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Michi Wetter
18 Tage her

Wissenschaft ist das einzige Wort das zum Gegenteil wird, wenn man den bestimmten Artikel davor setzt! (R. Lindzen)

Jens Frisch
18 Tage her

Der „Deep State“ ist nur eine Verschwörungstheorie? Ach, wer hat denn einen Fauci gewählt oder die Chefs von NSA, FBI, CIA, FDA, NIH oder der Federal Reserve? Mein Dank für diese Erkenntnis geht an John McAfee.

humerd
18 Tage her

Der Fal Fauci beweist nur eines, dass Mediziner und Wissenschaftler nur Handlanger der PolitikerInnen sind. In der Vergangenheit, der Gegenwart und das wird auch in der Zukunft so sein.

giesemann
18 Tage her
Antworten an  humerd

Sie sind Mediziner und Wissewas?

Okko tom Brok
18 Tage her

Die Begnadigung wurde ja offenbar vom “Autopen” des Weißen Hauses ausgefertigt und sollte nach Möglichkeit aufgehoben werden. Diese Frankenstein-Medizin samt ihren Agenten gehören vor Gericht!

Sonny
18 Tage her

Wenn ich das alles über fauci so lese, werden bei mir düstere Erinnerungen an die Nazi-Zeit des zweiten Weltkrieges wach. Wie kommt das nur?
Für fauci jedenfalls werden keine „Nürnberger Prozesse“ stattfinden. Dafür haben skrupellose Politiker u.a. mit einem dementen Präsidenten-Darsteller als Marionette gesorgt.

Wolfgang Richter
18 Tage her

Ob dem Herrn Aussageverweigerungs-/Auskunftsverweigerungssrecht zusteht, wo er doch von Biden für alle möglichen Schandtaten vorsorglich begnadigt wurde, also für ihn keine Strafverfolgung daraus droht, dürfte fraglich sein. Und genau deshalb droht ihm jetzt Strafverfolgung wg. Mißachtung des „parlamentarischen Untersuchungsausschusses“, gut so. Stellt sich noch die Frage, ob er anwaltlich „unzureichend“ beraten wurde oder sein Ego es nicht zuließ, mit Beantwortung der Fragen seine diversen Falschaussagen und damit Schandtaten zu Amtszeiten zu bestätigen.

giesemann
19 Tage her

Ich denke, man tut Fauci zu viele der Ehre an. Schließlich ist der Mediziner, kein Wissenschaftler, weiß also nichts. Alle haben geweint, Hilfe, mein Opi stirbt mit 85! Tut was, verbietet uns was. Zum Opi: Na und? Zu mir hat damals ein Infektiologe gesagt: Sie sind also auch einer von denen … . Weil ich ihm gesagt hatte, ich lasse mich nicht „impfen“. Doch nicht wegen einer lausigen Grippe; die allgemeine Impfung gegen Grippen aller Art habe ich wie jedes Jahr machen lassen auch zur Anstachelung meines Immunsystems. Allein die Adjuvantien tuns. Das wars, basta. Dass sich das Volk zu… Mehr