Bundesländer wollen mit Mehrheit gegen AfD entscheiden

Die „Ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder“ ändert ihre Regeln. Aus Angst vor der AfD lässt man das Prinzip der Einstimmigkeit fallen. Das trifft nun auch die „Linke“, die sich bisher bei den Guten wähnte.

Abschlusspressekonferenz im Hamburger CCH - Herbert Reul (CDU), Innenminister Nordrhein-Westfalen NRW, Alexander Dobrindt (CSU), Bundesinnenminister, Andy Grothe (SPD), Innensenator Hamburg (von links)

Die Innenministerkonferenz, kurz IMK, ist ein Musterbeispiel deutscher Hinterzimmerpolitik. Eigentlich gibt es sie gar nicht, denn sie hat keine Rechtsgrundlage. Sie steht in keinem Bundesgesetz, in keinem Landesgesetz und schon gar nicht im Grundgesetz.

Aber sie spielt große Politik, seit 72 Jahren schon.

Die IMK ist ein Nicht-Gremium: eine informelle Arbeitsgemeinschaft, höchstens; juristisch etwa auf der Ebene eines Kaffeekränzchens von Leuten, die zufällig alle auch Innenminister in ihrem jeweiligen Bundesland sind. Trotzdem ist sie mächtig und trifft Entscheidungen, die unmittelbar das Leben vieler Millionen Menschen in Deutschland betreffen. Ihre Beschlüsse ersetzen kein Gesetz. Ihre Macht entsteht durch politische Absprachen, die anschließend in den Ländern umgesetzt werden.

Darin gleicht die IMK der Kultusministerkonferenz (KMK). Die KMK legt seit Jahrzehnten ohne Rechtsgrundlage die Termine der Sommerferien für alle Bundesländer fest. Die IMK hat zum Beispiel über die Aussetzung bzw. die Wiederaufnahme von Abschiebungen in Krisenstaaten entschieden; und über Rückführungen von Straftätern und Gefährdern in den Irak oder nach Syrien.

Und sie hat Beschlüsse zum Verbot und zum Entzug staatlicher Mittel für rechtsextreme Vereine gefasst.

Keine Regeln, aber jetzt neue Regeln

Nicht einmal eine Geschäftsordnung hat die IMK. Sie hat nur Traditionen. Seit 1954 galt: Ein gemeinsamer Beschluss kommt nur zustande, wenn kein Land widerspricht. Enthaltungen waren möglich.

Jetzt, nach sieben Jahrzehnten, hat die IMK plötzlich neue Abstimmungsregeln.

Künftig reichen für gemeinsame Entscheidungen 13 der 16 Stimmen aus den Bundesländern. Diese Änderung der Verfahrensregeln wurde im schriftlichen Umlaufverfahren beschlossen. Eine 72 Jahre alte Praxis wird per Rundschreiben entsorgt.

Natürlich wegen der AfD.

Das sagt die IMK selbst ausdrücklich. Falls nämlich die AfD in Sachsen-Anhalt das Innenressort übernimmt, hätte ihr Minister nach der bisherigen Regel gemeinsame Beschlüsse verhindern können. Deshalb fällt die Regel. Das ist die Geschäftsphilosophie von „Unsere Demokratie“: Wenn die Wähler plötzlich einen anderen Spieler aufs Feld schicken, dann werden flugs die Spielregeln so geändert, dass sich am Endergebnis trotzdem ganz sicher nichts ändert.

Die Einstimmigkeit zwang bisher die Minister verschiedener Parteien und verschiedener politischer Lager zum Kompromiss. Kein Bundesland konnte einfach überstimmt werden. Gerade weil die IMK zwar nur so ein seltsames Nicht-Gremium ist, aber trotzdem ordentlich mächtig, war das eine vernünftige Praxis: Zusammenarbeit entsteht durch Verständigung. Wer einen gemeinsamen Beschluss will, muss die anderen überzeugen.

Jetzt genügt es, wenn man bis 13 zählen kann.

Radikal ist nicht gleich radikal

Wie vernagelt „Unsere Demokratie“ auch in der IMK ist, zeigt Berlin.

Da wird nach ihrem fulminanten Wahlsieg absehbar die „Linke“ regieren. Es ist also absolut möglich, ja wahrscheinlich, dass die mehrfach umbenannte Mauermörderpartei SED in der Hauptstadt demnächst den Innensenator stellt. Trotzdem nennt die IMK als Grund für ihre historische Regeländerung ausschließlich nur Sachsen-Anhalt. Deutschland ist auf dem linken Auge blind.

Allerdings hat das Universum manchmal einen feinen Sinn für Ironie: Denn die neue Mehrheitsregel der IMK hat ja kein Parteibuch. Sie trifft eine künftig, von der „Linken“ geführte Regierung in Berlin genauso wie eine künftige, von der AfD geführte Regierung in Sachsen-Anhalt. Mit dem Werkzeug zur Abschaltung der bösen Rechten kann künftig auch die „Linke“ abgeschaltet werden. Und die dachte bisher, sie gehöre zu den Guten.

Die Brandmauer-Parteien, und dazu gehört die „Linke“ natürlich, reden von der Demokratie wie ein Hausbesitzer von seiner Alarmanlage: Sie soll das eigene Eigentum sichern. Nur ist das Land halt nicht das Eigentum der Brandmauer-Parteien. Und wenn die Wähler eine neue Partei ins Haus schicken, kann man nicht einfach an der Demokratie herumschrauben wie an einer Alarmanlage, nur um die Neuen auszusperren.

Die Minimaldefinition von Demokratie ist, dass die Bürger die Machthaber abwählen können – und dass diese Machthaber dann nach Hause gehen. Bei uns weigern sich die alten Machthaber gerade, die Macht abzugeben und nach Hause zu gehen.

Damit wird die Demokratie nicht gerettet. Damit wird sie abgeschafft.

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Kommentare ( 21 )

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Berni B.
22 Minuten her

Und sicherlich haben sie sich hinterher noch auf die Schultern geklopft.

Ludwig von Gerlach
23 Minuten her

Die koordinierende Funktion der IMK beruhte auf der Einstimmigkeit. Nur die stellte die Koordinierungswirkung der Beschlüsse in allen Bundesländern faktisch sicher, da es eine gesetzliche Bindung der Länder an diese Beschlüsse m.W. nicht gibt. Ein überstimmter AfD- Innenminister kann nunmehr zwar die anderen nicht hindern, sich zu koordinieren. Er ist aber keineswegs gezwungen, ihre Beschlüsse in seinem Land umzusetzen. Dadurch verliert die IMK letztlich ihre Funktion.

Axel Kostner
25 Minuten her

Bezugnehmend auf die beiden letzten Sätze: Die Demokratie IST in Deutschland bereits abgeschafft. Wer willkürlich Kandidaten einer Oppositionspartei von Wahlen ausschließt (Niedersachsen und Rheinland-Pfalz), wer eine „Wahl rückgängig macht“, weil der Wahlsieger der Kanzlerin nicht passt (Thüringen), wer den Menschen vorschreibt, welche Autos sie fahren dürfen und wie sie ihre Häuser heizen müssen, wer absichtlich das Leben der Bevölkerung immer weiter verteuert (CO2- und andere Steuern), wer das Gesundheitssystem absichtlich vor die Wand fährt, wer aus ideologischen Gründen die teuerste Energiepolitik weltweit betreibt, der hat die Demokratie längst begraben.

Ohanse
27 Minuten her

Wo sind die Angsthasen, die hier normalerweise „aber was kommt dann“ kreischen?

MeHere
27 Minuten her

Naja, es gibt das DING nicht in der Verfassung und wird trotzdem inkl. aller Kosten abgehalten und die Beschlüsse daraus werden befolgt – damit ist es strafbar, weil illegal … oder ? Zumindest Veruntreuung von Geldern ? Wir müssen uns damit abfinden, dass die Altparteien die freiheitliche Grundordnung der BRD bereits straffrei entsorgt haben und gerade ein sozialistisches Europa errichten, oder irre ich mich ?

Ho.mann
31 Minuten her

Man weiß um die politischen Fehler der Kartellparteien und diese bekunden jetzt, nachdem sie das Land mit ideologischen Gängelungen in einen desolaten Istzustand führten, wie man den Spagat vom Problemverursacher zum Problemlöser zwecks eigenem Machterhalt – natürlich ohne die AfD – meistern will. Blöd ist nur, dass der eigene riesige Vertrauensverlust auch mit der ausufernden Migrantengewalt im Land einhergeht. So wird die hinterfotzige Aktion gegen die AfD ganz sicher zum eigenen Rohrkrepierer.

Peter Gramm
35 Minuten her

Ich finde, die Herrschaften sollten die Bürger überzeugen und weniger permanent an den Regularien herumdoktern. Damit zeigen sie doch nur dass ihnen nichts mehr einfällt um die Probleme der Bürger zu lösen. Es muß doch wohl Gründe haben warum die Bürger immer öfter die AfD wählen. Den etablierten Parteien wurde das Vertrauen entzogen. Dies zurück zu gewinnen wäre oberste Aufgabe der Parteien Daran fehlt es leider. Lieber halten sie sich an den Fleischtöpfen fest und klopfen laue Sprüche. Ein Großteil dieser Politfantasten kennen das Leben ja gar nicht. CV – Kreissaal, Hörsaal (wenn überhaupt), Plenarsaal. Das war’s dann aber auch.… Mehr

Last edited 23 Minuten her by Peter Gramm
U.S.
35 Minuten her

CDU – SPD – Grüne sehen, dass sie entweder gegen Linke oder gegen AfD verlieren.

“ Buerluen“ wählt extrem Linke ( auch mit Hilfe von eingebuergerten Menschen mit Migrationshintergrund) oder Sachsen Anhalt wählt extrem rechts, AfD.

Kraichgau
57 Minuten her

wer zb auf „Welt“ schaut,wo dieser Beschluss freudig begrüsst wird vom Blatt,sieht man eine riesige Empörungswelle in den Kommentaren…
diese „Helden“ demontieren sich selbst in ihrem Versuch,die anderen auszugrenzen,sie demaskieren ihre Demokratiesimulation selbst,eigentlich ohne Not.
Herrliche Zeiten,damit wird der Beginn des Endes dieser Form von „unseredemokratie TM“ gelegt

Llug
1 Stunde her

Das wird sich auch nicht aendern. Die LINKE ist gut- bekomm ich imner wieder von Leuten erzaehlt . Erst wenn die Mietenteignungen und der Kommunismus auch die kleiben Leute trifft – mein Partner komntvaus der DDR und weiss wovon er spricht – WIRD SICH WAS AENDERN. “ Nur nicht anstrengen, sagt dass Gehirn! Der Staat soll machen und er MACHT!!!!!“ Mit Vollgas in den Abgrund vorher wird das nix!