Werding will an Beamten-Wasserkopf: Lehrer und Professoren müssen keine Beamten sein

Endlich entdeckt ein Wirtschaftsweiser ein Sparpotenzial, das nicht im Portemonnaie der Bürger liegt. Martin Werding fordert niedrigere Beamtenpensionen und weniger Verbeamtungen. Lehrer und Professoren könnten künftig Angestellte sein. Die Machete setzt er ausnahmsweise dort an, wo der Staat selbst wuchert.

@ dts

Es geschehen hin und wieder doch noch Zeichen und Wunder im deutschen Sachverständigenwesen. Ein Wirtschaftsweiser macht einen Vorschlag, bei dem der Staat nicht zuerst darüber nachdenken soll, wo beim Bürger noch etwas zu holen ist. Martin Werding, Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, wagt sich stattdessen an eines der bestgehüteten Reservate der Bundesrepublik: die Beamtenversorgung.

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Werding fordert niedrigere Pensionen. Die maximale Beamtenpension müsse von derzeit 71,75 Prozent der ruhegehaltfähigen Dienstbezüge auf 68 Prozent sinken, sagte er der „Rheinischen Post“. Hintergrund ist die Rentendebatte: Wenn gesetzlich Versicherten Reformen und Einschnitte zugemutet werden, müssten diese nach Werdings Auffassung wirkungsgleich auf Beamte übertragen werden.

Das klingt eigentlich selbstverständlich. In Deutschland besitzt der Gedanke allerdings beinahe revolutionären Charakter.

Der geltende Höchstruhegehaltssatz des Bundes liegt tatsächlich bei 71,75 Prozent. Er geht auf die Anfang der 2000er Jahre beschlossene Absenkung des früheren Höchstsatzes von 75 Prozent zurück. Seither ist an dieser entscheidenden Stellschraube nichts mehr verändert worden. Bei der gesetzlichen Rente dagegen folgt eine Reformdebatte auf die nächste. Länger arbeiten, später in Rente gehen, Beitragssätze im Blick behalten, Leistungen begrenzen: Der normale Arbeitnehmer kennt die Richtung seit Jahren. Werding stellt nun die unangenehme Frage, warum der Anpassungsdruck eigentlich zuverlässig vor der Beamtenversorgung Halt machen soll.

Seine Antwort: Das ist nicht fair. Bemerkenswerter noch ist sein zweiter Vorschlag. Werding will die Verbeamtung insgesamt zurückfahren. „Lehrkräfte und vielleicht auch Professoren müssen künftig keine Beamten mehr sein“, sagt er.
Da wird es interessant.

Denn ausgerechnet beim Berufsbeamtentum behandelt Deutschland seit Jahrzehnten staatlich erzeugte Strukturen wie Naturgesetze. Dass Polizisten, Soldaten oder bestimmte hoheitlich tätige Staatsbedienstete in einem besonderen Dienst- und Treueverhältnis stehen, lässt sich begründen. Warum aber ein Mathematiklehrer am Gymnasium zwingend auf Lebenszeit Beamter sein muss, erschließt sich weit weniger. Bei einem Hochschulprofessor wird die Begründung noch sportlicher.

Ganz allein steht Werding mit dem Gedanken, auch die Beamtenversorgung in die Reform einzubeziehen, allerdings nicht. Auch die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, hat gefordert, Einschnitte bei der gesetzlichen Rente entsprechend auf Beamte zu übertragen. Renteneintrittsalter und Entwicklung der Versorgungsbezüge dürften kein Schutzgebiet bleiben; langfristig hält sie sogar eine Umstellung des Pensionssystems für sinnvoll.

Werding geht nun allerdings einen entscheidenden Schritt weiter: Er stellt nicht nur die Höhe der Versorgung infrage, sondern die Verbeamtung selbst. Lehrer und möglicherweise Professoren müssten überhaupt keine Beamten mehr sein. Genau dort liegt der politisch spannendere Hebel. Statt lediglich innerhalb eines immer größer gewordenen Versorgungssystems Prozentpunkte zu verschieben, stellt Werding die vorgelagerte Frage: Für welche Tätigkeiten braucht der Staat das Berufsbeamtentum tatsächlich – und wo hat er daraus längst ein kostspieliges Normalarbeitsverhältnis mit lebenslangen Sonderverpflichtungen gemacht?

Der Staat hat die Verbeamtung längst weit über jene Bereiche ausgedehnt, in denen hoheitliche Aufgaben oder ein besonderes staatliches Loyalitätsverhältnis sie zwingend erscheinen lassen. Damit kauft er sich Personal durch Privilegien ein, deren Kosten teilweise erst Jahrzehnte später sichtbar werden. Die Rechnung landet bei kommenden Haushalten. Und genau dort setzt Werding wenigstens einmal die Machete an.

Das ist eine begrüßenswerte Abwechslung im deutschen Ökonomenbetrieb. Denn dessen Reformvorschläge laufen auffallend häufig darauf hinaus, das Leben derjenigen zu reformieren, die den Staat finanzieren. Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, forderte etwa Ende 2025 eine stärkere Besteuerung von Firmenerben. Im Mai erklärte sie zudem, ältere Generationen sollten sich stärker an den Pflegekosten beteiligen.

Man kann über jeden dieser Vorschläge einzeln diskutieren. Das Grundmuster deutscher Reformpolitik bleibt trotzdem bemerkenswert: Hat der Staat ein Finanzierungsproblem, beginnt die Suche bevorzugt außerhalb des Staates. Werding dreht hier einmal die Blickrichtung um. Er lehnt deshalb auch die alte Idee ab, Beamte einfach in die gesetzliche Rentenversicherung hineinzuziehen. Diese Forderung klingt populär, löst nach seiner Auffassung aber das strukturelle Problem nicht. Neue Beitragszahler bringen schließlich später neue Leistungsansprüche mit. Ein Rentensystem wird nicht dauerhaft saniert, indem man zunächst zusätzliche Einzahler hineinholt und deren spätere Ansprüche geflissentlich ausblendet.

Das ist zumindest erheblich seriöser als die politische Wunderrechnung, mit der regelmäßig suggeriert wird, Beamte, Selbstständige oder sonstige Gruppen müssten nur in die Rentenkasse gezwungen werden und schon sprudelten dort auf wundersame Weise Milliarden ohne spätere Verpflichtungen.
Werding geht an die Ausgabenseite. Weniger Verbeamtungen bedeuten weniger neue lebenslange Versorgungsverpflichtungen. Niedrigere Höchstpensionen bedeuten, dass die Lasten der Alterung nicht ausschließlich Arbeitnehmer und Rentner außerhalb des Staatsapparates tragen. Reformen der gesetzlichen Rente sollen sich auch in der Beamtenversorgung niederschlagen.

Vor allem Lehrer zeigen, wie absurd die deutsche Konstruktion teilweise geworden ist. Ein Lehrer kann an einer staatlichen Schule dieselbe Klasse unterrichten, denselben Lehrplan abarbeiten und dieselbe Verantwortung tragen wie sein Kollege im Nebenzimmer, während der eine Angestellter und der andere Beamter ist. Im Ruhestand trennen sich ihre Versorgungssysteme endgültig.

Die Politik diskutiert unterdessen seit Jahren über die angeblich unvermeidlichen Zumutungen des demografischen Wandels. Arbeitnehmer sollen länger arbeiten. Beitragszahler sollen höhere Sozialabgaben schultern. Steuerzuschüsse zur Rente verschlingen schon heute gewaltige Summen. Nur beim eigenen Personal des Staates wird jede grundsätzliche Diskussion schnell zum Tabubruch.

Werdings Vorstoß ist deshalb politisch wichtiger, als die nüchterne Zahl von 68 Prozent zunächst vermuten lässt. Er stellt die Frage, die in Berlin viel zu selten gestellt wird: Muss eigentlich jede historisch gewachsene Staatsleistung in ihrer heutigen Form weiterbestehen? Deutschland hat über Jahrzehnte einen öffentlichen Apparat aufgebaut, dessen Personalkosten nicht mit dem letzten Arbeitstag seiner Beschäftigten enden. Die Pensionsversprechen laufen weiter. Bund und Länder müssen für Verpflichtungen aufkommen, die frühere Politiker eingegangen sind und spätere Steuerzahler bezahlen. Wer angesichts einer alternden Gesellschaft über die Zukunft der Rente redet, kann diesen Bereich nicht dauerhaft ausklammern.

Zum vollständigen Bild gehört allerdings: Werding beschränkt seine Reformvorschläge nicht auf Beamtenpensionen und Verbeamtungen. Gleichzeitig stellt er auch bestehende Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung infrage. So plädiert er dafür, die Witwenrente in ihrer heutigen Form durch ein Rentensplitting zwischen Ehepartnern zu ersetzen. Nach seiner Argumentation entspricht die klassische Hinterbliebenenversorgung zunehmend weniger einer Gesellschaft, in der beide Partner eigene Rentenansprüche erwerben.

Darüber hinaus spricht sich Werding gegen die Mütterrente III aus, will die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren schneller zurückführen und höhere Abschläge bei einem vorzeitigen Renteneintritt prüfen. Sein Ansatz ist damit breiter, als es der Vorstoß zur Beamtenversorgung zunächst vermuten lässt: Werding verlangt Einschnitte sowohl bei staatlichen Versorgungssystemen als auch bei der gesetzlichen Rente.

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Kommentare ( 104 )

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104 Comments
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andreas
1 Monat her

Der Vorschlag der Absenkung von 72 auf 68 Prozent ist wohl der machbare. Lehrer nicht mehr zu verbeamten, klingt zwar vernünftig, wird aber extrem abschreckend wirken. Viele Leute können sich einfach den Alltag an Schulen voller Mihigru-Schüler nicht vorstellen. Das macht im allgemeinen keiner, der nicht dafür ordentlich entschädigt wird, eben durch die Verbeamtung. Der heutige Schulalltag hat, außer in manchen Gymnasien, nur mehr wenig damit zu tun, was heute z.b. Vierzig- oder Fünfzigjährige damit verbinden. Ist auch mit ein Grund dafür, dass Lehrer heute oft über erfundene Funktionsstellen eher höher besoldet werden. Der Dienstherr bezahlt für das stille Hinnehmen… Mehr

Steuernzahlende Kartoffel
1 Monat her

Viel schlimmer sind doch die a) immens aufgeblähten und b) auch noch zahlreich mit superlinksgrünen Parteigängern und Minderleistern besetzten Ministerien & nachgeordneten Behörden. Noch unter Schröder standen an vielen Posten die sog. kw-Vermerke. Anschließend wurde nicht nur nicht mehr abgebaut bzw. auf Wiederbesetzung verzichtet, es wurden tausende, wahrscheinlich zehntausende Stellen „geschaffen“. Wenn die wenigstens was zum Wohle der schon länger hier Lebenden bewirken würden, aber auch das ist überwiegend nullkommanull der Fall. Lehrer dagegen, auch Hochschullehrer, erbringen hingegen noch einen Dienst fürs Volk, der auch nicht unwichtig ist, und der teilweise (Prüfungsleistungen) durchaus hoheitlich ist. Und damit eins klar ist:… Mehr

Nibelung
1 Monat her

Richtig so, denn sie sollten einen Vertrag bekommen mit Arbeitsanweisungen und wer die nicht befolgt unterliegt einer Kündigungsfrist von max. 6 Monaten ohne Abfindung und kann sich je nach Bedarf beim Arbeitsamt anstellen, denn was dem einen sein Uhl ist dem anderen sein Nachtigall und alte preußische Bärte gehören abgeschnitten, was sogar vor 100 Jahren Atatürk geschafft hat und das war wahrlich keine leichte Nummer und müßte heute erst recht möglich sein, wären da nicht politische Eigeninteressen im Weg um das Linksgefühl aufrecht zu erhalten, mit allem drum und dran. Hat man früher noch einen der 14 Nothelfer um Beistand… Mehr

andreas
1 Monat her
Antworten an  Nibelung

Einfach mal heute in z. B. einer Berufsschule selber arbeiten statt große Töne spucken.

depa
1 Monat her

Wenn ich statt Beamtenpensionen mit 71% vom letzten Gehalt auf Renten mit 48%(?) umstelle spare ich Geld. Wieviele Beamtenpersionisten gibt es je Rentner? Ich vermute es würde dann für beide zu mehr als 50% reichen, ohne Mehrkosten.

Okko tom Brok
1 Monat her

Ohne einer Ungleichbehandlung von Beamten und Angestellten das Wort zu reden, erscheint mir der Gedanke fortwährender Leistungskürzungen zu stark dem Regierungsnarrativ zu folgen. Diese erheblichen Kürzungen erscheinen doch nur notwendig, weil der Staat (genauer: die Regierung) mit unser aller Geld schlecht haushaltet!

LarsL
1 Monat her

Ich frage mich bei solchen Diskussionen immer, warum man nicht verlangt das Rentenniveau anzuheben, statt die Pensionen zu kürzen.

mega2xbass
1 Monat her

das ist zu kurz gesprungen. Wenn ich richtig informiert bin, hat die Schweiz im Jahr 2000 das Beamtentum abgeschaft. Die Schweiz ist nicht kollabiert, verwaltungstechnisch handlungsunfähig geworden, existiert immer noch. Also was solls? Weg damit. Die Fürsten von Gottes Gnaden haben in den vergangenen Jahrhunderten sinngemäß folgendes versprochen: „Du tust, was ich sage, und ich halte meine Hand über dich, du und deine Familie wirst keine Not leiden.“ Wir haben keine Fürsten von Gottes Gnaden mehr. Ein Angestellter im Öffentlichen Dienst ist genau so gut, wie ein Beamter, nur ohne die Privilegien. Die Unterschiede zum „normalen“ Erwerbsvolk sind nicht mehr… Mehr

Klaus D
1 Monat her

Lehrer und Professoren müssen keine Beamten sein….und politiker müssen keine handys auf steuerzahlerkosten bekommen – was hier abgeht was überversorgung angeht ist nicht mehr normal. 04.08.2026„Mehrere Premium-Geräte für eine Person“: So viel kosten den Steuerzahler die Handys unserer Politiker……An die Unionsfraktion mit jetzt 208 Abgeordneten gingen laut „Bild“ die meisten Geräte im vergangenen Jahr. Die 476 neuen Handys und Tablets kosteten rund 435.800 Euro. Für die AfD-Fraktion wurden 442 Geräte im Wert von etwa 405.600 Euro geordert. Darauf folgt die SPD-Fraktion mit 284 Geräten und Ausgaben von rund 264.700 Euro. Bei den Grünen waren es 220 Geräte, die 166.658 Euro… Mehr

Logiker
1 Monat her

Werding sagt aber auch, dass ein „Aufschnüren“ des Renten“Reform“pakets dieses in den Kollaps führt.

Durchaus denkbar.

Deshalb werden Merz & Co. dieses mit Zähnen und Klauen verteidigen.
Entgegen Sinn und Verstand, nicht nur wegen der Rente mit 63.

Diese Rentenreform hatte nur einen Zweck – zu einem selbst bestimmten Termin etwas abzuliefern und das nicht durch inhaltlichen Diskussionen zu verzögern.

Dann kommen die Diskussionen eben später und der ganze Kram fliegt der Regierung Merz zurecht um die Ohren.
Wie sovieles andere auch.

Last edited 1 Monat her by Logiker
Giovanni
1 Monat her

Ich weiß nicht wieviel Lehrer sich für eine Lehrberuf berufen fühlen. Vielleicht ist es nur der Beamtenstatus,den sie anstreben. Wenn ihnen dieser abhanden kommt, werden wir vermutlich eine Lehrerkrise erzeugen.
Dann werden viele Schüler doch zu Hause unterrichtet werden müssen – siehe Forderung der AfD in Sachsen-Anhalt.