Fantasieprojektion: Deutschlands Problem mit der Krisendiagnose

Die Investmentbanker Hoops und Haagmann zeichnen in einem Gastbeitrag für die BILD rosige Konjunkturaussichten für Deutschland. Ein wenig medialer Flankenschutz für den Bundeskanzler, bevor es in wenigen Wochen bei den Landtagswahlen herbe Klatschen setzt.

picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Den Deutschen fällt die Diagnose ihrer ökonomischen Erkrankung mindestens so schwer wie die Wahl der Therapie. Niemand setzt sich freiwillig mit der wirtschaftlichen Realität im ehemaligen Wirtschaftswunderland Deutschland auseinander. Tausend Industriejobs gehen derzeit Tag für Tag verloren. Die Ökonomie investiert nicht mehr, ihre Nettoinvestitionsquote fiel bereits zu Jahresbeginn in den negativen Bereich – das Kapital flüchtet panikartig vom toxischsten Wirtschaftsstandort der Europäischen Union. Jedermann weiß, dass sich angesichts der Sturheit jenseits der Brandmauer nichts mehr zum Guten ändern wird.

Wie Balsam auf die Wunden der Bundesregierung wirkt da der Gastbeitrag von Stefan Hoops und André Haagmann in einem Meer schlechter Nachrichten. In der BILD publizierten die beiden ihren rosigen Konjunkturausblick für ein Land, das sich in seiner wirtschaftlichen Agonie festgefahren hat. Die beiden Investmentbanker, ihres Zeichens Vorstandsvorsitzende von DWS und Union Investment, geraten mit dem Blick auf die deutsche Konjunktur regelrecht ins Schwärmen: Sagenhafte 1,2 Prozent Wachstum sollen in diesem Jahr möglich sein, so die beiden Autoren. Deutschlands Gründerspirit sei wieder erwacht, die Zahl der Start-ups so hoch wie lange nicht mehr.

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Kann es sein, dass der Gigant erwacht? Entdecken die Deutschen tatsächlich ihren Unternehmergeist wieder, und wird nun endlich wieder zur Steigerung des Bruttosozialprodukts in die Hände gespuckt? Doch ist diese Ziffer schnell entzaubert! Denn in Deutschland wächst einzig und allein der Staatssektor, also der konsumtive Bereich, der keinerlei Werte schafft. Auf 52,5 Prozent hat das Duo Friedrich Merz und Lars Klingbeil die Staatsquote durch immer höhere Staatsausgaben getrieben. Bei einer Neuverschuldung im laufenden Jahr von 5,2 Prozent – rechnet man Sondervermögen und die hohen kommunalen Schulden hinzu – muss im Umkehrschluss die Privatwirtschaft um etwas mehr als 3 Prozent schrumpfen, um auf den Wert von 1,2 Prozent zu kommen. Selbstverständlich handelt es sich auch hierbei um eine Fantasiezahl – eine Chimäre der Hoffnung, dass der Wehretat von inzwischen 115 Milliarden Euro im Jahr sich statistisch bei den Investitionen niederschlägt.

Hoops und Haagmann spielen möglicherweise auf diesen Effekt an, wenn sie in ihrer Kalkulation auf 1,2 Prozent Wachstum kommen. Was sie nicht erwähnen: Kriegsproduktion erzeugt keine Güter, die die Bürger am Markt nachfragen würden – ganz im Gegenteil. Knappe Ressourcen werden gebunden, Steuergeld wird zur Finanzierung in Kanäle gelenkt, in denen sich eine überschaubare, aber politisch bestens organisierte Gruppe gesundstößt. Das alles hat mit Landesverteidigung nichts zu tun, wir erleben Militär-Keynesianismus, einen Versuch der Bundesregierung, sich im Wahljahr Luft zu verschaffen und ein konjunkturelles Strohfeuer zu zünden.

Ist es tatsächlich möglich, dass ökonomische Analyse in Kreisen deutscher Investmentbanker nur noch eindimensional-quantitativ erfolgt? Fragt niemand mehr nach den ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, nach den Wurzeln von Prosperität? Ist den Herrschaften entgangen, dass nur die Privatwirtschaft, aus dem Sparprozess der Gesellschaft heraus und gesteuert über einen nicht manipulierten Preismechanismus, durch Investitionen in den Kapitalstock, in die Infrastruktur und in das Know-how der Menschen Wohlstand schaffen kann?

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Offenkundig dominiert technokratisches Denken in Investmentkreisen. Sie übersehen, dass der zerstörerische Interventionismus, der inzwischen über 321 Milliarden Euro oder sieben Prozent des BIP über Subventionen und Fördermittel lenkt, den Wohlstand des Landes zerreibt. Aus Sicht der Investmentbanker ist es unerheblich, dass der Staatssektor über 200.000 Stellen im Jahr im öffentlichen Dienst zubaut und die ökonomische Zukunft des Landes regelrecht verspeist.

Sie verweisen auf das Gründungsgeschehen, unterschlagen aber die Tatsache, dass nicht wenige der sogenannten Start-ups mit Fördermitteln, also politisch motiviert, gegründet werden. Sie finden sich oft in Bereichen, die keinerlei Marktrelevanz besitzen. Um eine tatsächliche deutsche Gründerkultur zu stimulieren, müssten die Abgaben gesenkt werden. Der Bürokratiewahnsinn sollte verschwinden. Und es ist höchste Zeit, das Ende des Klimakults einzuläuten, sofern man daran interessiert ist, die Wachstumsbremsen zu lösen.

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Wie es tatsächlich um die deutsche Konjunktur bestellt ist, beschrieb die Halbjahresanalyse des Chemieverbandes VCI sehr präzise. Um über drei Prozent schrumpfte die Produktion im konjunktursensitiven Bereich. Die Chemie ist das tatsächliche Fieberthermometer der Ökonomie, da sich ihre Produkte am Beginn so zahlreicher Wertschöpfungsketten wiederfinden – von Kunststoffen und Basischemikalien über Lacke und Klebstoffe bis hin zu Düngemitteln. Stockt beispielsweise die Automobilproduktion oder geht es im Maschinenbau und der Elektrotechnik bergab, spüren die Betriebe der Chemie diesen Effekt vor allen anderen. Folgerichtig wird der Sektor in diesem Jahr um mindestens 3,5, wenn nicht deutlich über 4 Prozent schrumpfen. Dies entspricht der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage der deutschen Ökonomie, da sich der gesamte Wohlstand in letzter Konsequenz als eine Deduktion der Industrieproduktion begreifen lässt.

Das rasche Feuerwerk von Hoops und Haagmann verglüht in dem Moment, in dem man die Produktivität der Wirtschaft als letzten Vektor hinzuzieht. Seit 2018, dem Höhepunkt der deutschen Industrieproduktion, stagniert die Arbeitsproduktivität, scheint zuletzt sogar leicht zu erodieren. Zum Vergleich: In den USA steigt diese Ziffer mit einer Jahresrate von über 4,5 Prozent. Dort setzt man auf private Investitionen, dereguliert, senkt die Steuern – irgendetwas machen sie richtig in Washington, während man in Deutschland auf die Wunder der Staatswirtschaft hofft.

Letzten Endes wird es den beiden Investmentbankern egal sein, wo sich die nächste Wachstumsstory ereignet. Investmentkapital zirkuliert politisch agnostisch, und die USA dürften wohl der regionale Schwerpunktmarkt der beiden Investmenthäuser bleiben.

Das hätten sie der Ehrlichkeit halber ihrem Gastbeitrag als Disclaimer voranstellen sollen.

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Kommentare ( 23 )

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HansCastorp
19 Tage her

Helmut Kohl wusste: Bei einer Staatsquote von über 50 Prozent herrscht Sozialismus. Voilá!

Logiker
20 Tage her

Wir sehen auch in dieser Branche eine völlig realitätsferne, politisch korrekt verzogene Management-Generation – so, wie z.B.in der Automobilwirtschaft, der Energiewirtschaft, Wissenschaft, Ökonomie oder Justiz etc. Resultat einer politisch gesteuerten, einseitigen Komplettverunklugung. Geliefert wie bestellt! Immerhin haben Mercedes, Porsche und BMW vor, tausende von „Managern“ zu entlassen – leider 30 Jahre zu spät. Solche Typen hätte es nie gebraucht – ohne Verlust. Akademisierungswahn at its best ! ___________________________________________ Schaut man sich die nach wie vor exorbitanten Studienzahlen von BWLern an, zeigt das – man hat immer noch nichts gelernt aus der Misere. __________________________________________ Witz des Tages: Einen Heißluftballon hat es… Mehr

Last edited 20 Tage her by Logiker
GermanMichel
20 Tage her

Der renommierte Think Tank „German & Michel“ bestätigt diese rosigen Zukunftsaussichten.

Allerdings mit einem zusätzlichen Schritt im zeitlichen Ablauf:

– Destabilisierung (aktuell)
– KRISE (demnächst)
– Neues Normal (Zukunft)

Bevor man zu „Wieder Auferstanden aus Ruinen“ kommt, muss es erstmal Ruinen, totale Zerstörung, Reset auf vielen Ebenen geben, insbesondere Währung natürlich.

Das ist so geplant, wird aber ein brutaler Absturz, und könnte durchaus mit Zivilisationskollaps und danach einem langen dunklen feudalistischen Mittelalter einhergehen.

Danach sollte auch wieder eine große Blütezeit folgen, nur eben sehr viel dunkelhaariger und dunkelhäutiger als in den beiden Jahrtausenden der Germanen.

Last edited 20 Tage her by GermanMichel
Deutscher
20 Tage her

Hat der „Finanzminister“ das letzte Sondervermögen für Gummibärchen ausgegeben?

Logiker
20 Tage her
Antworten an  Deutscher

für Katapulte und Steinschleudern.
Mehr war nicht drin nach dem Verwaltungsakt des Bundeswehrbeschaffungsamtes.

wat nu
20 Tage her
Antworten an  Deutscher

Ehrlich, mich gruselt es bei der Vorstellung, dieser Quaddel die Hand zu geben. Der ist dermassen verfettet (wie alt ist der eigentlich?), wie kann man soooo durchs Leben laufen? Alles unförmig, alles, wirklich alles wabbelig.
Der hat niemals irgendwas gearbeitet, auch nicht an sich selber. Weder körperlich noch geistig.

Sohn
20 Tage her

Sehr sehens- und hörenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Interview mit der mittelständische Unternehmerin Andrea Thoma-Böck bei Apollo-News. Ihre Aussagen decken die präzisen Diagnosen von Ihnen, werter Herr Kolbe, zu 100%. Leider, sozusagen. Kernaussage: „Hier gehts ums blanke Überleben“.
Der Gastbeitrag von Hoops und Haagmann ist ein typisches Gefälligkeitsgutachten. Buchstäblich für die Tonne.

Last edited 20 Tage her by Sohn
Biskaborn
20 Tage her

Möglicherweise eine Auftragsarbeit der beiden Investmentbanker. In diesem Land überlassen die Linken nichts dem Zufall!

HansCastorp
19 Tage her
Antworten an  Biskaborn

Hat man denen auch ein paar Milliönchen an „Corona“-Rückzahlungen erlassen, so wie Herrn Hallervorden…?

Paul Brusselmans
20 Tage her

„Über sieben Brücken musst Du gehen, sieben dunkle Jahre überstehen“ (Karat).
Fangen wir doch mit der Erneuerung der kaputten Brücken an…wenn die fertig sein sollten, bleiben noch die sieben dunklen Jahre.

Jens Frisch
20 Tage her

Ihr seht das alles viel zu negativ: Wenn der Drops gelutscht ist, ziehen die Parasiten weiter und wir können wieder von vorne anfangen – der masochistische Michel scheint das zu brauchen.

F. Hoffmann
20 Tage her

Die Deutschland Fonds der Herrschaften haben aktuell kein dolles Rating, DWS liegt noch hinter Union Investment.

Ich bin RECHTS
20 Tage her

Fakten in Deutschland sind:

– 3 Millionen Arbeitslose
– 5 Millionen Bürgergeldempfänger
– nur 13 Millionen Netto-Steuerzahler ernähren 84 Millionen Bürger
– 40% der 15jährigen können kaum noch lesen, rechnen und schreiben
– 4Tagewoche und homeoffice und work-life-balance
– 18 Krankheitstage
– 3 Billionen explizite Verschuldung
– 18 Billionen implizite Verschuldung
– Steuereinnahmen dws Bundes reichen nur noch für Soziales, Rüstung und Zinsen

Fazit:
Auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig….

Haba Orwell
20 Tage her
Antworten an  Ich bin RECHTS

> 40% der 15jährigen können kaum noch lesen, rechnen und schreiben

In Berlin gar 54%, wie TE mal schrieb – beide Anteile schnell steigend. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man ohne Lesen, Schreiben, Rechnen und analytisches Denken Technik entwickeln kann – unmöglich kann man alle zu Gender-Beauftragtenden:innen (m/w/d/x) erklären. Auch dann nicht, wenn man bloß nur noch auf Pump leben will, bis aus AAA Rating D wird.

> 18 Krankheitstage

Ich hatte in bisher über 30 Jahren des Berufslebens insgesamt keine 18 Krankheitstage…

wat nu
20 Tage her
Antworten an  Haba Orwell

Kommt hin mit den Krankheitstagen, einschließlich Geburt des Kindes ca 30 Tage. Frei wg Kinderkrankheiten plus 10 (Windpocken) und 10 wg Masern.

Aegnor
20 Tage her
Antworten an  Ich bin RECHTS

Dieses Homeoffice-Gebashe kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Wo ist der Unterschied ob ich meine 100% Bildschirmarbeit allein im Büro oder allein im Homeoffice erledige? Und faulenzen, bzw. so tun als ob man arbeitet kann man im Büro genauso gut. Meinem Chef ist es völlig egal, wann, wie und wo ich meine Atbeit mache. Hauptsache sie wird gemacht und das gut. Wenn das nicht stimmt, gibt´s ganz schnell einen auf den Deckel. Und um ehrlich zu sein, bin ich im Büro wesentlich mehr abgelenkt als daheim, weil dort ständig ein Kollege mit nem Kaffee vorbeikommt. OK – Netzwerken und Erfahrungen… Mehr

wat nu
20 Tage her
Antworten an  Aegnor

Kommt auf den Job an.

wat nu
20 Tage her
Antworten an  Ich bin RECHTS

So sieht es aus.