Bundesbank-Präsident spricht sich für Euro-CBDC aus

Im Interview mit dem Handelsblatt versucht Bundesbankpräsident Joachim Nagel Kritik am digitalen Euro zu zerstreuen. Dass es sich bei diesem Projekt letztlich um eine Kapitalverkehrsschranke handeln könnte, spielt weder in Bankenkreisen noch in regierungsnahen Medien eine erkennbare Rolle.

IMAGO / Hannelore Förster

Der digitale Euro zählt zu den ambitioniertesten Projekten der politischen Architektur der Europäischen Union. Da Eurosystem und EU zunehmend identische und integrierte politische Räume bilden, kann nicht länger bestritten werden, dass es sich bei diesem Projekt eines CBDC in erster Linie um einen machtpolitischen Schachzug Brüssels handelt. Allerdings hängt der Euro-CBDC, was übersetzt so viel bedeutet wie „digitales Zentralbankgeld“, kopfüber, in einer regelrechten Schleife fest. Ursprünglich bereits vor Jahren als Projektphase geplant, soll nun Ende 2029 der Startschuss für die ersten digitalen Wallets fallen. Darauf wies Bundesbankpräsident Joachim Nagel im Interview mit dem Handelsblatt hin.

Nagel erwies sich im Gespräch mit der Redaktion als artikulierter Befürworter eines Euro-CBDC, ungeachtet der Tatsache, dass dessen Einführung zu einem massiven Machtgewinn in den Händen der EZB als Emittentin und Verwalterin digitaler Wallets führen muss. Dieser geht einher mit einem korrespondierenden Rückbau zentraler Geschäftsfelder im Bereich der Geschäftsbanken. Nagel sieht wenig Gefahr größerer Kapitalabflüsse von den Konten von Sparkassen, Deutscher Bank & Co., da die geplanten digitalen Wallets auf eine Bestandshöhe von maximal 3.000 Euro limitiert sein sollen. Mit diesem Hinweis versucht Nagel, die unbestreitbare Gefahr einer künftigen Expansion dieser Technologie kleiner zu reden, als sie tatsächlich ist.

Leider klärt das Interview nicht über den substanziellen Unterschied zwischen dem CBDC, wie er für den Euroraum geplant ist, und den bereits bestehenden, größtenteils US-Dollar denominierten Stablecoins auf. Es macht nämlich einen fundamentalen Unterschied, ob der Emittent eines programmierbaren digitalen Geldes eine zentrale staatliche Gewalt ist oder ob zahlreiche miteinander konkurrierende private Anbieter eine solche Dienstleistung offerieren.

Auch im Bereich des digitalen Geldes nimmt ein regelrechter Kampf der Systeme immer sichtbarere Formen an: Hier die auf systematische Zentralisierung von Macht hinwirkenden europäischen Institutionen – auf der anderen Seite des Atlantiks ein System, das im Vergleich zum Ansatz der EU geradezu wie eine Rückkehr zum Wildwestkapitalismus wirken muss: mehr Deregulierung, Rückbau des Staatsapparates und, wie im Falle der Geldpolitik, eine graduelle Rückkehr zur Geldschöpfung im privaten Sektor über privat emittierte Stablecoins.

Grundsätzlich sind an Fiat-Währungen gekoppelte digitale Währungen, sogenannte Stablecoins, aktuell ein heißer Trend, vor allem im amerikanischen Finanzmarkt. Größter privater Anbieter eines US-Dollar-Stablecoins ist die Firma Tether, deren digitaler Dollar derzeit ein Volumen von etwa 190 Milliarden Dollar erreicht. Diese in den USA bislang ausschließlich vom privaten Sektor emittierten digitalen Dollar stellen einen innovativen Schritt im Kontext der Blockchain-Technologie dar. Insbesondere ermöglichen sie Echtzeit-Transfers, kommen ohne Bankfeiertage aus und sichern den Zugang außerhalb des klassischen SWIFT-Systems für jedermann, der Zugang zum Internet hat.

Im Grunde benötigen Nutzer lediglich ein Smartphone und eine installierte Wallet, aber kein klassisches Bankkonto mehr. Ein weiterer Vorteil liegt in potenziell niedrigeren Gebühren und teilweise auch höheren Erträgen, da die Anbieter ohne den großen Verwaltungswasserkopf traditioneller Banken auskommen. Stablecoins stellen zweifelsohne einen massiven Zugewinn individueller Souveränität dar. Dies gilt zumindest so lange, bis Emittenten möglicherweise auf staatlichen Druck hin den Zugang zu den gehaltenen Coins einfrieren.

Dass sich die Staaten in der Eurozone bislang weder auf einen digitalen CBDC-Kontrollstandard einigen konnten noch in einem solchen digitalen Finanzgefängnis gefangen gehalten werden, hat unterschiedliche Gründe. Da wäre zum einen der technologische Aspekt, dessen Brisanz sich durch die drohende Gefahr des Quantencomputings massiv verschärft: Ein zentralisiertes digitales Finanzsystem wie der Euro-CBDC wäre vom Moment seiner Einführung an massiven Hackerangriffen und Manipulationen ausgesetzt. Es ist das typische Problem zentralisierter Systeme: Sie bieten Angreifern exakt einen klar definierten Angriffspunkt. Hinzu kommt, dass die Europäische Union ebenso wie das Eurosystem ein überbürokratisiertes und vollständig zentralisiertes Machtkonstrukt darstellt, das technologisch dem aktuellen Standard zwangsläufig hinterherläuft.

Aus eben diesem Grund sind dezentrale finanzielle Ökosysteme wie das Bitcoin-Netzwerk technologisch überlegen. Bitcoin wird durch ein dezentrales Netzwerk unabhängiger Miner und Node-Betreiber abgesichert. Auf diese Weise verteidigt jeder Teilnehmer die bestehende Struktur aus einem eigenen Anreiz heraus. Bei weit über 100 Millionen Bitcoin-Besitzern weltweit sowie einem Netzwerk aus Zehntausenden von Minern entsteht eine nahezu unüberwindliche Schutzwand. Hinzu kommt, dass sich – entgegen den Ausführungen des Bundesbankpräsidenten im Interview – selbstverständlich auch der Geschäftsbankensektor gegen die Zentralisierung des Finanzsystems in den Händen der Europäischen Zentralbank sträubt. Der Grund dafür ist simpel: Mit einer vollständigen Einführung des digitalen Euro würde das klassische Geschäftsmodell der Banken – also das Angebot von Konten, Sparprodukten und Transferdienstleistungen – im Kern obsolet werden.

Doch der tatsächliche Grund, weshalb bislang Ruhe an der CBDC-Front im Eurosystem herrscht, ist relativ schnell zu verstehen, wenn man auf die Geschwindigkeit achtet, mit der sich globales Kapital aus Krisenherden zurückzieht. Mit der Einführung eines CBDC würde die EZB signalisieren, dass sie eine Kapitalverkehrsschranke einbauen würde, möglicherweise in Antizipation einer veritablen Finanz- oder Schuldenkrise im Euro-Raum. Der drastische Anstieg des Zinsniveaus, der auf einen Abverkauf europäischer Anleihen folgte, würde die EZB als Retterin in der Not auf den Plan rufen und zu einer Intervention zwingen, wie wir sie seit der großen Finanz- und Schuldenkrise vor anderthalb Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Das Volumen wäre möglicherweise um ein Vielfaches höher und würde in der Folge die Frage der Stabilität des Euro aufwerfen.

Dass es zu einer Schuldenkrise im Euroraum kommen wird, steht eigentlich außer Frage; lediglich über den Zeitpunkt, zu dem die Anleihenmärkte angesichts der hemmungslosen Schuldenorgie, an der sich auch die Bundesrepublik mit Verve beteiligt, den Daumen senken werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur mutmaßen.

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Kommentare ( 2 )

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2 Comments
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maps
6 Minuten her

Bei der Bundesbank sitzen auch nur noch Verbrecher, die sich selbst die Taschen voll machen! Keine Unabhängigkeit und kein Sachverstand mehr, es ist nur noch dumme Propaganda.

Schmidtrotluff
8 Minuten her

Die Arbeitsverweigerer der letzten Jahre wollen es jetzt mit mehr Repression versuchen ? Das wird ihnen so was von um die Ohren fliegen. Der Rest der Welt lacht über diese Schildbürger. Diese Gestalt sollte sich in Günter Mittag umtaufen lassen. Planwirtschaft scheitert – immer