Mit einem rosa Tintenfisch schickt die Bundeszentrale für politische Bildung seit einigen Jahren einen bedenklichen Beitrag zur Demokratieerziehung in die Klassenzimmer. Das fröhliche Klickspiel soll Jugendliche zu Hilfssheriffs der Meinungspolizei dressieren – Thema: Klimakrise. Die wurde inzwischen offiziell abgesagt, aber egal: Es geht schließlich um das Üben von Zensur. Von Silvia Venturini
Screenprints: moderate-cuddlefish.de – TE-Collage
Es gibt Länder, in denen man am Nachmittag auf der Piazza sitzt, einen Espresso bestellt (Cappuccino nach elf Uhr ist eine Spezialität deutscher Touristen, aber das nur am Rande) und sich darüber wundert, was die Deutschen so machen. Diese Woche fiel der Autorin ins Auge: ein staatlich gefördertes Computerspiel namens „Moderate Cuddlefish“. Wer nun glaubt, es handle sich um das Geheimrezept für besonders zartes Tintenfisch-Carpaccio, irrt charmant. „Cuddlefish“ ist die englische Kreuzung aus „Cuttlefish“ und „Cuddle“, also eine knuddelige Tintenfisch-Plattform, auf der deutsche Jugendliche lernen sollen, was Meinungsfreiheit eigentlich ist. Nämlich: das richtige Löschen.
Herausgegeben wird das pädagogische Wunderwerk von der Bundeszentrale für politische Bildung, einer Institution, die schon ihrem Namen nach erklärt, was sie tut, und die in der Praxis vor allem demonstriert, was politische Bildung in Deutschland bedeutet. Der Spieler übernimmt die Rolle des Moderators in einem fiktiven sozialen Netzwerk und filtert Kommentare zur Klimakrise. Löscht er die richtigen, also jene mit Zweifeln an der Klimapolitik, freut sich das Spiel und belohnt ihn mit dem Lob „Zufluchtsort für Weltverbesserer“. Löscht er die falschen, also jene, mit denen Aktivisten beschimpft werden, warnt das Spiel vor einer „klimafeindlichen Agenda“. Auf dem Papier soll das Spiel „die individuelle demokratische Urteilsbildung kritisch anregen“. In jedem anderen europäischen Land hieße das, der Spieler dürfe sich seine Meinung selbst bilden. In Deutschland heißt es, er solle die richtige finden.
Vier Arme gegen die Vernunft
Der Tintenfisch, so erklärt es die offizielle Beschreibung, brauche „im übertragenen Sinn vier Arme“, um die rasante Geschwindigkeit der modernen Hasskommentare zu bewältigen. Ein hübsches Bild. Auf Sizilien hätte man das arme Tier längst zu Calamari fritti verarbeitet, mit Olivenöl, Zitrone und einer Prise Petersilie, statt es zum nationalpädagogischen Zensurinstrument zu adeln. Aber Deutschland ist nicht Sizilien. Hier macht man aus einem Polpo eine Allegorie für moralisch sortiertes Kommunizieren und stellt ihn anschließend in den Lehrplan.
Originell ist die Idee ohnehin nicht. Bereits 2016 wurde der erste Prototyp im „Gamejam“ der bpb entwickelt, damals noch zum Thema „Flucht und Vertreibung“. Man erkennt das Muster: Wackelt das Narrativ, wechselt man den Anstrich und behält das Mobiliar. Aus dem Flüchtlingsdiskurs von 2016 wurde der Klimadiskurs von 2020, identisches Spielprinzip. Was beide eint, ist die schöne Vorstellung, dass auf der einen Seite die Wahrheit steht und auf der anderen das, was weg muss. Eine erfrischend einfache Welt. Pizza Hawaii hat mehr inhaltliche Komplexität und bleibt dennoch eine kulinarische Zumutung.
Der letzte Glaubenskrieg
Bezeichnend bleibt die Themenwahl. In Mailand, Madrid und Manchester ist die Klimaberichterstattung längst aus den Schlagzeilen verschwunden, weil die Wähler dort inzwischen andere Sorgen haben. In Berlin klammert man sich umso fester an das einzige Thema, das einigermaßen funktioniert. Die deutsche Klimadebatte ist mittlerweile, was die Filmindustrie ein Spin-off nennt: eine Verlängerung des Originals für ein immer kleiner werdendes Publikum, mit immer skurrileren Plots. Andere europäische Länder bauen Kernkraftwerke, Deutschland baut Tintenfisch-Apps.
Die 20.000 Euro Steuergeld, die das Projekt verschlungen hat, sind im Vergleich zu anderen Förderorgien der jüngeren Vergangenheit fast schon bescheiden. Robert Habecks Wirtschaftsministerium hatte vor zwei Jahren noch knapp 400.000 Euro an eine Firma überwiesen, deren Chef zuvor in Augsburg mehrere Gastronomieversuche in den Sand gesetzt hatte und seither vor allem Stille produziert. Gemessen daran wirkt der knuddelige Tintenfisch wie ein Sonderangebot. Mit einem kleinen Unterschied: Was der Augsburger Wirt nicht zustande brachte, liefert die bpb mit Bravour. Es entstand tatsächlich ein Produkt, und dieses Produkt erreicht seine Zielgruppe.
Heimatdienst mit Tintenfisch
Lohnenswert ist ein Blick auf den Auftraggeber. Die Bundeszentrale für politische Bildung wurde 1952 unter dem ehrlicheren Namen „Bundeszentrale für Heimatdienst“ gegründet, in bewusster sprachlicher Anlehnung an die „Reichszentrale für Heimatdienst“ der Weimarer Republik. Die Adenauer-Regierung ließ sich damals sogar von deren altem Leiter Richard Strahl beraten, der dem Bundesinnenministerium erfreut mitteilte, er erachte „die angewandten Methoden im wesentlichen für richtig“. So beginnen also Behörden, die der Nation Demokratie beibringen sollen.
Heute beschäftigt die Anstalt über 300 Mitarbeiter, unterhält Standorte in Bonn, Berlin und Gera und wird zuverlässig mit dem politischen Personal der jeweils regierenden Koalition versorgt. Thomas Krüger (SPD) hielt den Chefsessel von 2000 bis Anfang 2026, ein Vierteljahrhundert ohne Pause. Sein Nachfolger Sönke Rix sitzt seit März dort, ebenfalls SPD. Auf dem Papier ist die bpb „überparteilich“. Wer 26 Jahre denselben Parteibuch-Farbton im Direktorenbüro sitzen hat, darf den Begriff aber großzügig auslegen.
Wie das in der Praxis aussieht, musste die bpb schon einmal vor dem Bundesverfassungsgericht lernen. Im Fall Konrad Löw stellte Karlsruhe fest, dass die Anstalt als staatliche Stelle zur Ausgewogenheit verpflichtet sei und sich nicht wie ein Privater auf die Meinungsfreiheit berufen dürfe. Eine Bundesoberbehörde, der das Verfassungsgericht erklären muss, dass sie keine Boulevardredaktion ist, hat ein Rollenproblem. Und ausgerechnet diese Behörde liefert Tintenfische in die Klassenzimmer.
Erziehung zum Wegklicken
Genau das ist das Problem. Die App liegt im Play Store, sie läuft in Klassenzimmern auf den Tablets, und aus Sicht der Macher ist sie hervorragend gemacht. Die Mechanik ist simpel, die Optik niedlich, der pädagogische Anspruch unverkennbar. Wer das Spiel durchläuft, hat danach ein klares Gefühl dafür, welche Aussagen in Ordnung sind und welche besser verschwinden. Es ist die ideale Vorbereitung auf eine Republik, in der das Klopfen an der Tür im Morgengrauen wieder einen gewissen Wiedererkennungswert besitzt.
Vielleicht ist es das, was an dieser ganzen knuddeligen Veranstaltung am meisten irritiert. Nicht der Inhalt, der ist albern. Nicht die Kosten, die sind überschaubar. Sondern die heitere Selbstverständlichkeit, mit der ein staatliches Institut Kindern beibringt, dass freie Rede etwas ist, das man im Zweifelsfall einfach knuddelig wegmoderiert. Auf Sizilien wäre der Polpo längst auf dem Teller gelandet.



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