Fake-Nuss: Karl Lauterbach, Kämpfer gegen Desinformation und für Energiewende-Märchen

Durch X geistern groteske Fakenews über gigantische Solarkraftwerke – inklusive gefälschter Bilder. Der SPD-Politiker verbreitet sie genauso blindlings wie andere linke Nutzer.

picture alliance / photowerkstatt | Mike Schmidt

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach liebt es, auf X Studien zu posten – oder zumindest Papiere, die sich so nennen. Oft scheint er nur die Überschrift zur Kenntnis zu nehmen oder keine eigenen Schlussfolgerungen aus dem Inhalt zu ziehen, manchmal auch beides. Am 15. Mai gelang dem ehemaligen Gesundheitsminister etwas Besonderes: Er verbreitete auf der Musk-Plattform Überschrift und Zusammenfassung einer vorgeblichen Untersuchung von 32 Millionen Tweets, die 8.198 Parlamentsabgeordnete zwischen 2017 und 2022 absetzten, ausgewertet durch zwei Wissenschaftler der Universität Amsterdam.

Deren Befund lautet, dass die meisten Desinformationen dieses untersuchten Materials von radikal rechten Politikern stammen würden. Das Gegenstück „radikal links“ fehlt (es kommt nur „linkspopulistisch“ vor); ebenso eine schlüssige Definition von „Desinformation“. Lauterbach schreibt dazu auf X: „Interessante Studie, die belegt, was jeder X User täglich sieht: der allergrößte Teil der politischen Lügen kommt von rechten Populisten. Sie nutzen täglich die Lüge skrupellos als politische Waffe. Trotzdem gibt es parallel weiter den Kampf der besseren Argumente, auch auf X.“ Er nämlich gehört zu den SPD-Vertretern, die trotz des wiederholten Auszugs der SPD-Fraktionsführung auf der Plattform ausharren, um dort politischen Lügen die Stirn zu bieten.

Am selben Tag schickte Karl Lauterbach eine Nachricht über den Siegeszug der deutschen Energiewende via X in die Welt: Er repostete die Nachricht eines gewissen James Tate über ein Riesensolarkraftwerk nahe Cottbus, das sich angeblich über 3.500 Hektar erstreckt und 1,5 Millionen Haushalte versorgt.#

Screenprint via X

Dieser Solarpark von der Größe einer kleineren Stadt existiert nicht, wie sich unschwer herausfinden lässt. Mit einer Ausdehnung von 35 Quadratkilometern – fast die zehnfache Fläche des Englischen Gartens in München – würde er auch ziemlich auffallen, 1,5 Millionen Haushalte könnte er allerdings trotzdem nicht versorgen, da keine Solaranlage der Welt 24 Stunden am Tag Strom liefert. Warum Lauterbach ein großflächiges Solarkraftwerk mit „deutscher Ingenieurskunst“ in Verbindung bringt, bleibt im Dunkeln. Die meisten in Deutschland verbauten Solarmodule stammen aus China, der Rest aus anderen Ländern. Bei dem Foto zu der Falschmeldung handelt es sich um ein KI-generiertes Bild. Nahe Cottbus existiert tatsächlich ein größerer Solarpark, nämlich Cottbus-Drewitz. Er erstreckt sich allerdings über ein Gebiet von 75,9 Hektar.

Der SPD-Kämpfer gegen Desinformation und für die besseren Argumente löschte seinen Post kommentarlos. In einer Desinformations-Untersuchung nach einem Design wie weiter oben zitiert würde er aus diesem Grund wahrscheinlich gar nicht erst auftauchen.

Die Pointe dieser Doppelaufführung vom 15. Mai 2026 auf X lautet: Der Politiker, der Desinformation rechts verortet und gleichzeitig den größten anzunehmenden Unfug über ein Phantomkraftwerk twittert, dessen Zahlen jeden durchschnittlich intelligenten Leser stutzig machen müssten, amtiert als Vorsitzender des Forschungsausschusses im Deutschen Bundestag. In seiner Hand lag einmal die Gesundheitspolitik im größten Industrieland Europas. Bekanntlich verbreitete er während der Corona-Zeit die Desinformation über die „nebenwirkungsfreie Impfung“. Nicht auf X, sondern ganz konventionell in einer Talkshow.

Die Geschichte vom stadtgroßen Supersonnenkraftwerk in Brandenburg verbreitete nicht nur er – sondern beispielsweise auch eine Nutzerin mit dem neckischen Namen „Faktencheck jetzt“. Der Faktencheck besteht in ihrem Fall darin, die englische Falschbehauptung des Originalposts ins Deutsche zu übersetzen.

Dieser Account beschäftigt sich ansonsten hauptsächlich damit, Robert Habecks Politik zu loben und den genialen Überpolitiker für Deutschland zurückzuwünschen.

Das Beispiel des erfundenen Supersolarparks zeigt ganz nebenbei, warum das linke Milieu gegen X wütet: Auch an diesem Post und gleichgelagerten anderen hingen sehr schnell sogenannte Community Notes, also von anderen Nutzern verfasste sachliche Hinweise darauf, dass es sich um eine von A bis Z falsche Behauptung inklusive einem gefälschten Bild handelte.

Die fiktionale Monstersolarfläche findet sich auf X übrigens nicht nur in der Nähe von Cottbus, sondern auch – oder zusätzlich – in Hessen. Ein Nutzer namens „Zacki“ – Profilinformationen: „Klima-Experte“, „gemeinsam gegen Desinformation“ – berichtet am selben Tag wie Lauterbach und Frau Faktencheck über einen Solarpark Maintal, der angeblich 90.000 Hektar überdeckt und „9 Atomkraftwerke ersetzt“.

 

Er existiert schlicht nicht; das dazugehörige Foto erkennt auch jeder unterdurchschnittlich Begabte als Produkt künstlicher Intelligenz. Der größte deutsche Solarpark liegt übrigens im sächsischen Witznitz, er umfasst 500 Hektar. Und auch er ersetzt selbstredend kein einziges regelbares Kraftwerk. Die englischsprachige Social-Media-Kachel, die Klimaexperte Zacki weiterpostet, stammt höchstwahrscheinlich von einem Witzbold. Dort heißt es nämlich, die bis zum Erdhorizont reichende 90.000-Hektar-Solaranlage Maintal versorge „3 Billion Homes“, also drei Milliarden Haushalte.

Nimmt man einen Schnitt von mindestens zwei Personen pro Haushalt an, dann beliefert der Park also mehr als die halbe Menschheit von Hessen aus mit Strom.

Könnte es sein, dass es sich bei Karl Lauterbach, „Faktencheck jetzt“, „zacki“ und anderen Verbreitern dieses Energiewendemärchens um ein und die selbe Person handelt? Falls nicht, wäre die synchrone Desinformation innerhalb weniger Stunden bemerkenswert.

Eins steht jedenfalls fest: Der SPD-Abgeordnete und Forschungsspezialist zählt zu den symptomlosen Kämpfern gegen Desinformation.

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