Söder bei der völlig waffenlosen Caren Miosga. Der bayerische Ministerpräsident schwadroniert die Runde in Grund und Boden. Er liefert viele große Worte und nichts Konkretes. Immerhin ein Versprechen: künftig keine Bratwürste mehr. Von Brunhilde Plog
Screenshot ARD / Miosga
Den Magen füllen, ohne dick zu werden – dafür kennt die Geschichte die verrücktesten Ideen. Früher schluckte man Baumwollbällchen, heute Flohsamen. Beides soll im Magen aufquellen und den Hunger killen. In der viktorianischen Zeit wurden sogar meterlange Bandwürmer im Darm gezüchtet und später mit Ködern (Fleischstückchen am Bindfaden) wieder herausgelockt. Werbespruch: „Eat! Eat! Eat! And always stay thin!“ („Iss! Iss! Iss! Und bleibe immer dünn). Viele Patienten infizierten sich, starben sogar.
Die Ohren füllen, ohne etwas zu sagen – dafür kennt die Welt Markus Söder. Ob die Rhetorik des bayerischen Ministerpräsidenten eher nach dem Baumwoll- oder Bandwurm-Prinzip funktioniert, erforschen wir an diesem Abend. Fest steht nur: 1. Es klingt nach viel. 2. Es enthält nichts konkret Verwertbares. 3. Für den Patienten Deutschland dürfte es nicht besonders gesund sein.
Mit seiner typischen Strategie aus Abschweifungen, Eigenlob (für sich und Bayern) und großen Tönen, ohne sich festzulegen, scharwenzelt Söder durch die Sendung. Im Einzelgespräch hat er mit Miosga leichtes Spiel; die gelernte Nachrichtensprecherin kann ihm wie gewohnt überhaupt nichts entgegensetzen. Als später eine Unternehmerin und ein Journalist die Runde erweitern, wird es zumindest zeitweise amüsant. Aber auch nicht informativer.
Söder versucht, die Regierung zu kritisieren, ohne sie zu kritisieren. Mit Phrasen wie „Wir sind zur Mitte der ersten Halbzeit. Da kann noch viel passieren“ nimmt er Merz & Co. in Schutz. „Zu sagen, die haben da ein Jahr rumgesessen und Däumchen gedreht, das wäre nicht angemessen.“
Hört sich an wie Baumwollbällchen.
Auf die anstehenden Landtagswahlen dürfe Merz aber keine Rücksicht nehmen, warnt Söder. „Es wird nicht besser, wenn man Dinge, die man tun muss, endlos verschiebt.“ Miosga lässt einspielen, wie der Kanzler der zweiten Wahl gerade von Gewerkschaftern ausgelacht und ausgebuht wurde. Söder: Bei den Reformen sei es ebenfalls „zwingend notwendig“, dass sich auch die Gewerkschaften einbringen. „Zwingend notwendig“ verwendet er in diesem Abend mindestens viermal. Es scheint seine neue Lieblingsfloskel zu sein. Eher kraftlos warnt er nebenbei vor der AfD: „Die wird von Russland unterstützt und quasi von Teilen der USA.“ Das sei absurd.
Stimmt, genau so klingt es. Noch ein Baumwollbällchen.
Von Miosga mit alten Aussagen konfrontiert, schnappt das Polit-Chamäleon ein. Dass er früher stets die Grünen dämonisierte und jetzt plötzlich nicht mehr, spielt für Söder keine Rolle: „Das war mit dem Thema Bundestagswahl erledigt.“ Mit Cem Özdemir werde es aber keine Freundschaft geben, denn „in der Politik gibt’s ja wenig Freunde, sondern nur interessierte Bekannte“. Und überhaupt: „Wir haben jetzt solche Probleme, dass es völlig egal ist wenn man sagt, was war vor einem oder zwei oder drei Jahren. Jetzt müss mer schauen, dass wir vorankommen und Deutschland aus der Krise führen, vor allem die Wirtschaft.“
Eine Phrase jagt die nächste. Ob es doch ein Bandwurm wird?
Es wird die so ziemlich einzige konkrete Aussage bleiben, die Söder an diesem Abend von sich gibt. Man merkt der Unternehmerin ihre Resignation an: Mit klarer Strategie und einem Fahrplan ist bei einem Söder nicht zu rechnen.
Gordon Repinksi gibt Söder Kontra. Weniger inhaltlich, dafür ist der Politico-Redakteur selbst zu sehr auf Mainstreamkurs, aber zumindest der gigantischen Sprechblase versucht er etwas Luft abzulassen. Am versierten Schwafler aus dem Bayernland beißt er sich jedoch die Zähne aus. Dafür, dass Repinski der Regierung ein „Systemversagen“ unterstellt, kassiert er von Söder erstmal einen Rüffel, verbunden mit allumfassender Kritik an den bösen Medien, „die den ganzen Tag nur versuchen, alles in Grund und Boden zu machen“, statt endlich mal „einen Beitrag zu leisten“.
Eine Mehrwertsteuer-Erhöhung sei „kein echt gutes Signal“, sagt Söder. Repinski gibt den Dolmetscher: „Das ist auf jeden Fall erstmal kein Ausschluss, um das mal in der Politikersprache zu übersetzen.“ Söder ist genervt: „Nee, ich hab mich da schon dagegen ausgesprochen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es kommt.“ Repinski: „Genau. Das ist kein Ausschluss.“ Söder verdreht die Augen.
Und wo wird nun gespart, wie sollen die Lücken im Haushalt geschlossen werden? „Herr Söder hat jetzt noch nichts Konkretes gesagt, wo man das wirklich einsammeln kann“, äzt Repinski. „Am Ende würde ich vermuten, irgendwas wird bei der Mehrwertsteuer passieren.“ Söder schiebt noch ein letztes Baumwollbällchen hinterher: „Damit, glaube ich, wird er nicht recht behalten.“
Immerhin, eine gute Nachricht hat der Abend: Söder sagt, er werde künftig nicht mehr jede Bratwurst und jeden Leberkäs’ auf Social Media posten. „Jeder weiß mittlerweile, was ich gern esse.“
Baumwolle wird es nicht sein. Die ist für die anderen.



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> Söder sagt, er werde künftig nicht mehr jede Bratwurst und jeden Leberkäs’ auf Social Media posten. „Jeder weiß mittlerweile, was ich gern esse.“
Ich nicht, es interessiert mich auch gar nicht. Ich versuche mir gerade Michels vorzustellen, die akribisch Söders Postings befolgen – so erklärt sich Buntschlands Niedergang.