Eric Zemmour: „Es gibt eine Allianz zwischen Feministinnen und Islamisten. Diese Allianz bedroht heute die Frauen.“

In Frankreich hat die Phänomengruppe Wokeness und Islamophilie einen landesweit bekannten Chronisten: Eric Zemmour erklärt den Franzosen, wie Minderheiten – angeblich im Namen der Diskriminierung – die Rechte und Interessen der Mehrheit angreifen. Nun hat sein einstiger Verleger sich von dem Erfolgsautor abgewandt. Welche Rolle spielen die politischen Ambitionen Zemmours bei dem Vorgang?

IMAGO / IP3press

Nach den Regionalwahlen ohne eindeutigen Sieger kommt Bewegung in die politische Landschaft in Frankreich. Zwei Appelle von Generälen, weiteren Militärs und Gendarmen hatten Erwartungen im Hinblick auf die Kandidatur eines pensionierten Generals bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen geweckt. Der 2017 im Protest zurückgetretene Generalstabschef Pierre de Villiers wird schon seit einiger Zeit gehandelt. Weitere mögliche Kandidaten sind unter den pensionierten Generälen, die den ersten Appell unterzeichneten.

Daneben wird noch eine andere Kandidatur gerade hochgeschrieben. Verschiedene Medienberichte schreiben dem Journalisten Eric Zemmour derartige Überlegungen zu. Paris Match scheint sich bereits sehr sicher zu sein, dass Zemmour sich zur Kandidatur entschlossen hat, angeblich gibt er seinem Schlachtplan gerade den letzten Schliff. Valeurs actuelles enthüllte die »Geheimnisse eines Kandidaten«. Zemmour selbst hat sich noch nicht bekannt, aber ein angeblich »sehr offenes Gespräch« über seine Kandidatur mit seinem Ex-Verleger als Fiktion dementiert.

— Eric Zemmour (@ZemmourEric) June 30, 2021

Zemmour war bis jetzt ein reiner Beobachter der Politik, der durch glasklare Kommentare und Meinungsäußerungen in verschiedenen TV-Formaten bekannt wurde und zudem einen Bestseller nach dem anderen verfasst. Eine »beeindruckende Medienmaschine« nennen ihn manche. Doch nun versagt ihm sein eigener Verlag die Solidarität. Zemmours neues Buch, das laut dem Autor quasi fertig ist, soll nicht mehr bei Albin Michel erscheinen. Allerdings bleibt dieser Schritt des Verlags nicht ohne Folgen. Pierre de Villiers, der bisher auch bei Michel erschien, kündigte seinen Abschied von dem Verlagshaus an, ebenso die zuständige Lektorin der beiden Autoren, Lise Boëll. Es ist die Rache der Gecancelten, die sich inzwischen immer häufiger und in verschiedenen Ländern zeigt.

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An dieser und anderen möglichen Kandidaturen zeigt sich zum einen die Richtungslosigkeit der französischen Konservativen, also der Républicains, die sich bisher noch nicht einmal auf ein Auswahlverfahren für ihren Kandidaten einigen konnten. Das Paradox ist außerdem, dass mit Xavier Bertrand und Valérie Pécresse, den Regionalpräsidenten in den Hauts-de-France und der Île-de-France, bereits zwei gewichtige Kandidaten-Kandidaten der Partei den Rücken gekehrt haben.

Zum anderen erweist sich so, dass die politische Bewegung heute vor allem im Spektrum rechts der Mitte stattfindet. Auch Emmanuel Macron setzt seinen Weg fort, den er mit der Positionierung gegen den radikalen Islam und die links-universitäre Identitätspolitik, der Warnung vor Parallelgesellschaften begonnen hat. Der einstige Bänker der Linken versucht sich eine neue Wählerklientel zu sicher, zumal seine Hauptgegner 2022 wohl auf der Rechten zu finden sein werden.

Breitere Bürgersteige gegen Gewalt gegen Frauen

Was Zemmour sowohl unter den möglichen Kandidaten wie unter seinen Journalistenkollegen heraushebt, sind seine scharfzüngigen Beschreibungen gewisser Frontstellungen im politischen Diskurs seines Landes. Dabei geht es auch in Frankreich immer öfter um das weite Feld möglichst diverser »Identitäten« innerhalb einer Gesellschaft, die heute wichtiger geworden sind als Fakten und reale Lebensumstände.

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Zemmour legt offen, dass einige dieser Gruppen nicht das sind, was sie zu sein vorgeben. So unterscheidet er zwischen Frauen und Feministinnen. Natürlich waren das immer verschiedene Gruppen, aber Zemmour spricht von den neuen intersektionellen Feministinnen (vielleicht auch Feministen), die sich einerseits Sorgen um den vorgeblichen Pay-Gap und um die staatliche Förderung gewisser Vereine machen, aber peinlich berührt zu Boden blicken, sobald es wirklich um das Leben und die Sicherheit von Frauen in Frankreich geht. Zemmour erwähnt den Fall der jugendlichen Mila, die sich als Sechzehnjährige gegen den Islam aussprach und seither in einem Militärinternat und unter Polizeischutz lebt.

Feministinnen, die in der Öffentlichkeit sonst das große Wort schwingen, schweigen dazu genauso wie zu den öffentlich Belästigungen, die Frauen in bestimmten Pariser Bezirken – meist von Migranten – erfahren müssen. Caroline De Haas, eine der ›neuen‹, intersektonellen Feministinnen, empfahl, in solchen Fällen einfach die Bürgersteige breiter zu machen. Die Gewalt gegen Frauen sei im wesentlichen ein »Problem des Raums da, wo es zu einer Ballung von Personen kommt«. Interessant nur, dass dies nie aufgefallen war, solange die Franzosen noch quasi unter sich waren in ihren Arbeiter- und Innenstadtvierteln.

Eine Allianz diverser Bewegungen informiert die politische Linke

Der Personalchef einer großen Unternehmensgruppe gibt offen zu, dass man »das Label De Haas erwirbt, um seine Ruhe zu haben« – mit anderen Worten: die öffentliche Unterstützung für die zweifelhafte Feministin verschafft Wirtschaftsbetrieben ein sanftes Ruhekissen, Schirm und Schutz gegen woke Anfeindungen. Indes hat auch De Haas ihr eigenes Unternehmen gegründet, eine Pressure-Group für den »Kampf gegen sexuelle Gewalt«, wobei dieser Kampf schwierig werden könnte, wenn man die Verursacher dieser Gewalt nicht klar benennen will. Genau das wirft nämlich Eric Zemmour den intersektionellen Feministinnen vor. Er nennt die Kölner Silvesternacht, deren besorgte Kritiker auch in Frankreich teilweise als Rassisten bezeichnet wurden.

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Das Bündnis, das Zemmour angreift, ist exakt mit dem Begriff des Intersektionellen benannt. Nach dieser ursprünglich US-amerikanischen Theorie kann sich fast jeder Bürger oder Mensch einer »Randgruppe«, natürlich auch mehreren, zuordnen, die dann zum Opfer einer repressiven Gesellschaft stilisiert werden. Aus allen diesen rhetorisch viktimisierten Gruppen zusammen soll in der Folge eine, die neue Gesellschaft entstehen. Im Grunde ist schon die Rede von der »Randgruppe« ideologisch und verkennt, dass die westlichen Demokratien mit marktwirtschaftlichem System vermutlich die egalitärsten Gesellschaft der Menschheitsgeschichte sind.

Auf diesem Hintergrund beobachtet Zemmour derzeit eine paradox anmutende Allianz zwischen intersektionellen Feministinnen und dem Islam, mit der Idee der Migration als gedanklichem Bindeglied. Die Allianz (vermeintlich) linker Kräfte mit dem Islam ist auch als »islamogauchisme« bekannt und in Frankreich heftig umstritten. Daneben stehen grundsätzlich sogar die LGBT+-Identitäten als Bündnispartner bereit. Zusammen informiert oder inspiriert dieses Bündnis diverser Bewegungen, in Frankreich wie anderswo, die politische Linke und Teile des Zentrums. Die europäischen Institutionen wirken laut Zemmour an dieser Ideologisierung mit. Und natürlich werden die problematischen Seiten von Islam und Migration dabei geflissentlich übersehen, ja geleugnet. Wer sie ausspricht und benennt, vielleicht sogar sehr detailliert benennt, kann nicht zur Gemeinschaft der Guten gehören.

Und doch gibt es laut Zemmour einen Ort oder vielmehr deren viele, an denen die Freiheit französischer Frauen schon heute massiv eingeschränkt sei: in den »islamisierten Banlieues« der großen Städte. Nicht Zemmour, der gelegentlich als Antifeminist gebrandmarkt wird, sei also der Feind der Frauen, sondern die Feministinnen selbst. Daneben wird Zemmour systematisch in die Nähe »extrem rechter Netzwerke« oder der »radikalen Rechten« gerückt oder auch selbst als »extrem rechter Kommentator« bezeichnet. Das sind Benennungen, die dazu dienen, den Journalisten aus dem konservativen Milieu auszuschließen, ihn unschädlich zu machen.

Zemmour enttarnt die vorgeblichen Randgruppen als neuen Hegemon

An der Gruppe der LGBT-Identitäten beschreibt Zemmour, wie eine Ideologie auf leisen Sohlen die Macht in einem Gemeinwesen übernehmen kann. Es geht dabei, und das kann jeder feststellen, selten um die Sache selbst. Die Belange von homosexuellen Mitbürgern spielen keine Rolle, wo eine Gemeinschaft vor allem mit Regenbogenfahnen oder tatsächlich mit Regenbogen-Einhörnern wedelt. Das musste auch die LGBT-Gemeinschaft schmerzlich durch den Mord an zwei schwulen Männern in Dresden erfahren. Die Tat gilt als einer von drei homophoben Morden in Deutschland im letzten Jahr. In der Öffentlichkeit wurde das Tatmotiv in diesem Fall aber lange verschwiegen. Doch eine solche Tat darf nicht dazu führen, dass man sich nur auf die darin diskriminierte Gruppe konzentriert und dabei die eigentliche Genese der Tat vergisst.

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Zemmour vollbringt das Kunststück, die LGBT-Lobby als Gruppe zu porträtieren, die heute gerade mittels der Hervorhebung ihrer vermeintlich andauernden Marginalisierung zur heimlichen Diskursvormacht geworden ist. In der Tat wäre die These lächerlich, dass ein schwuler Mann oder eine lesbische Frau, die in einem urbanen westeuropäischen Milieu leben, heute noch unterdrückt wären. Manche würden sagen, dass ihr Lebensstil zum Vorbild für alle anderen geworden ist. Jedenfalls gehört das Hissen der Regenbogenfahne heute zu den Attributen einer Lifestyle-Religion, die Antirassismus mit dem genannten vagen Feminismus und einer im Grunde genauso vagen Schwulen- und Lesbenfreundlichkeit verbindet. Es handelt sich allem Anschein nach um eine Art Megaritual, bei dem allein die Teilnahme zählt. »Go for it« – egal worum es geht.

Wirkliche Konsequenzen im Verhalten müssen solche Bekundungen nicht haben. Obwohl sie natürlich, und das hebt eben auch Zemmour hervor, am Ende Folgen haben werden. Nach Zemmour ist die Abkehr vom klassischen Familienbild eine Folge des Erfolgs der LGBT-Lobby. Ehe für alle (französisch PAX) und künstliche Befruchtung (PMA) sieht Zemmour als die Meilensteine dieser Entwicklung an, die in Frankreich etwa die letzten zwanzig Jahre markieren. Eine Abkehr von den tradierten Familienwerten hin zu einer Verfügbarkeit aller Güter für alle, zu jeder Zeit. Es ist wohl dieser Konsumismus in den letzten und ersten Dingen, der viele konservative Franzosen heute gegen die intersektionellen Bewegungen aufbringt, wie die »Manif pour tous« (Demo für alle, also nicht nur für die Minderheiten) zeigt.

Für Zemmour ist das zentrale Merkmal praktisch aller dieser Bewegungen, dass die Rechte von Minderheiten über die Interessen und Rechte der Mehrheit triumphieren. Er zeichnet außerdem nach, wie die Homosexuellenlobby den Weg ebnete für die Non-binary- oder Trans-Personen, die heute ihre Rechte gegen eine angeblich unterdrückerische Mehrheit einfordern. Dass dieselbe in Gestalt eines Hetero-Patriarchats noch existiert, daran bestehen allerdings große Zweifel. Als nächstes sieht Zemmour mit großer Sicherheit die Durchsetzung eines Gesetzes für die Leihmutterschaft (GMA) kommen, obwohl konservative Politiker das noch weit von sich weisen. Wenn diese konservativen Politiker umkippen, wird es mit Zemmour eine öffentliche Figur geben, die standhaft bleibt und dadurch zur Wahlalternative für eine Mehrheit werden könnte.


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