So zerstört Péter Magyar Orbáns Partei

„Operation Reinigendes Feuer”: Ungarns neue Regierung feuert den Staatspräsidenten und verbietet es den erfahrensten Oppositionspolitikern, erneut für das Parlament zu kandidieren.

picture alliance / NurPhoto | Balint Szentgallay

Es war eine Rede zum Fürchten. Ungarns neuer Ministerpräsident Péter Magyar verkündete am Montag den Beginn einer „Operation Reinigendes Feuer“, mit dem Ziel, die „Mafia“ mit Stumpf und Stil auszurotten. Juristisch hat dieser Vernichtungsfeldzug einen trockeneren Namen: „17. Verfassungsänderung“.

Der Entwurf sieht die Einrichtung eines Amtes zur „Rückgewinnung der Öffentlichen Gelder“ vor (NVVH), welches im Text auch als „öffentlicher Ankläger“ („közvádló“) bezeichnet wird. Die Behörde kann und wird demnach als eine Art Staatsanwalt agieren für Vergehen, bei denen öffentliche Gelder involviert sind. Entsprechend werden auch mehrere Gesetze, in denen von der Rolle des Obersten Staatsanwaltes die Rede ist, ergänzt durch die Formulierung „der Oberste Staatsanwalt und das NVVH“. Das NVVH wird die Waffe sein, mit der Magyar der „ungarischen Cosa Nostra“, wie er es formulierte, den Garaus machen will.

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Im Fadenkreuz der neuen Behörde dürften vor allem Firmen stehen, die mit der früheren Regierung gute Beziehungen pflegten und viele Staatsaufträge bekamen. Mit „Mafia“ war in Magyars Rede aber vor allem die bisherige Regierungspartei Fidesz gemeint, also die jetzige Opposition. Deren Abgeordnete forderte Magyar dohend auf, für die vorgeschlagene Verfassungsänderung zu stimmen, denn wer das nicht täte, der entscheide sich „für die Mafia“ und „gegen die ungarischen Menschen“.

Die sollen im Übrigen mitreden können: Bis zum 27. Juni kann jeder per Email seine Meinung äußern. Bis zum 30. Juni sollen diese dann ausgewertet und bekanntgegeben werden. Das kann demzufolge auch zu einer Überarbeitung des Gesetzesentwurfs führen.

Im Tone eines Volkstribuns klagte Magyar 50 Minuten lang die Fidesz-Abgeordneten an, redete dazwischen, wenn diese Redezeit erhielten, antwortete vehement auf deren Einwürfe, hielt danach eine lange Pressekonferenz und gab dann mehrere ausführliche Interviews. Es war eine Ganztags-Performance. Er nannte diesen Montag den „wichtigsten Tag seit dem 12. April“ (also die Parlamentswahl, die seiner Partei eine Zwei-Drittel-Mehrheit bescherte) und das stimmte auch ganz objektiv: Mit dieser Verfassungsänderung – wenn der Entwurf im Wesentlichen so bleibt – fegt er Fidesz schon rein personell weitestgehend aus der politischen Arena.

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Bereits mit der 16. Verfassungsänderung war Viktor Orbán von einer eventuellen Rückkehr als Ministerpräsident ausgeschlossen worden, durch eine Begrenzung der Amtszeit des Regierungschefs auf zwei Legislaturperioden, gerechnet ab 1990. Nun sollen auch die Fidesz-Parlamentarier von künftigen Kandidaturen ausgeschlossen werden: Der Entwurf sieht eine Begrenzung der Amtszeit für Abgeordnete auf drei Legislaturperioden vor. Nach 16 Jahren an der Macht (und davor, 1998–2002, weitere vier Jahre) haben die besten und erfahrensten Politiker der Partei mitunter gar mehr als drei Perioden hinter sich. Diese Maßnahme entkernt die Partei also personell. Nicht nur Orbán Viktor, sondern jeder prominentere Fidesz-Politiker, der eventuell als Spitzenkandidat für die Wahlen 2030 in Frage käme, wird damit aus dem Feld gekegelt. Fraktionschef Gergely Gulyás ist seit 17 Jahren Parlamentsabgeordneter. Der kommentierte Magyars Auslassungen mit den Worten, er kämpfe nicht gegen eine Mafia, sondern wolle eine Diktatur errichten.

Die 17. Modifizierung der Verfassung entfernt auch den Staatspräsidenten, Tamás Sulyok, aus dessen Amt, sowie den Präsidenten des Verfassungsgerichts (und mehrere Verfassungsrichter). Vielleicht noch nie wurde ein Staatschef so formlos abserviert: „Das Mandat des amtierenden Präsidenten der Republik endet am Tag nach Inkrafttreten der 17. Verfassungsänderung.“ Fertig, weg ist er. Um sich die ganze Schwere des Vorfalls vor Augen zu führen, muss dazu gesagt werden, dass Magyar Sulyok mittelbar als Schwerverbrecher bezeichnete: Denn seine Entfernung aus dem Amt sei der „erste Schritt“ der „Operation reinigendes Feuer“, die sich Magyar zufolge gegen die „Mafia“ richtet. Sulyok wäre demnach ein Mafioso.

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Der Präsident müsste, wenn das Parlament den Gesetzestext annimmt, diesen entweder unterschreiben, oder, falls er verfahrenstechnische oder verfassungsrechtliche Bedenken hat, ihn entweder an das Parlament zur erneuten Debatte zurückschicken, oder an das Verfassungsgericht zur Überprüfung weiterleiten. Falls sich Sulyok an das Verfassungsgericht wendet, sind seine Hände gebunden. Unter der Regie von Viktor Orbán waren die Befugnisse des Gerichts radikal eingeschränkt worden. Es kann keine inhaltliche Prüfung vornehmen, sondern nur prüfen, ob die Verabschiedung des Gesetztestextes vorschriftsmäßig erfolgt ist, ob also die Regeln des Gesetzgebungsverfahrens eingehalten wurden.

Falls er den Text an das Parlament zurückschickt, und dieses dem Text unverändert erneut zustimmt (was zu erwarten ist), dann ist Sulyok verpflichtet, zu unterschreiben. Wenn er aber einfach nicht unterschreibt, verstößt er gegen geltendes Verfassungsrecht. In dem Fall, so verkündete Magyar, werde das Parlament ein Absetzungsverfahren einleiten. Dadurch verliert der Staatschef seine Befugnisse (bleibt aber noch im Amt). Seine Vollmachten werden dann vorübergehend vom Parlamentspräsidenten ausgeübt, in diesem Fall eine Frau, Ágnes Forsthoffer. Die unterzeichnet dann die Verfassungsänderung, und die Sache ist gelaufen.

Sulyok sagte in einer ersten Stellungnahme, er wolle den Entwurf vorerst nicht kommentieren, warnte aber vor „Willkürherrschaft“. Über eine Amtsenthebung müsste am Ende das Verfassungsgericht entscheiden. Allerdings ändert sich durch die 17. Verfassungsänderung auch die Zusammensetzung des Gerichts, durch die Einführung einer Altersgrenze für Verfassungsrichter. Deren Mandat endet fortan automatisch an ihrem 70. Geburtstag. Das gilt gegenwärtig für den Vorsitzenden des Gerichts, Péter Polt, sowie für vier weitere der insgesamt 15 Richter. Das Mandat einer weiteren Verfassungsrichterin endet am 15. November, weil sie ihre volle Amtzeit erfüllt hat. Im Wahlkampf hatte Péter Magyar alle Verfassungsrichter zum Rücktritt aufgefordert. Das scheint nun nicht mehr aktuell zu sein, er wird aber diese sechs Richter durch andere ersetzen können.

Die Reform hat auch Positives: Künftig soll der Vorsitzende des Gerichts von dessen Mitgliedern gewählt werden. Zudem sieht der Entwurf eine Erweiterung der Befugnisse des Verfassungsgerichts vor. Unter Orbán war dem Gericht die Möglichkeit verwehrt worden, Entscheidungen zu treffen, die sich auf die Staatsfinanzen auswirken würden. Das soll nun rückgängig gemacht werden.

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Kommentare ( 19 )

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Jatoh
1 Stunde her

Man könnte es demokratisch Empowerment Gesetz nennen.

yeager
1 Stunde her

Naja, die Ungarn haben das ja so gewählt.

Montesquieu
1 Stunde her
Antworten an  yeager

Wie die Deutschen auch. Unter anderem. Mit den Wahlen ist das so eine Sache.

WIING
32 Minuten her

Ich bedauere die vielen Deutschen, die in den letzten Jahren nach Ungarn ausgewandert sind, in der Hoffnung, es wäre eine Insel der Ruhe und Stabilität.

Rosalinde
38 Minuten her

Das hörte sich vor Monaten bei Tichy noch anders an. Der damaligen Schreiber behauptete dass sich mit dem Magyar so gut wie nichts ändern werde.

Dietrich
1 Stunde her

Nun ja, so ein Gesetz kann auch diejenigen erwischen, die es umgesetzt haben. Ich kenne keine Partei ohne Korruption.

Bedenkentante
1 Stunde her

Ich kann den Wahrheitsgehalt zu Stil nicht prüfen, aber in der Sache wird er nicht falsch liegen: Wer 16 Jahre die Regierung stellte, hinterlässt unweigerlich einen Filz. Das wird bei Orban nicht anders sein als bei Merkel. Mit einem eisernen Kamm durchzufahren, wird die beste Herangehensweise sein. Kollateralschäden werden im Extremfall bei Bedarf bis zur nächsten Wahl behoben werden sein oder vergessen.

Ralph Martin
1 Stunde her

Eine Durchleuchtung des Staates und der Verwendung von Steuergeldern ist bei uns ebenfalls höchste Zeit.

Raul Gutmann
1 Stunde her

Nach der Abwahl des laut EU-Diktion „Diktators“ Orbans erzwingt das Gebaren des neuen Ministerpräsidenten aus deutscher Sicht Amüsement.
Amüsement, nicht die dramatische Befürchtung, Ungarn werde untergehen. Wenn Magyar überzieht, werden sich die Ungarn zu wehren wissen.
Im Gegensatz zu den Deutschen, gegen deren vitale Interessen seit mindestens 2015 (Grenzöffnung = islamische Invasion) oder gar 2011 („Energiewende“ = Zerstörung der Energieversorgung und Einleitung der Deindustrialisierung) regiert wird.

Werner Geiselhart
1 Stunde her

UnsereDemokratie auf ungarisch.
UnsereDemokraten haben bestimmt schon Workshops bei Magyar gebucht.

November Man
1 Stunde her

Die Ungarn werden ihrem demokratischen Staatspräsidenten noch schwer nachtrauern. Den der neue da ist ein Diktator. Ganz im Sinne der EU.  

Ludwig von Gerlach
1 Stunde her

Wenn Magyar eine „Operation Reinigendes Feuer“ unter Nutzung seiner Zweidrittel-Mehrheit startet, gilt das bei „unserer Demokratie“ als Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse, wenn Siegmund für den Fall einer einfachen Mehrheit der AfD die Versetzung von 200 Beamten ankündigt, gilt das als Wiederkehr des 30. Januar 1933. Ekelhaft! Bei uns hätte ein Feuer weit mehr zu reinigen als einige Landesministerien in LSA von 200 woken Beamten. Eine Sonderstaatsanwaltschaft für verdächtige Staatsaufträge und -subventionen bei uns hätte allein bei den Masken- und Impfstoffdeals sowie bei dem Northvolt-Projekt jahrelang alle Hände voll zu tun. Und danach könnte man ggf. mit einer Drohne einen Pseudo-Arzt, einen… Mehr

Deutsche
1 Stunde her
Antworten an  Ludwig von Gerlach

Magyar scheint allerdings eher die einzige Konkurrenz ausschalten zu wollen.
Dieses Dauer Gekeife und Gehetze (Mafia) scheint eine Kernkompetenz von dem Mann zu sein.

Montesquieu
1 Stunde her

Das war der präferierte Kandidat der EU als Alternative für Orban. Wie könnte ein Außenstehender eigentlich den Charakter der EU benennen?