Es war ein langer, gewundener Weg von den Anfängen des Endes bis zum tatsächlichen Wahldebakel von Viktor Orbán. Dessen historische Bedeutung für Ungarn bleibt ihm indes gewiss. Eine Innenansicht.
picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Petr David Josek
Im September 2023 kamen die Freunde der ungarischen Regierungspartei Fidesz zu ihrem traditionellen „Picknick” im kleinen Ort Kötcse in der Nähe des Plattensees zusammen. Fidesz ist nicht nur eine Partei, es ist eine Familie Gleichgesinnter: Kötcse ist der Ort und die Zeit, wo sie über das vergangene Jahr nachdenken, und Pläne schmieden für das neue. Immer sprechen prominente Minister, und am Ende Viktor Orbán. Ohne Öffentlichkeit, nichts darf nach draußen getragen werden, es sei denn, von seinen eigenen Leuten, um bewusst ein Narrativ aufzubauen.
Es sind in der Regel sehr aufbauende, weitsichtige Reden, und auch diesmal genoss man noch die sichere Machtposition, die Orbáns großer Wahlsieg 2022 gebracht hatte. Trotz Covid in den Jahren davor, trotz Ukrainekrieg, also trotz ungewohnter Krisen im bis 2020 dahin wirtschaftlich florierenden Ungarn. Dann stieg die Inflation in zweistelliger Höhe und die Reallöhne sanken.
Darauf kam Orbán ungeschönt zu sprechen. „Wir befinden uns zum ersten Mal in einer Lage, wo wir bei sinkenden Reallöhnen regieren müssen”, sagte er. „In solchen Situationen müssen Regierungen immer einen politischen Preis dafür bezahlen. Und auch wir werden einen solchen Preis bezahlen müssen”. Er ahnte nicht, wie profetisch diese Worte drei Jahre später werden sollten.
Allzu große Sorgen hatte er dennoch nicht: „Unser einziges Glück ist es, dass wir die Opposition haben, die wir haben”, fuhr er fort. Also ein impotentes Sammelsurium kleiner Parteien, die einander mehr hassten, als sie Orbán hassten.
Ein Jahr später, 2024, kam man wieder in Kötcse zusammen. Diesmal hatte, ein halbes Jahr zuvor, ein politisches Erdbeben das Fidesz-Universum erschüttert. Im Februar war Staatspräsidentin Katalin Novák zurückgetreten. Und auch die frühere Justizministerin Judit Varga, mit der Orbán nach den EU-Wahlen sein Team in Brüssel verstärken wollte, zog sich aus der Politik zurück. Novák hatte das Begnadigungsgesuch eines Mannes unterschrieben, der einem verurteilten Kinderschänder – und Leiter eines Waisenhauses – geholfen hatte, seine Taten zu vertuschen. Judit Varga, damals noch Justizministerin, hatte das Gesuch mit ihrer Unterschrift gebilligt, Novák gewährte Gnade.
Soviel ich weiss, wusste Orbán nichts davon, man hatte zwar seine Meinung einholen wollen, er sei aber etwas länger nicht erreichbar gewesen, hörte ich aus den Kulissen. Als es publik wurde, griff er gleich durch – binnen drei Tagen traten beide Frauen gleichzeitig zurück.
Die unerwartete Folge: Judit Varga hatte in einer sehr schlechten Ehe mit ihrem offenbar schwierigen Mann, ein gewisser Péter Magyar, gelebt, und hatte sich auch schreiden lassen. Der Gatte drohte und erpresste sie mit heimlichen Tonaufnahmen von ihr: Er werde die ganze Regierung zu Fall bringen, wenn er seine gut bezahlten Jobs im Umfeld der Regierung verliere, die er durch sie bekommen hatte.
Kaum war Varga zurückgetreten, trat Magyar an die Öffentlichkeit mit den ominösen Tonaufnahmen. Der Rest ist Geschichte.
Aber eine lange Geschichte. In jenem Jahr musste Orbán sich in Kötcse scharfe Fragen von einer seiner engsten Weggefährtinnen anhören, Mária Schmidt, Direktorin des antikommunistischen Museums „Haus des Terrors” in Budapest. Wie konnte es denn zu so etwas kommen, wollte sie wissen. Wie konnte Novák so etwas unterschreiben?
Orbán begann mit Humor, bevor er ernst wurde, denn „wir sind ernste Menschen”. Es sei schon ungewohnt und erschreckend, wie die beiden Frauen schlagartig vom Erdboden verschluckt wurden, und „dann wölbt sich plötzlich auch noch etwas unter dem Teppich”.
Gemeint war Péter Magyar, der mittlerweile Chef einer bis dahin unbekannten Partei war, namens „Ehrbarkeit und Freiheit” – abgekürzt Tisza, der Name des zweitgrößten ungarischen Flusses. Damit hatte er aus dem Stand bei den Europa-Wahlen in jenem Jahr 30 Prozent geschafft. Fidesz war von 51 Prozent (2019) auf 44% Prozent abgerutscht. Die alten, bisherigen Oppositionsparteien waren vernichtet. Ihre Wähler waren fast geschlossen zur neuen Partei übergelaufen.
In seiner Rede skizzierte Orbán auch die neue Lage, und seine Strategie. Das „Glück, dass wir die Opposition haben, die wir haben”, war jetzt einem einzigen Gegner gewichen, und der Kampf mit ihm werde hart. Und verbissen: „Was wir in den letzten Jahren aufgebaut haben, ist ein System”, sagte er. „Und die Gegenseite wird für einen Systemwechsel kämpfen”. Oder sagte er „Regime”? Ich weiss es nicht mehr.
In diesem epischen Ringen, sagte er, gelte es, Fidesz als die Stimme der Freiheit, des Stolzes, und der Souveränität darzustellen, Péter Magyar hingegen als die Verkörperung der „Unterwerfung” unter Brüssel. Es klang logisch, und es klang so, als könnte es gelingen.
Allerdings hatten die Fidesz-Strategen einen Kardinalfehler begangen. Sie hatten sowohl Magyar als auch das Ausmaß der Unzufriedenheit unterschätzt, zumindest bis zu den EU-Wahlen. Hochmut kommt vor dem Fall. Als „Luftballon” titulierten sie Magyar, der bald „platzen” werde. Er platzte aber nicht. Gábor Kubatov, der Parteidirektor, zuständig für Wählermobilisierung, nannte ihn „eine typische Fußballer-Ehefrau” (als Ehemann der damaligen Justizministerin).
Orbán sagte auch, dass dies der erste Wahlkampf sein werde, der vor allem im Internet und in den Sozialen Medien ausgetragen werde. Er sagte, von jetzt an seien „Influencer-Politiker” gefordert, die auch auf Tik-Tok gut rüberkämen.
Er selber war da gar nicht schlecht, es half aber nicht, dass er in die Jahre gekommen war und mehr als nur einen Bauchansatz hatte. Er nannte János Lázár beim Namen, der ihm dann auch später im Wahlkampf immer zur Seite stand.
Aber der Rest der Partei brauchte Nachhilfe bei solchen Sachen, und auch strukturell wirkte das Konzept, mit dem man schließlich aufwartete, etwas steif. Ein digitaler „Kämpfer-Klub” sollte seine Mitglieder auch offline zu Veranstaltungen laden und online offensiv posten. Zugleich sollten „Digitale Bürgerkreise” ebenfalls offline zusammenkommen, und online posten, aber kultivierter, und Sachtemen diskutieren.
Péter Magyar war im Kontrast dazu ein „digital native”, postete sarkastisch und scharf, und oft, und reagierte blitzschnell auf alles. Offline betrieb er eine Schattenkampagne: Wo immer Orbán auftrat, trat auch er auf, vor seinen Anhängern. Er benutzte dieselben Gesten, dieselben Worte wie Orbán. Er suggerierte, er selbst sei Orbán, nur jünger und kecker. Er versprach seinen Anhängern gleichzeitig, das „Regime” los zu werden, aber alles zu behalten, was sie daran mochten – die Familienförderung, die Steuerfreiheit für junge Menschen, das Baukindergeld, die 13. Rente.
Im Sommer 2025 zog Fidesz einen englischen Wahlkampfberater heran, der viele internationale Erfolge vorzuweisen hatte. Er begann mit Umfragen. Und kam zu einem beunruhigenden Schluß: Orbán hatte seinen Wahlkampf darauf aufgebaut, dass Magyar Dinge ändern wolle, und das sei riskant. „Aber diese Generation, in diesem Jahr, hat keine Angst vor Veränderung”, stellte der Engländer in seinen Umfragen fest. Im Gegenteil. Sie wollten Veränderung, und es war ihnen egal, ob das Land dabei zugrunde gehe. Die Wahlkampagne, sagte er, werde scheitern, wenn sie sich nicht sehr schnell sehr deutlich ändere. Orbán müsse sich als „Kandidat des Wandels” präsentieren, mit frischen Gesichtern um sich herum.
Mir war nicht klar, wie das funktionieren soll, aber ich bin kein Wahlkampfexperte. Jedenfalls tauchten bald neben Orbán János Lázár auf, der Verkehrsminister, der sehr souverän überall auf dem Land Bürgerforen abhielt. Und Außenminister Péter Szijjártó. Sie gaben den Bühnenauftritten Orbáns mehr Dynamik, ließen ihn im Vergleich aber auch älter aussehen. Die Veranstaltungen der „Kämpferklubs” und „Digitalen Bürgerkreise” waren immer proppevoll, sahen gut aus, und man konnte in den Medien darüber berichten, den Nachrichtenzyklus dominieren, oder es zumindest versuchen. Prominente Sänger wurden engagiert, Ungarns frischgebackener Astronaut Tibor Kapu trat auf.
Aber das Publikum bestand zu einem guten Teil aus Aktivisten, die Woche zu Woche von Veranstaltung zu Veranstaltung fuhren. Bald war klar, dass die EU als Feind, dem sich Péter Magyar „unterwarf”, als Botschaft nicht mehr stark genug war. Die Ungarn mochten die EU grundsätzlich, jedenfalls die innere Grenzfreiheit und die Möglichkeit, dort zu arbeiten. Das erkannte der englische Wahlberater.
Nun kam Selenskyi als neuer Feind ins Bild. Er bot sich an: Er selbst attackierte Orbán andauernd. Péter Magyar, so verkündete die Kampagne, würde „ungarische Soldaten in den Krieg schicken”. Offenbar glaubten das nicht hinreichend viele Ungarn.
Immerhin wurde die Stimmung im Fidesz-Lager nach dem Sommer 2025, als sie am Tiefpunkt war, deutlich besser, mit einem dynamischen Orbán, der seine Leute antrieb. Sie – und auch ich – glaubten daran, dass Fidesz auf dem Land die beste Präsenz habe, mit Kandidaten, die fest in den Gemeinden verankert waren. Die Umfragen der eigenen demoskopischen Institute, die früher immer richtig gelegen hatten, zeigten, dass Fidesz 80 der 106 Direktwahlkreise gewinnen würden.
Dann wurden es 65. Dann 60. Am Ende verlor Fidesz dort, wo ihre eigenen Leute die Partei am stärksten wähnten: In den Gemeinden, in den Wahlkreisen. Fidesz gewann 13 von 106. Dass kann mit der Auszählung der Briefwähler noch weniger werden. Mit den erreichten 39 Prozent bei der Listenwahl und 45 Mandaten dort hätte Fidesz auch gewinnen können, sogar mit viel weniger als den zuletzt erhofften 60 Direktmandaten. 49 hätten gereicht, um zusammen mit der rechten Mi Hazánk (sechs Mandate) insgesamt auf 100 Mandate zu kommen und zu regieren. Aber die Menschen stimmten für die Tisza-Kandidaten – oft örtlich beliebte Persönlichkeiten.
Was bleibt? 2,5 Millionen Fidesz-Wähler, die ein Sprungbrett sein können für einen Neustart, falls Magyar seine vielen Versprechen nicht einhält. Er ist jetzt ein Held, aber er muss zeigen, dass das Leben unter seiner Führung besser wird.
Und Orbán’s unbestreitbarer Platz in der ungarischen Geschichte, der bleibt auch. Er hat den Staat modernisiert, die Steuereintreibung viel effizienter gemacht, die staatliche Bürokratie geschlankt, er hat deutsche, chinesische, koreanische Großinvestoren ins Land geholt. Er hat die Staatseinnahmen vergrößert, die Staatsverschuldung gesenkt (von 82,5% vor 2010 auf 75,5 %) und die Steuern verringert. Er hat eine innovative Sozialpolitik eingeführt, punktuell, auf bestimmte Bevölkerungskreise zentriert, mit strategischen Zielen wie Familienförderung.
Die nächste Regierung wird von all dem profitieren.

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Herr Kalnoky berichtet offensichtlich Interna der Kötsce-Treffen, was – nach seinen eigenen Worten – nur den Schluss zulässt, dass er zu Orbans „eigenen Leuten“ gehört und er dies nur darf, „um bewusst ein Narrativ aufzubauen“.
Als Innenansicht der „Fidesz-Familie“ ist das nicht uninteressant, sollte aber bei der Einordung des Artikels beachtet werden.
Hmm, offensichtlich haben wir es bei der Abwahl Orbans mit einem neuzeitlichen Wunder zu tun, jedenfalls wenn man nach den westlichen Medien geht!!
Dort wurde Ungarn stehts als strammrechte Diktatur mit gleichgeschalteten Medien und totalitärem Machtapparat dargestellt, was so ein Wahlergebnis doch eigentlich ausschloß.
Tja, dieser himmelschreiende Widerspruch fällt dem geneigten deutschen Durchschnittsnormi natürlich wieder nicht auf. Määääh, määääh.
Alle, die Orban einen Autokraten nannten, lagen falsch, denn ein Autokrat hätte sich nicht einfach abwählen lassen.
Man sollte diesen Leuten nun auch nicht mehr trauen, wenn sie irgendwo anders die Demokratie in Gefahr sehen.
Liegt man diesen Artikel, ist klar, dass es mit der One Man-Show Fidesz so enden musste: Außer Selbstmitleid und Selbstherrlichkeit ist nichts zu finden.
O.K. Urban ist älter als Magyar, hat einen Bauch, aber sonst hat Fidesz alles richtig gemacht? Erklärt das wirklich den Erdrutschsieg Magyars? Welche Rolle spielte der Fidesz-Filz? Hat sich der Orban-Clan bereichert? Wie viele sind auf ähnlichen Wegen wie Magyar zu ihren Posten gekommen? Gab und gibt es Schutzgelderpressungen,so nach dem Motto: Du machst gute Geschäfte, zahlst Du nicht an uns, dann sorgen wir dafür, dass Du Deine Lizenz verlierst! Hatten diese Schutzgelderpresser Verbindungen zum Fidesz-Filz? Auch die AfD hat die Vetternwirtschaftsaffäre wahrscheinlich viele Wählerstimmen gekostet und Trump dürfte die Midterm-Elections krachend verlieren, auch weil sich sein Clan schamlos bereichert… Mehr
Ich schätze Herrn Kálnoky sehr. Er verbindet eine Beschreibung der Ereignisse mit interessanten Hintergrundinformationen. Sein eigener Standpunkt wird deutlich, aber man wird als Leser nicht missioniert, sondern man erweitert auch sein Verständnis für die Tiszawähler. Er schließt mit einer Würdigung Orbans sowie mit einem trotz alledem hoffnungsvollen Blick auf Ungarns Zukunft. Solche journalistischen Beiträge wünschte ich mir für alle Länder. Das Verständnis füreinander und das Ringen um bestmögliche Entscheidungen würde dadurch gestärkt.
Diese Messe in Ungarn ist mit dem Neuen noch längst nicht gelesen, denn seine Partei bewegt sich Mitte-Rechts und ist vom linken Mainstream weit entfernt und deshalb kann man sein Wirken erst beurteilen, wie es sich nach innen und außen auswirkt, sobald er mit der Wirklichkeit konfrontiert wird und dann Farbe bekennen muß. In punkto Beschränkung von Ausländern vertritt er die gleiche Linie wie Orban und die Zurückhaltung in Brüssel und Berlin zeigt doch schon die eigene Verunsicherung, wo man nicht weiß was kommt und wenn er erst mal merkt wie er in die Zange von den großen Playern außerhalb… Mehr
Hoffentlich wird er den 90 EU-Milliarden für Selensky auch nicht zustimmen.
Es ist im Interesse aller EU Bürger (damit auch der Ungarn), wenn die EU Führung (die sich längst von den EU Bürgern verabschiedet hat) hier nicht 90 Mrd. unserer Steuermittel dem ukrainischen Schmarotzky in den Rachen wirft und unseren langjährigen Partner Russland noch mehr ans Bein pieselt. Wenn Merz gestern was von „strategischer Partnerschaft“ mit der Ukraine faselte, soll er sich bitte selber bewaffnen und die Kriegswillige EU- Clique mit an die Ostfront nehmen.
Orban wird in Erinnerung bleiben als der korrupte Stiefellecker des Kriegsverbrechers aus Moskau.
Erhellender ehrlich wirkender Beitrag. Danke dafür.
Das hysterische Hoch- und Niedergeschrei nach der Ungarnwahl wirkt penetrant. Zunächst erst einmal haben die Ungarn gewählt und nicht Flinten-Uschi. Und die überdeutliche Mehrheit gegen Orban zeigt nicht, daß man in Magyar den Retter schlechthin sieht, sondern daß Orbans zuletzt gewählter Weg gegen die EU und hin zu Russland und China im Volk für nicht geringe Irritationen gesorgt hat. Mag man die EU auch als das größte Handicap Europas betrachten, die Zuwendung zu Russland und China ist sicherlich nicht der beste Weg für Ungarn. Aber Orban hatte sich großmäulig selbst isoliert und das mußte nicht sein. Ein konsequenter, aufrichtiger Politiker… Mehr
Magyar, was übrigens Ungar übersetzt heißt, wird keine wesentlich andere EU-Politik machen, das haben die in Brüssel nur noch nicht auf dem Schirm, ablach…
Wessen Interessen vertritt eigentlich UvdL? Die europäischen mit Sicherheit nicht.