Das große Kliniksterben in der Fläche beginnt

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fürchtet, dass ein Drittel der Kliniken das am Freitag vom Bundesrat durchgewunkene Krankenkassen-Sparpaket nicht überleben wird. Die Warnung trifft auf eine ohnehin angespannte Reformphase des Gesundheitswesens.

picture alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur GmbH

Mitte Juni 2026 beantragte die Vinzenz von Paul Kliniken gGmbH Insolvenz in Eigenverwaltung für das Marienhospital Stuttgart. Über 600 Betten, 2700 Mitarbeiter, Maximalversorger in der Landeshauptstadt. Hundert Stellen fallen weg. Der Betrieb läuft weiter – unter Aufsicht.

Das Haus steht nicht allein. Es markiert den Beginn der Insolvenzwelle: „Wir müssen damit rechnen, dass noch mehr Kliniken in die Schieflage geraten. Seit 2022 haben bundesweit schon 85 Krankenhäuser mit 102 Standorten Insolvenz angemeldet. Einige davon sogar schon zum zweiten Mal. Die Reform senkt die Kreditwürdigkeit der Häuser, schon jetzt haben viele nur liquide Mittel für vier Wochen. Es droht eine Insolvenzwelle über drei Jahre, in der Zeit droht ein Drittel der Kliniken zu verschwinden“, sagte DKG-Vorstandschef Gerald Gaß der „Rheinischen Post“.

Besonders bedroht seien Grund- und Regelversorger in ländlichen Regionen. Als Erstes würden Kliniken Notaufnahmen, Geburtshilfen und Kinderstationen schließen, die die größten Verlustbringer in den Häusern seien. „Schon in den vergangenen zehn Jahren haben viele Geburtshilfen geschlossen. Bundesweit haben wir nur noch rund 570 Geburtshilfen, früher waren es mal fast 1.200. Es ist der Bereich, der am meisten quer subventioniert wird. Das wird nicht mehr möglich sein. Hier drohen nach einer aktuellen Umfrage unter den Klinikträgern 61 Prozent der Geburtshilfen wegzufallen oder die Versorgung einzuschränken“, sagte Gaß weiter.

Zahlreiche Kliniken würden ihre Notaufnahme schließen und nicht mehr für 24 Stunden erreichbar sein. Der DKG-Chef rief nun die Länder auf, den Kliniken zu helfen: „Wir setzen auf die Länder. Die Länder müssen die Hälfte des Sparvolumens von acht Milliarden Euro ausgleichen, also vier Milliarden zahlen. Sonst gibt es ein kaltes Kliniksterben zulasten der Patienten und Regionen.“

Gesundheitsreform in der Krise

Die Warnung der Deutschen Krankenhausgesellschaft trifft auf eine ohnehin angespannte Reformphase des Gesundheitswesens. Es ist eines der Reformpakete, mit denen die Regierung Merz/Klingbeil ihre Handlungsfähigkeit beweisen will. Wie auch in den anderen Bereichen des Gesundheitssystems geht es aber nicht um Erhöhung der Effizienz der Leistungserbringung, sondern einseitig um Sparmaßnahmen.

So war die eigentliche Krankenhausreform Ende 2024 beschlossen worden und wird seit Anfang 2025 schrittweise umgesetzt. Die neue schwarz-rote Bundesregierung hat sie zwar nachgebessert und Übergangsfristen verlängert, hält aber an den Grundzügen fest: Krankenhäuser sollen künftig stärker nach Leistungsgruppen organisiert werden, Spezialisierung und Konzentration der Versorgung sollen zunehmen. Ziel ist es, Qualität zu verbessern und wirtschaftlich ineffiziente Doppelstrukturen abzubauen. Allerdings führt das zu einer Ausdünnung in schwächer besiedelten Regionen: Die Wege zur nächsten Spezialklinik verlängern sich deutlich, während in einer Metropolregion durchaus eine sinnvolle Arbeitsteilung näherliegend ist.

Parallel dazu haben Bundestag und Bundesrat nun das umstrittene GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Es soll eine milliardenschwere Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenkassen schließen und weitere Beitragssprünge verhindern. Dazu werden die Ausgaben von Krankenhäusern, Ärzten, Apotheken und Pharmaunternehmen begrenzt; zugleich steigen Zuzahlungen für Versicherte und die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern wird eingeschränkt.

Das Paket sieht unter anderem vor, dass Patienten künftig höhere Zuzahlungen für verschriebene Medikamente leisten müssen. Der Betrag soll von derzeit mindestens 5 bis höchstens 10 Euro auf 7,50 Euro bis 15 Euro angehoben werden.

Homöopathische Leistungen sollen nicht mehr auf Kassenkosten verfügbar sein. Auch die Hautkrebs-Vorsorge ohne Symptome, die alle zwei Jahre möglich ist, soll gestrichen werden. Die beitragsfreie Mitversicherung bleibt für Kinder, Eltern von Kindern unter sieben Jahren, pflegende Angehörige und Menschen im Rentenalter bestehen. Für andere bisher beitragsfrei versicherte Ehepartner ist ein eigener Beitrag von 3,5 Prozent ab 2028 geplant.

Weitere Maßnahmen betreffen Kliniken, Ärzte und die Pharmaindustrie. Bei den Kliniken wird eine Klausel gestrichen, die höhere Vergütungsanstiege ermöglicht. Ärzte in Praxen sollen für bestimmte Leistungen keine Bezahlung außerhalb genereller Honorarbudgets mehr erhalten. Pharmahersteller müssen mit verstärktem Handel durch günstigere Rabattverträge rechnen. Bei den Apotheken wird ein Rabatt erhöht, während eine versprochene Erhöhung beim Fix-Honorar ausbleibt.

Höhere Beitragsbelastung insbesondere für Familien

An dieser Stelle setzt die Kritik der Krankenhäuser an. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnt, dass die Reform zwar einen strukturellen Umbau verlange, den Kliniken aber gleichzeitig die finanziellen Mittel entziehe, um diesen Umbau zu bewältigen. Mehrere Länder – darunter Niedersachsen und das Saarland – hatten deshalb vergeblich versucht, das Gesetz in den Vermittlungsausschuss zu bringen oder Nachbesserungen zu erreichen.

Die Fronten sind damit klar: Die Bundesregierung sieht in dem Sparpaket eine notwendige Konsolidierung der gesetzlichen Krankenversicherung und verweist auf zusätzliche Hilfen für Kliniken sowie den laufenden Transformationsfonds.

Krankenhäuser, kommunale Träger und mehrere Länder halten diese Hilfen dagegen für unzureichend und warnen vor einem beschleunigten Kliniksterben – insbesondere in ländlichen Regionen. Versicherte, insbesondere Familien,  müssen mit höheren Beitragssätzen und Zuzahlungen rechnen. Die Pharmaindustrie hat bereits dramatische Investitionskürzungen angekündigt.

Unangetastet bleiben die Leistungen für Bürgergeldempfänger und Asylbewerber; der staatliche Anteil an deren Gesundheits-Kosten wird nicht wesentlich ausgedehnt und muss von den Versicherten übernommen werden. Dies ist aber mit einem Umfang von 12 Milliarden Euro eine der Hauptursachen für die Notwendigkeit der Gesundheitsreform.

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Kommentare ( 61 )

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Kraichgau
26 Tage her

ist doch so gewollt von der „grossen“ Politik der Blackrock-Jünger…privatisierte Kliniken für die „Wohlhabenden“ wie in USA,der Rest auf Dritte-Welt-Niveau

Benedictuszweifel
26 Tage her
Antworten an  Kraichgau

Nö, nicht von der „Großen Politik“, sondern von der überwältigenden Mehrheit der deutschen Bürger, die genau auch das immer und immer wieder, frei und geheim, gewählt haben. Und wäre nächsten Sonntag Wahl, würden 72% den eigenen Untergang erneut wählen. Soviel unfassbare Nichtundummheit… da machste gar nix…

Prodigy
25 Tage her
Antworten an  Benedictuszweifel

Diese Dummheit bezw. Verblödung ist zu erkennen wenn Achim Winter in Frankfurt Leute interviewt.

Soder
25 Tage her
Antworten an  Prodigy

oder beim täglichen Einkaufen zu beobachten: 1 Brötchen mit Handy/Armbanduhr bezahlen!

Juergen Schmidt
25 Tage her
Antworten an  Benedictuszweifel

Naja, man muss aber auch sagen, dass die Bürger vom ÖRR, den staatsnahen Medien und den politischen Parteien radikal dumm und desinformiert gehalten werden.
Die Leute gucken die tagesschau, denken das seien »die Nachrichten« und glauben anschließend: »Unsere Regierung kümmert sich doch um die Probleme!«.

Reinhard Schroeter
25 Tage her
Antworten an  Juergen Schmidt

Seit 35 Jahren macht es mich fassungslos, dass meine Mitbürger von jenseits der Elbe, den Gebrauch des eigenen Verstandes als eine der größten Zumutungen empfinden, denen sie sich ausgesetzt sehen.

Reinhard Schroeter
25 Tage her
Antworten an  Benedictuszweifel

Im Osten eher weniger dafür im Westen um so mehr.
Was für ein strunzdummes Volk !

MachiavelliNiccolo
25 Tage her

Ich überlege immer zu welcher Partei diese Ministerdarsteller auf den Bildern gehören. CDU oder SPD? Diese Leute poppen immer am Beginn einer Regierungsperiode plötzlich auf und man fragt sich aus welchem Loch sie geschlüpft sind.Ich tippe immer SPD, was das Äußere und den Gesichtsausdruck anbelangt. Na ja, ist ja auch letztendlich egal. Die Politik ist links so wie das Mindset. Diese Leute agieren alle wie Hütchenspieler. Sie sind ein paar Jahre auf der Politbühne und schieben das Geld von hier nach da, aber immer weg vom Bürger. Grundsätzlich wird es niemals besser

depa
25 Tage her

Das Kliniksterben wird nur das einfache Volk treffen. Für den neuen deutschen Adel, seine Lakaien und die Reichen wird es abgeschottete Privatkliniken geben. Die Folgen ihrer Politik werden die nie ausbaden müssen.

ceterum censeo
25 Tage her

Notaufnahmen schließen? Warum nicht. Da lungern ohnehin nur noch Yallas und andere Clanfamilien rum. Der Biodeutsche steht – wenn überhaupt – ziemlich weit hinten an. Nur nicht krank werden…

Mausi
25 Tage her
taliscas
25 Tage her

Wann immer ich ein Foto dieser Dienerin des Staates sehe, kommt mir der dazu passende Begriff „Leichenbittermiene“ in den Sinn. Leichenbitter war früher ein Mensch, der den Tod eines Gemeindemitgliedes verkündete. Passt scho…

Siggi
25 Tage her

Sieht man das sogenannte Kliniksterben als Prozess des Gesundschrumpfens, ist das doch vollkommen richtig. Jetzt müssen nur die Ölaugen aus unserem Land, dann passt es wieder. Dies alles der Migration opfern, war und ist der dümmste Fehler der Regierungen seit 1970. Ohne diese orientalische Mischpoke hätten wir es auch geschafft, hätten wir Regierungen gehabt, die an die Familien denken und nicht nur an sich selbst. 16 Jahre eine DDR Blenderin, die Kinder hasst und am liebsten gar nichts gemacht hat, außer die Seilschaften zu versorgen, war ein großer Fehler, der uns nun auf die Füße fällt. Dann allerdings zu glauben,… Mehr

Juergen Schmidt
25 Tage her

Wenn es nach der WHO geht, dann wird es doch in Zukunft gegen alles und jedes eine »mrna-Impfung« geben. Also wer braucht dann noch sowas rückwärtsgewandtes wie Krankenhäuser? Transformation ist auch hier angesagt, bitteschön! Und genießt, was ihr gewählt habt!

Edwin Rosenstiel
25 Tage her

Im realen Leben kann das so aussehen: man benötigt eine bestimmte OP, die angeblich vom örtlichen Provinzkrankenhaus, modern und gut ausgestattet, angeblich nicht geleistet werden kann. Deshalb muß man in die 50 km enfernte Uniklinik, die mit Landesmitteln modernisiert, als Exzellenzzentrum firmiert, und wo man beim Anmelden den Eindruck hat, in eine riesige Maschinerie mit „Raumschiff Enterprise-Feeling“ geraten zu sein. Alles scheint hochtechnisiert zu sein, aber warten muss man immer noch ganz althergebracht, und dann passiert bei der Aufnahmeuntersuchung der erste gravierende Fehler: man erhält, die (doch noch manuell erstellten) Patientenunterlagen eines anderen Patienten. Beim Gespräch mit dem (marokkanischen) Stationsarzt… Mehr

Last edited 25 Tage her by Edwin Rosenstiel
Montesquieu
25 Tage her

Es gibt kein „großes Kliniksterben“, sondern nur eine Translokation von Ressourcen. Gewollt ist eine Zentralisierung der ärztlichen Versorgung in (gerne privatisierten) Großkliniken, inklusive der ambulanten Versorgung chronisch Kranker. Die Schließung der peripheren kleinen Kliniken ist hierfür ebenso Voraussetzung, wie die Zerschlagung der wohnortnahen, niedergelassenen fachärztlichen Versorgung. Man verspricht sich hierdurch höhere Effizienz, geringere Kosten und bessere Qualität. Meine über 40jährige Erfahrung lässt mich allerdings genau gegenteilige Konsequenzen erwarten. Aber Gesundheitspolitiker haben notorisch von den realen medizinen Versorgungsstrukturen keine Ahnung und werden durch eigene ideologische Vorstellungen, den Einflüsterungen von Krankenhausverbänden (tonangebend die Großkliniken), Pharmaindustrie und Krankenkassen geleitet. Wir erleben eine totale… Mehr

ceterum censeo
25 Tage her
Antworten an  Montesquieu

Sie haben recht. Man schaue sich nur die Praxen an: neuer Hausarzt (auf dem Land wohlmöglich)? Nur mit Lockangeboten. Fachärzte? Z.B. Rheumatologen? Wartezeit, wenn überhaupt im Umkreis von 100km einer da ist, gerne ein Jahr oder länger. Wieviele Praxen stellen um auf nur noch Privatpatient oder igeln, was das Zeug bzw. der Geldbeutel hergibt. Sie wissen sicher, was die „Dokumentation“ an Zeit frisst. Zeit, die am Patienten verloren geht; daher auch diese unendlichen Wartezeiten. Von wegen, max. 6 Wochen bis zu einem Termin! Ein befreundeter Allgemeiner und Chiropraktiker hat schon vor 20 Jahren die Dokumentationspflicht bejammert. Und die ist nicht… Mehr

MeHere
25 Tage her

Es geht scheinbar darum möglichst viel Geld der Bürger an die Konzerne und Großbonzen weiterzugeben. Keine Mehrheit in diesem Lande wollte den Zuzug von Millionen in die Sozialversicherung, also Krankenkasse, ALG, Rente, etc. – genau das wurde von der Union, Grünlingen und SPD aber durchgedrückt und es geht lustig so weiter. Es wird am Ende niemanden nutzen und sehr viel Geld kosten. Zum Glück sind die Verantwortlichen bekannt und ggf. wird es mal Gerechtigkeit geben – also Politikerhaftung bis zum letzten Hosenknopf. Genau davor haben diese Leute aber Angst und tun alles, um das zu verhindern – Stichwort „unsere Demokratie“.… Mehr