Bei Lanz: Sven Schulze auf verlorenem Sessel

Markus Lanz wird keine Post von der Landesmedienanstalt bekommen. Zwar verbreitet Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) Fake News, die der ZDF-Moderator nicht korrigiert. Doch die Zensurbehörde ist nur für private und alternative Medien zuständig – der Staatsfunk darf Fake News unkontrolliert senden.

Screenshot ZDF / Markus Lanz

Es geht schon durchwachsen los für den ungewählten Ministerpräsidenten. Schulze, im Januar vom zurückgetretenen Reiner Haseloff ins Amt geschoben, sitzt bei Lanz und muss sich von der Journalistin Sabine Rennefanz (Spiegel) als Erstes anhören, er habe ja eigentlich hauptsächlich durch die Übernahme von AfD-Themen etwas Profil erlangt.

Dagegen wehrt Schulze sich nach Kräften. Doch die sind dürftig. So sehr er sich auch die ganze Sendung über im Sessel nach vorn stemmt, er wirkt doch kraftlos und blutleer. Schulze hadert, verliert sich in Floskeln – und wann immer es geht, malt er den Teufel AfD an die Wand, statt sich selbst und die Pläne seiner CDU zu präsentieren.

Schmutziger Wahlkampf:
Sven Schulzes Brief als ein Dokument der Verzweiflung
Gibt es etwa gar keine solchen Pläne? Was ist das Rezept der CDU für Sachsen-Anhalt, wo im September gewählt wird? Lanz versucht mehrfach, dazu etwas aus dem Ministerpräsidenten herauszukitzeln; er liest Schulze sogar ganze Passagen aus dem CDU-Programm vor. Sätze voller leerer Phrasen und Beteuerungen, bei denen der Moderator völlig verständnislos die Stirn in Falten wirft.

Doch Handfestes ist aus Schulze einfach nicht herauszuholen. Stattdessen wirft er seinem AfD-Herausforderer Ulrich Siegmund vor, der habe, als er vergangene Woche bei Lanz zu Gast war, „keine Antworten auf die Fragen gegeben“. Wer die Sendung gesehen hat, weiß, das stimmt nicht. Auch Lanz kontert diese erste Fake News zunächst noch vorschriftsmäßig, wie es die neu eingesetzte, oberste Zensurbehörde namens Landesmedienanstalt fordert. Er zählt all die konkreten Vorschläge auf, die Siegmund in der Sendung genannt hatte: Unterstützung für junge Familien etwa oder kostenlose Kitas und Schulverpflegung.

Für Schulze sind das Luftschlösser. „Realismus muss einkehren“, sagt er
Lanz will ihn kitzeln: „Ist Realismus die Übersetzung von ‚Wir haben nix‘?“ Schulze gibt zu, sein Ziel sei „nicht so ambitioniert“ wie das der AfD: „Mein Ziel ist, dass ich im ländlichen Raum die Kindergärten, die Kinderkrippen erhalten kann.“ Auch für den Arbeitsmarkt setzt er auf das altbekannte grün-linke CDU-Rezept: „Wir brauchen einen Zuzug in den Arbeitsmarkt“, sagt Schulze. „Nicht ins Sozialsystem, das haben wir gestoppt.“ Gestoppt? Die zweite Falschbehauptung, doch diesmal reagiert Lanz nicht.

Ministerpräsidentenwahl mit 2/3-Mehrheit?
Was, wenn sich der Landtag von Sachsen-Anhalt nicht an die Verfassung hält?
Martin Greive (Handelsblatt) sieht es so: „Ohne Zuwanderung wird die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren gar nicht funktionieren können.“ Doch der Journalist gibt zu bedenken, es werde „nicht einfach werden, weil sehr, sehr viele Menschen dort sehr skeptisch auf eine weitere Zuwanderung blicken“.

Der belesene Lanz erzählt, er habe weiland einmal dem Wall Street Journal entnommen, Deutschland habe eine Rekordzuwanderung und trotzdem Fachkräftemangel. Warum er für diese Erkenntnis eine amerikanische Zeitung braucht, verrät er nicht. Außerdem habe „jeder Zweite im Bürgergeld keinen deutschen Pass“, so Lanz. Wie das denn angehen könne, will er wissen. Schulze winkt ab: Das sei kein Landesthema, sondern Sache des Bundes. Überhaupt gefällt er sich im Wegbügeln. Mal erzählt er, was er alles als ehemaliger Wirtschaftsminister bereits geschafft habe, und dann, was er alles leider, leider noch nicht schaffe, weil er ja erst so kurz Ministerpräsident sei.

Lanz versucht es nochmal: „Seit 24 Jahren regiert die CDU und ist offenbar nicht in der Lage, den Optimismus zu verströmen, der dazu führt, dass Menschen Kinder kriegen. Das ist doch der Punkt.“ Schulze zieht den Geopolitk-Joker: Das sei doch überall in Europa genauso. „Was ist Ihr Plan?“, fragt Lanz. Schulze weicht aus, verliert sich in Allgemeinplätzen und Parteiparolen.

Greive stochert noch ein bisschen in der Wunde herum: Im Bildungssektor investiere Sachsen-Anhalt bereits jetzt überdurchschnittlich, aber ohne irgendwelche nennenswerten Resultate: „Sie nehmen relativ viel Geld in die Hand, und es kommt relativ wenig raus.“

Ein Bild geht um die Welt:
Trickst die CDU in Sachsen-Anhalt?
Zeit für Schulze, die nächsten Fake News zu verbreiten, und wieder ist die AfD der Adressat. Die Schwefelpartei wolle, dass alle Frauen zurück an den Herd gehen, behauptet Schulze: „Die wollen die Schulpflicht abschaffen. Wer kümmert sich denn zuhause um die Kinder?“ Die AfD habe „dieses alte, dunkle Bild von Deutschland“, und Ulrich Siegmund sei für Parteichefin Alice Weidel ohnehin nicht mehr als ein Handlanger, genauer: „’ne Marionette von ihr“.

Lanz möchte endlich mal Konkretes hören und nicht immer nur „darüber reden, was die Anderen machen“. Der Moderator wird ungeduldig: „Was Sie gerade übersetzt sagen, ist: Wir haben keinen Plan, außer den Plan, alles im Grunde so zu lassen, wie es ist.“ Schulze hat plötzlich ein Flehen in der Stimme: „Herr Lanz, das stimmt wirklich so nicht.“

Er berichtet von bezahlten Berufspraktika. Schüler bekämen 120 Euro pro Woche. In Zukunft wolle man das komplette Schulsystem mehr auf den Arbeitsmarkt ausrichten: nur noch vier Tage Schule, danach ein Tag im Unternehmen. Das sei bereits erfolgreich getestet worden. „Wir geben richtig Gas da, wo wir’s machen können.“ Aber er wolle nichts versprechen, was er später nicht halten könne. So wie nämlich die AfD.

Rennefanz sieht trotzdem schwarz für Schulze. Die AfD habe „etwas, was die CDU nicht so hat. Die haben es geschafft, so eine Bewegung aufzubauen.“ Sie habe Frustgefühle und Verlustgefühle in einen gewissen Stolz umgewandelt. Auch Greive sieht die CDU im Abseits: „Was mir fehlt, ist eine positive Zukunftserzählung für das Land.“

Schulze hingegen wirft der AfD vor, Sachsen-Anhalt als Untergangsland darzustellen. „Die reden alles schlecht“, stöhnt er. Lanz kontert: „Dafür hat Herr Siegmund aber erstaunlich gute Laune.“

Sven Schulze (CDU)
Fiel mit der Wahl des neuen Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt die Brandmauer nach links?
Kritik an der Bundespolitik lässt sich Schulze nicht entlocken. Der Mann ist braver Parteisoldat. „In keinem Land seien Strom und Arbeit so teuer wie in Deutschland“, klagt Lanz. „Inwieweit ist Berliner Politik da ein echter Hemmschuh? Wie sehr schadet Ihnen Friedrich Merz?“ Schulze gibt den Ergebenen. Das jetzt präsentierte Reformpaket sei ja noch nicht einmal beschlossen, aber es sei doch toll, dass die Koalition überhaupt etwas präsentiert habe.

Das ergebe unterm Strich eine Erleichterung von 60 Euro im Jahr, rechnet die Runde ihm vor. „Das kann man den Wählern doch nicht als großen Wurf verkaufen“, empört sich Lanz, und Greive sagt, das Ganze „verdient den Namen Steuerreform nicht. Die Bundesregierung macht sogar noch weniger als die Regierungen der vergangenen zehn Jahre.“ Rennefanz nennt es „ein Radikalisierungsprogramm für die arbeitende Mitte“.

Noch eine Frage, die ins Nirvana führt: Würde sich Schulze notfalls von Linken oder der AfD zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Lanz startet mehrere Versuche, aber Schulze kann sich zu keinem klaren Nein durchringen. Er werde „nicht hinlaufen“ und um Stimmen betteln, und er werde sich auch „nicht abhängig machen von links oder rechts“. Semantisches Mikado. Schulze auf den Spuren des Merz.

Zum Schluss noch eine weitere Falschbehauptung: Schulze erinnert voller Empörung an den „Hitlergruß“, den AfD-Landeschef Martin Reichardt 2020 gezeigt haben soll und der in den vergangenen Tagen durchs mediale Dorf getrieben wurde. Dass der angebliche Gruß mit dem linken Arm ausgeführt wurde und dass Reichardt selbst es als einen humoristischen „Ritterschlag“ auf einer privaten Feier erklärte, das alles unterschlägt Schulze. Lanz versäumt ebenfalls jegliche „Einordnung“.

Die Landesmedienanstalt dürfte sich deshalb in Kürze bei ihm melden. Ganz sicher – nicht. Denn praktischerweise werden nur private Sender und alternative Medien zensiert. ARD und ZDF dagegen sind ja der Staat an sich.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 8 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

8 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
RandolfderZweite
18 Minuten her

Dass eine solche blasse Vorstellung – mit den üblichen Diffamierungen der AfD – zu 20% führen könnte, erschreckt mich!!

Chrisamar
19 Minuten her

„Und täglich lügt das Murmeltier…“ Und hier die politisch korrekte KI Zusammenfassung: Text 1: Die öffentliche Wahrnehmung von Ulrich Siegmund Ulrich Siegmund (AfD) punktet in der Öffentlichkeit vor allem durch seine mediale Reichweite und populistische Rhetorik. Er gilt auf Social-Media-Plattformen wie TikTok als hochkompetent im Erreichen junger Zielgruppen. Seine politische Stärke zieht er aus der Rolle des emotionalen Oppositionsführers, der den Unmut der Bevölkerung kanalisiert und als „Anti-Establishment“-Figur auftritt, während ihm die breite Bevölkerung jedoch oft die nötige Seriosität abspricht. Text 2: Das Interview von Sven Schulze bei Markus Lanz Sven Schulze (CDU) versucht im Interview, sich als solider, verantwortungsbewusster… Mehr

Ulric Viebahn
21 Minuten her

Hr. Greive und Handelsblatt sind Dummschwätzer, weil auch sie den BEDARF an Zuwanderern für die die Volkswirtschaft nie vorgerechnet haben. (Das könnte man, Branche für Branche, mit der Bevölkerungspyramide machen.) Fehlt noch auszurechnen, ob es volkswirtschaftlich ein sinnvoller Gewinn ist.
Leider ist das entgleist zu einem Konjunkturprogramm, das nirgendwohin führt: Subvention einer Einwanderungsindustrie, in der zweitklassige Akademiker ihr Auskommen finden.

Petra G
22 Minuten her

WER schaut sich diesen geframten Mist überhaupt noch an?
Laut KI sind das im Schnitt ca. 1,5 Millionen (statistisch ermittelt)
Davon sind 5-10% zwischen 14 und 29 Jahre, 20-25% zwischen 30 und 49 Jahre, 25-30% zwischen 50 und 64Jahre und 40-50% 65+ Jahre alt.
Dass heißt rund zwei Drittel der Zuschauer verschlafen das um diese Uhrzeit.
Also völlig überbewertet! Das sollte man einfach nicht mehr kommentieren.

Last edited 22 Minuten her by Petra G
Monostatos
29 Minuten her

Diese Abfolge: erst Siegmunds schwungvoller, überaus gelungener Auftritt bei Lanz und danach eine Woche später dort dieser reichlich armselige Auftritt Schulzes wird vermutlich die fehlenden Prozente für den Machtwechsel in Magdeburg liefern. Danach steht das Lager der Brandmauer-Parteien lichterloh in Flammen.

Ohanse
31 Minuten her

Bei mir wäre der Schulze heulend aus dem Studio gerannt.

Bernd Bueter
36 Minuten her

Die ÖRR Medieninsolvenz hat bei uns Hausverbot.
Kann weg, muß weg, kommt weg.
Es reicht, die Zwangsbeiträge auf freiwillige Qualitätsanerkennungsbeiträge umzustellen.

Also von Zwangspropaganda auf Ehrlichkeit.
Und letzteres können sie nicht, wie ihre „Paten“, die kriminellen Altparteien.

Zusatz ©:
(Daten-/Texterfassung durch „Kivi“/14 Landesmedienanstalten und jegliche Daten-Verarbeitung und -weitergabe untersagt)

Nibelung
37 Minuten her

Siegmund ist mit seinen jungen Jahren eine Ausnahmeerscheinung und da wird sich sein schwarzer Kontrahent schwer tun, die Wähler von seiner Güte zu überzeugen, auch wenn er den Eindruck macht der letzte Einäugige unter den schwarzen zu sein, denn der Begriff Esprit ist nich nur eine Geisteshaltung, sondern bewegt gleichzeitig die Massen, denn die Merkel`sche Einheitskost war doch immer unerträglicher und wer sich mit dieser Art von Politik noch präsentiert kann nur dabei verlieren. Marc Aurel hat mal auf dem Sterbebett einem fragenden Centurio den Rat gegeben, sich der aufgehenden Sonne zuzuwenden, denn seine sei im untergehen und wer das… Mehr