Uwe Bolls Selbstjustiz-Thriller „Citizen Vigilante“ bekommt in Deutschland keine Altersfreigabe und verschwindet damit faktisch vom Markt. Elon Musk macht den Film für alle sichtbar und blamiert das deutsche Zensursystem. Und die Zensoren stehen dumm da, denn spätestens jetzt wird der Film zum Bestseller. Von Silvia Venturini
Screenprint via X / Elon Musk
Eine junge, blonde Frau geht durch eine europäische Stadt (spezifischer wird es im Film nicht mehr), an der Hand ihren etwa achtjährigen Sohn. Ein schwarzer Mann kommt ihr entgegen, zieht im Vorübergehen ein Messer und schneidet ihr ohne erkennbaren Grund die Kehle durch, während das Kind (und der Zuschauer) ansehen muss, wie die Mutter verblutet. So eröffnet Uwe Boll seinen neuen Film „Citizen Vigilante“, und weiß genau, was er tut: maximale Emotion in der ersten Minute, das Publikum auf Betriebstemperatur, ehe der Protagonist noch auftaucht.
Gleich im Anschluss verkündet eine Nachrichtensprecherin des ebenso generisch wirkenden „World News“ Fernsehsenders, die Migrantengewalt steige, doch nun keime Hoffnung auf, in Gestalt eines rätselhaften Rächers, der eingreift, wo die Justiz versagt. Von Anfang an sind somit zwei Dinge deutlich: Subtilität ist (noch immer) nicht die Waffe der Wahl von Regisseur Uwe Boll. Und sein Film hat eine Botschaft, die im Gegensatz zur generischen Welt, in der er spielt, höchst spezifisch ist.
Den erwähnten Rächer, einen reichen Geschäftsmann namens Sanders, gespielt von Armie Hammer, bekommt in Deutschland niemand regulär zu Gesicht. Die FSK hat dem Film in zwei voneinander unabhängigen Verfahren jede Altersfreigabe verweigert. Das ist zwar kein Verbot im Wortsinn, in der Praxis aber schon, denn ohne Kennzeichnung rührt kein Kino und kein Streamingdienst das Werk an. Acht Prüfer haben befunden, dass diese erste Szene und alles, was ihr folgt, dem deutschen Publikum erspart bleiben muss.
Damit steht Boll in einer langen Tradition. Schon 1974 zog Charles Bronson als müder Architekt Paul Kersey in „Ein Mann sieht rot“ durch das nächtliche New York und schoss auf jeden Kriminellen, der ihm oder einem anderen Unschuldigen zu nahe kam. Der Film wurde damals auch in Deutschland ein Kassenschlager, ehe die Bundesprüfstelle neun Jahre später eine Gefahr von Kerseys Feldzug ausgehen sah und ihn auf den Index setzte, wo er bis 2018 verharrte. Der Rächer, der das Recht in die eigene Hand nimmt, weil der Staat es nicht mehr tut, ist so alt wie das Multiplex. Und ebenso alt ist der deutsche Reflex, ihn lieber wegzusperren.
Der wahre Stein des Anstoßes
Wer die Zensurgeschichte des Rachefilms durchblättert, stößt auf ein verräterisches Muster. Nicht der Mord an sich war meist der Auslöser, sondern die sexualisierte Gewalt. Bronsons Kersey kehrte am Ende ungeschnitten ab sechzehn auf den Markt zurück, aber die Fortsetzung mit einer ausgedehnten Vergewaltigungsszene ist bis heute auf dem Index. Sam Peckinpahs „Wer Gewalt sät“, heute als Meisterwerk kanonisiert, hing nicht an der Brutalität seines Finales, sondern ebenfalls an einer Vergewaltigungsszene. Und auch bei Boll entzündet sich die Empörung weniger an der Körperzahl als an einer Gruppenvergewaltigung, die der Film mit aller Wucht ausstellt. Die Behörde, die gegen die Selbstjustiz zu Felde zieht, reagiert in Wahrheit fast immer auf dasselbe.
Was Boll wirklich neu macht
Neu an „Citizen Vigilante“ ist dennoch etwas. Es ist nicht die Gewalt, seit John Wick im ersten Teil seines Franchise siebenundsiebzig Menschen für einen toten Hund erschießt und dafür mit FSK 16 eingestuft wurde, ohne dass je ein Prüfer Schnappatmung bekommen hätte. Es ist auch nicht der ethnisch markierte Bösewicht, denn Liam Neeson räumt in „Taken“ reihenweise albanische Mädchenhändler ab, und niemand sah darin einen Aufruf, es ihm gleich zu tun.
Neu ist, dass Boll den ethnischen und religiösen Subtext, den seine Vorgänger bestenfalls nur andeuteten, offen benennt und ihn niemals direkt hinterfragt. Wo „Taxi Driver“ einst die Abgründe hinter der moralisierenden Selbstermächtigung erforschte, liefert Boll am Ende eine Widmung an die vom Rechtssystem im Stich gelassenen Opfer und einen Helden, der seine Hinrichtungen als Aufruf an die Europäer versteht, es ihm gleich zu tun. Das ist, neben der Gewalt, der Reizpunkt, den die FSK adressiert. Das darf man kritisieren, nur stellt sich die Frage, ob die FSK damit nicht ihre Kompetenzen überschreitet.
Keine deutsche Erfindung, aber eine deutsche Spezialität
So gern man die Verbotswut für eine deutsche Eigenheit hielte, sie ist keine. „Wer Gewalt sät“ war ausgerechnet im Produktionsland Großbritannien achtzehn Jahre lang verboten und erst 2002 ungekürzt zu haben, während in Deutschland durchgehend ungeschnittene Fassungen kursierten. Spezifisch deutsch ist nicht die Zensur, sondern ihre Begründung. Hierzulande wird nun der Jugendschutz zur Schranke für Erwachsene: Acht Prüfer entscheiden, was über fünfzig Millionen volljährige Bürger nicht zu sehen bekommen dürfen, obwohl eine Freigabe ab achtzehn jeden Minderjährigen verlässlich draußen gehalten hätte. Aus dem Schutz der Jugend wird die Bevormundung des Mündigen, oder – wie man es auch vom ÖRR kennt – betreutes Sehen.
Die Freiheit der Kunst gilt auch für den Schund
Hier liegt der eigentliche Skandal, und er hat mit der Qualität des Films nicht das Geringste zu tun. Doch die Kunstfreiheit des Grundgesetzes kennt keine Qualitätsschwelle. Sie gilt auch für den Schund, sonst gälte sie nicht.
Boll verteidigt sein Werk mit dem Verweis auf die Mündigkeit des Publikums. Sein Held sei kein Sympathieträger, die Gewalt überzeichnet, und der erwachsene Zuschauer komme von allein zu dem Schluss, dass hier eine Grenze überschritten werde. Das ist nicht falsch, denn Sanders ist erkennbar ein Psychopath, der selbst den Tod Unschuldiger in Kauf nimmt, wenn es der Vermittlung seiner Botschaft dient. Nur spricht Bolls Film eine andere Sprache als sein Regisseur: Wo dieser den mündigen Betrachter beschwört, verweigert ihm das Werk die Mittel zur Distanz und verstärkt am Ende den Aufruf, statt ihn zu brechen. Ein wenig der eingangs erwähnten Subtilität stünde dem Film da gut zu Gesicht, doch vergeblich. So muss man leider sagen, dass die Sorge der Zensoren, die seit Bronsons Tagen Angst vor Nachahmern haben, nicht unberechtigt ist. Denn der Zorn im Volk ist groß und im Zeitalter der Volksverdummung genügt einer, der die behauptete Distanz nicht bemerkt und dem plakativ zelebrierten Racheaufruf Folge leistet, um jegliche Migrationskritik auf Jahre hinaus unter Verdacht zu stellen.
Doch selbst wer diese Sorge ernst nimmt, muss feststellen, dass die FSK das falsche Instrument gewählt und damit ihre Kompetenz überschritten hat. Wäre der Film tatsächlich geeignet, zu Gewalt gegen Migranten aufzustacheln, so gäbe es dafür ein Verfahren: die Indizierung, an deren Ende eine inhaltliche Prüfung und eine begründbare Gefährdungsfeststellung stünden. Stattdessen verweigert die FSK schon die Kennzeichnung und erwirkt damit eine faktische Indizierung durch die Hintertür, eine Wirkung, die ihr so gar nicht zusteht. Sie spielt Bundesprüfstelle, ohne deren Verfahren zu durchlaufen.
Der Staat macht es ihm leicht
Damit aber begeht die Behörde ihr eigentliches Eigentor. „Citizen Vigilante“ handelt von nichts anderem als von Institutionen, die eine unbequeme Wirklichkeit so lange unter den Teppich kehren, bis die Wut der Übergangenen sich Bahn bricht. Indem die FSK den Film verschwinden lässt, bestätigt sie dessen These, statt sie zu widerlegen, und liefert Boll die Pointe frei Haus. Den Rest besorgt der Streisand-Effekt: In den USA hat das Werk über den Streaming-Markt nach Branchenangaben bereits zweistellige Millionenbeträge eingespielt, und auf den einschlägigen Kanälen wird jede Szene als Beweis herumgereicht, dass man die Wahrheit eben nicht zeigen dürfe.
Das ist das eigentlich Bedauerliche. Boll ist ein Exploitation-Regisseur alter Schule, der kontroverse Stoffe sensationalistisch ausbeutet und in moralische Beteuerungen wickelt. Er greift, so plakativ es auch sein mag, eine real bestehende Ungerechtigkeit auf: Täter, die nach schweren Verbrechen mit Bewährung davonkommen, ein Staat, der wegschaut, ein Polizeiapparat, der lieber Meinungsdelikte verfolgt, als Verbrecher. Wer einem solchen Film mit Ausschluss und Verbot begegnet, so wie man andernorts unliebsamen Parteien mit Ausgrenzung begegnet, der befeuert genau jene Wut und jene Rachephantasien, die er einzudämmen vorgibt.






Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Es ist unglaublich welche üble Doppelmoral in Deutschland herrscht. Gibt es auch bald „Fahrenheit 451“ – Aktionen?
> Es ist unglaublich welche üble Doppelmoral in Deutschland herrscht. Nicht zuletzt – wenn man Neonazis für Terror bezahlt und über Gewalt sinnieren will: https://tkp.at/2026/06/26/kuendigt-selenskyj-40-tage-geheimdienstaktion-oder-terroraktionen-gegen-russland-an/ > „… Im Fall des verheerenden Terroranschlags auf das Veranstaltungszentrum Crocus City Hall nahe Moskau im März 2024 ist das Hauptverfahren in Russland bereits abgeschlossen: Ein russisches Militärgericht verurteilte im März 2026 insgesamt 19 Angeklagte zu langjährigen Haftstrafen, darunter 15 Männer zu lebenslanger Haft. Eine staatlich behauptete Verbindung zur Ukraine ist bis heute international „nicht bestätigt“ … Das russische Ermittlungskomitee jedoch behauptet eine Steuerung und Finanzierung (u.a. über Kryptowährungen) durch ukrainische Geheimdienste. …“ Und westliche… Mehr
Keine Tschetschenen? Mannomann.
Man kann den oben verlinkten Film „Citizen Vigilante“ mit dem Programm „Stacher“ herunterladen, falls gewünscht.
Das Programm ist sehr leicht zu bedienen.
Ich kenne keinen Erwachsenen, der diesen Film noch nicht gesehen hätte – Uwe Boll muss sich bei der FSK für die Promotion bedanken. Diesen Film zu skandalisieren, ist das Dümmste, was die FSK tun konnte. 1. das ist die beste Werbung 2. Da die FSK-Kennzeichnung ausschließlich für den Jugendschutz Relevanz hat, kann jeder Kinobetreiber ihn zeigen, wenn er freiwillig sicherstellt, dass niemand unter 18 in den Saal reinkommt. Da aber alle Interessierten über und unter 18 den Film schon gesehen haben, wäre das kein Geschäft, sondern nur eine Demonstration gegen diesen Zensurversuch. Ich würde mir den Film in einem Kino… Mehr
Zuerst einen Dank an Elon Musk. Den Film auf X zu stellen ist ja nicht kostenlos – gelinde gesagt. Natürlich haben unsere Politiker eine Heidenangst vor der realen Darstellung alltäglicher , gern totgeschwiegener Messergewalt. Und durchaus auch Selbstjustiz! Ein Vater, reichlich 50, geschieden oder verwitwet- und das einzige Kind wird gemessert .. ggf. noch das Sterben ins Netz gestellt – der zahlt emotionslos weiter sein Eigenheim ab?! Für wen??? Kuschel – Urteil dann noch für den oder die Täter.. Kann dann der gewisse Tropfen sein .. PS: nur Mal so als Frage… Wenn jemandem ein Kind getötet wird – bekommt… Mehr
Ich zitiere:
„„Citizen Vigilante“ handelt von nichts anderem als von Institutionen, die eine unbequeme Wirklichkeit so lange unter den Teppich kehren, bis die Wut der Übergangenen sich Bahn bricht.„
Trifft es sehr gut. Diese „Institutionen“ sind zu Exekutoren der Beutegemeinschaften oder Rackets, genannt Parteien geworden.
Die Kritik bzgl. des „Könnens“ des Regisseurs ist völlig überflüssig – genau wie Roter Teppich und Champagnerempfang bei Frau Roth oder Herrn Weimer.
Ein Film, der in der Grausamkeit, Hoffnung gibt.
Ich habe nur einen großen blonden Mann gesehen der seine Pflicht erfüllt.
Sehr gute Analyse. Die selbsternannten Zensoren haben dem Film erst die Aufmerksamkeit verschafft, die ihn jetzt erst recht zum Symbol für ein Herrschaftssystem macht, das sich genau mit den Mitteln an der Macht hält, die der Film plakativ anprangert: Doppelzüngigkeit, Repressivität gegen Kritiker, Brutalität gg die eigene Bevölkerung bei gleichzeitig feiger oder großzügiger Privilegierung krimineller Elemente, nur um die Massenmigration selbst nicht zurückdrehen zu müssen. Ich finde aber, dass die obige Rezension die Szenen mit den einheimischen K.O.-Tropfentätern und mit der offenbar asiatischen Prostituierten, die ein differenzierteres Bild zeichnen, zu wenig – nein, gar nicht – beachtet. Selbstverständlich lebt das… Mehr
Der von Elon Musk geteilte Post hat bereits über 10,5 Millionen Views. Klassisches Eigentor der Politik.
Damit man diesen Film auch vernünftig einordnet: Das „Machwerk“ von Uwe Boll ist ein Film noch unter B-Movie Niveau. Uwe Boll ist ein schrecklicher schlechter Filmemacher. Er hat diverse Filme von spektakulär erfolgreichen Videospielen verfilmt. Und nur kurz zur Einordnung, falls jemand meint, Videospiele sind „Kinderkram“: Der Videospielmarkt ist monitär größer als die gesamte Musikindustrie UND Filmindustrie zusammen! Diese Verfilmungen gehören zu den schlechtesten Filmen überhaupt. Uwe Boll ist aber ein Marketing Geniestreich gelungen. Zusammen mit Elon Musk (X, Twitter) fährt er eine gigantische Medienkampagne. Auf Sozial Media wird überall Werbung für diesen wirklich fürchterlich schlechten Film gemacht. Schaut ihn… Mehr
> Diese Verfilmungen gehören zu den schlechtesten Filmen überhaupt.
Von „Resident Evil“ habe ich mir einige Teile wegen Milla Jovovich angetan – allerdings eher mich zum Schauen gezwungen. Der Rest bietet nicht mal das. Ärger mit FSK bietet solchen Machwerken unverdiente Werbung.
Na, da reiht sich Resident Evil aber in sehr vielen üblen Zombiemachwerken ein.
Obwohl es sich um einen Mix aus mehreren Genres handelt.
Die Spiele älteren Datums waren wesentlich spannender.
Der mündige Bürger muss eben an die Hand genommen werden. Damit er immer das Richtige tut und das Richtige denkt. Solche Manipulationen bedürfen aber auch das richtige Klientel, was offensichtlich da ist. Den Film werde ich mir anschauen. Traue ich mir zu, ich kann selbst denken.
Für alle Dumpfbacken, deren Träume gerade zerplatzen. Ich habe nochmal die 67 Mio. $ Einspielergebnisse abgefragt, die sind immer noch ein falscher Eintrag, der abgeschrieben wurde. „The Numbers“ zeigt weltweit (Box-Office-Zahlen) die Einspielungen & dort existiert kein Eintrag. Es gibt bis zur aktuellen Stunde keine einzige Plattform (wie zB Netflix) weltweit, die den Film streamt. Quiver Distribution, für den Film zuständig in Nordamerikanischen Kinos, bringt den Film immer noch unter „Limited Release“ in nur wenigen Kinos. Der Film steht weltweit kostenlos auf X bis heute um 16:00 Deutscher Zeit. Dann nimmt Boll den Film von X runter. Wenn ich das… Mehr
Okay, wie schon weiter oben geschrieben, nehme ich mal stark an du bist ein Troll. Anders kann ich mir solch einen Text nicht erklären. Oder du lügst mit Absicht, aber das würde ich niemanden unterstellen.
Warum prüfen Sie Lusche meinen Text nicht einfach nach?
Lies meine anderen Kommentare, wo ich genau das getan habe. Ich muss mich nicht fünfmal wiederholen.
Sie posten gar nichts, außer Unfug. Keine Datenbanken, nichts.
Was für Datenbanken? Der Film ist außerhalb von Deutschland zum Kauf und zum Streamen erhältlich. Genau das, wovon du behauptet hast, dass dies eine Lüge sei und ja nicht stimmen würde. Du wirst doch in der Lage sein selbst bei Apple oder Amazon in den USA nachzuschauen oder in anderen Ländern. Oder schaffst du das nicht?
Autsch, der Film tut weh, aber es juckt mich rein theoretisch auch in den Fingern.
DDR 2.0! heute schauen wir dann mal Ostfernsehen!