Chinas Ökonomie verliert sichtlich an Dynamik. Die messbare Investitionsschwäche soll durch eine Stärkung des Binnenkonsums überwunden werden. Zur Stabilisierung des Arbeitsmarkts fährt die Regierung den Exportmotor hoch.
picture alliance / Xinhua News Agency | Shen Hong
Die Zeichen verdichten sich, dass China fürs Erste als globaler Konjunkturdynamo ausfallen könnte. Wir bleiben im Konjunktiv, da ökonomische Daten aus Peking stets mit Vorsicht zu genießen sind, dennoch aber Hinweise auf die Richtung der Entwicklung geben können.
Jüngste Daten aus der chinesischen Industrie deuten auf ein spürbares Abbremsen der Industrietätigkeit hin. Im Juli fielen sowohl die Purchasing Managers‘ Indices (PMI) für die Industrie mit 49,2 als auch für den Dienstleistungs- und Baubereich mit 49,0 Punkten unter die Wachstumsschwelle von 50 – der erste Rückfall in die Kontraktion seit Februar, nach vier Monaten in Folge oberhalb dieser Marke.
Die schwachen PMIs sind jedoch nicht das einzige Indiz, das auf eine Abkühlung der chinesischen Wirtschaft hinweist: Die Privatwirtschaft investiert deutlich weniger als im Vorjahr. Die Anlageinvestitionen liegen 5,7 Prozent niedriger, Bauinvestitionen sind um sagenhafte 18 Prozent regelrecht eingebrochen. Es sind sichtbare Risse im Fundament einer Wachstumsstrategie, die jahrelang als alternativlos galt.
Die politische Führung in Peking steht vor einem Problem: Dem Versprechen wachsender Prosperität müssen Taten folgen, wenn Krisen auftreten.
Nach dem Schock vor anderthalb Jahrzehnten nutzte die Politik die Bauwirtschaft als keynesianische Werkstatt, konstruierte vermutlich über 50 Millionen überflüssige Wohneinheiten und schuf damit eine gigantische Immobilienblase, aus der sie jetzt die Luft ablässt. Die daraus resultierende Arbeitslosigkeit ist das eigentliche Movens der chinesischen Politik – worüber in Peking niemand offen redet.
Pekings aggressive Exportstrategie trifft sowohl in den USA als auch in der Europäischen Union auf Widerstand. Allerdings reagiert Peking auf Schutzzölle und Regulierungsinitiativen seiner Handelspartner mit der Brechstange und droht zur Not mit dem Exportstopp seltener Erden. Auf diese sind vor allem europäische Industriebetriebe existenziell angewiesen. Kalte Erpressung als Politik – Chinas Führung um Xi Jinping steht wohl mit dem Rücken zur Wand und versucht gewissermaßen, die eigenen Probleme zu exportieren.
Wie sieht nun Pekings langfristige Konsolidierungsstrategie aus? Ein Schwenk von investitionsorientierter zu konsumorientierter Politik soll den Ausweg aus der Wachstumsklemme weisen: von der Investition zum Binnenkonsum. Kann das funktionieren?
Roland Baader sagte einmal treffend: Man konsumiert sich nicht reich – nur Sparen schafft Vermögen. Dies gilt erst recht für komplexe Ökonomien, die – wie im Falle Chinas – nun durch künstliche Anreize wachsen sollen.
Tourismus, Kultur, Freizeit, Gesundheits- und Pflegedienste – Peking will mit milliardenschweren Subventionen die Konsumkultur im Land der fleißigen Sparer stimulieren. KI-gestützte digitale Konsummodelle, aber auch der stationäre Einzelhandel sollen die Kauflaune anreizen. Das klingt beinahe nach EU-Politik: ökonomisch naiv und keynesianisch durch und durch.
Hat man in Peking die Geduld verloren? Herrscht möglicherweise Panik angesichts einer wirtschaftlichen Flaute, deren Ausmaß aus der Außenperspektive nur schwer erkennbar ist? Konsum auf Kredit – in der Übergangsphase soll der Exportmotor heißlaufen, bis die Binnenwirtschaft boomt. So die Kurzfassung der Strategie.
Es stellt sich also die Frage: Ist Chinas Krise nur von temporärer Natur, oder steckt mehr dahinter?
China steckt zweifelsohne in einer demografischen Klemme. Im vergangenen Jahr verlor das Land etwa 3,4 Millionen Einwohner – eine Entwicklung, die der Binnenmarkt spüren wird und die Produktionsstruktur der chinesischen Binnenwirtschaft verändern dürfte.
Auch die zähe, politisch verursachte Immobilienkrise lastet wie Blei auf der chinesischen Konjunktur. Denn auch China betreibt im Wesentlichen ein Fiat-Kreditgeldsystem. Fallende Preise sind Gift innerhalb dieses systemischen Designs, das permanent wachsendes Kreditvolumen benötigt, um liquide zu bleiben.
Doch auf der anderen Seite stehen die enormen Aktiva dieser riesigen Ökonomie. China investiert massiv in Rechenzentren, baut seine Nuklearenergie weiter aus und befindet sich in wichtigen Technologiebereichen möglicherweise bereits auf Augenhöhe – vielleicht sogar einen Wimpernschlag vor den USA. In Peking geht man all-in im Bereich der Halbleiterfertigung, der Robotik und der künstlichen Intelligenz.
Können wir also sagen, dass China lediglich in einer Konjunkturdelle steckt, bevor sich die nächste große Wachstumswelle auftürmt?
Vielleicht lässt sich das Spannungsverhältnis zwischen Deutschland und China anhand einer Kerngröße präzise beschreiben. Bis zum Jahr 2018 exportierte die deutsche Wirtschaft netto Kapitalgüter an ihre chinesischen Partnerfirmen. Seither hat sich dieser Kapitalgüterstrom umgekehrt. China hat auch hier einen Exportüberschuss errungen – ein Etappensieg für die Chinesen im weltweiten Kampf um Know-how und technologischen Vorsprung.
Ganz gleich, wie sich Chinas Gegenwart ökonomisch darstellen mag: Im Verhältnis zu den darniederliegenden Industrien Europas, seinem lähmenden Wohlfahrtsstaat, den hohen Schulden und einer vielfach fehlenden Unternehmer- und Investorenkultur steht China wesentlich besser da und könnte bald wieder dynamisch wachsen. Allerdings setzt dies voraus, dass man sich nicht dauerhaft in der keynesianischen Falle verfängt und die Zukunft von Ökonomie und Gesellschaft – wie es die Europäer getan haben – in einem gigantischen Konjunkturstrohfeuer auf Pump regelrecht zerhämmert.
Wie China mit seinen wachsenden Staatsschulden umgehen und wie es die zersetzende Irrlehre des Interventionismus und der Subventionen überwinden wird, wird die Zukunft zeigen. Genau in diesem Moment der ökonomisch-ideologischen Verwirrung Pekings liegt die Chance der Europäer: Kopiert man die Wirtschaftsstrategie – oder setzt man jetzt auf Wettbewerb, Deregulierung und das Ende des Klimawahns? Dann könnte eine Aufholjagd beginnen – doch leider besaß der Konjunktiv zu keiner Zeit ein größeres Gewicht als in der gegenwärtigen EU-Politik.


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„Man konsumiert sich nicht reich“: Ich habe wirklich keine Ahnung von Wirtschaft. Aber ich weiß, dass in der Weltwirtschaftskrise ab 1929 Millionen Menschen weltweit arbeitslos waren und die Armut stark anstieg. Roosevelt versuchte durch Keynesianismus das zu beheben. Aber im Grunde war erst der 2. Weltkrieg DER Wirtschaftsmotor für die USA-Wirtschaft. D.h. sinnloses Geld ausgeben für Zeug, dass gleich wieder zerstört wird, hat erst die Wirtschaft angekurbelt. Und nach dem 2. Weltkrieg setzte sich das fort.
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