„Ab jetzt sitzen Sie auf der Anklagebank, Frau von der Leyen“

„Seit fast sieben Jahren ruinieren Sie die Europäer“. Die französische EU-Abgeordnete Sarah Knafo rechnet in Straßburg mit Ursula von der Leyen ab. Zuvor hatte bereits Afroditi Latinopoulou die Kommissionspräsidentin scharf angegriffen: „Nicht nur Merkels beste Schülerin, Sie haben sie übertroffen“. Beispiele, die Schule machen.

Afroditi Latinopoulou hatte Ursula von der Leyen an diesem 16. September im Straßburger Europaparlament bereits ordentlich den Hosenanzug strammgezogen. „Es gibt keine größere Rassistin gegenüber Europäern als Sie“, schleuderte die Griechin der Kommissionspräsidentin entgegen. Es folgte in kaum mehr als einer Minute eine Generalabrechnung mit Migration, Bürokratie, grüner Politik und „PfizerGate“.

Damit war der Tag für von der Leyen noch lange nicht beendet. Auch die Französin Sarah Knafo war auf Sturm gebürstet. Wie Latinopoulou bekam auch Knafo eine Minute. Wie Latinopoulou nutzte sie jede einzelne Sekunde. Von der Leyen hörte mit eingefrorenen Gesichtszügen in erster Reihe zu.

Knafo, Abgeordnete der französischen Reconquête und stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Europa der Souveränen Nationen, wählte einen anderen Angriffspunkt. Sie ging an das Geld: zu hohe Steuern und Energiepreise. An die Schulden, die Brüssel im Namen der Europäer aufgenommen hat und immer weiter auftürmt. Ihre erste Salve saß bereits nach wenigen Sekunden: „Frau von der Leyen, seit fast sieben Jahren ruinieren Sie die Europäer, und ich habe eine Minute, um Ihnen zu antworten.“

Dann nahm Knafo von der Leyens jährliche Auftritte im Parlament auseinander. Jedes Jahr trete sie an dieses Pult und fordere immer noch mehr Geld. „Dieses Geld haben Sie eingezogen und vernichtet“, sagte Knafo. Danach machte sie aus Billionenbudgets und Brüsseler Finanzinstrumenten eine Rechnung, die jeder versteht. Sie erfand dafür einen Mann namens Nicolas. Sein Arbeitsplatz sei 4.000 Euro wert, sagte Knafo, bei ihm kämen davon noch knapp 2.000 Euro an. Und selbst damit sei der staatliche Zugriff noch lange nicht vorbei.

Nicolas bezahlt weiter. An der Tankstelle, beim Heizen. Knafo verwies auf die europäische CO2-Bepreisung und hielt von der Leyen vor, Benzin und Heizöl mit einem „Recht zu verschmutzen“ zu belasten. Gemeint ist vor allem der zweite europäische Emissionshandel ETS2 für Gebäude und Straßenverkehr, der 2028 starten soll. Zertifikate müssen zunächst die Brennstofflieferanten erwerben; die Kosten können und werden vermutlich abermals über die Preise bei Verbrauchern landen.

Dann kommt die Stromrechnung. Auch dort, so Knafo knallhart, greife das europäische System Nicolas erneut tief in die Tasche. Sie zielte auf das Grenzpreissystem des europäischen Strommarktes. Dort bestimmt das zuletzt zur Deckung der Nachfrage benötigte Kraftwerk den Großhandelspreis. Ist dieses Kraftwerk ein Gaskraftwerk, setzt Gas den Preis. Genau diesen Mechanismus beschreibt auch die EU-Kommission. Gasstrom sei in der Regel teurer und bestimme den Preis, sobald erneuerbare Energien und Kernkraft die Nachfrage nicht vollständig decken.

Nun kamen jene 750 Milliarden Euro an die Reihe, die zum wohl größten finanzpolitischen Einschnitt der von-der-Leyen-Jahre gehören. „Sie nehmen ihm (Nicolas) Geld, um die 750 Milliarden Euro zurückzuzahlen, die Sie in seinem Namen geliehen haben“, sagte Knafo. Die Summe stimmt: 2020 verständigten sich die EU-Staaten auf das Corona-Aufbauinstrument NextGenerationEU in Höhe von 750 Milliarden Euro zu Preisen von 2018. Die Kommission wurde ermächtigt, das Geld an den Kapitalmärkten aufzunehmen. Die Rückzahlung reicht bis 2058.

Ausgerechnet am selben Morgen hatte von der Leyen in ihrer Rede zur Lage der Union wieder über den künftigen Finanzbedarf der EU gesprochen. Der von ihrer Kommission vorgeschlagene nächste langfristige Haushalt für 2028 bis 2034 erreicht fast zwei Billionen Euro. Zur Finanzierung will die Kommission neue sogenannte Eigenmittel erschließen. Geld soll unter anderem aus dem Emissionshandel und dem CO₂-Grenzausgleich in den EU-Haushalt fließen; hinzu kommen ein Beitrag großer Unternehmen und weitere Einnahmequellen. Die Kommission beziffert die erwarteten neuen Einnahmen auf durchschnittlich 58,5 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Teil davon soll auch die Schulden aus NextGenerationEU bedienen.

Genau hier legte Knafo den Finger in die offene politische Wunde ihrer Rede. „Und heute Morgen wagen Sie es, noch mehr von ihm zu verlangen.“

Dann folgte der Satz, auf den sie bis dahin aufgebaut hatte:

„Nicolas hat nie für Sie gestimmt. Er hatte nie das Recht, Nein zu Ihnen zu sagen.“

Knafo sprach damit die besondere Perversion der Machtkonstruktion der Europäischen Union an. Der Präsident der Europäischen Kommission wird nicht in einer europaweiten Direktwahl bestimmt. Der Europäische Rat schlägt einen Kandidaten vor, das direkt gewählte Europäische Parlament wählt ihn im Anschluss. Von der Leyen wurde auf diesem Weg 2019 erstmals und 2024 erneut zur Kommissionspräsidentin gewählt. Kein Bürger will „Merkels beste Schülerin“, die diese sogar noch übertroffen hat.

Für die letzten Sekunden hatte die Französin noch eine Requisite vorbereitet. Sie nahm ihr Buch „Le Casse du siècle“ („Der Raub des Jahrhunderts“) zur Hand. Ein Jahr lang habe sie recherchiert, sagte sie. Nun schenke sie von der Leyen ein Exemplar. Der Grund: „Damit Sie beim nächsten Mal, wenn Sie Milliarden verlangen, wissen, wem Sie sie wegnehmen.“ Das Buch war erst Anfang September erschienen und hatte sich nach Angaben des Journal du Dimanche innerhalb von zwei Wochen mehr als 120.000 Mal verkauft.

Dann setzte Knafo zum Schluss an:

„Von jetzt an, Frau von der Leyen, sitzen Sie auf der Anklagebank.“

Sie endet ihre fulminante Rede mit: „Sie verlangen unser Geld. Wir verlangen Rechenschaft.“

Knafo war an diesem Tag bereits die zweite Abgeordnete, die von der Leyen vor laufenden Kameras regelrecht das Fell über die Ohren gezogen hatte. Zuvor griff Afroditi Latinopoulou die Kommissionspräsidentin wegen Migration, gesellschaftspolitischer Vorgaben und „PfizerGate“ frontal an. „Sie sind nicht nur Merkels beste Schülerin. Sie haben sie übertroffen“, rief sie ihr zu. Dann folgte ihr härtester Satz: „Es gibt keine größere Rassistin gegenüber Europäern als Sie.“

Kurz darauf setzte dann Sarah Knafo nach. Sie zerlegte von der Leyens Politik über Steuern, Energiepreise, EU-Schulden und immer neue Forderungen nach Geld sowie von der Leyen persönlich. Zwei Rednerinnen, zwei Minuten, zwei Abrechnungen, die mittenrein geschlagen haben. Von der Leyen hatte zuvor über eine Stunde benötigt, um ihre eigene Version einer angeblichen Erfolgsgeschichte der Europäischen Union auszubreiten.

Latinopoulou und Knafo brauchten zusammen kaum länger als 120 Sekunden, um diesem arroganten und verlogenen Selbstbilds von der Leyen die Gegenrechnung vorzulegen. Für einen Moment fiel die gesamte Brüsseler Sprachkulisse aus Strategiepapieren, Zukunftsversprechen und „Eigenmitteln“ komplett in sich zusammen. Ein Beispiel, das Schule machen wird.

Zum Abschluss legte Knafo der regungslosen von der Leyen ihr Buch „Der Raub des Jahrhunderts“ auf deren Platz. Die gegenseitige Verachtung war greifbar. Man muss beiden Frauen dankbar sein, von der Leyen frontal konfrontiert zu haben.

Von beiden haben Sie in der Tagesschau oder im heute journal natürlich nichts gesehen. Mit ein Grund, warum die EU Elon Musks X zertrümmern will.

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Kommentare ( 14 )

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Montesquieu
19 Minuten her

Man stelle sich vor, ein deutscher Politiker oder Politikerin würden sich trauen, so eine fulminante Rede zu halten….nein besser nicht.
Sie könnten es nicht, sie wollten es nicht, sie trauten sich nicht.
Lieber hecheln alle den nackten Kaiser/Innen hinterher, um ein paar Pferdeäpfel aufklauben zu dürfen.
PS; Ihre Artikel lese ich immer mit sehr großer Freude, Frau Taxidis!

Last edited 17 Minuten her by Montesquieu
LadyGrilka55
21 Minuten her

Immer mehr Menschen in der EU haben die Nase gestrichen voll von der Eurokratur der ungewählten VdL. Gut, dass sich jetzt endlich immer häufiger Personen aus der Deckung trauen, die auch die Chance haben, gehört zu werden.

„Von jetzt an, Frau von der Leyen, sitzen Sie auf der Anklagebank.“

Ich hoffe sehr, dass diese Frau wirklich eines Tages auf der Anklagebank sitzt, und das ich als älteres Semester das auch noch erleben darf.

Ohnehin kann ich nicht begreifen, warum VdL mittlerweile VIER Misstrauensvoten unbeschadet überstanden hat. Wie korrupt sind große Teile der EU?

Kraichgau
23 Minuten her

Bei der Griechin hat „das EUDSSR-Imperium“ schon zurück geschlagen,Immunität aufgehoben in Griechenland

Jatoh
24 Minuten her

Sehr mutig von den beiden. Aber sie haben nicht die Macht.

Cubus
25 Minuten her

EU und UNO sind Vorboten einer Neuen Weltordnung. Dafür muss das Alte weichen. Unsere Politiker sind die Abrisstruppe, viele bereichern sich daran. Wenn alles zerstört ist, kann wieder neu aufgebaut werden. Das Zeitalter liberaler Demokratien, sofern sie denn eine waren, ist vorbei. Am Ende steht eine weltweite Technokratie, die 1984 noch bei Weitem übertreffen wird. Viele von uns werden nicht mehr dabei sein, durch mRNA oder Schießkrieg, auch atomar, entsorgt. Ursula macht alles richtig. Nur nicht für uns.

Karl Renschu
26 Minuten her

„Als beste Schülerin übertroffen“ sollte sie nicht zu laut sagen. Hier wird bald ein Posten als Bundeskanzler frei…

Mathias Rudek
41 Minuten her

Sehr bewundernswert diese engagierten, jungen Frauen. Das starre Gesicht von Zensursula spricht Bände. UvdL ist das Symptom eines gewaltigen Konstruktionsfehlers dieser Echokammer namens EU. Es wird endlich Zeit die Axt an ihren Ausuferungen zu legen. Das gilt auch für den freidrehenden EUGH.

Aliena
42 Minuten her

‚Von beiden haben Sie in der Tagesschau oder im heute journal natürlich nichts gesehen.‘
Und kein/e Abgeordnete/r aus Deutschland ist jemals gegen die Bereicherung der Kommission, angeführt von seinerzeit JUNKERS, verstärkt durch die abgehobene und teils ferngesteuerte vdL verbal oder schriftlich vorgegangen!!!
Dem Mut der beiden Damen, die sich trauten, selbst nur in 120 Sekunden ihren Frust zu verbalisieren, sei Dank.

Last edited 40 Minuten her by Aliena
Udo Zimmermann
42 Minuten her

Fest steht, Deutschlands selbst ernannte sogenannte Spitzenpolitiker sind endlarvt. Sei es national oder international, sie haben sich Pseudosympathien erkauft. Erkauft ja, aber immer mit dem Geld de steuerzahlenden Bürger. Diese gingen davon aus, dass dieses im nationalen Interesse geschieht. Nein, es ging mehr um Glamour, Ehrendoktortitel und die eigene scheinbare Wichtigkeit. Dabei treten sie nicht als überragende Politiker auf, sondern als profane Geldbriefträger. Ich denke, sie haben es selbst erkannt. Beschimpfungen, die es in sich haben, nehmen sie mit scheinbar stoischen Ruhe auf. Ich unterstelle, in ihnen brodelt es, aber die scheinbare Wichtigkeit, das Ambiente wie Geleitschutz, Bundes- oder EU-… Mehr

rainer erich
51 Minuten her

Und wieder ein kräftiges “ chapeau“ , verbunden mit der Frage, wo eigentlich die “ Herren“ bleiben. Vor allem die “ konservativen“ Herren.