Wie geht’s vom Rumoren in der CDU zum Sturz von Merz?

Wie genau es weiter geht mit Merz' Abgang, steht nicht fest. Für kundige Thebaner ist die Ablösung von Merz nur noch eine Zeitfrage. Bevor sie mit ihm untergeht, rettet sich die Berufspolitikerschar selbst und schickt ihn von Bord.

picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Unmöglich ist nichts. Mit einem Rücktritt von Friedrich Merz als Kanzler rechnet nach meiner Kenntnis niemand. Dazu zwingen kann ihn auch niemand. Jemand Ernstzunehmenden mit der nötigen Zahl von Abgeordneten hinter sich und dem Kandidaten für ein konstruktives Misstrauensvotum kenne ich auch nicht. Bleibt prozedural nur die Angriffsfläche CDU-Vorsitzender.

Der nächste ordentliche Bundesparteitag der CDU ist vom 18. bis 20. November 2027 in Frankfurt am Main angesetzt. Laut CDU-Satzung wird der Bundesvorstand nur in jedem zweiten Kalenderjahr neu gewählt. Also steht 2027 keine Vorstandswahl an, die nächste wäre 2028. Beim Unmutspegel X ist ein außerordentlicher Parteitag machbar.

Tino Schomann, Landrat des Landkreises Nordwestmecklenburg und Vize-Landesvorsitzender in Mecklenburg-Vorpommern fordert bisher als einziger explizit die Ablösung von Merz. Er hat nach dem CDU-Debakel in Sachsen-Anhalt klar und mehrfach gesagt: „Er muss runter vom Sessel, und da muss ein anderer rauf.“ Merz sei ungeeignet, ihm fehle es an Empathie, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit; Berlin und Merz trügen die Hauptverantwortung für schlechte Ergebnisse. Schomann hofft auf mehr Druck von der Basis, will keine Neuwahlen, sondern den internen Wechsel.

Clara von Nathusius, Bundesschatzmeister der Jungen Union, sagt, mit diesem Kanzler seien „keine Wahlen mehr zu gewinnen“ und Merz solle „nicht noch mal antreten“. Sie hinterfragt die Brandmauer zur AfD als „gescheitertes Projekt“ und fordert, dass die Partei klarer definiert, wofür sie steht.

CDA-Vormann Dennis Radtke erklärt den Kurs „CDU pur“ (maximale Härte und Kante) für gescheitert. Die Partei sei unter Merz zu einseitig konservativ aufgestellt, der soziale und liberale Flügel marginalisiert. Er will einen Kurswechsel bei Inhalten, politischer Erzählung und Kommunikation. Merz-Äußerungen über Faulheit und Systemausnutzung oder Ärzte als Nutznießer würden „das halbe Land“ gegen die Union aufbringen. Der Fokus solle auf Wachstum, weniger auf Bürokratie und Energiepreisen liegen.

Florian Oest, sächsischer CDU-MdB, und sächsische Kreisvorsitzende, fordern eine „schonungslose Analyse“, eine rasche Kreisvorsitzendenkonferenz und einen „neuen Aufbruch“ mit mehr Substanz („Agenda 2030“: „Sozial ist, was Wirtschaft stärkt“). Oest stellt infrage, ob Merz die Kraft dazu hat; ein CDU-Kanzler müsse Orientierung geben und Probleme konkret lösen.

33 CDU-Mitglieder aus Großbeeren, Brandenburg, darunter Ortsvorsitzender Adrian Hepp, erheben in einem Brandbrief die Forderung nach Führung und Kurswechsel. Die Führung solle sich fragen, warum immer weniger Menschen die Politik für richtig halten, statt der Basis zu erklären, warum sie richtig sei. Das ist kein direkter Rücktrittsruf  – „an dem Punkt sind wir noch nicht“ – aber die Warnung vor Vertrauensverlust und möglichen Austritten.

Junge Abgeordnete und Ost-Ministerpräsidenten wie Kretschmer, Schulze und Voigt und Gruppen wie „Compass Mitte“ forderten eine Kurskorrektur.

CDA-Vize Christian Bäumler kritisiert den „willkürlichen“ Umgang mit Personal wie bei Verkehrsminister Schnieder) und möchte „keine Feudalkönigreich-Führung“.
Ex-Minister Peter Altmaier ist „betroffen und wütend“ über den Umgang mit Schnieder.

Daniel Peters, CDU-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern sagt, „wir führen hier einen Existenzkampf“gegen die Bundespolitik.
Heiko Strohmann,  Bremer CDU-Vorsitzender sagte im Bundesvorstand: „Sie leiten hier keine Firma, sondern eine Partei.“

Die „Junge Gruppe“ in der Bundestagsfraktion, die Ost-MPs Kretschmer, Schulze und Voigt und Gruppen wie „Compass Mitte“ forderten eine Kurskorrektur. Anonyme und andere Stimmen in Fraktion, Chatgruppen und Landesverbänden – besonders im Osten kritisierten fehlend Erfolge, Kompromisse mit der SPD und Kommunikationsfehler.

Medien berichten weiterhin von Unmut in Chatgruppen, von etwa 30 Abgeordneten, die Szenarien – Kanzlertausch oder Minderheitsregierung – durchspielen, und von möglichen Gesprächen der Ministerpräsidenten nach den Landtagswahlen am 20. September. Bis dahin wird wohl niemand mehr aus der Deckung kommen.

Die lautesten und klarsten Kritiker kommen vor allem aus dem Sozialflügel (CDA), dem Nachwuchs (JU), der Basis und aus Ostdeutschland. Viele Ministerpräsidenten und Spitzenleute wie Hendrik Wüst halten sich öffentlich zurück oder stützen Merz formal, während intern Unmut wächst. Markus Söder schließt einen Kanzlersturz von CSU-Seite ausdrücklich aus, spricht aber von einem „schweren Durchhänger“ der CDU und fordert von Merz Verbesserungen bei Arbeit, Kommunikation und Tempo. Wer sich in Parteien auskennt, weiß, gerade solche Solidaritätsadressen schlagen über Nacht ins Gegenteil um.

Christian von Stetten gehört bisher nicht zu offenen Kritikern von Friedrich Merz. Der Vorsitzende des einflussreichen Parlamentskreises Mittelstand (PKM) mit rund 166 der 208 Unions-Abgeordneten gilt als wichtiger Vertreter des Wirtschaftsflügels und langjähriger Unterstützer von Merz. Seine aktuelle und scharfe Forderung nach dem Rücktritt von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas – „Die Ministerin ist nicht mehr tragbar“ – verstehe ich als Aufforderung zur Beendigung der Koalition. Stettens Begründung, Bas blockiere seit Monaten dringend nötige Reformen bei Bürgergeld und Grundsicherung beschreibt den Dauerzustand, Merz kündigt an, Bas kassiert jede Zusage wieder ein. Stetten wirft SPD-Finanzminister Lars Klingbeil vor, der Bundeshaushalt sei „nicht zustimmungsfähig“, er mache zu viele Schulden, seine Steuerideen seien inakzeptabel.

Merz nimmt Stetten bisher ausdrücklich in Schutz: „Was kann der Bundeskanzler dafür, wenn der SPD-Finanzminister einen Haushaltsentwurf vorlegt, der nicht zustimmungsfähig ist, und die SPD-Arbeitsministerin seit Monaten die Vorlage von Zur schwarz-roten Koalition insgesamt meint Stetten, sie halte „zumindest keine vier Jahre“.

Für von Stetten gilt dasselbe wie Wüst und Söder. Je lauter die Adressen für Merz schallen, desto unüberhörbarer wird für alle in der Union, wie schlecht es um den Kanzler im eigenen Laden steht. Und über Nacht …

Zurück zum Anfang. Der Bundesparteitag der CDU wird nach ihrer Satzung vom Bundesvorstand einberufen. Er muss einberufen werden
• auf Antrag des Bundesausschusses
 oder
• auf Antrag von mindestens einem Drittel der Landesverbände.
Der Bundesvorstand hat dann keine Wahl – er muss den Parteitag einberufen. Der wiederum kann die Neuwahl eines Vorsitzenden auf die Tagesordnung setzen.

Wie genau es weiter geht mit Merz‘ Abgang, steht nicht fest. Für kundige Thebaner ist die Ablösung von Merz nur noch eine Zeitfrage. Bevor sie mit ihm untergeht, rettet sich die Berufspolitikerschar selbst und schickt ihn von Bord. Nichts ist unmöglich.


Machen Sie mit bei der TE-Wette >>>

Unterstützung
oder

Kommentare ( 3 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

3 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Siggi
44 Minuten her

Ich würde den Gang in den Knast nicht als Karriereknick bezeichnen.

AlNamrood
24 Minuten her

Zur Erinnerung: TE hatte 16 Jahre lang regelmäßig Artikel, dass es jeden Moment mit Merkel vorbei ist.

taliscas
38 Minuten her

„ihm fehle es an Empathie, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit“
Besser noch wären Ideen, Durchsetzungskraft und Bewusstsein christlicher Werte…falls er einer christlichen Partei vorsteht, natürlich nur.