Deutschland verfrühstückt die Zukunft seiner Kinder

Die umlagefinanzierte Rente ist am Ende. Das System verschlingt immer mehr Steuer-Milliarden, trotzdem bekommen die Rentner immer weniger. Generationen von feigen Politikern haben notwendige Reformen verweigert.

IMAGO / teutopress

Eine simple Grafik macht gerade Karriere. Der Ökonom Daniel Stelter hat sie auf der Plattform X getweetet und dazu den Kommentar geschrieben: „Es ist alles so traurig.“ Recht hat der Mann. Die Grafik stammt vom internationalen Finanzdienstleister Apollo und stützt sich auf den OECD-Bericht „Pensions at a Glance 2025“. Sie zeigt das angesparte, kapitalgedeckte Rentenvermögen („Funded assets“) großer Industrienationen im Verhältnis zu deren jährlichem Bruttoinlandsprodukt. Gezählt wird das Vermögen von Pensionsanbietern sowie öffentliche Rentenreserven.

Man liest und staunt.

Kanada hat für die Altersvorsorge ein Vermögen im Wert von 185 Prozent seiner gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung angespart und am Kapitalmarkt investiert. In der Schweiz beträgt der Wert satte 174 Prozent, in den USA sind es 162 Prozent.

In Deutschland sind es sieben Prozent. In Zahlen: 7 %. Kein Schreibfehler.

In der EU kommt Schweden auf 149 Prozent. Selbst die krisengeschüttelten Sorgenkinder Frankreich und Italien erreichen immerhin noch 20 und 17 Prozent. Deutschland liegt auf dem Niveau von Slowenien und weit abgeschlagen auf dem letzten Platz aller größeren Industrienationen.

Zwischen sieben und 185 Prozent liegt nicht nur statistisch eine ganze Welt. Der Abstand markiert auch den Unterschied zwischen Vorsorge und Verdrängung.

Rente mit Geburtsfehler

Der Kern des Übels heißt: Umlageverfahren.

Bei uns zahlen die Arbeitnehmer heute Beiträge ein – aber dieses Geld wird nicht für sie angelegt, um es ihnen irgendwann später zurückzugeben (im besten Fall gut verzinst). Stattdessen wird das heute eingezahlte Geld praktisch direkt an die heutigen Rentner weitergereicht. Die Arbeiter von heute bezahlen nicht ihre eigene Altersversorgung, sondern die Rentner von heute.

Für den einzelnen Versicherten entsteht bei der Deutschen Rentenversicherung (DRV) also kein eigenes Vermögen, sondern nur ein Anspruch. Und der beruht allein auf der Hoffnung, dass die nächste Generation von Arbeitnehmern ihn wird bedienen können.

Als Deutschland 1957 die dynamische Umlagerente einführte, sah die Welt noch günstig aus. Viele junge Menschen arbeiteten – und finanzierten vergleichsweise wenige Rentner. Auf sechs arbeitende Menschen kam ein Rentner. Die Löhne stiegen, die Bevölkerung wuchs, das System spuckte zuverlässig Geld aus. Die Politik hielt diese demografische Momentaufnahme für einen Dauerzustand. „Kinder kriegen die Leute immer“, sagte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer dazu.

Er hätte sich nicht schlimmer irren können.

Ein Umlagesystem baut keinen Kapitalstock auf. Es legt kein Geld gewinnbringend an. Es nutzt keine Aktienrenditen und keine Unternehmensgewinne, keine Zinsen und nicht den weltweiten Produktivitätsfortschritt. Es wälzt einfach nur Geld um – von den heutigen Arbeitnehmern zu den heutigen Rentnern. Das funktioniert, solange es genug Beitragszahler gibt, aus deren Einkommen die Rentner mitfanziert werden können. Das funktioniert nicht mehr, wenn die Beitragszahler weniger werden und die Rentner immer mehr.

Dann fängt die Maschine an zu kreischen.

Da stehen wir heute (und im Prinzip schon eine ganze Weile): Die sogenannten Babyboomer – also nach deutscher Definition die Jahrgänge zwischen 1955 und 1969 – gehen millionenfach in Rente. Aus Menschen, die in die Renten-Umlage einzahlen, werden Menschen, die Geld aus dem System entnehmen. Heute finanzieren statt sechs (wie 1960) nur noch zwei Arbeitnehmer einen Rentner. Schon 2030 werden sogar nur noch 1,5 Arbeitnehmer einen Rentner mittragen müssen.

Die DRV erwartet, dass ihre sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage – so etwas wie die eiserne Reserve – von 1,38 Monatsausgaben Ende 2025 auf rund eine Monatsausgabe Ende 2026 sinkt. Für 2028 rechnet sie mit einem Beitragssatz von 19,9 Prozent. Für 2035 schon mit rund 21 Prozent.

Das ist kein Unfall. So geht der Plan.

Der Horizont endet bei der nächsten Wahl

Jede Politikergeneration kannte das Problem. Jede kannte die Gutachten. Jede berief Kommissionen ein, die immer wieder zu immer demselben Ergebnis kamen – zwangsläufig, denn es handelt sich um simple Mathematik.

Und jede Politikergeneration duckte sich feige weg.

Legendär wurde der Satz, mit dem die damalige Sozialministerin Ulla Schmidt von der SPD eine echte Rentenreform, nämlich den konsequenten Umstieg vom Umlage- auf ein kapitalgedecktes Rentensystem, ablehnte:

„Ich lege mich doch nicht mit 20 Millionen Wählern an.“

Tatsächlich wäre der Umstieg eine Operation am offenen Herzen, denn der Umbau kostet zunächst doppelt. Die laufenden Renten müssen weitergezahlt werden, während gleichzeitig Kapital für die künftigen Ruheständler aufgebaut wird.

Verantwortungsvolle Politiker würden diese Übergangsphase erklären, planen und finanzieren. Stattdessen regiert die Angst vor dem nächsten Wahlsonntag.

Niemand will den vielen Rentnern offen sagen, dass das Rentenalter erhöht, die Rente gedeckelt und der Kapitalstock aufgebaut werden muss. Von den derzeit etwa 60 Millionen Wahlberechtigten bei uns sind mehr als 25 Millionen 60 Jahre oder älter. Also schieben CDU und CSU, SPD und Grüne, „Linke“ und FDP das Problem von Legislaturperiode zu Legislaturperiode vor sich her. Derweil wird das Problem von Jahr zu Jahr größer und größer.

Das Ergebnis steht in der Apollo-Grafik: sieben Prozent.

Andere Länder haben über Jahrzehnte gewaltige Vermögen aufgebaut und lassen dieses Kapital für ihre Rentner arbeiten. Dividenden, Zinsen und Wertsteigerungen tragen zur Altersversorgung bei. Weil die Rente in diesen Ländern vom Steuerkreislauf abgekoppelt ist, muss der Staat nicht auf jede demografische Verschiebung sofort mit höheren Beiträgen, neuen Schulden oder zusätzlichen Steuermilliarden reagieren.

Die Kapitaldeckung der Rente gibt einem Land etwas, das Deutschland fehlt: einen zweiten Motor.

Bürokratie statt Börse

Zugegeben, es gab Versuche, etwas zu ändern. Aber die waren typisch deutsch: halbherzig und kompliziert.

Die Riester-Rente wurde 2002 als großer Einstieg in die private Altersvorsorge verkauft. Heraus kam ein Formulargebirge mit Zulagenanträgen, Zertifizierungen, Beitragsgarantien, Abschlusskosten und Rückforderungsrisiken. Der Staat legte kein einfaches Aktiendepot für Millionen Rentner an, sondern schuf eine Subventionsmaschine für die Anbieter der „Riester-Rente“, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Steuerberater und ein Paradies für Finanzbeamte.

Gefördert wurden nach Zahlen des Bundesfinanzministeriums im Jahr 2022 noch rund 9,8 Millionen Menschen. Im Jahr 2015 waren es mehr als elf Millionen gewesen. Der Höchstbetrag, den man steuerlich geltend machen kann, liegt bis heute bei lächerlichen 2.100 Euro im Jahr. Auch die sogenannte Rürup-Rente war nie mehr als ein Alibi-Produkt. Betriebsrenten hängen vom Arbeitgeber, vom Tarifvertrag und vom konkreten Modell ab. Wer öfter mal den Arbeitsplatz wechselt, selbstständig ist oder in einem kleinen Betrieb arbeitet, steht schnell im Regen.

So sieht deutsche Reformpolitik aus: Man veranstaltet ein Rennen – und bindet dem Bürger vor dem Start die Schnürsenkel zusammen.

Amerika fördert, Deutschland kassiert

Die USA haben mit den sogenannten 401(k)-Plänen und „Individual Retirement Accounts“ (IRA, persönlichen Renten-Konten) breite steuerlich geschützte Räume für die Altersvorsorge geschaffen. Für 2026 dürfen Arbeitnehmer bis zu 24.500 Dollar in einen 401(k)-Plan einzahlen; ab einem Lebensalter von 50 Jahren kommen weitere hohe und stark steuerbegünstigte Beträge hinzu. Bei klassischen IRA-Konten liegt die Grenze bei 7.500 Dollar. Je nach Modell werden die Beiträge oder die späteren Auszahlungen steuerlich enorm begünstigt.

Deutschland hätte ebenfalls jedem Bürger ein einfaches Vorsorgedepot ermöglichen können: niedrige Kosten, freie Anbieterwahl, breit gestreute Fonds, steuerfreie Erträge während der gesamten Ansparzeit und eine großzügige Freigrenze bei der Auszahlung.

Man tat es nicht.

Jetzt tut man es – aber wieder nur ein bisschen und allenfalls halbherzig. Der deutsche Fiskus behandelt den Bürger lieber weiter als ewige Einnahmequelle. Kapitalerträge werden besteuert, Sparmodelle reguliert, Freibeträge kleingehalten und Förderungen in bürokratische Bedingungen eingewickelt. Auf Steuereinnahmen will der Staat nicht verzichten. Schließlich brauchen die Parteien das Geld für immer neue Wohltaten an ihre jeweiligen Wählergruppen.

Der Bürger soll abhängig bleiben. Vermögen ist für den Staat.

Ein System frisst sich selbst

Doch ein Ende ist in Sicht. Denn schon bald reichen all die schönen Steuereinnahmen nicht mehr. Die Rente ist schlicht zu teuer.

Im Bundeshaushalt 2026 stehen unter „Leistungen an die Rentenversicherung“ rund 127,4 Milliarden Euro. Bei Gesamtausgaben des Bundes in Höhe von 524,5 Milliarden Euro geht also fast jeder vierte Euro für die Rentenversicherung drauf – Tendenz schnell steigend.

Natürlich geht das nicht mehr lange gut.

Das Geld fehlt an anderer Stelle. Für Straßen, Schulen, Digitalisierung, Forschung, innere Sicherheit und Steuersenkungen. Wo Länder mit breiter Kapitaldeckung der Altersvorsorge einen zusätzlichen Vermögenspuffer haben, hat Deutschland nur zusätzliche Haushaltslöcher.

Das Geld fehlt auch der deutschen Wirtschaft. Denn die privaten Vorsorgebeträge würden ja irgendwo angelegt werden. Das Altersvermögen der Arbeitnehmer ist in anderen Ländern eine wichtige Finanzierungsquelle der Unternehmen. Damit kann man Innovation bezahlen und neue Maschinen. Das steigert die Produktivität – und dieser Erfolg fließt dann wieder in die Altersvorsorge zurück. In Deutschland kommt das Geld für Innovationen nicht von den eigenen Arbeitnehmern, die in ihre eigene Altersvorsorge investieren – sondern von internationalen Kapitalgebern. Und die Gewinne gehen natürlich auch wieder dorthin zurück, statt in Form von Ruhegeldern an die deutschen Arbeitnehmer.

Wir Deutschen lassen uns unseren Laden aus dem Ausland finanzieren – und überweisen die Gewinne auch wieder ins Ausland. Kapital fließt ab statt zu.

Und das Bitterste ist: Trotz dieser gewaltigen Subventionen der Rentenkasse liefert das System miserable Ergebnisse. Ein deutscher Durchschnittsverdiener mit vollständiger Erwerbsbiografie bekommt nach Berechnungen der OECD eine Nettoersatzquote (Rente) in Höhe von 53,3 Prozent. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 63 Prozent.

Das Umlagesystem lebt von der Hand in den Mund. Jeder eingenommene Euro wird sofort wieder verteilt. Die Parteien feiern jede Rentenerhöhung als Geschenk an die Rentner – dabei haben sie das Geld für dieses „Geschenk“ eben gerade erst den arbeitenden Kindern derselben Rentner abgenommen.

Deutschland unterhält ein sündhaft teures Rentensystem, das vergleichsweise erbärmliche Renten produziert. Die Deutsche Rentenversicherung hat 63.400 Mitarbeiter. Nvidia, der wertvollste Konzern der Welt, hat 42.000 Mitarbeiter.

An zu wenig Verwaltung kann es eher nicht liegen.

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