Lanz am Limit. An Tino Chrupalla und Sahra Wagenknecht beißt sich der Moderator trotz williger Mitstreiter die Zähne aus. Er will sie entzaubern, sie sprechen die Probleme des Landes an, er unterbricht im Dauer-Staccato. Fehlt nur noch, dass er sich die Ohren zuhält und Lalalalala singt.
Screenprint: ZDF / Markus Lanz
Das Transkript dieser Lanz-Sendung dürfte ziemlich genau doppelt so lang sein wie die Abschrift einer x-beliebigen alten Folge. Und das, obwohl diese montägliche Sonderausgabe nur 60 Minuten dauert statt 75. Noch nie wurde so viel gesprochen, so schnell gesprochen und vor allem so viel durcheinander gesprochen wie an diesem Abend. Grund: Mit dem AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla und der BSW-Chefin Sahra Wagenknecht sind zwei wortgewaltige Gäste am Start, die sich nicht so leicht die Butter vom Brot nehmen lassen.
Dabei versucht Markus Lanz nach Kräften genau das. Immer wieder konfrontiert er die beiden mit Vorwürfen oder gar mit 30 Jahre alten Kamellen, verweigert ihnen jedoch die Chance, ordentlich zu antworten. Schnell wird dann ein neuer Kriegsschauplatz aufgemacht und noch einer und noch einer – kein Thema soll vertieft werden.
Sein Problem: Das lassen sich Chrupalla und Wagenknecht nicht bieten.
Das greift den beiden allerdings zu kurz. Chrupalla möchte nicht über theoretische Konstellationen sprechen und betont, dass die AfD allen anderen Parteien die Hand ausstrecke. In den Augen des Moderators bereits der reinste Frevel. Siegmund habe doch bisher immer eine Alleinregierung angestrebt und würde nun herum-„mäandern“.
Wagenknecht würde lieber über die Gründe sprechen, warum die AfD überhaupt so stark geworden ist. Es sei das „Zeichen einer abgrundtiefen Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik.“ Merz treffe ständig „Entscheidungen, die der Bevölkerung regelrecht ins Gesicht schlagen“. Die Energiepreise müssten endlich sinken, und „die Russland-Sanktionen machen unsere Industrie kaputt“.
Lanz versucht solche Themen auf die denkbar billigste Weise abzubügeln: „Die deutsche Regierung hat nicht die Ukraine überfallen, ne? Das ist uns klar“, wirft er allen Ernstes ein.
Doch auch in diese Richtung gibt Wagenknecht sofort Gegenfeuer. Was sei denn dann mit der Ukraine, die tatsächlich einen Anschlag auf unsere Nord-Stream-Leitung verübt habe und von der Bundesregierung trotzdem immer weiter mit Geld versorgt werde. Jetzt Lanz wieder: „Die war damals gar nicht in Betrieb, das wissen Sie.“ Als spiele das irgendeine Rolle.
Schnell ist klar, dass Hintergründiges und Tiefgründiges, dass die echten Probleme des Landes an diesem Abend keine Chance haben sollen. Lanz geht es ums Bloßstellen, er schafft es bloß nicht.
Auch Chrupalla möchte, dass die „Sanktionsspirale“ gegen Russland endlich beendet wird. Die Ukraine solle Waffen zur Selbstverteidigung erhalten, „aber keine Drohnen für Angriffe ins russische Hinterland“. Lanz bestreitet, dass die Ukraine mit Drohnen aus deutscher Produktion Russland angreife, wie Chrupalla und Wagenknecht behaupten. „Was erzählen Sie da, Frau Wagenknecht“, empört er sich. Das seien ukrainische Drohnen, die „von Hausfrauen zusammengeschraubt werden“. Und als Chrupalla die Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen einfordert, die es bereits zu Beginn des Kriegs gegeben habe, blockt der Moderator sofort ab: „Lassen Sie uns nicht so weit zurück…“ „Ja, müssen wir aber“, sagt Chrupalla trocken.
Podcasterin Amann („Amann ungesehen“) will es Neumann gleichtun. Wenn Wagenknecht über Russland spricht, bellt sie „Ihre Freunde in Moskau“ dazwischen. Neumann warnt derweil, eine unterlegene Ukraine „würde weitere Flüchtlingsströme auslösen“. Chrupalla kontert auf dem Fuße: „Weitere Waffenlieferungen können auch weitere Flüchtlingsströme auslösen“. Neumann wieder: Die Benzinpreise hier seien ausschließlich wegen des Irankriegs so hoch. Chrupalla fragt, warum dann in allen Nachbarländern sehr viel billiger getankt werde, und fordert: „Die Energiesteuern müssen runter.“
Chrupalla Drei, Neumann Null – der ganze Abend läuft irgendwie nicht so, wie Lanz sich das vorgestellt hat. Das merkt man daran, wie unhöflich er seine Opfer, pardon: Gäste, behandelt und wie hektisch er ständig dazwischen geht. Wenn Wagenknecht den Sozialabbau kritisiert, fällt ihm nur der Satz ein: „Das machen die nicht aus Jux und Dollerei.“ Um im nächsten Moment in schier endlosen Monologen Chrupalla und Wagenknecht mit Vorwürfen zu konfrontieren. Doch wenn sie antworten wollen, wird entweder bewusst nicht zugehört oder schnell ein neues Thema angerissen. Oder beides.
Fehlt nur noch, dass er sich die Ohren zuhält und Lalalala singt.
Auch Podcasterin Amann („Amann unnötig“) hat noch ein paar lustige Redebeiträge vorbereitet. Siegmund würde doch „am liebsten weiter Bratwürste verteilen“ und „auf der Simson rumknattern“. Er sei ein Mann, „der nicht einmal sein eigenes Programm kennt“. Gleiches wirft sie auch Chrupalla später vor. Ganz schön dünnes Eis. Schließlich war es Podcasterin Amann („Amann unseen“), die einst mit absoluter Unwissenheit ein Stück Talkshow-Geschichte schrieb. Damals war sie noch beim Spiegel und wurde von Ulrich Wickert auf die Migrantengewalt in Hamburg angesprochen. Sie wusste von nichts. Sie kannte die Stadt nicht, in der sie arbeitete, und las das Magazin nicht, für das sie schrieb.
Wagenknecht beschwert sich bei Lanz: „Die mediale Debatte im Vorfeld der Wahl hatte mit einer fairen Berichterstattung nichts mehr zu tun.“ Er habe einmal satte 77 Minuten lang über sie und ihre angeblich finsteren Absichten geredet, aber nie mit ihr. „Frau Wagenknecht, bitte, diese Opferrolle steht Ihnen nicht“, mault Lanz zurück. Noch einmal versucht sie, die Probleme des Landes zu thematisieren, die zum Siegmund-Sieg führten. Man müsse doch mal darüber sprechen, „warum 44 Prozent ihn gewählt haben“. Lanz wird kurzatmig. Er unterbricht jetzt im Dauer-Staccato: „Frau Wagenknecht, Frau Wagenknecht, Frau Wagenknecht …“ Bloß keinen Satz zu Ende sprechen lassen.
Lanz legt derweil eine Bauchlandung nach der anderen hin. Die abtrünnigen BSW-ler, die den überführten Plagiator Mario „Dr. No“ Vogt in Thüringen als Ministerpräsident an der Macht halten, nennt er „diese braven Landespolitiker“, und mehr noch: „Die regieren ziemlich geräuschlos.“ Chrupalla fragt entgeistert: „Geräuschlos?“ Lanz dreht bei: „Mario Voigt, der hat irgendwie bei seiner Doktorarbeit…“ – Chrupalla: „Nee, nicht irgendwie.“ – Lanz: „Naja, ist ja auch egal.“
Worauf er so holprig hinaus will: Der Plan des BSW sei es offenbar, „dass Thüringen unregierbar wird“. Jetzt zieht er noch Björn Hocke aus dem Hut. Dem habe Wagenknecht einen Korb gegeben, als der sie zur Ministerpräsidentin wählen wollte. In Sachsen-Anhalt wiederum wolle sie „den Steigbügelhalter für die AfD“ machen. Dabei sei sie „in den Neunzigern mal Vorsitzende der Kommunistischen Plattform gewesen“.
Wagenknecht ist außer sich: „Das finde ich unverschämt. Weil wir niemandes Steigbügel halten.“ Es sei „perfide, uns in diese Ecke zu stellen“. Lanz treudoof: „Habe ich Sie da an einem wunden Punkt erwischt?“ Und während sie sich weiter erklärt, ruft er nur: „Nebelkerze, Nebelkerze, Nebelkerze.“
Podcasterin Amann (Amann ungebremst“) wähnt Wagenknecht angeschossen und gibt jetzt Vollgas: „Ich verzweifle an ihrem Diskusionsstil, den ich einfach nur demagogisch finde.“ 44 Prozent hätten für eine Partei gestimmt, „die nicht demokratisch ist“ und ein Programm habe, „das von vorne bis hinten verfassungswidrig ist“. Da könne man nicht „rumschwadronieren von irgendeinem Volkswillen“. Chrupalla zieht die Handbremse: „Also Volkswillen zählt für Sie nicht. Weinen Sie doch jetzt endlich. Akzeptieren Sie doch den Wählerwillen.“








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