Friedrich Merz verkündet seinem erstaunten Hofstaat, er fahre gelegentlich Berliner S-Bahn. Das klingt fast wie ein Märchen. Vielleicht mischt sich der nackte Kaiser aber tatsächlich unerkannt unters Volk. Was er dort zu hören bekäme, dürfte ihm allerdings deutlich weniger gefallen als die Berichte seiner Hofschranzen.
picture alliance / Geisler-Fotopress | Bernd Elmenthaler
Der große Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Donnerstagabend beim Wahlkampfabschluss der Berliner CDU im Konrad-Adenauer-Haus eine überraschende Auskunft über sein Leben in der Hauptstadt gegeben. Er fahre „nach wie vor hin und wieder mit der S-Bahn“, erzählte Merz vor rund 150 erlesenen CDU-Mitgliedern. Die Linien S1, S2 und S25 führten ihn zu seinem Ziel. Er steige am Pariser Platz aus, gehe durch das Brandenburger Tor und genieße dort früh am Morgen den historischen Ort. „Es gibt viele Menschen in meinem Umfeld, die das nicht so gerne mögen“, sagte Merz über seine Ausflüge. „Aber ich mag das hin und wieder.“
Eine erstaunliche Nachricht. Friedrich Merz, ins Amt gestolperter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, morgens unerkannt zwischen Pendlern, Schülern und Bauarbeitern in der Berliner S-Bahn. Gelegentlich soll er zudem im Tiergarten joggen. Sein Berliner Leben spiele sich weitgehend in Mitte ab, berichtete Merz.
Öffentlich dokumentiert sind diese S-Bahn-Fahrten bislang kaum. Fotos des Kanzlers zwischen Fahrradabteil und Fahrkartenautomat haben es jedenfalls noch nicht zu größerer Bekanntheit gebracht. Umso auffälliger ist die Erzählung angesichts seines bisherigen September-Wahlkampfs.
Merz machte sich dort ausgesprochen rar. Nach Sachsen-Anhalt reiste er zweimal, besuchte eine Bioraffinerie in Leuna und das Weltkulturerbe in Quedlinburg. Er traf Kandidaten und Amtsträger. Direkten Wählerkontakt gab es laut dpa an beiden Orten keinen. In Mecklenburg-Vorpommern wurde Merz bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt auf einer Strandpromenade von einzelnen Bürgern ausgepfiffen und ausgebuht. Im niedersächsischen Kommunalwahlkampf sprach er vor CDU-Anhängern in einem Flughafenhotel bei Hannover. Der Berliner Wahlkampf führte ihn schließlich dorthin, wo die Gefahr spontaner Begegnungen mit unvorsortierten Bürgern überschaubar blieb: ins Konrad-Adenauer-Haus.
— Central (@centralgewalt) September 18, 2026
Und hier beginnt unser Märchen
Seit Monaten sitzt der nackte Kaiser in seinem Schloss und bekommt von seinem schrumpfenden Hofstaat erzählt, wie prächtig ihm seine neuen Kleider stehen. Der Stoff falle vorzüglich, der Wechsel des kaiserlichen Hofschneiders habe sich wirklich gelohnt. Die Farben schmeichelten seinem Teint. Niemand könne Reformen mit solcher Eleganz tragen. Niemand verstehe die Sorgen der einfachen Menschen mit jener natürlichen Wärme, die Friedrich Merz offenbar schon bei der Geburt mitgegeben wurde.
Im Hofstaat knirscht es jedoch hinter den Kulissen inzwischen vernehmlich. Feiste kleine Christdemokratenfürsten diskutieren über seine Zukunft, acht davon mussten eigens eine gemeinsame Erklärung verlesen lassen, um ihm Rückendeckung zu demonstrieren, jedoch ohne ihn dabei namentlich überhaupt zu erwähnen. Der Lieblingshofnarr des Kaisers, Philipp am Thor, verteidigte ihn wenige Tage zuvor ausdrücklich als den „richtigen Bundeskanzler“.
„Alles in Ordnung, Eure Majestät“, versichert Philipp jeden Morgen und hüpft dazu vermutlich ein wenig aufgeregt durch den Thronsaal. Wie war ihm dieser kleine Knopf ans Herz gewachsen. „Die Menschen lieben Euch. Eure Reformen sind großartig. Eure Kommunikation ist vorzüglich. Das Volk kann sich jeden Tag froh und glücklich schätzen, welch Segen ihm mit Euch widerfahren ist.“ Der Kaiser nickt.
Draußen fliegt der erste Kohlkopf des Tages gegen die Schlossmauer. Ein Bediensteter hebt ihn auf.
Nur diese Zahlen stören.
Die Nackte-Kaiser-Union erreichte Mitte September bei einem offenbar von Russland gesteuerten YouGov Volksbefühlerinstitut bundesweit 18 Prozent, bei einem weiteren namens INSA 19,5 Prozent. Bei der größten ersten deutschen Showbühne (ARD-DeutschlandTrend) erklärten Anfang September 83 Prozent der Wahlberechtigten, mit der Arbeit des nackten Kaisers unzufrieden zu sein. Andere Institute sehen die Union etwas höher. Die Abwärts- und Absturztendenz der jüngsten Werte dürfte selbst durch dicke Schlossmauern schwer zu übersehen sein.
Der Kaiser wird unruhig. „Philipp?“ Sein Hofnarr erscheint. „Majestät?“
„Diese Zahlen.“
„Vorübergehende atmosphärische Störungen.“
„Achtzehn Prozent.“
„Ein ausgesprochen exklusiver Kreis, Majestät.“
„Dreiundachtzig Prozent Unzufriedene.“
Sein Sekretär betritt die Szene: „Das ist Desinformation vom bösen Ivan.“
Der Kaiser schweigt. Irgendetwas kann hier nicht stimmen. Seit Monaten hört er nur, wie hervorragend alles läuft. Die Reformen sind groß. Die Regierung arbeitet. Die Wirtschaft kommt. Die Partei steht geschlossen. Die Menschen lieben ihn. Seine Kommunikation überzeugt. Der Hof verbeugt sich jeden Morgen ein wenig tiefer, vermutlich auch deshalb, weil hinter ihm inzwischen so viel Personal verschwunden ist, dass reichlich Platz dafür vorhanden ist.
Vielleicht, denkt der nackte Kaiser eines Morgens, müsste er vielleicht doch besser einmal selbst nachsehen. Ganz allein. Unerkannt. Sich unter sein Volk mischen.
So haben es schon die Könige in den alten Geschichten gemacht. Sie zogen einen einfachen Mantel an, setzten ihre Kronen ab, verließen heimlich das Schloss und lauschten auf Märkten und in Wirtshäusern am Befinden des einfachen Bürgers. Friedrich Merz besitzt für ein solches Vorhaben sogar ein Verkehrsmittel.
Die S-Bahn.
Der nackte Kaiser zieht also den Mantel seines neuen Lieblingshofschneiders an. Es ist etwas frisch an diesem Septembermorgen, da muss man wohl nochmal über das Futter nachdenken. Aber das kann den Drang nicht bremsen. Die Krone bleibt im Kanzleramt. Ab geht’s durch die Mitte. Merz steigt ein.
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Endlich wird er erfahren, wie wunderbar die Menschen ihn wirklich finden.
Der nackte Kaiser sitzt am Fenster und betrachtet sein Spiegelbild in der Scheibe. Was für ein außergewöhnlicher Mann ihm dort gegenübersitzt. Kanzler. Parteivorsitzender. Reformer. Weltpolitiker. Ein Mann von einer geradezu verschwenderischen Begabung im menschlichen Miteinander. Andere Menschen müssen sich Empathie mühsam erarbeiten. Bei Friedrich Merz scheint der Schöpfer einen derart großen Vorrat vorgesehen zu haben, dass er für eine einzelne Person kaum ausreichen kann. Hoffentlich erkennen ihn die Leute nicht gleich. Aber wenn doch…
Vielleicht schüttelt ihm der Bauarbeiter an der Tür schweigend und ehrerbietend die Hand. Der junge Familienvater könnte ihm erzählen, wie viel Zuversicht die Regierung verbreite. König Lars berichtet ihm immer von so vielen beglückenden Erlebnissen, wenn er wieder auf Bürger trifft. Ein Kind bittet um ein Autogramm. Irgendjemand beginnt zu klatschen. Erst einer, dann der ganze Wagen. An der nächsten Station steht womöglich schon ein zweiter Bahnsteig voller Bürger bereit. Am Ende weinen alle und liegen sich in den Armen.
Merz lächelt versonnen. In Gedanken sieht er sich bereits durch das Brandenburger Tor schreiten. Links und rechts winken Menschen. Philipp mit seinem lustigen Aufzug steht irgendwo mit feuchten Augen und kann sein Glück nicht fassen.
Dann wird der nackte Kaiser sehr jäh aus seinen Tagträumen gerissen. Er hört die beiden Männer hinter sich. „Jeden morgen mehr Perverse in der S-Bahn. Hast Du den nackten Typen hinter uns gesehen? Jetzt mal ehrlich, was denken sich diese Leute. Naja, egal… Hast du das mit Merz gelesen?“
Merz richtet sich etwas auf. Wie meinen die das, nackt… Hm. Später drüber nachdenken.
Denn sogleich kommt es. „Den darfste offenbar Pinocchio nennen.“ Der Kaiser erstarrt. „Pinocchio?“
„Ja. Verfahren eingestellt. Lügen-Kasper ging wohl auch.“
„Haha, Lügen-Kasper, das passt.“
Fritz dreht den Kopf ein paar Millimeter. Aus dem Vierer schräg gegenüber mischt sich ein anderer Fahrgast ein. „Beim Lackaffen sah die Sache wohl schon anders aus. Dafür gab es einen Strafbefehl.“ Eine Frau schaut von ihrem Telefon hoch. „Lügenfritz hat doch auch 30 Tagessätze bekommen.“
Der nackte Kaiser sitzt plötzlich sehr gerade.
Hinten erzählt nun jemand von den Jahren vor seiner Regentschaft. Da habe Merz persönlich Strafanträge gestellt, weil Bürger ihn „kleinen Nazi“, „Arschloch“ oder „drecks Suffkopf“ genannt hätten. Wegen zwei dieser Äußerungen seien Wohnungen durchsucht worden.
„Drecks Suffkopf“, wiederholt irgendwo jemand halblaut. Der Kaiser wird blass.
Von schräg hinten fällt „Dieser Ftzn Frieder“. Andere Bürger greifen zu deutlich deftigerem Vokabular. Dem Kaiser wird es bang.
Verzweifelt schaut er aus dem Fenster. Jetzt bloß nicht weinen. Draußen rauschen Häuser vorbei. Im Schloss hatte niemand diese Form der Volksbegeisterung erwähnt. Philipp hatte ausdrücklich von Liebe gesprochen. Großer Liebe. Tiefer Liebe. Liebe plus bedingungsloser Reformbereitschaft.
Der Kaiser erhebt sich. Sofort weg. Hier muss die nächste Station sein. Welche, ist jetzt vollkommen gleichgültig. Nur noch raus hier, raus, raus, raus.
Die Türen gehen auf. Merz schießt hinaus, eilt über den Bahnsteig, die Treppe hinunter und anschließend nackig in den Erbsen durch Berlin Tiergarten. Er läuft einen Häuserblock weit. Dann noch einen. Zwei Sicherheitsleute versuchen, Majestät und Lage gleichzeitig unter Kontrolle zu bekommen.
Acht Häuserblocks später ruft ihm jemand hinterher: „Herr Merz!“
Der Kaiser bleibt stehen. Endlich erkennt ihn jemand.
Ein Obdachloser kommt auf ihn zugelaufen. In der Hand trägt er die Tasche mit dem kaiserlichen Laptop, die Friedrich Merz in seiner Verstörung in der S-Bahn hat liegenlassen. Der nackte Kaiser wischt sich schnell die Tränen ab und nimmt seinen Laptop entgegen. Was aber gibt man einem aufrechten Mann, der gerade ein wertvolles Gerät mit so vielen kaiserlichen Dokumenten zurückgebracht hat? Finderlohn? Geld? Eine Einladung zum Essen, um mehr über die Stimmung im Land zu erfahren? Der Kaiser greift in sein Köfferchen mit dem kaiserlichen Laptop.
Natürlich! Ein Buch braucht dieser aufrechte Mann!
Vier Wochen nach dem tatsächlichen Fund von 2004 erhielten Enrico und Micha als Dank ein signiertes Exemplar von Friedrich Merz‘ Buch: „Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion – Kursbestimmung für unsere Zukunft.“ Die handschriftliche Widmung lautete: „Dem ehrlichen Finder“. Bürger Enrico berichtete später, beide hätten die Geste angesichts ihrer damaligen Obdachlosigkeit als absolut unangemessen empfunden.
Der Kaiser überreicht also feierlich sein Werk. Der Obdachlose betrachtet das Buch.
Dann Friedrich Merz. Dann wieder das Buch. „Nur wer sich ändert, wird bestehen.“ Er geht wortlos zur Spree. Der Kaiser schaut ihm voller Rührung nach. Wieder einmal hat er einen Menschen glücklich gemacht.
Das Buch beschreibt einen kleinen Bogen durch die Berliner Luft. Platsch. Und landet in der Spree. Den Teil hat der nackte Kaiser schon nicht mehr mitbekommen, überwältigt von dem Gefühl, einen Menschen glücklich gemacht zu haben. Beglücke einen, begeistere tausend. Oder so.
Im Kanzleramt wartet schon Philipp mit dem Mittagessen. Ob es schon wieder Kohleintopf gibt? Der nackte und frierende Kaiser schaut noch einmal auf die Spree. Vielleicht denkt er noch einmal an den Titel seines Buches. Nur wer sich ändert, wird bestehen.
Manchmal schreibt ein nackter Kaiser seine beste Glosse viele Jahre im Voraus.



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Ich habe heute in der Zeitung gelesen, dass F.M. nicht nach New York zur Uno- Vollversammlung fliegt, weil er lieber zu Hause bleibt. Grund: Die Demokratie in D sei gerade in Gefahr und er müsse Wache halten. In Wirklichkeit hat er wohl geschnallt, dass sich die Stuhlbeinsäger heimlich zusammenrotten könnten und er plötzlich vom Thron plumpsen könnte. Und so muß die Uno auf einen der wichtigsten Weltpolitiker verzichten … .
Friedrich Merz, reich gesegnet mit Demut, Verstand, Charakter, Tatkraft und weltpolitischer Weisheit, ein beispielloser Macher vor dem Herrn, kann nicht nur S-Bahn fahren; er ist auch ein Meister im Rückwärtsschwimmen und über jedes Stöckchen springen. Er beherrscht also die politische Quadratur des Kreises, wie keiner vor ihm, denn wer in Deutschland kann – bitteschön – Reformen machen, ohne den alten Kurs zu ändern? So etwas kann nur Friedrich Merz, der prächtige Allmächtige, geschult im Merkelismus, geadelt durch Blackrock, der in die deutsche Geschichte als großer Bezwinger des russischen Bären eingehen wird. Falls er nicht gerade dem Bürger wieder einen Bären… Mehr
wieder so ein Klatschdepp
Ganz großes Danke 🤣
Avec plaisir 🙂
Bravo, tolle Glosse!! Der Kalif Harun al Raschid war allerdings geschickter, als er unerkannt durch den Basar schlenderte. Aber Kaiser Friedrich – „Nur wer sich ändert, wird bestehen.“ – wird sich den Titel seines Buches zu Herzen nehmen, unterstützt von Philipp am Thor, zukünftiger Ministerpräsident eines fernen rätselhaften Landes namens MeckPomm.
angesichts der potentiellen Nachfolger, Hendrik Wüst oder Daniel Günther, bleibt Merz hoffentlich noch Kanzler. Bei ihm weiß man wenigstens , was man hat: nichts.
Ich denke, der hat sich so ans Lügen gewöhnt, dass er den Schmarrn selbst glaubt, den er den Leuten verzapft. Der Bundeskanzler, 2026, alleine ohne Sicherheitspersonal in der Berliner S-Bahn oder am Brandenburger Tor. Na klar. Es gab eine Zeit, an die ich mich gerne zurückerinnere (es waren die 90er Jahre in Bonn), da konnte es vorkommen (alles erlebt), dass man Joschka Fischer am Rheinufer joggen oder Guido Westerwelle mit Hund Anton im Hofgarten spazieren gesehen hat. Auch Hans-Dietrich Genscher habe ich dort an der Kasse des Bahnhofszeitschriftenladens gesehen, wo er sich vor Besteigen des ICE in Richtung Berlin, mit… Mehr
Wo aber wird der unionsSpahn seinen gekauften Georg im Kinderwagen spazieren fahren? Wo der unionsStreeck sein Kaufkind? Alles gegen das deutsche Gesetz in die Wege geleitet!
Vermutlich hat ihm Amthor eine Raubkopie des S-Bahn-Simulators, Berlin Edition, geschenkt.
Die spielt er jetzt auf dem Weg ins Amt, in seiner Dienstlimo.
So wird’s sein.
Schande über mich. Ich muß gestehen, daß ich mich in diesem Mann getäuscht habe. Frühmorgens, heimlich begibt er sich dahin wo einst Nazis und Stalinisten ihren Kult zelebriert haben. Ein wahrer Patriot, ein Genießer deutscher Geschichte. Nicht zu schade die S-Bahn frühmorgens mit dem Odem von Urin, Erbrochenem und Menschen die zu viel oder zu wenig arbeiten zu teilen. Wann darf ich ihm die Füße waschen?
Merz fährt S-Bahn während mich Sofia Loren um ein Rendezvous angebettelt hat.
Lebt die noch? Ich bin eher Generation von Julia Roberts, Nicole Kidman und Charlize Theron. Würde ich die drei zusätzlich heiraten können, fände ich Scharia halb so schlimm.
Oh, mann, manchen muss man sogar Satire erklären.