Ein 37-jähriger, polizeibekannter Afghane soll in Wuppertal versucht haben, eine Synagoge in Brand zu setzen. Seit Jahren gerät die Stadt immer wieder mit Salafisten, „Scharia-Polizei“, demonstrativem öffentlichem muslimischem Gebet und Jubel nach dem 7. Oktober 2023 in die Schlagzeilen.
picture alliance/dpa | Christoph Petersen
Am Donnerstag gegen 14 Uhr soll ein 37 Jahre alter Mann vor der Bergischen Synagoge im Wuppertaler Stadtteil Barmen eine brennbare Flüssigkeit auf den Treppenstufen ausgebreitet und angezündet haben. Mitglieder der jüdischen Gemeinde löschten das Feuer unmittelbar. Niemand wurde verletzt, der Sachschaden blieb gering; Polizeibeamte nahmen den Tatverdächtigen wenig später in Tatortnähe fest. Der Staatsschutz übernahm die Ermittlungen.
Die Polizei teilte bereits am Donnerstagabend ausdrücklich mit, um wen es sich handelt: Der Verdächtige ist 37 Jahre alt, besitzt die afghanische Staatsangehörigkeit und ist polizeibekannt. Nach ersten Erkenntnissen soll er allein gehandelt haben. Am Freitag kamen weitere Einzelheiten hinzu. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gibt es Hinweise auf ein antisemitisches Motiv. Dafür sprechen nach Angaben der Ermittler der Tatort und eine Äußerung des Verdächtigen am Ort des Geschehens. Seine Wohnung wurde durchsucht, ein Mobiltelefon sichergestellt und zur Auswertung gegeben. Der Mann soll außerdem bereits wegen der Bedrohung einer Nachbarin vorbestraft sein. Für Freitag war seine Vorführung beim Haftrichter vorgesehen.
Und wieder einmal beginnt in weiten Teilen der deutschen Medienlandschaft erneut das bekannte sprachliche Versteckspiel bei der Beschreibung des Tatverdächtigen. Bei n-tv lautet die Überschrift etwa: „Mann verübt Brandanschlag auf Wuppertaler Synagoge“. Die afghanische Staatsangehörigkeit erfährt der Leser erst weiter unten im Text. Der Deutschlandfunk titelt: „Mann soll Feuer an Tür von Wuppertaler Synagoge gelegt haben“. Auch dort steht die Herkunft anschließend im Artikel. Die Tagesschau überschreibt ihren Bericht mit „Verdächtiger festgenommen“, der RND mit „37-Jähriger festgenommen“. In den Artikeln selbst wird die afghanische Herkunft inzwischen genannt.
Das Muster bleibt: Gerade Überschrift und Vorspann entscheiden, was Millionen flüchtige Leser überhaupt wahrnehmen. Dort wird aus dem polizeibekannten Afghanen ein „Mann“, ein „37-Jähriger“ oder ein „Verdächtiger“. Die entscheidende Information findet sich einige Absätze tiefer, sofern der Leser überhaupt so weit kommt. Weil die Medien aber inzwischen gelernt haben, wie der Keks zerbröselt, drücken sie es irgendwo unter ferner liefen doch noch ein, damit nachher niemand sagen kann, dass Medien die Herkunft komplett verschweigen.
Auffälliger war die Berichterstattung des ZDF. Die 19-Uhr-Ausgabe von „heute“ verschwieg die afghanische Staatsangehörigkeit des Tatverdächtigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei ihre Mitteilung aber bereits veröffentlicht: Um 18.30 Uhr wurde offiziell bekanntgegeben, dass der Festgenommene afghanischer Staatsangehöriger und polizeibekannt ist. Für eine Redaktion wäre diese Information denkbar einfach zu formulieren gewesen: Ein polizeibekannter 37-jähriger Afghane soll versucht haben, die Bergische Synagoge in Brand zu setzen. Genau diese Beschreibung entspricht dem Kenntnisstand der Polizei. Wer davon Teile ausspart, möchte seinen Lieblings-NGOs im Kampf gegen Rechts in der Statistik wohl wieder etwas nachhelfen.
Andere Medien zeigen, dass es problemlos anders geht. WELT berichtete ausdrücklich über einen festgenommenen Afghanen. Focus Online nannte den 37-Jährigen ebenfalls als Afghanen. WDR und Tagesschau haben ihre Berichte mit der afghanischen Herkunft versehen. Der Deutschlandfunk nennt zusätzlich, dass der Mann polizeibekannt ist.
Der Anschlag trifft die jüdische Gemeinde wenige Tage vor Jom Kippur. Zentralratspräsident Josef Schuster sprach von einer fortschreitenden „Normalisierung des Judenhasses“ und zeigte sich besonders über die Ruhe erschüttert, mit der der Täter am helllichten Tag vorgegangen sei. Wenn man Wuppertal etwas näher kennt und die letzten Jahre einige Male dort war, sollte einen das weniger verwundern. Wuppertal ist gesellschaftlich mittlerweile doch deutlich anders beschaffen als ein Nest in Bayern.
Die Bergische Synagoge liegt ausgerechnet in Barmen, neben Elberfeld einem der Zentren muslimischen Gemeindelebens in Wuppertal. Mehrere Moscheegemeinden haben hier ihren Sitz; allein Barmen-Mitte weist inzwischen einen Ausländeranteil von 47,3 Prozent auf. Nach Angaben des WDR wird sie praktisch rund um die Uhr von Polizeibeamten geschützt. Schusters Auslassung bekommt damit noch einmal ein anderes Gewicht: Wer selbst vor einer dauerhaft polizeilich geschützten Synagoge am helllichten Tag Feuer legt, scheint sich durch die sichtbare Präsenz des Staates jedenfalls nicht von seinem Vorhaben abhalten gelassen zu haben.
Angriffe dieser Art kennt die Bergische Synagoge leider bereits. Im Juli 2014 warfen drei Palästinenser Brandsätze auf das Gotteshaus. Sie erklärten später vor Gericht, auf den Gaza-Konflikt aufmerksam machen zu wollen. Das Amtsgericht Wuppertal sah damals zwar gewichtige Indizien für ein antisemitisches Motiv, hielt diese für eine entsprechende Feststellung im Strafverfahren jedoch nicht für ausreichend. Die Täter wurden wegen versuchter schwerer Brandstiftung verurteilt.
Zwölf Jahre später brennt es erneut an dieser Synagoge. Wieder steht ein Muslim unter Tatverdacht. Journalismus gewinnt keine Glaubwürdigkeit dadurch, dass er aus einem polizeibekannten Afghanen in der Überschrift einen möglichst eigenschaftslosen „Mann“ macht. Leser können mit Tatsachen umgehen. Sie merken allerdings längst, wenn bestimmte Tatsachen regelmäßig erst im Kleingedruckten auftauchen. Gerade bei einem Brandanschlag auf eine Synagoge ist das Verschweigen durch Weglassen keine journalistische Sensibilität. Es ist eine konkrete Entscheidung darüber, welches Bild vom Geschehen beim Publikum hängenbleiben soll.
Wuppertal gerät bei diesem Thema auch längst nicht zum ersten Mal in die bundesweiten Schlagzeilen. 2014 marschierten Salafisten um Sven Lau mit orangefarbenen Westen und der Aufschrift „Shariah Police“ durch die Stadt. Sie sprachen Passanten vor Spielhallen und Gaststätten an und warben für eine nach ihren religiösen Vorstellungen „Scharia-kontrollierte Zone“. Der bekannte Salafistenprediger Pierre Vogel trat ebenfalls regelmäßig in Wuppertal auf. Die Darul-Arqam-Moschee galt den Sicherheitsbehörden zeitweise als Treffpunkt der Szene. Salafisten verteilten in der Innenstadt im Rahmen der später verbotenen „Lies!“-Kampagne Korane. Wuppertal besaß über Jahre eine bundesweit wahrgenommene salafistische Szene.
Drei Jahre später machte das Johannes-Rau-Gymnasium bundesweit Schlagzeilen. Die Schulleitung berichtete 2017 von muslimischen Schülern, die im Schulgebäude „für andere deutlich sichtbar“ beteten, sich zuvor auf den Toiletten rituell wuschen und Gebetsteppiche ausrollten. Lehrer sollten solche Fälle melden. Die Schule begründete ihr Vorgehen mit Beschwerden aus der Schulgemeinschaft. Damals schätzte die ZEIT den muslimischen Anteil in Wuppertal auf etwa zehn Prozent und zählte 16 islamische Gemeinden. Im Juli 2026 berichtete der WDR bereits von 25 Wuppertaler Moscheen. Islamische Gemeinden gehören inzwischen fest zur religiösen Infrastruktur der Stadt.
Auch die Bevölkerungsstruktur Wuppertals hat sich erheblich verändert. Nach Angaben der Stadt stieg der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund von 35,4 Prozent im Jahr 2015 auf 44,5 Prozent im Jahr 2023; Ende 2024 waren es 45,5 Prozent. Bei den unter Sechsjährigen lag der Anteil 2023 bereits bei 68,2 Prozent. Die größten Verschiebungen zeigen sich auch bei den Herkunftsländern: Die Zahl syrischer Staatsangehöriger stieg zwischen 2015 und 2023 von 3.076 auf 11.434. Für die gesellschaftliche Entwicklung der Stadt sind solche Veränderungen trotzdem erheblich.
Das öffentliche religiöse Auftreten ist in Wuppertal auch längst deutlich demonstrativ sichtbar geworden. Seit 2008 veranstalten die Wuppertaler Moscheegemeinden während des Ramadan ein öffentliches Fastenbrechen auf dem Rathausplatz. Seit 2020 kam der öffentlich hörbare Muezzinruf hinzu, den die Stadt in den folgenden Jahren erneut zuließ. Im März 2025 verlagerte die Interessenvertretung der Wuppertaler Moscheen die Veranstaltung sogar ins Stadion: Rund 2.000 Menschen nahmen teil, ein Muezzin rief zum Gebet, zahlreiche Männer versammelten sich anschließend auf einer großflächig ausgelegten Plane auf dem Rasen zum gemeinsamen Gebet, Frauen beteten auf der Tribüne. Das alles geschah öffentlich und unter Beteiligung kommunaler sowie kirchlicher Vertreter. Wuppertal hat damit längst eine Form sichtbarer islamischer Präsenz erreicht, die weit über Moscheeräume hinaus in den öffentlichen Raum hineinreicht.
Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wurde Wuppertal zum Schauplatz massiver pro-palästinensischer Mobilisierung. Bei einer Kundgebung auf dem Berliner Platz wurde das Massaker an israelischen Zivilisten als „Widerstand“ legitimiert. Wenige Wochen später zogen bis zu 2.000 Menschen durch den muslimisch dominierten Stadtteil Elberfeld. Die Polizei hatte zuvor Aufrufe zu Hass gegen Juden und Israel, die Leugnung des israelischen Existenzrechts sowie jede offene Solidarität mit der Hamas ausdrücklich untersagt. Volksverhetzende Plakate wurden sichergestellt, auch radikales Verhalten mehrerer Kinder beschäftigte die Ermittler.


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Ich hatte bis zuletzt gehofft, es sei einer dieser australischen Austauschstudenten, vor denen in den Qualitätsmedien stets gewarnt wurde.