Konsumphilosophie à gogo 6 – Radical Mainstream

6.000 Jahre lang glaubte der Mensch an Ewigkeit und höhere Instanzen. Heute glaubt er an's aktuelle Update seines iphones. Er verändert sich. Bedeutsam ist, was neu ist ... so der Eindruck, wenn der Fernseher läuft oder Nachrichten mobil gelesen werden.

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Die Verheißungen von Werbung und PR scheinen in Zeiten der Haltlosigkeit die letzte Bastion großer Wertvorstellungen zu sein. Das kann traurig machen … oder glücklich.  Ein tiefer, kurzer Blick lohnt, um dann – ganz beruhigt – in die Kleinheit unser aller Leben zurückzusinken.

6.000 Jahre lang glaubte der Mensch an die Ewigkeit und höhere Instanzen. Heute glaubt er an das aktuelle Update seines iphones. Der Mensch verändert sich demnach. Unsere innige Jagd nach Innovation und aktualisierter Aktualität scheint allumfassend: Bedeutsam ist, was neu ist … zumindest so der Eindruck, wenn der Fernseher läuft oder die Nachrichten mobil gelesen werden. Leider Humbug: Das 1 Prozent hipper Mover aus den gängigen Metropolen baut Luftschloss-Wirklichkeiten, die es in der Oldenburger, Ravensburger oder Görlitzer Fußgängerzone gar nicht zu sehen gibt. Schluss damit! Denn der Mensch und seine Sehnsüchte haben sich seit 12.000 Jahren strukturell rein gar nicht verändert. Was bleibt? Viel Radau um nix: Zum Schluss geht es immer (noch) darum, eine Arbeit zu finden, Kinder zu bekommen, ein Haus zu besitzen, sowie den aktuellen Golf zu fahren. Gottfried Benn schrieb das prägnanter: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück.“ Deshalb ein Plädoyer zur Ehrenrettung der Masse: Radical Mainstream!

Statisches Denken ist Stillstand
Das Märchen von den Grenzen des Wachstums
Glauben Sie, nahezu jeder Mensch müffelt gerne Feldsalat? Kaufen wir alle Bio-Produkte und sind alle Veganer? Meinen Sie, jeder von uns habe heute ein Tattoo am Körper (mindestens)? Vermuten Sie vielleicht sogar, dass jeder ständig beim Shoppen neue Produkte austestet? Bitte nicht. Alles falsch. Das Lieblingsessen der Deutschen bleibt unangefochten das „Jägerschnitzel mit brauner Sauce“, manchmal auch die ungesunde Curry Wurst mit Pommes und auch wenn man es im Sommer am Strand oder im Stadion beim Fußballerbetrachten nicht glauben kann: Nur 10% der Bevölkerung sind tätowiert. Der Anteil verkaufter Bio-Produkte im Lebensmitteleinzelhandel beträgt übrigens schmale 4% und geschätzte 0,5% der deutschen Bevölkerung sind Veganer – Kochshows und Illustriertenkochrezepte hatten dennoch diese Schwerpunkte. Hingegen sind 90% der Produkte, die wir in den Einkaufswagen legen, seit Jahren identisch. Folgt man jedoch den verbalen Impulsvorträgen von Werbegurus und Trendagenturen (oder von Werbeagenturen und Trendgurus), so erfindet sich der moderne Mensch stündlich neu, jeder von uns ein tickender ntv-Informationsbalken. Manager wanken wie debile Zombies über Büroflure, um anschließend in Meetings ganz beseelt Stanzsätze abzusondern: Das einzig Stetige ist der Wandel! Ihre Firmen machen es genauso: Innovation aus Tradition oder Tradition aus Innovation – die Reihenfolge ist egal! Die Welt der Verkaufswirtschaft zimmert sich derweil ein Menschenbild zurecht, das keine Berührungspunkte mit der Realität besitzt – dafür aber im Minutentakt aktualisiert wird. Doch der Mensch und seine fundamentalen Wünsche und Sehnsüchte verändern sich keinen Deut: Selbst mit dem iphone37 in der Tasche möchte der Mensch 2.0 immer noch geliebt werden, ein Haus besitzen, einen Baum pflanzen und Golf fahren (wenn es gut läuft Audi). Das alles ist nicht besonders originell, dafür aber zutiefst menschlich. Sicher gilt dies nicht für alle, aber es betrifft die Mehrheit im fortgeschrittenen Alter, die seit Gustave LeBon gern gescholtene Masse – also genau das, was im aufgeklärten 21. Jahrhundert das Grauen an sich bedeutet: Den Mainstream. Das Nicht-Individuum. Dabei ist ein individuelles Bekenntnis zu diesem voraussehbaren Lebenskonzept inzwischen viel radikaler als sämtliche Selbstverwirklichungsseminare zwischen Berlin-Kreuzberg und Goa.

Gedanken zur „Tragfähigkeit“ der Erde
Haben wir wirklich „nur eine Erde?“
Die massenhafte Wirklichkeit rückte selten so in den Hintergrund wie heute. Das hat vielfältige Gründe. Der wichtigste: Alles und alle kreisen um die Vorstellung, das Leben habe sich beschleunigt und jeder Jakob müsse auf dem Weg sein individuelles Schicksal verwirklichen – so individuell und rasant wie nur irgend möglich. Galt mehr als 6.000 Jahre für die menschliche Zivilisation, dass nur das gut ist, was „lange hält“ und nur der gut ist, der viel Erfahrung besitzt, so hat man nun den Eindruck, dass nur noch Dinge von Bedeutung sind, die „neu“ und „innovativ“ sind. Innovation und Neuheit bilden tragende Säulen des zeitgenössischen Selbstverständnisses und sind zu modernen Zauberworten geworden. Innovation ist das Oben. Innovation steht für Erfolg, Zukunftsfähigkeit und Fortschritt an sich. Nicht umsonst heißt der Balken, der uns am Computer den stetig schneller werdenden Ladevorgang anzeigt, „Fortschrittsbalken“. Innovation wird gleichgesetzt mit der Verbesserung eines Produktes oder einer Dienstleistung im Sinne einer schnelleren oder effizienteren Lösung. Ob eine Kamera mit 75 Milliarden Pixel und einer Übertragungsrate kurz vor Lichtgeschwindigkeit tatsächlich sinnvoll ist, wird nicht gefragt (der sich selbst entwertende Produktzyklus gibt den Takt vor) – dabei werden Falten ohnehin seit langem vom Photoshop getilgt. Es zählt die Neuerung an sich. Die Masse hingegen besitzt ein zutiefst entwickeltes Gespür für diesen Zusammenhang und lässt 99% aller Innovationen links liegen … sehr zum Verdruss der Meinungsmacher, die „Liegengelassenem“ (s)eine überbordende Relevanz erst zugebilligt haben. Vom Glauben an die permanente Optimierung lebt nicht nur die Wirtschaft mitsamt direkt angeschlossener Werbe- und Trendindustrie: Zielsetzung der modernen Marketingmaschinerie ist, dass Bedürfnisse permanent neu geweckt werden – um sie nach dem Kauf gleich neu zu enttäuschen. Permanentes Face-lifting ist längst nicht mehr dem menschlichem Antlitz vorbehalten, die Autoindustrie mischt munter mit: Kurze Produktzyklen sind für alle da!

Medial relevant ist, was neu und nicht was wichtig ist. Die Neuigkeit ist zum Wert erhoben worden, immerhin leben der Journalist und seine Industrie davon. Es gilt der alte Spruch: In die Zeitung von gestern wickelt man Fische. Nicht nur, dass die Gier nach Neuem die wahren Nachrichten und Zustände verschleiert (nicht aus Bosheit, sondern aus Wirtschaftlichkeit), sie verkennt auch die Gewichtungen: Eine Minderheit von sogenannten Trendsettern bestimmt die Schlagzeilen der Gazetten, denn nur ihr Blick aufs Leben verspricht Nachricht, also Neuheit und gibt so der veröffentlichten Meinung ihre flüchtige Existenzberichtigung.

Eine Allianz von Werbeexperten und Marketingmanagern sitzt in ihren Designersesseln und produziert wie am Fließband unverdrossen Zeitgeist. Die oft idealisierte Allianz ignoriert, dass ihre Produkte keinen betreffen. Schluss damit! Radical Mainstream heißt die radikale Abrechnung mit dem Neuheitscredo. Radical Mainstream ist ein Gegenentwurf. Ziel: Ruhe und Gelassenheit für (fast) alle. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn man kein Kinderbuch schreiben möchte, aufgrund des kreditfinanzierten Reihenhauses noch nie in L.A. war, oder weiterhin Hausmannskost jeder sternverzierten Kulinarik vorzieht. Wir müssen nicht herausstechen und uns ständig neu erfinden. Es geht darum der Masse ihre Würde zurückzugeben. Die Gemeinschaft der Vielen ist nicht irrelevant – im Gegenteil. Denn erst mit den Menschen wird der Mensch zum Menschen.

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Kommentare ( 1 )

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Sehr geehrter Herr Errichiello,
haben Sie Dank für die philosophischen Zeilen. Wenn ich mir ansehe, wie gerade erst in einen Topf mit uns konsumerfahrenen Menschen geworfene, dem Kommunismus grade entsprungene Bürger(innen) sich über ein schön verpacktes zuckeriges Nichts freuen können, dann weiss ich: Konsum ist ständig neu erfunden worden, um die Menschen zu beschäftigen, ständig muss irgendwas ausgewickelt oder ähnl. werden, da hat man keine Zeit zum Aufmucken, Nachdenken oder Meckern…

Konsum ist Friede !