Fußballträume von den Kap Verden – Oder: Warum die Großen plötzlich Schnappatmung bekommen

Fans von Deutschland, Brasilien, Spanien haben es einfach. Aber oftmals sind es die Fans und Spieler der kleinen Außenseiternationen, von denen wir echte Fußballbegeisterung und Sportsgeist lernen können. Welche der Underdogs werden wir während dieser Weltmeisterschaft besonders ins Herz schließen?

picture alliance / firo Sportphoto / Mexsport | Juan Luis Díaz Socci

Die Fußball-WM entwickelt sich zu einer Gruppentherapie für Fußball-Großmächte. Brasilien sitzt bereits auf der Couch. Spanien kaut nervös an den Fingernägeln. Und der eingekaufte italienische Trainer der brasilianischen Seleção, Carlo Ancelotti, schaut drein, als hätte ihm jemand heimlich den Espresso entkoffeiniert.

Dabei war der Plan doch so einfach. Brasilien wollte sich den sechsten Stern quasi mit Champions-League-Erfahrung einkaufen. Wenn einer weiß, wie man Pokale stapelt wie andere Leute Getränkekisten, dann Carlo Ancelotti. Fünfmal Champions-League-Sieger.

Ein wandelndes Fußball-Museum. Ein Mann, dessen Visitenkarte eigentlich einen eigenen Trophäenschrank braucht. Doch plötzlich stand da Marokko. 1:1. Und die Seleção lief herum wie ein Samba-Orchester, das unterwegs die Noten verloren hat. Viel Rhythmus. Wenig Musik. Viel Ballbesitz, zwar, aber wenig Glück.

Derweil schaute die Heimat zu. 220 Millionen Nationaltrainer. 220 Millionen Therapeuten. 220 Millionen Menschen mit der negativen Diagnose: „So werden wir nie Weltmeister.“ In Brasilien ist der Fußball viel mehr als Religion, er ist Kult.

Auf der anderen Seite Spanien. Weltmeister, Europameister. Gewesen. Fußballadel. Der Bernhardiner unter den Fußballnationen. Groß. Stark. Selbstbewusst. Und dann kommen die Kapverden. Zehn Vulkaninseln mitten im Atlantik. Ein Land, das ungefähr so viele Einwohner hat wie Stuttgart. Eine Mannschaft, deren Marktwert in Madrid vermutlich als Trinkgeld durchgeht. Und trotzdem endet der Abend mit einer Nullnummer. Nullzunull.

Für Spanien ein Unfall. Im deutschen Fernsehen wird gar von einer Auftaktniederlage gesprochen. Auf dem Feld die spanischen Stiere, ausgelaugt, leer dreinblickend. Was ist nur passiert, was war das denn? 1000 Mal probiert, 1000 Mal ist nichts passiert.

Für Kap Verde dagegen ein Nationalfeiertag.

Fast hätte man erwartet, dass am Hafen von Praia die Kirchenglocken läuten und drei Fischerboote einen Autokorso veranstalten.

Der Held? Ein 40-jähriger Torwart namens Vozinha. Portugals zweite Liga. Kein Instagram-Superstar. Kein Werbegesicht. Kein Fußball-Millionär. Nur ein Mann mit Handschuhen und der festen Absicht, Spanien den Abend zu ruinieren.

Fünfmal hielt er Bälle, die eigentlich schon drin waren. Fünfmal. Tore, die die Deutschen gegen Curaçao und die Schweden gegen Tunesien gemacht haben. Ja, so titelte die Gazzetta, gleich sieben Mal hätten sich die Deutschen in die Hängematte der Curaçaer geschmissen. Das eine Tor, der Gegentreffer gegen Keeper-GOAT Manuel Neuer (auch vierzig Jahre alt), wurde wie der WM Titel gefeiert. Der 78-jährige holländische Coach, Advocaat, verdrückte gar Tränen. Tiefe Emotionen. Das gleiche Ergebnis, mit dem Brasilien 2014 vernichtet wurde – 7:1 das Trauma bis heute. In Rio.

Vozinha, der Seniorkeeper, brachte Spanien zur Verzweiflung, auch Lamin Yamal biss sich die Zähne aus. Vozinha im Spiel seines Lebens, wie ein Türsteher vor einem Nachtclub, der entschieden hat: „Heute kommt hier keiner rein.“ Am Ende stand Spanien da, wie in einem Film von Almodóvar. Alles bunt. Alles dramatisch. Und kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

Man sah förmlich, wie die spanische Presse bereits nach den großen Wörtern suchte. „Krise.“ Noch treffend harmlos. Manche titelten hart „Blamage.“ Andere sahen die Leistung als „Katastrophe.“ Dabei war es einfach Fußball.

Der wunderbare Moment, wenn die Kleinen plötzlich auf die Zehenspitzen steigen und den Großen direkt in die Augen schauen. Und das zwar ziemlich defensiv, aber gut organisiert.

Diese WM gehört bislang den Aufständischen. Den Frechen. Den Unverschämten. Den Nationen, die nicht gekommen sind, um ehrfürchtig Autogramme zu sammeln.

Deutschland? Ja, die DFB-Elf hat Curaçao abgefrühstückt wie ein Geschäftsreisender am Hotelbuffett. Sachlich. Effizient. Ohne Krümel auf dem Hemd. Die Schweden? Eiskalt wie ein Februarmorgen in Malmö. Tunesien hatte nie wirklich eine Chance.

Aber sonst? Überall kleine Revolten. Überall Nadelstiche. Überall die Erinnerung daran, dass Fußball kein Taschenrechner ist. Zum Glück. Denn sonst könnten wir die Spiele gleich von Wirtschaftsprüfern auswerten lassen.

Nein. Fußball lebt vom Irrsinn. Vom Trotz. Von den Unwahrscheinlichkeiten. Von Torhütern wie Vozinha. Von Marokkanern, die Brasilien ärgern. Von Inselstaaten, die Großmächte ins Grübeln bringen. Und vielleicht lieben wir Kap Verde deshalb gerade so sehr. Weil jeder Mensch irgendwann Kap Verde ist.

Der Kleine im großen Büro. Der Außenseiter am Tisch. Der Kandidat, dem niemand etwas zutraut. Der Mann oder die Frau, die trotzdem nicht weichen. Und genau deshalb fühlen sich diese 90 Minuten größer an als manche Finalspiele: Auch das ist es, was die WM ausmacht. Außenseiter, die vielleicht nicht das Turnier gewinnen, aber die Herzen der Fußballfans, über die der eigenen Nation hinaus.

Warten wir ab, welche kleinen Fußballnationen wir während dieser Fußballweltmeisterschaft kennen- und liebenlernen werden.

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