Einreise, Sturmangriff, Massenhysterie – gekommen, um zu bleiben?

Der Massenansturm auf Ceuta wird in deutschen Medien zur Geschichte verführter Jugendlicher, traumatisierter Rückkehrer und gefährlicher „Invasionsrhetorik“ umgedeutet. Die illegale Grenzverletzung verschwindet wie 2015 hinter gefühligem, moralischem Framing. Anders als damals allerdings heute ohne Erfolg.

IMAGO

Ins Zentrum der Debatte, so scheint es, soll nun vor allem die traurige Tatsache gerückt werden, dass „so viele beim Versuch gestorben sind, Europäischen Boden zu erreichen“, wie es beim NDR heißt. Dass das ganze ein krisenhaftes Ereignis war, angestachelt von Falschmeldungen, die man unbedingt in Zukunft unterbinden müsse.

Hätten sich hier irgendwelche Primitivlinge in der Nähe eines Parlaments oder eines Regierungssitzes eingefunden, wären in die Nähe gelangt, hätten sie sich gemeinschaftlich und uneingeladen dorthin begeben, sich unerlaubt Zugang verschafft – die Tonart der Berichterstattung wäre sicherlich schriller und wesentlich empörter gewesen als das, was nun eingeordnet werden darf: Zum Beispiel vom grünen EU-Abgeordneten Erik Marquardt, der auf Facebook mahnt, an „die Angehörigen der Opfer zu denken“, man „trotzdem so viele jungen Menschen dort ihr Leben verloren hätten (…) den Eindruck habe, es gehe nur darum, hier eine Invasion herbeizureden..“

Erbärmliche Debatte um eine Tragödie?

Staats- und Regierungsschefs, Politiker wie Friedrich Merz hätten die Aufgabe, einzuordnen, was da passiert und nicht hysterisch zu reagieren und damit die Bevölkerung zu beunruhigen, so Marquardt im NDR.

Das seien „im Wesentlichen nur perspektivlose marokkanische Teenager gewesen, die sich ein besseres Leben erhofft“ hätten, aber keine Gefahr darstellen.

Opfer einer Desinformationskampagne, nun in einem überfüllten Flüchtlingslager? Das Framing ist klar: Viele seien dort „mit nicht mehr als einem T-Shirt und Flip-Flops angekommen“, ordnet die NDR-Moderation ein. Und die Zurückgekehrten seien vielfach nach dem Erlebten nun „traumatisiert“, in Ceuta selbst blieben nun „etwa 1000 junge Menschen“ zurück.

Marquardt äußert sich ganz im Sinne des Narrativs, dass die Menschen, vorrangig Männer, die Ceuta gestürmt haben, selbst nicht so genau gewusst hätten, warum sie nun dort seien. Die Jugendlichen seien „leicht manipulierbar“. Ein Naturereignis also, letztlich unerklärlich, gewissermaßen unumgänglich.

Nicht viel anders geht der Deutschlandfunk vor. Er exkulpiert die Grenzverletzung rückwirkend: Zehntausende Menschen hätten lediglich „versucht, von der Marokkanischen Seite aus die Grenze zur die Spanischen Exklave Ceuta zu überwinden“. Als ob nicht genau dies das Problem gewesen wäre.

Auch sonst bemühen sich viele deutsche Medien, den Vorgang zu bagatellisieren, besorgte Bürger zu beschwichtigen. Schließlich sei der Großteil der Geflohenen ja in Windeseile nach Marokko zurückgekehrt.

Die FAZ meldet zwar in unüblich klarer Diktion einen „Migrantenansturm“, gibt aber in einem späteren Artikel Entwarnung: Fast alle Migranten seien freiwillig zurückgekehrt, „48.300 Menschen, die irregulär in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika gekommen sind, haben das Gebiet wieder Richtung Marokko verlassen. Das teilte das Innenministerium in Madrid am frühen Freitagabend mit. Das würde bedeuten, dass fast alle der geschätzten 50.000 Menschen, die nach Regierungsangaben seit Donnerstagmorgen in die Exklave an der Meerenge von Gibraltar gelangt waren, nicht mehr dort sind.“

Die Zeit fragt, unter einem Bild friedlich schlafender Migranten: „Was ist in Ceuta passiert? Sie liefen jubelnd durch die Straßen, riefen »Viva España«: Warum gerade jetzt Zehntausende nach Ceuta kamen – und Spaniens Regierungschef nun viel Wut entgegenschlägt (…) manche brechen zusammen und küssen den Boden, viele sind barfuß (…)“.

WDR 5 beschwichtigt im Tagesgespräch: „EU und Migration: Wie blicken Sie auf Ceuta? Rund 50.000 Menschen überquerten binnen kurzer Zeit die Grenze“.

Doch nicht überall übt man sich in Realitätsleugnung. 20min.ch berichtete zutreffender und schnörkellos: „Tausende Migranten drangen illegal in zwei spanische Exklaven auf dem afrikanischen Kontinent ein.“ Und Euronews berichtet, dass sich die Lage keineswegs normalisiert habe.

Kein Mongolensturm, kein panafrikanisch-europäisches Picknick

Man kann es als ein halsbrecherisches, selbstmörderisches Gatecrashing von Glücksrittern nennen, angeheizt von der nun als Verkaufsargument von den Schleusern genutzten Torschlusspanik angesichts immer verbreiteter Migrationsskepsis. Aber bevor solchen Luftikussen, die ihr Sprung ins kalte Wasser wohl zu Dutzenden das Leben gekostet hat, klar wird, dass es keine Tellerwäscherkarrieren zu gewinnen gibt, müssen noch viele der laxen Nachzugs – und Staatsangehörigkeitsregelungen verschärft werden.

Warum haben offenbar Schleuser zur massenhaften illegalen Einreise aufgerufen ? Haben sie sich die Tipps für die leicht zu durchschwimmende Furt per PayPal bezahlen lassen? Nein – sie wussten genau, dass jeder, der den Fuss in die Eingangstüre Europas bekommt, anschließend irgendwie Zusatzeinkünfte generieren wird, nicht zuletzt für den Marokkanischen Finanzminister.

Es überwiegt, so muss man nach der Lektüre vieler Meldungen zur „Grenzkrise“ zusammenfassen, eine unwillkürliche oder absichtliche Scheu davor, die Vorgänge beim Namen zu nennen. Ganz selten konnte man die Bezeichnung „unerlaubte“ oder gar „illegale“ Einreise lesen.

Ganz im Gegenteil dazu berichten die Autoren bei Tichys Einblick seit Beginn des Grenzsturms klar, deutlich und abgeklärt – nicht zuletzt in Form einer Exklusiv-Reportage vor Ort:

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Kommentare ( 4 )

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giesemann
13 Stunden her

Gewährung von Asyl nur für Europäer, deshalb Ukrainer nicht mit anderen vermengen: SPD-Kommunalexperte Martin Neuffer (1924 – 2004) über die Ausländerpolitik der Bundesrepublik: Eine radikale Neuorientierung der Bonner Ausländerpolitik fordert der langjährige hannoversche Oberstadtdirektor, Städtetagpräside und NDR-Intendant Martin Neuffer, damals 57. In seinem soeben erschienenen Buch »Die Erde wächst nicht mit. Neue Politik in einer überbevölkerten Welt«. Verlag C. H. Beck, München; 195 Seiten; 17,80 Mark. plädiert der linke (trotzdem vernünftige!) Sozialdemokrat dafür, die Einwanderung von Türken etc. in die Bundesrepublik »scharf« zu drosseln und auch das Asylrecht »drastisch« auf Europäer zu beschränken. Auszüge: 18.04.1982, 13.00 Uhr • aus DER… Mehr

Haba Orwell
1 Tag her

> Warum haben offenbar Schleuser zur massenhaften illegalen Einreise aufgerufen ? Haben sie sich die Tipps für die leicht zu durchschwimmende Furt per PayPal bezahlen lassen?

Wie im anderen Thread bereits angesprochen – für eine Reise mit einem Boot oder Jetski muss man gar nicht nach Ceuta. Westlich davon gibt es reichlich Küste, von wo es ähnlich nah ist. Oder sind Behörden in Ceuta bestochen für Nicht-Stören und in Marokko nicht?
Vielleicht aber wurden die Aufrufe im Internet von irgend einem Geheimdienst organisiert?

Haba Orwell
1 Tag her

> Zum Beispiel vom grünen EU-Abgeordneten Erik Marquardt, der auf Facebook mahnt, an „die Angehörigen der Opfer zu denken“, man „trotzdem so viele jungen Menschen dort ihr Leben verloren hätten (…) den Eindruck habe, es gehe nur darum, hier eine Invasion herbeizureden..“ Wer aus einem Wüstenland kommt, sollte nicht versuchen, durch ein Meer zu schwimmen. Klar, dass es oft schief gehen muss. Manch ein Afrika-Bewohner könnte auf Wirtschaften statt auf das Schwimmen sonstwohin setzen. Fairerweise: Westliche Länder sollten die afrikanischen in Ruhe lassen statt wie Frankreich diesen Ländern Islamisten auf den Hals hetzen. Gibt es eigentlich islamistische Terrororganisationen, die kein… Mehr

giesemann
13 Stunden her
Antworten an  Haba Orwell

 Gibt es eigentlich islamistische Terrororganisationen, die kein westlicher Geheimdienst aufgebaut hat? Nein, unmöglich.