„Inside CDU“: Willkommen beim Sonnenkönig

Eine schonungslose Dokumentation des Untergangs. Und die CDU lässt es geschehen. „Inside CDU“ zeigt hautnah, wie eine Partei sich selbst ins Aus schießt. Mit Fischbrötchen, Strandkörben und sonnenköniglicher Attitüde. Zum tragischen Helden wird, ohne es zu bemerken, erneut Philipp Amthor.

screenshot/ Mediathek ZDF

Ging es bisher noch um den verzweifelten Versuch der CDU, die Krise in den Griff zu bekommen, so führt bei Folge 4 „Rumms“ der Untergang inzwischen selbst Regie. Die Partei verliert ihren Soundtrack, und die Überschrift ist Programm. Rumms, aus, vorbei.

Der Titel beschreibt nicht nur die Wahlergebnisse. Er meint den Moment, in dem Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit aufeinanderprallen. Jens Spahns privates Vaterglück hat die Unionsfamilie besonders extrem gespalten. Dass er sich in den USA bei einer Leihmutter ein Baby gekauft hat, ist ein politischer Sprengsatz. Die Partei, die sonst so gerne von Werten und Prinzipien redet, steht plötzlich da und weiß nicht, ob sie dem Fraktionschef gratulieren oder ihn rausschmeißen soll.

Die AfD wird zu einem Spiegel, in dem die CDU ihre eigene Unfähigkeit betrachten muss. Die Inszenierung ist cineastisch – Drohnenflüge, dramatische Schnitte, bedeutungsschwere Blicke. Doch je näher die Kamera kommt, desto deutlicher wird: Diese Partei beantwortet den Aufstieg der Blauen mit demselben hilflosen Aktionismus, mit dem man früher Wahlplakate klebte.

Friedrich Merz baut sein Kabinett um, Carsten Linnemann wechselt vom Generalsekretär ins Gesundheitsministerium, Franziska Hoppermann, bekannt durch ihre Blockadehaltung in der Corona-Enquete, übernimmt Linnemanns Job. Die Doku zeigt die Personalrochade nicht als triumphalen Aufbruch, sondern eher als eine Notoperation, die als frischer Wind verkauft wird.

Das Ganze sei „ein Himmelfahrtskommando“, kommentiert Alisha Mendgen (Focus). Holprig werden die Posten umverteilt, als könne man mit neuen Namen alte Probleme lösen. Doch das Gegenteil passiert: Die Personalrochade erzeugt weitere Unruhe.

Christiane Schenderlein (wir kennen Sie aus Folge 3) fährt wieder Fahrstuhl. Die Landesministerin für Sport und Ehrenamt muss ihren Platz räumen und zu Linnemann ins Gesundheitsministerium. Schon wieder fährt der Fahrstuhl mit ihr nach unten. Kein Bild aus dem Archiv. Sie hat sich wohl einfach nicht genug gewehrt. Gegen den Job und gegen das Kamerateam.

Einer ist die Treppe mal wieder raufgefallen: Philipp Amthor. Schon in den bisherigen Folgen der Doku-Reihe war er der tragische Held: Der Mann, der alles zu wissen glaubt und doch gar nichts verstanden hat. Der Inbegriff für alles, was schiefläuft, für Arroganz und olle Kamelle.

Amthor, einst eine „heute-show“-Witzfigur, gibt jetzt den arrivierten Staatsmann. Der Anzug sitzt, die Rhetorik ist spiegelglatt, der Optimismus „zwischen acht und zehn“. Die Partei hat ihn geprägt und ihm alles verziehen. Denn er ist genau wie sie. Trotz einer ausgewachsenen Korruptionsaffäre führte sein Weg ungebremst nach oben. Erst wurde er Staatssekretär im Digitalministerium, und jetzt ist er sogar Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit direkt im Bundeskanzleramt. Mit Riesenbüro und einer schicken 30.000-Euro Sitzecke von Cassina.

Doch das reicht ihm nicht. Mitten im Untergang errichtet sich Amthor sein persönliches Versailles. Sonnenköniglichen Schrittes wandelt er durchs Gemäuer, schreitet die Gänge des Kanzleramts ab, vorbei an der Gemäldegalerie seiner politischen Ahnen und tritt hinaus auf seine persönliche Dachterrasse, die allein schon größer ist als eine Dreiraum-Wohnung. Er lässt den Blick über den Kanzlergarten schweifen. Manchmal, sagt er, wenn er hier „zu Sonnenuntergangszeiten“ steht und telefoniert, dann kann er unten den „Kanzleramtsfuchs“ beobachten. Es sind Bilder, die sich ein Drehbuchschreiber nicht besser hätte ausdenken können.

Zur eigenen Beförderung beschenkt sich Amthor heute mit einem Strandkorb, den er hofft auch einmal benutzen zu können – „zur Entspannung“, er hat ja soviel um die Ohren. Amthor möchte, dass das Möbelstück auf der Terrasse so positioniert wird, dass es von drinnen „gut sichtbar ist“. Willkommen in der Welt des Sonnenkönigs 2.0. Was ist dagegen ein Linnemann mit einem piefigen Tischkicker im Büro, pah!

Während die Partei im Osten den Wiedereinzug in den Landtag verfehlt und die Umfragen bundesweit im Keller sind, feiert der junge Hoffnungsträger sein neues Möbel. Manufakturware, damit es auch richtig nach Status aussieht. Modell „Kieler Jung“, Zweisitzer, Ostseeform, Halblieger, 1800 Euro plus Lieferung.

Amthor hat keinerlei Gespür für die unfreiwillige Komik dieser Inszenierung. Die Kamera hält munter drauf, und er freut sich sogar. Welchen Schaden diese grotesken Bilder bei seiner Partei anrichten, merkt er gar nicht. Die CDU hat den Knirps groß gemacht, er trägt sie nun zu Grabe. Pflegeheim fällt aus, Hospiz ebenso. Amthor schubst sie einfach in den Fahrstuhl und drückt „Abwärts“. Louis Quatorze, der originale Sonnenkönig, hat wenigstens noch Tanzfeste und Opern veranstaltet. Amthor beobachtet den Fuchs.

Unterdessen kämpft die CDU im Osten um jeden Prozentpunkt, und die AfD feiert elegisch ihre Erfolge. Dieser Rumms ist kein einzelner Knall. Es ist die Summe kleiner Erschütterungen. Ein Personalwechsel hier. Ein missratener Wahlkampfauftritt dort. Und die langsame Geburt einer existenziellen Krise.

Als im kleinen Sachsen-Anhalt gewählt wird, schaut die ganze Welt zu. Mehrere Hundert Journalisten, sogar Al Jazeera ist da. Ergebnis: Die CDU hat sich mehr als halbiert, die AfD mehr als verdoppelt. „Ein Erdrutsch nach unten“, kommentiert Stern-Redakteur Medick (jemand reiche ihm ein Buch über tautologische Pleonasmen und weiße Schimmel, aber das nur nebenbei).

Die erste Staffel dieser Dokumentation wurde 2025 noch dafür kritisiert, dass die vermeintliche Nähe häufig aus kontrollierten Situationen und politischer Selbstinszenierung bestehe. In der zweiten Staffel wird nun klar: Diese vermeintliche Schwäche ist die eigentliche Stärke der Filmreihe. Denn je mehr die Kamera die CDU einfach machen lässt, desto eindrucksvoller reißt sich die Partei selbst in den Abgrund. Die CDU produziert ihr eigenes Beweismaterial für die These, dass sie einfach nicht mehr gebraucht wird. Und die besten Bilder liefert Philipp Amthor.

Der sitzt schon wieder im Fond seines BMW und sucht „das richtige Besteck“, um die Niederlage zu kommentieren. Seine Lösung lautet: „Wichtig ist, die richtigen Worte zu finden. Das kann man nicht, indem man sie ritualisiert immer wieder abspult.“ Aha. Er tut also genau das, von dem er abrät. Und bemerkt es nicht einmal.

Wir müssen uns an dieser Stelle übrigens korrigieren: Das abgehobene Interview im Fond des 7er-BMW fand tatsächlich nach einer Wahlschlappe statt, nicht davor, wie wir in unserem ersten Bericht „Machtbeben“ behauptet haben. Bild-Mann Alfred Draxler hat also Recht: Amthor hat kein Gespür.

Der vielleicht interessanteste Gegenpol zum Grinsebubi von der Dachterrasse ist Carsten Linnemann. Er wirkt weniger wie der selbstsichere politische Verkäufer und mehr wie jemand, der die Schwierigkeiten tatsächlich wahrnimmt. „Das war ein bitterer Moment, und da fühl’ ich mich auch mitverantwortlich. Klar, das tat richtig weh“, sagt er nach dem Sachsen-Anhalt-Schock Das klingt menschlich, ehrlich, nahbar. Aber Nähe erzeugt noch keine Wahrheit. Wenn ein Politiker erschöpft aussieht oder emotional wird, ist das noch keine Analyse.

Immerhin, dies ist einer der seltenen Momente, in denen die Protagonisten nicht wie Schauspieler wirken, sondern wie Menschen in einer Krise. Ob man Linnemanns Selbstkritik teilt, ist eine andere Frage. Dokumentarisch ist sie wertvoll, weil er nicht versucht, den Zuschauer mit einer glatten Formel abzuspeisen. Er gibt unumwunden zu: Wir haben ein Problem. Und wir wissen nicht damit umzugehen.

Das Formel- und Floskelkorsett der CDU entfernt sich immer mehr von der Wirklichkeit. Warum verliert die Partei ihre Wähler? Warum funktioniert die emotionale Ansprache der AfD besser? Die Kamera stellt diese Fragen nur indirekt. Und liefert die Antworten in Bildern. Eigene Kommentare ersetzen die Autoren durch präzise Schnitte. Und die CDU-Vorderen sind trottelig genug, in jeden Fettnapf nicht nur zu treten – sie springen geradezu mit Freude hinein. Wenn sie sich nun beschweren sollten, das ZDF habe sie in die Pfanne gehauen, dann greift das viel zu kurz. Es ist keine Pfanne, es ist die totale Vernichtung, ausgelöst durch die Bilder, die sie alle selbst erzeugt haben.

Die Partei kann ihren Absturz weder nach außen noch nach innen wirklich erklären. Krampfhaft versucht sie, sich emotionaler und moderner zu verkaufen. Und die Doku zeigt schonungslos, wie schwer ihr das fällt. Warum erreicht die CDU mit ihrer altmodischen Kommunikation bestimmte Wählergruppen nicht mehr? Die Antwort findet sich bereits in der Frage. Doch die CDU sucht trotzdem weiter. Vor der Sachsen-Anhalt-Wahl erklärt Sven Schulze sogar, man müsse soziale Medien „komplett ausblenden“. Niemand in der Partei scheint zu verstehen, dass politische Kommunikation inzwischen nicht mehr nach dem Prinzip „Pressekonferenz – Nachricht – Abendessen“ funktioniert.

Der vielleicht größte Erfolg der Dokumentation besteht deshalb darin, dass die CDU permanent und ungewollt ihre eigene politische Meme-Maschine füttert. Sie produziert eine Satire, ohne es zu bemerken. Das, immerhin, kann sie perfekt. Stromberg lässt grüßen.

Der Niedergang kommt unspektakulär daher. Kein Türenknallen, niemand schmeißt mit Aktenordnern. Stattdessen: Besprechungen, Telefonate, Interviews, Schnittchen. Politischer Alltag – während unten gerade das Fundament zerbricht.

Daniel Peters, Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, lässt sich im Straßenwahlkampf dabei filmen, wie er von den Bürgern beschimpft wird. Mit seiner lächerlichen Fischbrötchen-Kampagne („Die Mitte ist das Beste“) erntet er nur Verachtung. Wie ein Lehrer steht er dann hinter seinem Pult am Wahlkampfstand, statt auf die Menschen zuzugehen. Und wenn sie ihm ihren Unmut um die Ohren schlagen, schaut er weg.

Alt-Komiker Didi Hallervorden tritt unterdessen auf die CDU-Bühne und kritisiert ausgerechnet den „Kriegskanzler“. Fischmann Peters ruft Merz dennoch unbeirrt zu: „Du tust diesem Land gut.“

Christopher Förster sieht das anders. Im Berliner Straßenwahlkampf hört er Sätze wie „Die CDU wähle ich nicht mehr.“ Die Partei sei ein „Verbrecherverein“ und ein „Lügenverein“. Das habe Friedrich Merz „möglich gemacht“, sagt Förster vorsichtig.

Dessen Verschuldungsorgie „nehmen uns die Menschen heute noch übel“.

Die Kirsche auf der Sahne sind schließlich die Journalisten, deren Kommentare die Doku begleiten. Jahrelang hat die CDU genau die Brandmauer hochgezogen, die von den Medien stets eingefordert wurde. Und jetzt bekommt sie ihr gehässiges Arbeitszeugnis.

Politik-Podcaster Robin Alexander sieht „eine Reihe von handwerklichen Fehlern, Tölpeleien fast“. Kai Wegner, Lügender Bürgermeister von Berlin, sei „das wandelnde Glaubwürdigkeitsproblem der Partei“, sagt Medick. Und Podcasterin Melanie Amann

liefert den Titel dieser vierten Folge: „Argumentativ wahnsinnig schwach“ findet sie einen gewissen Politiker. „Wie so ‘ne Bretterbude. Du stößt mit dem Finger dran, und alles bricht in sich zusammen. Also, du musst nur einmal nachfragen – Pieks, Rumms.“

Das Lustige: Sie meint gar keinen CDU-Mann, sondern Ulrich Siegmund.

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