Brüssel will russisches Erdgas ab 1. Jänner 2027 endgültig aus Europa verbannen. Ungarn und die Slowakei sind vor dem Europäischen Gerichtshof gegen das Verbot. Dass andere EU-Nationen aktuell noch immer Rekordmengen an russischem LNG importieren, lässt die Klagen als durchaus sinnvoll erscheinen.
IMAGO / Xinhua
Während die EU-Kommission den vollständigen Ausstieg aus russischem Erdgas unbedingt vorantreiben möchte, fordert die Slowakei längere Übergangsfristen für Lieferungen aus Russland. Gemeinsam mit Ungarn stemmt sich Bratislava gegen den Brüsseler Kurs – notfalls vor Gericht. Die slowakische Regierung hat bereits am 24. April 2026 Klage beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Unter dem Aktenzeichen C-398/26 verlangt sie die Aufhebung jener EU-Verordnung, die russische Gasimporte schrittweise verbietet. Das Verfahren ist weiterhin anhängig.
Für die Regierung von Ministerpräsident Robert Fico steht viel auf dem Spiel. Die Slowakei bezieht weiterhin russisches Erdgas über die TurkStream-Route, die durch die Türkei und Südosteuropa führt. Ein langfristiger Liefervertrag mit dem russischen Energiekonzern Gazprom läuft bis September 2027. Bratislava argumentiert, ein vollständiger Lieferstopp gefährde die nationale Energiesicherheit und könne Unternehmen sowie private Haushalte zusätzlich belasten.
Besonders umstritten ist die rechtliche Grundlage des EU-Verbots. Die slowakische Regierung vertritt die Auffassung, dass es sich faktisch um eine Sanktionsmaßnahme handle, für die Einstimmigkeit erforderlich gewesen wäre. Brüssel hingegen setzte die Regelung auf einer anderen Rechtsgrundlage durch.
Fico wirft der EU deshalb vor, die notwendige Einstimmigkeit umgangen zu haben. Ob diese Argumentation vor Gericht Bestand hat, ist offen.
LNG-Importe der EU-Nationen zeigen Widerspruch
Nach einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung der deutschen Umweltorganisation Urgewald kamen über EU-Häfen zwischen Januar und September 2026 insgesamt 12,18 Millionen Tonnen Flüssigerdgas aus dem russischen Yamal-Projekt nach Europa – tichyseinblick.de hat berichtet.
Das ist ein absoluter Rekord für diesen Zeitraum: Die LNG-Importe stiegen um 9,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt wurden 167 LNG-Ladungen aus dem russischen Arktisprojekt in europäischen Häfen gelöscht. 85 Prozent der erfassten Yamal-Exporte gingen damit in die EU.
Der geschätzte Warenwert dieser Lieferungen: 7,88 Milliarden Euro in nur neun Monaten. Allein im dritten Quartal erreichten russische LNG-Lieferungen im Wert von 1,92 Milliarden Euro europäische Häfen.
Die Berechnungen beruhen auf Schiffstransportdaten des Analyseunternehmens Kpler und europäischen Referenzpreisen.
Frankreich, Belgien und Spanien zählten im ersten Halbjahr 2026 zu den wichtigsten europäischen Abnehmern russischen Flüssiggases. Bereits in diesen sechs Monaten hatte die EU mit 9,89 Millionen Tonnen einen neuen Höchstwert für Yamal-LNG erreicht, also 18 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Im September entfielen laut Urgewald sogar fast drei Viertel der europäischen Yamal-Lieferungen auf Frankreich.
Trotz Rekordimporte hält die EU am Importverbot fest
Die EU hat den Ausstieg aus russischem LNG zeitlich gestaffelt: Seit dem 25. April 2026 gelten Importverbote für russisches Flüssiggas aus bestimmten kurzfristigen Verträgen. Kurzfristige Pipelineverträge fallen seit dem 17. Juni unter die neuen Beschränkungen.
Ab 1. Januar 2027 soll russisches Flüssiggas vollständig verboten sein. Für langfristige Pipelineverträge endet die Übergangsfrist grundsätzlich am 30. September 2027. Unter bestimmten Voraussetzungen ist eine Verlängerung bis zum 1. November möglich.
Großhandelspreise für Flüssiggas um 150 Prozent gestiegen
Nach einer aktuellen Reuters-Analyse vom 12. Oktober dürften Europas Gasspeicher Anfang November nur zu etwa 75 bis 78 Prozent gefüllt sein. Das wären zehn Prozentpunkte weniger als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
Zusätzliche Probleme verursachen die Lieferausfälle aus dem Nahen Osten: Durch Störungen im Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus sind erhebliche LNG-Mengen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten zeitweise nicht verfügbar.
Die Folge: Europa konkurriert mit asiatischen Abnehmern um knappere Gaslieferungen. Die europäischen Großhandelspreise für Erdgas sind laut Reuters seit Jahresbeginn bereits um mehr als 150 Prozent gestiegen. Weitere Preissprünge sind zu erwarten, insbesondere bei einem kalten Winter.



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