Über die Hintergründe der Invasion auf Ceuta gibt es verschiedene Theorien. Die marokkanischstämmige Analystin Zineb Riboua sieht darin vor allem die Bühne eines innenpolitischen Machtkampfs: Radikalislamische Kräfte nutzten die Invasion und das Chaos an der Grenze, um den Staat vor der Wahl im September politisch unter Druck zu setzen.
picture alliance / AP Photo/Antonio Sempere
Über die Hintergründe der Massenbewegung auf Ceuta kursieren verschiedene Erklärungen. Eine davon lautet, der marokkanische Staat habe die Menschenmassen gezielt passieren lassen oder die Bewegung zumindest begünstigt, um Spanien und die Europäische Union mit der Invasion auf ihr Territorium unter Druck zu setzen. Der Verdacht liegt auch deshalb nahe, weil Rabat bereits einige Jahre zuvor Migranten aus Ländern südlich der Sahara als politisches Druckmittel gegen Madrid eingesetzt haben soll.
Andere Beobachter verweisen auf kriminelle Schleusernetzwerke, Aufrufe in den sozialen Medien und die Eigendynamik einer Massenbewegung, die von den marokkanischen Behörden zunächst unterschätzt oder nur unzureichend, wenn überhaupt, aufgehalten worden sei. Gesicherte Antworten liegen bislang nicht vor. Die veröffentlichten Videos und Einzelberichte lassen unterschiedliche Deutungen zu.
Die marokkanische Analystin Zineb Riboua legt in ihrem Blog „Beyond the Ideological“ einen weiteren Befund vor. Sie widerspricht der These einer von Rabat gesteuerten Aktion und bewertet die Vorgänge im Zusammenhang mit einem länger andauernden innenpolitischen Konflikt. Nach ihrer Analyse versuchen islamistische Akteure, das Grenzchaos für eine Kampagne gegen den marokkanischen Staat zu nutzen und die Bilder mit Blick auf die Parlamentswahl im September politisch zu verwerten.
Ribouas Ausgangspunkt ist die Entwicklung des marokkanischen Islamismus seit dem Arabischen Frühling. In der hier zugrunde gelegten deutschen Übersetzung schreibt sie:
„Seit dem Arabischen Frühling haben die Islamisten in Marokko Mühe, ein glaubwürdiges Regierungsprogramm vorzulegen. Stattdessen haben sie Jahre damit verbracht, junge Marokkaner davon zu überzeugen, dass ihr Land keine Zukunft habe. Durch Bündnisse mit Nichtregierungsorganisationen, Partnerschaften mit europäischen Aktivistennetzwerken und unermüdliche Behauptungen, Marokkos Beziehungen zu Israel und den Vereinigten Staaten machten das Land zu einem Verschwörer oder Aggressor, verfolgten sie ein einziges politisches Ziel: den Staat zu delegitimieren, die Enttäuschung der Bevölkerung zu vertiefen und diesen Groll im September in Wählerstimmen umzuwandeln.“
Riboua sieht darin keine spontane Reaktion auf die jüngsten Ereignisse. Die Erzählung vom hoffnungslosen Marokko sei über Jahre aufgebaut worden. Dabei hätten ausgerechnet jene islamistischen Strömungen nach den Verfassungsreformen von 2011 selbst Regierungsverantwortung übernommen. Ihre Regierungszeit habe eine schwache wirtschaftliche Entwicklung und enttäuschte Erwartungen hinterlassen. An der politischen Botschaft habe sich seitdem wenig geändert: Marokko werde weiterhin als gescheiterter Staat dargestellt, dem man weder Loyalität noch persönliches Engagement schulde.
Eine zentrale Rolle spiele dabei die Verklärung Europas. Riboua schreibt:
„Lange Zeit hat die islamistische Rhetorik in Marokko Europa als eine Art gelobtes Land dargestellt – einen Ort, an dem die Sozialleistungen niemals versiegen, Chancen überall zu finden sind und Wohlstand leicht und fast ohne Anstrengung zu erlangen ist. Das Ziel war stets, das Vertrauen in Marokkos eigene Institutionen zu schwächen und junge Menschen dazu zu bewegen, das Land zu verlassen.“
Diese Auswanderungspropaganda verbindet sich nach Ribouas Darstellung mit einem religiös aufgeladenen Angriff auf den marokkanischen Staat. Marokko werde als „Kafir“-Staat gebrandmarkt, König Mohammed VI. als nicht islamisch genug angegriffen.
Jungen Marokkanern werde eine dauerhafte Konfrontation mit dem Westen als religiöse Pflicht nahegelegt. Zugleich werde die Identität der Amazigh, der Berber Marokkos, als rückständig verspottet. Das politische Ergebnis sei eine systematische Entmutigung gerade jener Generation, die das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich weiterentwickeln müsste.
Riboua bestreitet die sozialen Probleme Marokkos nicht. Sie weist jedoch den daraus konstruierten Befund eines zerfallenden Staates zurück. Das Land befinde sich weder im Krieg noch vor einem institutionellen Zusammenbruch. Stattdessen verweist sie auf den Ausbau des afrikanischen Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes und die Entwicklung von Tanger Med zum führenden Hafen des Kontinents. Hinzu kämen Investitionen in Meerwasserentsalzung und erneuerbare Energien.
Besonders hebt sie die marokkanische Luft- und Raumfahrtindustrie hervor. Mehr als 150 Unternehmen beschäftigten dort rund 25.000 Fachkräfte und erzielten Exporte von annähernd drei Milliarden Dollar im Jahr. Internationale Konzerne wie Safran, Boeing und Airbus unterhalten Produktionsstandorte im Land. Marokko habe sich entschieden, zunächst Infrastruktur auszubauen und Investitionen anzuziehen, bevor die sozialen Leistungen stärker ausgeweitet würden. Auch diese Strategie könne kritisiert werden. Mit dem Bild eines hoffnungslos gescheiterten Staates habe sie jedoch wenig zu tun.
Besondere Bedeutung besitzt für Riboua die Behauptung, Rabat wolle Ceuta und Melilla als angeblich muslimisches Land zurückerobern:
„Dieselbe ideologische Strömung vertritt auch die Behauptung, Marokko versuche, über Ceuta und Melilla ‚muslimisches Land zurückzugewinnen‘. In Wirklichkeit hat keine marokkanische Regierung eine solche Forderung gegenüber den Vereinten Nationen oder einer ähnlichen internationalen Organisation geäußert. Die offizielle Diplomatie hat diese Enklaven von der Westsahara getrennt behandelt, wo Rabat seit Jahrzehnten einen formellen, ausdrücklichen Souveränitätsanspruch geltend macht.“
Die lautesten Forderungen nach einer Rückgewinnung Ceutas und Melillas kämen nicht von der marokkanischen Regierung, sondern aus dem islamistischen Lager. Ein führender marokkanischer Islamist habe öffentlich erklärt, das Land müsse schließlich die Kontrolle über beide Städte zurückerlangen. Islamistische Aktivisten projizierten diese Position anschließend auf den Staat. So werde aus einer Forderung der Gegner des Königshauses eine angebliche Strategie des Königshauses gemacht.
Die Beziehungen Marokkos zu Israel und den Vereinigten Staaten liefern nach Ribouas Analyse den ideologischen Treibstoff. Sie würden als Beweis präsentiert, dass der Staat seine religiöse und politische Legitimität verloren habe. Seit dem 7. Oktober habe sich dieser Konflikt verschärft. In ihrem Originalbeitrag nennt Riboua zudem den marokkanischen Fußballfunktionär Fouzi Lekjaa als möglichen künftigen politischen Konkurrenten der Islamisten. Seine Rolle beim sportlichen Aufstieg der Nationalmannschaft und bei der Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 habe ihm erheblichen öffentlichen Einfluss verschafft.
Die Massenbewegung Richtung Ceuta deutet Riboua deshalb nicht als staatlich angeordnete Operation. Facebook-Gruppen hätten gleichzeitig zu Märschen auf die Grenzstädte aufgerufen. In den sozialen Netzwerken seien gezielt Videos von Bussen und Autos verbreitet worden, die nach Norden fuhren. Aufnahmen von Verkehrspolizisten mit begrenzten gesetzlichen Befugnissen hätten anschließend den Eindruck erweckt, der Staat sehe dem Geschehen bewusst zu.
Ausgeblendet worden seien dagegen die Einsätze marokkanischer Sicherheitskräfte in Nador und Tanger. Auch die Einstellung des Zugverkehrs, mit der der Zustrom gebremst werden sollte, habe in dieser Darstellung kaum eine Rolle gespielt. Kriminelle Netzwerke hätten versucht, die staatlichen Maßnahmen durch Bestechung und zeitlich koordinierte Massenbewegungen zu überfordern. Schließlich sei die Armee in mehreren Städten mobilisiert worden. Ribouas Befund lautet daher: Die Vorgänge ähnelten eher einer digital koordinierten Massenbewegung als einer Inszenierung der marokkanischen Regierung.
Dazu passt für Riboua, dass Marokko selbst unter erheblichem Migrationsdruck steht. Im Jahr 2025 hätten die Behörden 73.640 irreguläre Grenzübertritte verhindert. Fast 60 Prozent der in Marokko lebenden Ausländer stammten inzwischen aus Ländern südlich der Sahara. Im vergangenen Jahr seien außerdem mehrere tausend Sudanesen und Migranten aus der Sahelzone über die Ostgrenze eingereist.
Eine dauerhaft unkontrollierte Grenze könne daher kaum im Interesse Rabats liegen. Sie würde weitere Migranten anziehen und den Druck auf die marokkanischen Städte vergrößern. Die These, Marokko habe das Chaos bewusst ausgelöst, stelle nach Ribouas Ansicht die Interessenlage auf den Kopf.
Europäische Nichtregierungsorganisationen mit Verbindungen zu islamistischen Gruppen hätten die Behauptung dennoch verbreitet und Marokko als „Stellvertreter des Zionismus“ bezeichnet. Riboua hält dem die offizielle Gaza-Politik Rabats entgegen. Die marokkanische Regierung habe israelische Militäroperationen und Verstöße gegen Waffenruhen wiederholt verurteilt. Sie fordere einen dauerhaften Waffenstillstand, humanitären Zugang sowie einen palästinensischen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt.
Auch der Zeitpunkt der Grenzkrise ist für Riboua kein nebensächliches Detail. Für den 23. September seien Parlamentswahlen angesetzt. Bilder von Chaos und Kontrollverlust könnten den Eindruck einer überforderten Regierung verstärken. Das alte Narrativ vom gescheiterten Marokko erhielte damit unmittelbar vor der Wahl neues Material.
Riboua legt zugleich den Finger auf das Missverhältnis der spanischen Migrationspolitik. Marokko trage die Kosten für Patrouillen und Abfangmaßnahmen entlang der Land- und Seegrenze. Spanien gebe nach ihrer Rechnung jährlich rund 60 Millionen Euro für die Verhinderung irregulärer Einreisen aus, während mehr als 1,8 Milliarden Euro in Aufnahme und Versorgung flössen. Ein bis 2026 angelegter Plan über 711 Millionen Euro für Ceuta und Melilla habe den Schwerpunkt vor allem auf Bildung und soziale Leistungen gelegt, nicht auf den Schutz der Grenze.
Hinzu komme ein rechtliches Problem: Marokko könne Menschen nicht eigenmächtig aus spanischem Hoheitsgebiet zurückholen. Sobald sie Ceuta erreicht hätten, greife spanisches Recht. Urteile des Obersten Gerichtshofs, die den Asylschutz auch auf bestimmte Personen ausdehnten, die schwimmend spanisches Gebiet erreichten, erschwerten Rückführungen zusätzlich. Die spanische Politik schaffe damit nach Ribouas Analyse Anreize für den Grenzübertritt, während Marokko die praktische Sicherungsarbeit übernehmen solle.
Ribouas Schlussfolgerung ist entsprechend eindeutig:
„Diese jüngste Episode wird in erster Linie Islamisten zugutekommen, die sich das Scheitern Europas und – in ihrer Rhetorik als ‚zionistischer‘ Staat angeprangerter – Marokkos wünschen. Jede Krise, die die Polarisierung vertieft, europäische Regierungen schwächt und das Narrativ eines scheiternden Marokkos verstärkt, treibt das ideologische Projekt voran, das sie seit Jahren verfolgen.“
Die Analyse entlastet Marokko nicht von seinen sozialen Problemen und spricht dem Staat auch keine Fehlerfreiheit zu. Sie widerspricht jedoch einer Erklärung, die aus einzelnen Bildern bereits den Beweis für eine zentral gesteuerte marokkanische Operation ableitet. Riboua erkennt hinter dem Grenzchaos einen innenpolitischen Kampf um die Legitimität des Staates. Ceuta ist in dieser Deutung weniger das Ziel als die Bühne.


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Hört sich nicht überzeugend an. Das Chaos entstand nicht in Marokko, sondern in Ceuta. Marokko muß die illegal Eingedrungenen nicht aus Ceuta zurückholen, nur einfach zurücknehmen. Umgekehrt müßte Spanien jeden, der illegal auf sein Territorium vordringt, umgehend zurückschicken. Also genau so vorgehen, wie es gestern unter dem Druck der Massen geschehen ist. Es gibt Videos, wo marokkanische Offizielle tatenlos zuschauen, wie die Invasoren zu Dutzenden aus einer Art Mülltransporter springen. Vielleicht werden wir die Wahrheit auch hier nie erfahren. Kann es sein, daß die „Analystin“ der marrokanischen Regierung nahesteht?