SPD verlangt Führerschein für Hundehalter

Die Sozialdemokraten in NRW setzen politische Prioritäten. Jetzt fordern sie Pflichtkurse für alle Bürger, die sich einen Hund anschaffen wollen. Es gibt viele Wege, Wähler zu vertreiben. Die SPD, so scheint es, will sie alle ausprobieren.

picture alliance / imageBROKER | Przemyslaw Iciak

So läuft Politik im bevölkerungsreichsten Bundesland der Republik: Ein Abgeordneter besucht eine Unterhaltungsshow – und zack, soll ganz Nordrhein-Westfalen zur Prüfung.

Zur Hundeprüfung.

Sie haben richtig gelesen, lieber Leser: Weil wir offenbar keine wichtigeren Probleme haben, soll künftig niemand mehr ohne staatliche Genehmigung einen Hund anschaffen dürfen.

Der Chihuahua als Staatsaffäre

Der Fraktionsvorsitzende der SPD im nordrhein-westfälischen Landtag heißt Jochen Ott. Jüngst hat der Mann nach eigenem Bekunden eine Show des Hundetrainers Martin Rütter besucht. Da sei er, sagt er, auf die Idee gekommen.

Die Idee geht so: Ein zweitägiger Pflichtkurs soll künftigen Hundehaltern das Basiswissen über Ernährung, Verhalten, Kosten, Züchter und Welpenhandel vermitteln. Preis: 100 bis 150 Euro. Zahlen sollen Herrchen und Frauchen, schulen (und kassieren) sollen vorzugsweise die Tierheime.

Schon jetzt kann in NRW nicht einfach jeder sich irgendeinen Hund anschaffen. Es gibt ein abgestuftes, nun ja, Hunderecht. Schon jetzt muss Sachkunde nachweisen, wer einen gefährlichen Wauwau oder einen sogenannten 20/40-Hund hält (mindestens 20 Kilogramm schwer oder mindestens 40 Zentimeter groß). Das läuft unter „Gefahrenabwehr“.

Aber, wie alle Staatsfreunde und also alle Sozialdemokraten wissen: Man kann nie vorsichtig genug sein. Deshalb will die SPD in NRW dieses Prinzip nun einfach auf alle Hundehalter ausweiten. Also auch auf Menschen, die einen zwölfjährigen Dackel aus dem Tierheim holen oder einen Malteserwelpen kaufen oder den alten Terrier ihrer verstorbenen Mutter erben.

Das ist natürlich keine Gefahrenabwehr, sondern ein Generalverdacht an der Hundeleine.

Feindbild Hundehalter

Keine Frage: Es gibt Menschen, die zur Haltung eines Haustiers ungeeignet sind. Menschen, die sich einen Vierbeiner anschaffen, ohne auch nur bis zur nächsten Tierarztrechnung zu denken.

Dann entstehen Probleme: verwahrloste Tiere, aggressive Tiere. Doch erstens kann man nicht jedem Bürger standardmäßig Verantwortungslosigkeit unterstellen, nur weil es überhaupt verantwortungslose Bürger gibt. Zweitens werden verantwortungslose Menschen nur höchst selten durch irgendwelche Pflichtseminare zu verantwortungsbewussten Musterbürgern.

Es ist höchst fraglich, ob ein Wochenendseminar die Zahl der Beißvorfälle und der beim Tierheim abgegebenen Vierbeiner oder das Tierleid insgesamt nennenswert verringert. Selbst eine höchst wohlwollende juristische Stellungnahme bei einer Anhörung im Düsseldorfer Landtag musste einräumen, dass es bislang noch nicht einmal eine veröffentlichte wissenschaftliche Evaluation der bestehenden Sachkundenachweise in NRW gibt.

Man weiß also gar nicht, ob das schon vorhandene Instrument überhaupt irgendeine positive Wirkung hat. Trotzdem soll es flächendeckend ausgerollt werden. So geht Sozialdemokratie.

Das Märchen vom Häkchen

SPD-Vormann Ott behauptet, der bürokratische Aufwand bestehe aus „nur einem Häkchen mehr“ bei der Anmeldung im Bürgeramt.

Das ist wahlweise naiv oder dreist.

Wer prüft die Prüfstellen? Wer entwickelt den Lehrplan? Wer kontrolliert die Dozenten? Wer organisiert Termine, Nachprüfungen, Beschwerden und Widersprüche? Wer führt das Register? Wer gleicht Hundesteuerdaten, Chipnummern und Sachkundenachweise ab? Was gilt bei Umzügen aus anderen Bundesländern, bei gemeinsam gehaltenen Hunden, bei Erbschaften, Pflegestellen, ausländischen Zertifikaten oder verlorenen Bescheinigungen? Darf die Ehefrau mit dem Hund Gassi gehen, wenn nur der Ehemann geprüft wurde? Braucht der gerade volljährig gewordene Sohn jetzt einen eigenen Schein? Was geschieht, wenn das Tierheim monatelang keinen Kursplatz anbieten kann?

Aus einem angeblichen Häkchen wächst binnen kürzester Zeit eine komplette Verwaltung: Anerkennungsbehörde, Prüfungsordnung, Zertifikatsregister, Gebührenstelle, Datenschutzkonzept, Kontrollverfahren und Bußgeldkatalog. Eine Juristin warnte bei der schon erwähnten Landtagsanhörung ausdrücklich vor zusätzlichen Belastungen der kommunalen Ordnungsämter, vor fehlenden Kapazitäten und vor mehrjährigen Vorlaufzeiten. Sie sieht außerdem erhebliche verfassungs-, abgaben- und ordnungsrechtliche Probleme.

Mehr Staat erzeugt mehr Bürokratie. Wen kann das überraschen?

Es trifft, wie immer, die Falschen

Ein verpflichtender Führerschein funktioniert nur, wenn der Staat weiß, wer wann welchen Hund von wem erworben hat.

Private Verkäufer, Züchter, Tierheime und Händler müssten dann jeden Nachweis prüfen und jeden Besitzerwechsel melden. Kommunen müssten Daten austauschen. Ordnungsämter müssten kontrollieren, ob der Mensch am anderen Ende der Leine auch der registrierte Halter ist.

Mehr Überwachung und Kontrolle geht nicht.

Ohne solche Kontrollen bliebe die Vorschrift ein kostenpflichtiges Theaterstück für Gesetzestreue. Der seriöse Käufer sitzt dann am Wochenende im Seminar. Der illegale Welpenhändler vertickt derweil weiterhin gegen Schwarzgeld kranke und viel zu junge Hunde auf dem Autobahnparkplatz.

Das ist die ewige Pointe staatlicher Überregulierung: Der Anständige bekommt eine Akte. Der Kriminelle bekommt einen Wettbewerbsvorteil.

Vom Showprogramm zur Zwangsschulung

Martin Rütter ist an alldem keineswegs unschuldig. Der Hunde-Fachmann spielt sich als Ersatzgesetzgeber auf. Er ist eine Art Eckhart von Hirschhausen für Tierangelegenheiten.

Rütters Hundeschulen bieten schon jetzt „Hundeführerscheine“ mit theoretischer und praktischer Prüfung an. Damit vertritt er ein bestimmtes Konzept – das zufällig gut zu seinem Geschäftsmodell passt.

Rütter unterstützt den Vorschlag von Ott. Die Vermutung, das sei nicht so wirklich uneigennützig, weist er vehement zurück. Den Hundeführerschein sollten ja gar nicht die gewerblichen Hundeschulen abnehmen, sondern die gemeinnützigen Tierheime. Das klingt gut, ist es aber nicht. Denn die Tierheime sind jetzt schon völlig mit Tieren überfüllt und mit Personal unterbesetzt. Da gibt es für ein paar Millionen Hundeführerscheinseminare nicht ansatzweise die Kapazität. Dafür müssen dann externe Referenten engagiert werden.

Dreimal dürfen wir raten, wer das dann wohl sein wird?

Rütters These entspricht seinem Beruf: Probleme löst man durch Schulung. Das rechtfertigt nicht, aus einem freiwilligen Angebot einen staatlichen Zwang zu machen, nur weil ein prominenter Verkäufer im Fernsehen auftritt. Rütters pauschales Urteil, Deutschland sei „weit weg von kompetenten Hundehaltern“, erklärt Millionen Herrchen und Frauchen kurzerhand zu Nachhilfefällen.

Das ist die Arroganz des professionellen Besserwissers: Wer jeden Tag Problemhunde sieht, hält irgendwann alle Hundehalter für ein Problem.

Führerschein für alles

Der Vorschlag hat allerdings ohne Frage ein erhebliches Wachstumspotenzial.

Nach der Logik von SPD-Ott und Hunde-Rütter könnte man für den häuslichen Hobbykoch einen verpflichtenden Kochführerschein verlangen. Begründung: Dadurch ließe sich am Familientisch millionenfach kulinarisches Leid vermeiden. Verlobte müssten einen staatlichen Ehevorbereitungskurs belegen, Wanderer eine Laufschule besuchen.

Kinder sind noch komplizierter als Hunde und machen ebenfalls gelegentlich Lärm. Wäre nicht ein Elternführerschein mit Windelprüfung dringlicher als ein Hundehalter-Zertifikat?

Und bevor jemand ein Gesetz beschließen darf, wäre ein Politikerführerschein reizvoll: Vermittelt werden dort Grundkenntnisse in Marktwirtschaft, Verfassungsrecht, Bürokratiefolgenabschätzung und dem Unterschied zwischen eigenem Geld und dem Eigentum des Steuerzahlers.

Nach einer solchen Prüfung müsste der nordrhein-westfälische Landtag allerdings mit bedenklich vielen unbesetzten Abgeordnetenplätzen rechnen.

Der Bürger als Pflegekind

Hinter dem Hundeführerschein steht ein geradezu religiöser Staatsglaube.

Der erwachsene Mensch gilt unserer Berufspolitikerkaste schon längst nicht mehr als eigenverantwortlicher Bürger, sondern als potenzieller Versager, der für jede Lebensentscheidung eine behördliche Unbedenklichkeitsbescheinigung braucht.

Der Staat bestimmt, was man wissen muss. Der Staat bestimmt, wer dieses Wissen bescheinigen darf. Der Staat registriert, kontrolliert und kassiert.

Ein freiheitlicher Staat verfolgt illegale Händler, bestraft Tierquäler, greift bei gefährlichen Hunden ein und zieht Verantwortungslose für verursachte Schäden zur Verantwortung. Aber er überwacht nicht Millionen friedlicher Menschen vorsorglich, weil einige wenige ihren Hund nicht erziehen können.

Eigenverantwortung bedeutet, Entscheidungen selbst und ohne vorherige staatliche Prüfung treffen zu dürfen – und anschließend für die Folgen einzustehen. Die SPD will dieses Prinzip umdrehen: Erst muss der Bürger seine Befähigung beweisen, dann darf er handeln. So wird aus dem mündigen Bürger ein ewiger Antragsteller.

Heute brauchen wir eine Erlaubnis für unseren Hund. Morgen für unser ganzes Leben.

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Kommentare ( 119 )

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HansKarl70
23 Tage her

Ein bisschen mehr Verantwortung für ein lebendes Wesen würde so manchem nicht schaden. erzwingen durch staatliche Eingriffe lässt sich in diesem Fall allerdings nichts und ein Herz für Tiere schon gar nicht. Menschen die dieses Gen nicht haben, wird es wohl immer geben.

Dieter
23 Tage her

und dazu dann bitte noch Schufa Auskunft und eine bei der Gemeinde zu hinterlegende Kaution von 5000€.. (Ironie aus..)
Im Ernst: gerade in letzter Zeit sehe ich immer mehr Menschen, die sich Hunde als Nutztiere zulegen: nämlich zum Schutz des eigenen Leib&Lebens und auch der Wohnung vor Übergriffen.
Darüber sollten Politiker mal nachdenken.

Axel Fachtan
23 Tage her

Gilt das auch für die Blindenhunde im Landtag?

Hans Wurst
23 Tage her
Antworten an  Axel Fachtan

Da gilt es sogar schon jetzt. Wer einen Blindenführhund haben will, muss neben den notwendigen medizinischen Voraussetzungen

Mindestens ein Orientierungs- und Mobilitätstraining mit dem Blindenlangstock erfolgreich absolviert habeneine ausreichende Mobilität besitzen sowie eine ausreichend große Wohnung besitzen.Ein individuelles Training mit dem Blindenhund sowie eine Gespannprüfung erfolgreich absolviert haben.Es soll schon Fälle gegeben haben, in denen die Krankenkasse jemanden den Blindenhund wieder entzogen hat, weil er nicht verantwortlich damit umging.

Last edited 23 Tage her by Hans Wurst
Mikmi
24 Tage her

Das ist jetzt ein Schreibfehler, oder? Das muss jetzt nicht Hunde heißen,
„Politiker“ Führerschein, da haben wir doch die ganzen Defizite. Und einen richtigen Strafenkatalog muss her, nichts mit Ordnungsstrafe von 2000 Euro, eine Spendenaktion muss die Strafe verzehnfachen.

Michael Palusch
24 Tage her

Ich fordere Versicherungskennzeichen für Hunde mit aktueller VÜV-Prüfplakette (VÜV=Vierbeiner Überwachungsverein)!

Ludwig von Gerlach
24 Tage her

„Kinder sind noch komplizierter als Hunde und machen ebenfalls gelegentlich Lärm. Wäre nicht ein Elternführerschein mit Windelprüfung dringlicher als ein Hundehalter-Zertifikat?“

Die Entwicklung der Jugendhilfeausgaben zwingt dazu, die Frage mit einem klaren „ja“ zu beantworten. Das Problem sind allerdings nicht Lärm und Windeln, sondern das verbreitete Fehlen jeglicher Erziehungskompetenz in der heutigen Elternschaft. Das ist der Grund, warum mit Milliarden durch Sozialarbeiter der Jugendämter an dem missratenen Nachwuchs herumgeklempnert wird.

HansKarl70
23 Tage her
Antworten an  Ludwig von Gerlach

Elend lässt sich leider nicht ausrotten man kann nur versuchen es klein zu halten. Natürlich gibt es auch Menschen die mit dem Elend anderer (Egal ob Mensch oder Tier) viel Geld verdienen.

Heptamer
24 Tage her

Kenntnisvermittlung über Tierhaltung ist sinnvoll. Aber durch positive Anreize Interesse wecken und kostenlos durchführen. Tierheime, die Schulungen anbieten, erhalten dafür Geld vom Staat. Besser als Radwege in Peru, Klimakühlschränke für Kolumbien und Genderlehrstühle in Südafrika.

Juergen P. Schneider
24 Tage her

Im Heimatland der duckmäuserischen Untertanen wird es sicher eine Mehrheit geben, die diesem schikanösen Schwachsinn begeistert zustimmen wird. Alles andere wäre eine große Überraschung.

Egon Rudel
24 Tage her

Wenn ich sehe, wie Hunde vom Besitzer misshandelt werden, dann bin ich für Hundeführerschein und Hundeschulen-Pflicht. Nicht jeder sollte einen Hund halten, eine gewisse Bremse könnte ganz hilfreich sein.

prague
24 Tage her
Antworten an  Egon Rudel

Nicht viele Besitzer misshandeln ihre Hunde , die meisten lieben ihre Hunde, sonst würden sie sich die nicht anschaffen. Natürlich giebt es auch schwarze Schafe, wie überal halt. Oder sehen sie die misshandlung in dem, dass man fast überal Leinenzwang hat, ja, das ist veordnete Misshandlung. Die meisten Menschen mögen keine Hunde, also diese Verordnung würde viele Menschen freuen, Aber misshandelte Frauen oder Kinder, das ist in Ordnung und das ist richtige Misshandlung, das wird aber nicht erwähnt, weil rassistisch.

A rose is a rose...
23 Tage her
Antworten an  prague

Warum ist Leinenzwang Misshandlung? Es gibt schließlich einen Grund dafür, dass Hunde häufig an der Keine geführt werden müssen.
Ich selber hatte z.B. einen schweren Fahrradunfall aufgrund eines frei herumlaufenden Hundes, der mir auf einem Fahrradweg vor das Fahrrad lief. Ergebnis: Hund ohne jegliche Verletzung, ich verbrachte geraume Zeit im Krankenhaus und trug bleibende Einschränkungen davon. Und, ja, ich bin abgepasst gefahren, weshalb der Hund unverletzt blieb.

horrex
23 Tage her
Antworten an  Egon Rudel

Ich stimme ihnen darin so weit wie absolut zu, dass reichlich – nicht nur „ahnungslose“, sondern auch „deformierte“ – Menschen Hunde quälen.
Und nicht nur was ein „artgerechtes“ Leben angeht.
Einer meiner Sätze lautet, „wer ein Kind erziehen will, der sollte zuerst zeigen, dass er in der Lage ist „anständig“ einen Hund zu erziehen.“
•
„Wenn Hunde Menschen antäten, was Menschen Hunden antun, dann hätten wir jedes Jahr zigtausend Tote (Menschen).“

Sonny
24 Tage her

Überrascht mich nicht.
Die spd arbeitet seit Jahren daran, unter die 5%-Hürde zu fallen.
Und wo bitte ergibt sich in der jetzigen Lage, in der Deutschland das Wasser bis zur Unterlippe steht, die Notwendigkeit, solch eine völlig idiotische Vorschrift zu setzen?
Haben wir wirklich keine anderen Probleme???
Naja klar. Die anderen Probleme haben wir ja (auch) der spd zu „verdanken“. Immer weiter, immer weiter, nicht wahr, ihr Genossen?
Mit liegt es auf der Zunge, zu sagen: Verpißt euch endlich.