Schleuser weichen nach Belgien aus: Neue Migrantenroute über den Ärmelkanal

Frankreich verschärft die Küstenkontrollen, die Schleuser reagieren sofort: Belgien wird zum neuen Startpunkt für Überfahrten nach Großbritannien. Die gefährlichere Route zeigt, wie rasch sich der Migrationsdruck verlagert.

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Belgien entwickelt sich zum neuen Ausgangspunkt für Migranten, die in kleinen Booten nach Großbritannien gelangen wollen. Schleuserbanden verlagern ihre Abfahrten von der stärker überwachten französischen Küste auf belgische Strände. Nach Regierungsangaben wurden seit Jahresbeginn 2026 bereits mehr als 400 Menschen beim Versuch abgefangen, von dort aus den Ärmelkanal zu überqueren. Im gesamten Jahr 2025 war kein einziger entsprechender Fall registriert worden.

Damit verändert sich eine Route, die seit fast einem Jahrzehnt vor allem von der französischen Küste zwischen Calais und Dünkirchen ausging. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex führt die Verlagerung hauptsächlich auf die verschärften französischen Küstenpatrouillen zurück. Wo der Druck steigt, weichen die Schleuser aus.

Belgien diente bislang vor allem als Zwischenstation. Boote wurden dort vorbereitet und später in Frankreich zu Wasser gelassen. Als direkter Abfahrtsort galt die belgische Küste wegen starker Strömungen und der größeren Entfernung als wenig geeignet. Nun sprechen örtliche Amtsträger von einem klaren Verlagerungseffekt. Der Bürgermeister von Middelkerke, Jean-Marie Dedecker, macht dafür die strengere Durchsetzung auf französischer Seite verantwortlich.

Die Schleuser setzen zunehmend sogenannte „Taxiboote“ ein. Sie starten an ruhigen belgischen Stränden, fahren dicht an der Küste entlang, nehmen weitere Passagiere auf und steuern anschließend Großbritannien an. Für einen Platz verlangen die Banden rund 2.000 Euro. Eine Garantie, tatsächlich an Bord zu gelangen, erhalten die Migranten häufig nicht.

Die neue Strecke ist erheblich gefährlicher als die bisherige Route. Zwischen der belgischen Küste und Dover liegen rund 100 Kilometer. Von Calais aus sind es etwa 45 Kilometer. Die meist kaum seetüchtigen Boote müssen damit mehr als doppelt so lange auf dem Wasser bleiben.

Belgiens Migrationsministerin Anneleen Van Bossuyt bezeichnete die bisherigen Zahlen als gering, zugleich aber als besorgniserregend. „Jedes Boot, das ablegt, ist eines zu viel“, sagte sie.

Die belgische Regierung versucht inzwischen, die neue Route zu blockieren. An der Küste wurden Betonblöcke aufgestellt, damit Anhänger mit Schlauchbooten die Dünen nicht mehr erreichen können. Zudem verstärkten die Behörden ihre Patrouillen und setzen Nacht- und Wärmebildtechnik ein. Frontex unterstützt die Kontrollen mit Flugzeugen. Die britische Regierung stellte 1,3 Millionen Pfund, umgerechnet rund 1,5 Millionen Euro, bereit, um Belgien bei der Verhinderung weiterer Abfahrten zu helfen.

Örtlichen Verantwortlichen reicht das nicht. Der Gouverneur von Westflandern, Carl Decaluwé, verlangt strengere Kontrollen an der Grenze zu Frankreich. Nach seinen Angaben werden Migranten mit Bussen bis an die Grenze gebracht und ziehen anschließend weiter zu Stränden wie De Panne, Koksijde und Nieuwpoort.

Gegenüber der französischen Hauptroute bleiben die belgischen Zahlen bislang niedrig. Rund 41.500 Menschen überquerten 2025 von Frankreich aus den Ärmelkanal. Mindestens 29 Menschen starben auf See. Am 15. Juni erreichten an nur einem Tag 710 Migranten Großbritannien, ein neuer Rekord.

Für die rechte belgische Regierung unter Bart de Wever wird die Entwicklung zur Belastungsprobe. Sie trat 2025 mit dem Versprechen an, die strengste Migrationspolitik in der Geschichte des Landes durchzusetzen. Nun wächst in der Regierung die Sorge, dass die flämische Küste eines Tages den Migrantenlagern in Nordfrankreich ähneln könnte. Die Schleuser haben längst bewiesen, dass sie auf neue Kontrollen nicht mit Aufgabe reagieren, sondern mit der nächsten Route.


Dieser Beitrag ist zuerst bei Brussels Signal erschienen.


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