Ceuta: Nach dem Massensturm floriert das Schleusergeschäft

Madrid und linke Medien erklärten die Krise für nahezu beendet. Doch tausende Migranten sind noch in Ceuta, Islamisten verstecken sich im Gelände und Schleuser setzen ihre Kunden per Jetski aufs spanische Festland über. In marokkanischen Netzwerken wird derweil der nächste Ansturm vorbereitet. Das Einsickern nach Europa geht weiter.

IMAGO

Die Bilder des Massenansturms sind weitestgehend aus den Nachrichtensendungen verschwunden. Also soll wohl auch die Krise verschwunden sein. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska verkündet, von 72.000 nach Ceuta eingedrungenen Migranten seien 70.000 bereits nach Marokko zurückgekehrt. Die Regierung in Madrid möchte den Eindruck vermitteln, sie habe den größten Grenzdurchbruch der jüngeren europäischen Geschichte binnen weniger Tage nahezu geräuschlos bereinigt.

Nur passen die Zahlen nicht zu den Zuständen vor Ort.

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Ceutas Regierungschef Juan Jesús Vivas geht nicht von 2.000, sondern von mindestens 6.000 verbliebenen Migranten aus. Auch bei der Gesamtzahl widerspricht er Madrid: Nicht 72.000, sondern bis zu 80.000 Menschen könnten in die spanische Exklave gelangt sein. Tausende ziehen weiterhin durch die Stadt, schlafen in Industriegebieten, an Straßenrändern oder an den Stränden. Das Aufnahmezentrum CETI ist voll. Am nur 140 Meter langen Strand von Trampolín haben sich inzwischen mehrere Hundert Migranten eingerichtet. Die Polizei behandelt das Gebiet als einen der Brennpunkte der Stadt.

Die angeblich so rasch bewältigte Krise besteht damit vor allem aus statistischem Nebel. Niemand weiß genau, wie viele Menschen noch in Ceuta sind. Niemand weiß, wo sie sich aufhalten. Und bei einem Teil weiß offenbar niemand, wer sich da alles Zugang verschafft hat. Nach einem Bericht der spanischen Zeitung La Razón sind die Sicherheitskräfte über einen Teil der verbliebenen Migranten außerordentlich alarmiert. Anonyme Polizeiquellen sprechen von Personen aus dem Bereich der organisierten Kriminalität und des islamistischen Dschihadismus. Einige von ihnen gehörten zu „den Schlimmsten überhaupt“ und würden als „sehr gefährlich“ eingestuft. Die Informationen sollen auf Erkenntnissen spanischer und marokkanischer Sicherheitsbehörden beruhen.

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Das Problem: Diese Personen sind nicht lokalisiert. Das bergige und unübersichtliche Gelände der Exklave bietet genügend Verstecke. Sicherheitskräfte suchen nach ihnen und fürchten nach Angaben des Berichts auch Gewalttaten durch Einzeltäter. Was als angeblich humanitäres Grenzgeschehen verklärt wurde und wird, hat damit eine handfeste Dimension der inneren Sicherheit erreicht. Europa kennt das Muster. Zunächst wird jede Warnung vor einer unkontrollierten Einreise als überzogen abgetan. Später stellt sich heraus, dass sich unter den Invasoren zuhauf Personen mit falschen Angaben, krimineller Vergangenheit oder islamistischem Hintergrund befinden. Dann heißt es, niemand habe das vorhersehen können. Doch, konnte man. Hat man. Aber das wird ganz offensichtlich politmedial absolut in Kauf genommen. In Ceuta dauerte der Weg vom Kontrollverlust zur Terrorwarnung nicht einmal eine Woche.

Während die Polizei im Hinterland nach besonders gefährlichen Personen sucht, hat an der Küste bereits die nächste Branche ihren Betrieb aufgenommen. Schleuser bringen Migranten, die es nach Ceuta geschafft haben, mit Schlauchbooten, kleinen Motorbooten und Jetskis über die Straße von Gibraltar direkt auf das spanische Festland. Die Guardia Civil nahm bereits zwei mutmaßliche Schleuser fest. Einer steuerte ein Boot mit elf Marokkanern in Richtung Festland, der andere transportierte zwei weitere Personen auf einem Jetski. Nach Angaben der Behörden waren die Passagiere vermutlich während des Massenansturms nach Ceuta gelangt.

Andere kamen durch. Europa Sur berichtet von Dutzenden Marokkanern, die in den vergangenen Tagen mit Jetskis und Motorbooten die Strände des Campo de Gibraltar erreicht hätten. In Algeciras nahm die Lokalpolizei fünf junge Männer fest, die bei Getares und Punta Carnero angelandet waren. In La Línea de la Concepción hätten sich die Anlandungen an der östlichen Küstenseite wiederholt. Man kann das nicht mehr anders als eine Invasion bezeichnen. Sie wird nicht mit allen Mitteln gestoppt. Im Gegenteil. Es wird absolut in Kauf genommen, dass das Einsickern von unbekannten Personen passiert.

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Am Montagmorgen erreichte eine weitere Motorbarkasse die Cala Secreta nahe dem Leuchtturm von Punta Carnero. Vier maghrebinische Migranten wurden festgenommen. Nach Aussagen von Zeugen befanden sich jedoch zwischen 15 und 20 Personen auf dem Boot. Der Großteil konnte entkommen und war bei Erscheinen der Polizei bereits verschwunden. El Faro de Ceuta spricht nicht von vereinzelten Versuchen, sondern von ständig stattfindenden Ausfahrten. Migranten würden in Schlauchbooten oder auf Jetskis aus der Exklave herausgebracht. Ein Boot soll aus Ceuta gestartet und bei Getares gelandet sein. Die Passagiere liefen nach der Ankunft gleich auseinander, wie Schleuser es ihnen eintrichtern. Die Zeitung beschreibt ein neues Geschäftsfeld, das sich unmittelbar aus dem Massenansturm entwickelt habe.

Die Schleuser haben damit in wenigen Tagen eine Anschlussroute geschaffen. Der erste Grenzdurchbruch führt von Marokko nach Ceuta. Der zweite Abschnitt führt von Ceuta über die Meerenge nach Andalusien. Wer das spanische Festland erreicht, kann sich im Schengen-Raum weiterbewegen – vorausgesetzt, Italien oder andere Staaten ziehen nicht zwischenzeitlich selbst wieder Kontrollen hoch. Aus einer Exklave, die eigentlich als vorgeschobener Grenzposten Europas dienen sollte, wird so ein Transitlager mit angeschlossenem Wassertaxi. Die Statistik zählt sie möglicherweise als aus Ceuta verschwunden. Europa findet sie später wieder.

Die Preise für die Überfahrt richten sich nach dem Transportmittel und der Nachfrage. Jetskis eignen sich für wenige Personen und schnelle Fahrten. Kleine Boote bringen größere Gruppen über die nur rund 20 Kilometer breite Meerenge. Dass Schleuser ihre Dienste inzwischen offen über soziale Netzwerke anbieten, ist die logische Fortsetzung jener digitalen Mobilisierung, die den Massenansturm auf Ceuta überhaupt erst ermöglicht hatte.

Über TikTok, Facebook und WhatsApp wurde zuvor verbreitet, die Grenze sei offen und könne ohne Papiere überschritten werden. Karten, Routenbeschreibungen und Hinweise auf geeignetes Schwimmgerät kursierten in marokkanischen Netzwerken. Ein Video in marokkanischem Arabisch, das eine Entscheidung des spanischen Obersten Gerichtshofs zu Zurückweisungen auf See erläuterte, erreichte nach Angaben von El País 1,3 Millionen Aufrufe. Unter den Botschaften fanden sich direkte Aufforderungen, sich für die Reise nach Ceuta bei den Organisatoren zu melden. Die Botschaft wurde verstanden: „Die Grenze ist offen, man kann ohne Papiere hinüber.“ Zehntausende setzten sich in Bewegung. Marokkanische Sicherheitskräfte blieben in der entscheidenden Anfangsphase auffällig passiv, obwohl an der Grenze Einheiten und Fahrzeuge bereitstanden. Erst später griffen die Behörden ein und stoppten den Strom. El País berichtete ausdrücklich von einer anfänglichen Untätigkeit der marokkanischen Polizei.

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Madrid und Rabat machen nun vorzugsweise „Mafias“ und soziale Netzwerke verantwortlich. Damit ist jedoch nicht erklärt, weshalb eine der am schärfsten überwachten Grenzen Nordafrikas über Stunden praktisch geöffnet blieb und warum zehntausende Menschen aus verschiedenen Teilen Marokkos nahezu gleichzeitig bis nach Fnideq gelangen konnten. Noch beunruhigender ist, dass die nächste Mobilisierung bereits läuft. In Facebook- und WhatsApp-Gruppen mit Hunderttausenden Mitgliedern wird über einen weiteren Ansturm am 15. August gesprochen. „Wir sehen uns dort am 15. August“, heißt es in den Nachrichten. Treffpunkte in Fnideq werden ausgetauscht, mögliche Routen diskutiert. Nutzer aus weiter entfernten Städten wie Marrakesch kündigen ihre Anreise an.

Zwar gibt es in denselben Gruppen warnende Stimmen. Einige Nutzer halten die Aufrufe für eine Falle. Andere vermuten, Schleuser könnten junge Marokkaner gezielt in die Grenzregion locken, um ihnen dort kostenpflichtige Überfahrten anzubieten. Gerade diese Vermutung zeigt jedoch, wie eng Massenmobilisierung und Schleusergeschäft inzwischen ineinandergreifen.

Spanien reagierte nach dem Durchbruch mit einer 500 Meter langen schwimmenden Barriere am Grenzwall von Tarajal. Das Hindernis, wenn man es denn so nennen möchte ragt zwischen 30 und 70 Zentimeter über die Wasseroberfläche und reicht bis zu einem Meter tief ins Meer. Hinzu kommen Bojen der Marine und zahlreiche Schiffe spanischer und marokkanischer Einheiten. Seit der Installation seien neue Einreisen weitgehend verhindert worden. Damit widerlegt die Regierung ganz nebenbei jahrelange Behauptungen, Grenzen ließen sich nicht wirksam schützen. Sobald der politische Wille vorhanden ist, stehen binnen Stunden Soldaten, Bojen und Patrouillenboote bereit. Der Schutz kam nur zu spät – nämlich nachdem Zehntausende bereits in Ceuta waren und Schleuser begonnen hatten, ihre Kunden aufs Festland weiterzubefördern.

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Besonders explosiv bleibt die Lage bei den angeblich unbegleiteten Minderjährigen. Zugleich sollen möglichst viele dieser Personen auf das spanische Festland verteilt werden. Genau hier beginnt der nächste politische Konflikt. Mehrere spanische Regionen weigern sich, die Folgen des Grenzdurchbruchs widerspruchslos zu übernehmen. Aragón und Castilla y León kündigten rechtlichen und politischen Widerstand an. Die katalanische Partei Junts droht der Regierung Sánchez sogar mit dem Entzug ihrer parlamentarischen Unterstützung, sollte Katalonien nicht von der Verteilung ausgenommen werden.

Die viel beschworene Solidarität endet also dort, wo die Busse ankommen. In Madrid lässt sich leicht über Humanität sprechen, solange Ceuta die Folgen trägt. Sobald Migranten auf die Regionen verteilt werden sollen, entdecken selbst frühere Befürworter offener Grenzen mit vollgestopften Kommunionen ihre Kapazitätsgrenzen und Zuständigkeiten. Auch wirtschaftlich ist die Exklave schwer getroffen. Die örtliche Unternehmervereinigung rechnet in einzelnen Branchen mit Einbußen zwischen 50 und 75 Prozent. Geschäfte mussten während des Ansturms schließen, Touristen stornierten ihre Reisen und die traditionelle Feria zu Ehren der Virgen de África wurde abgesagt. Ein paar Tage Kontrollverlust reichen aus, um einen erheblichen Teil der Sommersaison zu zerstören.

Und während Ceuta noch die Trümmer dieser Politik zusammenkehrt, entwickelt sich Spanien zum Hauptmagneten eines weiteren Schleusergeschäfts. Nach Recherchen des britischen Telegraph bringen kriminelle Netzwerke Migranten inzwischen sogar aus Großbritannien zurück über den Ärmelkanal, anschließend durch Frankreich und weiter nach Spanien. Für die Reise werden mehr als 1.000 Euro verlangt. Angelockt werden die Kunden offenbar von der Aussicht auf Spaniens geplante Legalisierung Hunderttausender illegal im Land lebender Migranten.

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Das ist der nächste absurde Effekt einer Politik, die jedes neue Zugeständnis als humanitäre Lösung deklariert, um unter diesem Deckmantel die Masseninvasion nach Europa so lange wie möglich laufen zu lassen. Spanien wird nicht nur vom Süden her zum Ziel. Selbst Menschen, die Großbritannien bereits erreicht haben, lassen sich von Schleusern wieder auf den Kontinent bringen, weil Madrid ihnen bessere Aussichten auf einen legalen Aufenthaltsstatus verspricht. Spanien sendet damit gleichzeitig zwei Botschaften aus. An der Grenze wird eine schwimmende Sperre errichtet und im Landesinneren wird Hunderttausenden illegal Eingereisten die Legalisierung in Aussicht gestellt. Wer es schafft und lange genug bleibt, darf am Ende bleiben und dann ganz frei in Europa umherreisen.

Schleuser verstehen solche Widersprüche schneller als alle anderen. In Brüssel zeigt man sich angeblich alarmiert. Was immer man darunter auch verstehen soll. Die EU-Innenminister fordern stärkere Außengrenzen und ein entschlosseneres Vorgehen gegen Schleuser. Das zahnlose Frontex soll weiter zahnlos ausgebaut werden, Spanien erhält finanzielle Unterstützung. Marokko natürlich auch, was sonst. Wofür, zum Teufel? Migrationskommissar Magnus Brunner kritisierte zugleich Madrids Legalisierungspläne als falsches Signal. Aber es wird so weitergehen. Wenn auch nicht jedes Mal mit einem eindrucksvollen 70.000 Schwall. Aber das tagtägliche Einsickern setzt sich konsequent fort.

Europa bekämpft vorgeblich wieder einmal die Folgen einer Politik, deren Anreize es selbst geschaffen hat. Man kann nicht mehr anders, als zu konstatieren, dass die Zerstörung der Gesellschaften Westeuropas durch kulturfremde Massenmigration mit Vorsatz erfolgt.

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