4000 Teilnehmer aus 85 Ländern kamen vom 23.-25. Juni auf der ARC-Konferenz in London zusammen. Politiker, Ökonomen, Medienleute, Geistes- und Naturwissenschaftler berieten über ein ambitioniertes Anliegen: Die westliche Zivilisation zu erneuern.
Die Gegendemonstranten hört man schon von weitem. Doch die Lautstärke täuscht: Gerade einmal zwanzig bis dreißig Menschen haben sich mit Trommeln vor dem Olympia-Kongresszentrum im Westen Londons versammelt. Hier soll in wenigen Minuten die dritte Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) beginnen. Die Protestler sind in grün gekleidet, einer springt in einem Froschkostüm herum. Auf Plakaten und Flyern weisen sie auf die Klimakrise hin. Prominente Teilnehmer werden namentlich ausgerufen: „Nigel Farage“, ruft eine Frau ins Megafon; „du bist hier nicht willkommen“, antwortet der Sprechchor.

Ein Frosch warnt vor der Klimakrise
Auf Nachfrage erklärt einer der Demonstranten, man sei dagegen, dass die Konferenz den Klimawandel leugne, durch Unternehmer gesponsert werde, die ihr Geld mit Öl verdienen und eine Rückkehr zu fossilen Brennstoffen anstrebe. „Ihr Kritikpunkt ist also die Haltung zur Klimaproblematik?“ „Und es sind Faschisten!“

„Schmierige Faschisten raus aus London“
Ein Blick ins Programm wirft Zweifel an dieser Charakterisierung auf. Auf der Rednerliste finden sich Frauenrechtlerinnen, Philosophen, Medienunternehmer, Natur- und Geisteswissenschaftler. Da sind Ignat Solschenizyn, Sohn des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn, Steven Koonin, Physiker und ehemals ranghoher Regierungsbeamter unter Obama, Yemi Osinbajo, ehemaliger Vizepräsident von Nigeria, aber auch Mike Johnson, der Sprecher des US-Repräsentantenhauses.
Eine Erzählung des Wachstums gegen ein Narrativ des Niedergangs
Nicht weniger vielfältig sind die Themen. Kern der ARC ist die Überzeugung, eine „better story“, eine „bessere Geschichte“ entwerfen zu können: „Wir lehnen die Unvermeidlichkeit des Rückgangs ab und suchen stattdessen Lösungen, die auf die höchsten Tugenden der Menschheit und ihre außergewöhnliche Fähigkeit zu Innovation und Einfallsreichtum zurückgreifen“, beschreibt ARC sich selbst. Ein Gegenentwurf zu destruktiven Ideologien wie der Transideologie, die die Identifikation mit dem eigenen Körper zerbricht, die Klima-Apokalyptik, die die Hoffnung des Menschen auf Zukunft zerstört, oder die Genderideologie, die Mann und Frau entzweit.
Vorträge und Diskussionsrunden ordnen sich jeweils einem von fünf Kernbereichen zu: Grundlegende Überlegungen zur Lage der westlichen Zivilisation, dazu, wie das soziale Gefüge gestärkt werden kann, sowie zum Wohlergehen des Menschen angesichts des technologischen Fortschritts. Sodann ein Forum zur Marktwirtschaft und schließlich eines zu Energiewirtschaft, Ressourcen und Umwelt.
Es bleibt nicht beim Reden über Kultur: Eine Ausstellung zeigt Bilder von Künstlern, die sich mit dem abendländischen Erbe auseinandersetzen, Musiker lockern nicht nur die Vortragsreihen auf, sondern bieten ebenfalls einen sinnlichen Eindruck vom Reichtum der künstlerischen Tradition.
Philippa Stroud, Gründungsmitglied der ARC, fordert zum Auftakt dazu auf, sich zu entscheiden zwischen „einer Vision für die Zukunft“ und „Stagnation“: Einer Generation, die zu Zynismus und Ängstlichkeit erzogen worden sei, müsse man eine „new generation of builders“ entgegenstellen, eine Generation der Konstrukteure. Damit ist das Motto der Tagung gesetzt: The Age of Reconstruction – das Zeitalter des Wiederaufbaus.
Ein Kurzfilm erläutert, was ARC unter westlicher Zivilisation versteht: Jene Kultur, die ausgeht von Griechenland, Wiege der Philosophie und Demokratie, und sich über Rom zunächst auf ganz Europa ausdehnt. Aber da sei noch etwas: Eine fundamentale Veränderung, angestoßen durch „die Geburt eines Kindes“, Auferstehung als neue Realität, das Kreuz als Siegeszeichen: Ein unumwundenes Bekenntnis zum Christentum.
Religion als Teil der Lösung
Dieses Bekenntnis zieht sich durch die Tagung. Nicht nur, wenn der deutsche Philosoph Johannes Hartl den Menschen als gegenüber der Transzendenz offenes Wesen charakterisiert. Sondern auch, wenn der NASA-Astronaut Victor Glover, der an der ersten Mondmission seit 1972 beteiligt war, dazu aufruft, den Planeten, auf den er aus der Ferne blicken durfte, zu bewahren. Wenn Ökonomen über Wohlstand sprechen und Soziologen über Glück: Die Rede von Gott ist nicht allgegenwärtig, aber präsent.
„ARC betont immer wieder, dass Politik aus der Kultur erwächst. Sie spiegelt ihre Werte und Überzeugungen wider. Und Kultur wiederum ist mit Religion verschränkt. In der säkularen öffentlichen Debatte wird sie künstlich ausgeklammert – aber das entspricht weder der Erfahrungswelt der Menschen noch dem, wie sie leben und denken“, erläutert Gudrun Kugler.
Sie betrachtet den Glauben zudem als konstruktive Kraft. „Natürlich gibt es Missbrauch von Religion, keine Frage. Aber im Großen und Ganzen ist Religion, insbesondere das Christentum, das die westliche Zivilisation wesentlich prägt, etwas sehr Gutes.“ Ob man persönlich glaubt, sei an der Stelle nicht relevant: „Hier kommen Menschen zusammen, die darin übereinstimmen, dass die Auswirkungen des Christentums auf die Schaffung und Entwicklung der westlichen Welt enorm sind, und dass sie wiederbelebt werden müssen. Jordan B. Peterson, der als Gründer der ARC selbst nicht gläubig ist, unterstreicht immer wieder: Die Lehren des Christentums sind als einzigartige kulturelle und moralische Grundlage des Westens richtig und unerlässlich und haben eine prosperierende Kultur hervorgebracht, die es zu schützen gilt.“ Keine religiöse Konferenz also, aber eine, die der Religion als Teil der Lösung einen Platz einräumt.
Ein britischer Teilnehmer empfindet die Rede von Gott als befremdlich. Das sei sehr amerikanisch: „Bei uns ist das so nicht üblich.“ Ein Deutscher hingegen meint, es ginge weniger religiös zu als im Jahr zuvor.
Liberty – einmal über den Atlantik und zurück
Ein Leitbegriff, der die Konferenz prägt, ist „Freiheit“ – „liberty“. Der Kabarettist Konstantin Kisin bringt ihn zu Beginn der Konferenz ein. Auch er greift die europäische Geistesgeschichte auf: „Es war die Aufgabe des Römischen Reiches, die Ideen Griechenlands zu verbreiten, und es ist die Aufgabe der USA, die Ideen Europas zu verbreiten“, sagt er. Er sieht Freiheit als einen der Werte, die Europa neu ins Bewusstsein gerufen werden müssen.
Die ARC scheint damit genau in die gegenwärtige Situation zu sprechen, die gekennzeichnet ist von Zensur und Einschränkung der Meinungsfreiheit. Unter anderem berichtet die australische Unternehmerin Sall Grover davon, wie sie vor Gericht gezerrt wurde von einem Mann, der sich als Frau betrachtet und nicht akzeptieren wollte, dass ihre Onlineplattform Frauen vorbehalten ist: „Wenn der Staat dich dazu zwingen kann, Männer als Frauen zu akzeptieren, kann er dich zu allem zwingen“, erklärt sie.
Freiheit, das wird hier deutlich, kostet Einsatz. Deshalb tritt ein weiterer roter Faden hinzu: agency. Das Wort ist nicht leicht zu übersetzen. Es bezeichnet Handlungsfähigkeit und Tatkraft.
Katharine Birbalsingh, Direktorin einer renommierten Londoner Schule, fragt, warum die Polizisten, die Henry Nowak festnahmen, so paralysiert waren von der Angst, als Rassisten zu gelten, dass sie den Täter statt des Opfers schützten. Sie sieht den Grund in einem Bildungssystem, das zu Tatenlosigkeit anhält. Man habe jungen Menschen „nicht den Unterschied zwischen richtig und falsch“ vermittelt, sondern sie gelehrt, Verantwortung zu meiden und eine Opferattitüde zu kultivieren. Sie fordert, Kinder Selbstwirksamkeit erfahren zu lassen, auch, indem sie lernen, dass sie für ihr Tun zur Verantwortung gezogen werden.
Nicht Opfer der Umstände sein, sondern handeln. Das wird auch in der Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz zum bestimmenden Thema. Während Chloe Lubinski von Anthropic prägnant deutlich macht, was KI ist, und welche Herausforderungen sie mit sich bringt, warnt Jonathan Pageau eindringlich: Damit der Mensch nicht zum Diener der Maschine wird, müsse der Mensch noch mehr Mensch werden; ein Plädoyer für humanistische Bildung und die Rückbesinnung auf das, was den Menschen einzigartig macht.
Diese Ausführungen entsprechen jenen von Ross Douthat, Kolumnist der New York Times. Er stellt angesichts der digitalen Welt, die uns reale Vollzüge vorgaukelt, fest: „Wir müssen bewusst wählen. Unter den Voraussetzungen der digitalen Welt geschieht nichts mehr automatisch, es geschieht nur durch bewusste Entscheidung: Durch den Willen, zielgerichtet zu handeln.“
Den Menschen vorm Klima schützen – nicht das Klima vor dem Menschen
Aber was ist nun mit dem Klima, das die Gegendemonstranten durch die Konferenz bedroht sehen? „Der Klimawandel wird die Menschheit nicht zerstören“, sagt Toby Rice, Geschäftsführer eines US-amerikanischen Gaskonzerns. Mehr Energie und Energiesicherheit seien der Schlüssel, damit sich Menschen durch größeren Wohlstand und mehr Technologie gegen die Folgen des Klimawandels wappnen können.
Dass hier Eigeninteressen im Spiel sein mögen, ist wahrscheinlich. Die Idee, den Menschen vor dem Klimawandel zu schützen, statt das Klima vor dem Menschen, scheint trotzdem vernünftiger.
Das sehen Klimaaktivisten naturgemäß anders: Während der Rede des Geschäftsführers von Babylon Bee, eines Satiremagazins, stürmt ein Aktivist von Fossil Free London die Bühne und beginnt, auf die Anwesenden einzureden. Die Veranstaltung, die über fossile Energien gefördert würde, sei „ein Witz“, schließlich sei es der heißeste Tag des Jahres.
— Fossil Free London (@fossilfreeLDN) June 25, 2026
Das allerdings spüren die Teilnehmer der ARC unter der gläsernen Kuppel des Olympia auch ohne, dass man sie darauf hinweist. Nur reagieren sie auf die Temperaturen nicht mit Panik, sondern mit Spott über die unzureichende Klimatisierung britischer Räumlichkeiten.
Fakten statt Hiobsbotschaften
Die Debatte wird versachlicht und aus ihrem endzeitreligiösen Habitus herausgelöst. Steven Koonin macht den Unterschied deutlich zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihrer selektiven Deutung durch Medien und Politik und wirft einen Blick auf Fakten, die Hoffnung machen: Seit 1920 seien Tode durch Naturkatastrophen um 95 Prozent zurückgegangen, die Lebenserwartung gestiegen: „Wir haben einer ganzen Generation Angst vermittelt statt Tatkraft. … Dass die Situation ernst ist, dient als Vorwand, um klares Denken aufzugeben“, so Koonin. „Ein wärmeres UK ist kein gefährlicheres UK.“ Trotz ausgefallener Klimaanlage.
Klimawandelleugnung sucht man unter den Rednern also vergeblich. Vielleicht wenigstens ein kleines bisschen Faschismus? Fehlanzeige. Ausgerechnet Mike Johnson, treuer Mitstreiter Donald Trumps und somit Hassfigur linker Kreise, fordert dazu auf, Konflikte in der persönlichen Begegnung zu klären, und nicht zur Polarisierung beizutragen.
Ein weites Spektrum – konservatives Übergewicht
Politisch zeigt sich eine Konzentration im konservativen Spektrum. Als Konstantin Kisin das britische Parteiensystem humorig auseinandernimmt, bekommt jeder sein Fett weg. Die Grünen nennt er eine „harmonische Koalition pansexueller Kommunisten und hardcore Islamisten“, Labour die „ehemalige Partei der arbeitenden Bevölkerung, nun Partei der nicht arbeitenden Bevölkerung“ – schallendes Gelächter erfüllt den Raum. Als er jedoch moderat frech auch über Tories und Reform UK herzieht, ist kaum ein Lacher zu hören, erst, als es gegen die Liberaldemokraten geht, zeigt man sich wieder amüsiert.
Kein gutes Zeichen: Wer nicht mehr über sich selbst lachen kann, zeigt bereits erste Anzeichen für die Bildung von Echokammern. Doch diese Publikumsreaktionen bilden die Weite des Meinungsspektrums, die sich in der Begegnung mit Teilnehmern zeigt, nicht ab. Liberale, Libertäre, Konservative und Altlinke; Christen, Juden, Agnostiker. Abseits der politischen Verortung eint der Wunsch, die „tiefe Melancholie“ zu besiegen, die Terrence Keeley, der für UBS und Blackrock, aber auch für den Vatikan gearbeitet hat, der Menschheit bescheinigt.
Das empfinden auch Teilnehmer, die sich nicht „dem Westen“ zuordnen, als bedeutsam: „Europa ist für uns wie ein Blick in die Zukunft. Was hier passiert, kommt irgendwann auch bei uns an“, erklärt ein freundlicher ugandischer Schulleiter auf die Frage, warum er auf der ARC ist. Die Welt sei ein Dorf geworden, die jungen Leute sähen über ihre Smartphones in Echtzeit, was anderswo passiert. Auch die Probleme gleichen sich, meint er. Ein ghanaischer Ingenieur ergänzt: Afrika müsse selbstständiger werden, die Menschen sollten erkennen, wie schön ihr Kontinent ist und wie viel Potenzial er hat.
Weniger kosmopolitisch sind einige im engeren Sinne politische Foren. Britische Tagespolitik dominiert, Kontinentaleuropäer und andere wirken wie Zaungäste. Kemi Badenoch und Nigel Farage sind nur zwei der bekanntesten Namen einer ganzen Reihe britischer Politiker, die sich zum Teil sehr dezidiert der Lage auf der Insel widmen. Vertreter der Restore-Bewegung fehlen auf dem Podium.
Angelsächsisch, europäisch, global?
Angesichts dieses Übergewichts stellt sich die Frage, ob die ARC wirklich so universal ist, wie die Initiative postuliert. Gudrun Kugler hält es nicht für notwendig, die angelsächsische Prägung zu übernehmen: „Aber die ARC-Ideen müssen auf die ganze westliche Welt übertragen werden – immer mit der kulturellen, regionalen Prägung und den Nuancen, die es dort braucht. Aber im Großen und Ganzen sehen wir in der westlichen Welt ähnliche Fragestellungen. Wir können sehr viel voneinander lernen, und es ist gut zu wissen, wie der Dialog anderswo geführt wird.“
Insgesamt ist vor allem das US-amerikanische Gepränge leicht zurückgegangen, die Tagung wirkt nüchterner. In den vorangegangenen Konferenzen war es vor allem Jordan B. Peterson, Mitbegründer und Gallionsfigur der ARC, der der Tagung mit seinen exaltierten Auftritten Pathos verliehen hatte. Er fehlt nun krankheitsbedingt, seine Frau Tammy aber nimmt für ihn ausdauernden, herzlichen Applaus entgegen: Vergessen ist er nicht.
Und so schließt auch die Konferenz in einem Duktus, der an ihn erinnert: Kämpferisch und aufrüttelnd. Philippa Stroud zitiert eine Passage aus Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Der zurückgekehrte König Aragorn ermutigt die „Männer des Westens“: „Der Tag mag kommen, da der Mut der Menschen erlischt, da wir unsere Gefährten im Stich lassen und aller Freundschaft Bande bricht. Doch dieser Tag ist noch fern.“ Die Botschaft ist klar: Nach drei Tagen intensiver Beratung und Begegnung beginnt mit dem Ende der Konferenz die eigentliche Arbeit.
Wie viel von dem Elan und der Tatkraft, die sich hier ankündigen, umgesetzt werden, gerade auch im von chronischer Müdigkeit und Resignation befallenen Deutschland, muss sich zeigen: Die Ressourcen sind da, ob sie genutzt werden, ist eine andere Frage.






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