Wieder einmal bezeichnen Kritiker die Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship in London als „rechts“. Hält man ihnen die Vielfalt der Redner und Gäste vor Augen, ist ihnen auch diese ein Dorn im Auge. Eine Quadratur des Kreises, die nur Neulinken gelingt.
IMAGO / Parsons Media
4000 Menschen aus 85 Ländern versammelten sich vom 24. bis 26. Juni in London. Auf der dritten Konferenz der Alliance for Responsible Citizenship (ARC) kamen sie zusammen, um über die Krise der westlichen Zivilisation zu beraten, sich von Denkern und Rednern inspirieren zu lassen und Kontakte zu knüpfen.
Wie bereits seit der Gründungskonferenz üblich, wurde die Tagung von ungehaltenem Gerumpel unzufriedener linker Medienschaffender begleitet: In London treffe sich die „Neue Rechte“, die „extreme Rechte“, die Tagung sei „far-right“, „rechtsextrem“ oder – Ausweichbegriff, wenn man nichts Justiziables sagen möchte und zugleich den Schein der Seriosität wahren will – „rechtskonservativ“.
Vergleicht man diese Behauptung mit der Rednerliste, kommt man ins Staunen: Der afroamerikanische NASA-Astronaut Victor Glover, die somalische Aktivistin Ayaan Hirsi Ali, der Sohn des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn, der ugandische Pastor Isaac Mukisa Ssebakijje, die lesbische Journalistin und Frauenrechtsaktivistin Julie Bindel, Kommentatoren wie Jonathan Pageau und Os Guinness sowie viele mehr – sind sie „rechts“, weil auch Nigel Farage spricht? Oder wird man der extremen Rechten einfach zugerechnet, sobald man nicht links ist? Wie weit darf sich ein Mensch eigentlich vom Marxismus-Leninismus distanzieren, bevor der Stab über der betreffenden Person gebrochen wird?
Noch weniger schlüssig ist die Einordnung, wenn man sich die Mühe macht, den Rednern zuzuhören: Die britische und die US-amerikanische freiheitliche Tradition ist die einzige, der man ein Übergewicht attestieren könnte, vielleicht flankiert von der christlichen, die als Fundament Europas jedoch ohnehin als übergeordnetes Prinzip betrachtet wird.
Tatsächlich könnte man viel eher als problematisch empfinden, dass sich die ARC-Konferenz Etiketten entzieht. Die Bezeichnung als „anti-wokes Davos“ bleibt unbefriedigend, ganz gleich, ob man sie als Verurteilung oder als Auszeichnung begreift. Es gibt schlicht kein prägnantes politisches Label für diese Zusammenkunft.
Auf diesen offensichtlichen Widerspruch hingewiesen, wird die Argumentation in Windeseile neu justiert: Nun ist es ganz entsetzlich, dass sich Menschen aus der Mitte von Politik und Gesellschaft begegnen und möglicherweise sogar mit anwesenden Rechten reden. Bekanntlich ist Dialog eine Vorstufe des Faschismus.
„Es handelt sich nicht um eine organisch gewachsene Bewegung, sondern um eine künstliche Koalition, das Menschen mit gegensätzlichen Interessen zusammenbringt: junge Menschen in prekären Lebensverhältnissen und gelangweilte ältere Menschen, Tech-Milliardäre und besorgte Eltern, fanatische Gläubige und gemäßigte Pluralisten, Libertäre und Autoritäre“, schreibt Stella Tsantekidou für The Nerve, ein unabhängiges Medium, das von fünf ehemaligen Journalistinnen des Guardian und des Observer gegründet wurde.
Dennoch ist diese Beobachtung richtig: Hier treffen Menschen teils gegensätzlicher Interessen aufeinander. Die Analyse hingegen ist geprägt von einer Haltung, die echten Austausch weder als Ziel an sich betrachtet noch als Mittel, um über die Synthese divergierender Meinungen zu einem Ergebnis zu kommen, das die Ausgangspunkte der Diskussion korrigiert und übersteigt: Könnte es für den „fanatischen Gläubigen“ hilfreich sein, mit einem Agnostiker ins Gespräch zu kommen? Ist es womöglich für den säkularen Libertären interessant und bereichernd, einer religiösen Perspektive zu begegnen, im persönlichen Gespräch, ohne mediale Filter? Wagt man es, die eigenen Vorannahmen und die Vorurteile, die man anderen Menschen gegenüber hegt, der komplexen Wirklichkeit auszusetzen?
Dass hier Themen unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden, dass Menschen mit gegensätzlichen Ansichten auf demselben Podium Platz nehmen können: skandalös. Früher nannte man das übrigens „Debatte“ und hielt sie für umso lohnender, je unterschiedlicher die Ansichten der Beteiligten sind.
Hier diskutieren Wirtschaftsliberale mit Anhängern der christlichen Soziallehre, hier treffen KI-Entwickler auf entschiedene KI-Gegner; nicht, um einander zu dämonisieren, sondern um Argumente und Gedanken auszutauschen.
Eine derartige Konferenz nach links gespiegelt ist mittlerweile – leider – unmöglich, weil sich das linke Milieu so tief in die eigene Denkblase zurückgezogen hat, dass es nicht mehr über die notwendige Toleranz und Offenheit verfügt, um ein derart breites Spektrum an Meinungen zu ertragen.
Und tatsächlich ist die ARC auch ein Ort für jene, die sich selbst als links betrachtet haben, bis sie aus ihrer politischen Heimat ausgestoßen wurden, weil sie einen Artikel des neulinken Glaubensbekenntnisses nicht unterstützen: Feministinnen, die Transideologie oder Leihmutterschaft ablehnen, Homosexuelle, die die zunehmende Wirkmacht des Islam im öffentlichen Raum nicht begrüßen, „Altlinke“, die sich dem grünen Diktat nicht beugen und der Überzeugung sind, dass Deindustrialisierung und Verteuerung der Energieversorgung arme Länder benachteiligen.
Wer den Vorwurf, dass die ARC eine einheitliche Denkrichtung und ein einheitliches Milieu repräsentiere, zurückweist, wird also postwendend mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die ARC keine einheitliche Denkrichtung und kein einheitliches Milieu repräsentiere.
Das gilt auch für nichtlinke Kritiker, die oft nicht weniger Opfer polarisierter Denkmuster sind. Da wird geklagt darüber, dass sich Springer-Chef Mathias Döpfner unter den Rednern befindet, der doch viel zu sehr auf Seiten des Mainstream stünde, oder dass die Konferenz in ihrem Profil nicht radikal genug sei.
Auch hier zeigt sich eine Denkweise, die Dissens zunächst als Problem sieht und schnelle und radikale Lösungen für adäquat hält, um einen tiefgreifenden Wandel zu initiieren.
Dem widerspricht die Ausrichtung der ARC diametral: Philippa Stroud, Mitbegründerin der ARC, eröffnete die Konferenz mit dem Verweis auf Athen als Quelle und Wiege der westlichen Zivilisation. Eine Stadt, die als Sinnbild gilt für Diskurs, Auseinandersetzung und Demokratie. Sicherlich kann man die Historizität dieses Bildes anzweifeln; es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass es abseits jeder historischen Realität aus sich heraus Wirkung entfaltet hat und zu einem bestimmenden Topos der europäischen Geistesgeschichte geworden ist.
Wenn also das Aufeinandertreffen verschiedenster Menschen nur als „künstliches“ Zusammenzwingen verstanden werden kann, zeigt dies umso deutlicher, wie weit der Zerfall der Gesellschaft bereits fortgeschritten ist und wie passgenau ARC die Bedürfnisse der Zeit erkennt und adressiert: Mit der Gründung der ARC im Jahr 2023 schufen Jordan B. Peterson und seine Mitstreiter einen Ort, an dem an die Wurzeln der europäischen Zivilisation angeknüpft wird, in der Überzeugung, dass diese Zivilisation nicht zu retten ist, indem man ihre Grundsätze verrät. Die ARC richtet sich sichtlich sowohl an jene, die diese Ansicht teilen, als auch an jene, die sich kritisch mit ihr auseinandersetzen wollen. Dies bietet Platz für ein weites Spektrum von Weltanschauungen und Haltungen, ist aber weder beliebig, noch zwingt es zu vollumfänglichem Konsens.
Und der ist auch nicht nötig: Man kann die konkrete Wirksamkeit der Initiative infrage stellen oder das mit jedem Jahr deutlichere Bekenntnis zum Christentum. Man kann die angelsächsische Ausrichtung bemängeln oder fragen, ob sich hier nicht Profiteure des Systems in ein gutes Gewissen hineinhypnotisieren – kaum anders, nur mit gegensätzlicher Stoßrichtung, als dies mit Klima- und Nachhaltigkeitsrhetorik geschieht. Man kann an der Gewichtung der Themenbereiche Anstoß nehmen, beispielsweise weniger Philosophie und mehr Wirtschaft für sinnvoller erachten, oder mehr Geo- und weniger Familienpolitik. Man kann der Überzeugung sein, dass eine derart breite Aufstellung die Lösungsfindung verunmöglicht oder ganz generell Konferenzen dieser Art für Zeitverschwendung halten.
Bloß: Kein aufrichtig formulierter Kritikpunkt würde die Macher der ARC verunsichern, weil Kritik und Selbstreflexion Teil des Selbstverständnisses sind, das ARC zugrundeliegt. Das ist das eigentlich Undenkbare und Unfassbare für jene, die „rechts“ als ausreichendes Argument betrachten, um „dagegen“ zu sein.
Entsprechend hilflos wirken die Unkenrufe der Unzufriedenen, die sich nicht so sehr von der Konferenz selbst bedroht zu fühlen scheinen als vielmehr davon, dass die hier sichtbare Vielfalt ihr eigenes Bekenntnis zu Diversität als Lippenbekenntnis entlarvt.




Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein