Sachsen-Anhalt bringt die Verhältnisse zum Tanzen. Nicht auf der Straße, sondern an der Wahlurne. Siegmunds Sieg sprengt politische Gewissheiten. Die alten Volksparteien staunen. Dabei ist die Botschaft klar: Afuera!
IMAGO / Chris Emil Janßen
Bringen wir die Verhältnisse zum Tanzen! Nein, nicht so, wie es die 68er dachten: Fighting in the streets! Sondern stinkbürgerlich, so, wie es eigentlich nicht möglich sein soll: an den Wahlurnen. Sachsen-Anhalt, geh du voran! Es ist die Zeit der Disruption.
Doch das Kommentariat zerredet wieder alles. Kann Siegmund regieren? Mit wem? Und versteht er überhaupt etwas davon? Eine besonders lächerliche Frage. Verstehen die grauen Damen und Herren, die Deutschland seit Jahren würgen, bis ihm die Luft ausgeht, etwas davon? Nur, wenn es ihnen genau darum geht. Also scheißegal, mit wem sich der Sieger lächelnden Mundes verbünden will oder muss – ohne sich zu verbiegen, gell? –, die Lunte brennt.
Und das ist das wirklich Grandiose an der Wahl in Sachsen-Anhalt: dieser Anschlag auf das betongraue Leichentuch, an dem die Grauen nun schon seit Jahren weben. Siegmund hat es ihnen aus der Hand genommen, ein Politiker mit Charisma, wie sein Wahlkampf gezeigt hat, etwas, über das die alten Kempen von rechts bis links schon lange nicht mehr verfügen. (Und kommt mir nicht mit Kuschelbär Habeck!)
Afuera! Insofern ist es erst mal wurscht, ob von seinem Sieg das Vaterland untergeht oder er und die AfD selbst. Der Punkt ist: Disruption. Das Aufbrechen der Krusten. Das Aufschrecken der Behäbigen, Machtgewohnten. Siegmund ist the spanner in the works, ähnlich wie Trump. Das Gewohnte stören. Das Land aufstören. Und wenn es auf einer Schwalbe wie dem Simson-Moped ist.
Doch man hört sie allenthalben klagen und die gedankenschweren Köpfe wiegen: Was, wenn er keine Regierung zustande bringt? Macht der derzeitige Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU dann bis ultimo weiter? Oder wird das Land unregierbar? Also das ganze, nicht nur das winzige Sachsen-Anhalt? Ist es doch längst, lautet die Antwort. Und eine ziemlich große Anzahl von Wählern würde wohl auch auf Bundesebene der AfD vor der CDU den Vorzug geben. Die SPD bleibt weit abgeschmettert. Isch over, „Volksparteien“. Ihr habt das Volk verloren.
Umso lustiger, dass sie nun alle so bass erstaunt tun. Niet mööööglich! Wie konnte das nur passieren? Haben sie etwa alle so lange Sommerferien gemacht wie der Bundeskanzler Merz? „Jeder Tag mit einem Kanzler ohne Selbstreflexion ist einer zu viel.“ Ulrich Siegmund. Wie wahr. Und jeder Tag mit Politikern, die sich mit Realitätsverweigerung hervortun, ebenfalls. Etwa Hendrik Wüst, der jetzt den ersten Schritt zu einem AfD-Verbot einleiten will. Natürlich mit einer ergebnisoffenen Arbeitsgruppe … Ach. Geht’s noch?
Noch schlimmer: Die Türkische Gemeinde in Deutschland hält es nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt für unzumutbar, Asylbewerber dorthin zu schicken. Wg. Rechtsextremismus. Prima. Eine treffliche Wahlempfehlung für die AfD.
Und so geht es weiter. Die SPD-Führung hat nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Korrekturen am Reformkurs der Bundesregierung angekündigt. Welche Reformen, bitteschön? Und was kann man an einem Nichts noch korrigieren? „Die SPD hingegen weiß sich im Todeskampf. Sie reagiert darauf, wie sie es immer tut: Sie schlägt wild um sich wie ein Ertrinkender. Keine gute Botschaft für die eh schon vor sich hin siechende Regierungskoalition. Immerhin: Kanzleramtsministerin Warken (CDU) nannte das Ergebnis in Sachsen-Anhalt eine „Zäsur“ für die CDU. Und was lernt uns das?
„Dass die CDU-Spitzen nur noch Bullshit produzieren, hat seinen Grund darin, dass ihr Denken durch einen Satz blockiert ist, der ihnen auf der Zunge liegt, doch den zu äußern sie nicht wagen: Merz muss weg.“ Norbert Bolz auf X.
So unterhaltsam der Aufruhr ist: Man wünscht dem Elend dennoch ein baldiges Ende. Und dann? Ach, zweifelnde Bürger: Fürchtet euch nicht. Es muss noch schlimmer kommen, damit sich etwas bessert.



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