Wenige Wochen vor der Wahl zeigt eine Novus-Umfrage eine massive politische Schlagseite unter muslimischen Wählern: 61,6 Prozent wollen Sozialisten, knapp 19 die Linke wählen. Für die drei Regierungsparteien bleiben zusammen ganze 3,8 Prozent. Auch in Deutschland arbeiten linke Parteien dezidiert auf muslimischen Stimmenfang hin.
Weniger als drei Wochen vor der schwedischen Parlamentswahl liefert eine bislang unveröffentlichte Auswertung des Novus-Wählerbarometers einen bemerkenswerten Befund: 85 Prozent der befragten Muslime wollen ihre Stimme einer der drei linken Parteien geben. Das schwedische Magazin Fokus veröffentlichte die Zahlen am 24. August.
Mit großem Abstand stärkste Kraft sind dabei die Sozialdemokraten. Sie erreichen unter muslimischen Befragten 61,6 Prozent und damit mehr als doppelt so viel Zustimmung wie in der schwedischen Gesamtbevölkerung. Die Linkspartei kommt auf 18,7 Prozent. Für die Grünen wurden 4,9 Prozent gemessen.
Für die Parteien der Regierung von Ministerpräsident Ulf Kristersson fällt die Bilanz konträr aus: seine Moderaten erreichen unter muslimischen Befragten 2,1 Prozent. Die Christdemokraten kommen auf 1,5 Prozent, bei den Liberalen bleiben immerhin noch 0,2 Prozent. Zusammengerechnet ergeben sich 3,8 Prozent. Selbst als gemeinsame Liste würden die drei Regierungsparteien damit an der schwedischen Vier-Prozent-Hürde für den Einzug in den Riksdag scheitern.
Deutlich besser schneiden die Schwedendemokraten ab. Die Partei stützt Kristerssons Minderheitsregierung über das Tidö-Abkommen und erreicht unter den muslimischen Befragten 10,4 Prozent. Ihr Ergebnis liegt damit bei mehr als dem Doppelten der Zustimmung für die drei Regierungsparteien zusammen.
Henrik Ekengren Oscarsson, Wahlforscher und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göteborg, hält das Wahlverhalten für ein bekanntes Phänomen. Als wichtigste Faktoren nennt er soziale Lage und Einkommen. Arme oder arbeitslose Wähler tendierten nach seiner Auffassung weltweit häufiger zu linken Parteien. Oscarsson beschreibt einen Teil dieser Gruppe als neue Unterschicht, die stark von Sozialleistungen und staatlicher Ressourcenverteilung abhängig sei.
Dieses Muster findet sich auch in Deutschland. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten nach Daten der Forschungsgruppe Wahlen 29 Prozent der muslimischen Wähler die Linke und weitere 28 Prozent die SPD. Zusammen kamen beide Parteien in dieser Gruppe auf 57 Prozent. Bundesweit erreichte die Linke lediglich 8,8 Prozent der Zweitstimmen, die SPD 16,4 Prozent. Unter Muslimen war die Linke damit mehr als dreimal so stark wie im Gesamtergebnis, die SPD kam auf einen fast doppelt so hohen Anteil.
Eine Analyse des umstrittenen Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) zur Bundestagswahl 2025 bestätigt die Richtung noch einmal für Wähler mit familiären Bezügen zur Türkei und zur MENA-Region. In dieser Gruppe lag die Wahrscheinlichkeit einer SPD-Stimme um 18,5 Prozentpunkte höher als bei Wählern ohne Migrationshintergrund. Bei der Linken betrug der Abstand 7,6 Prozentpunkte. Die Daten stammen aus einer gewichteten Befragung von 2.375 Wahlberechtigten rund um den Wahltag.
Für SPD und Linke ist dieses Wählerreservoir längst politisch relevant. Die Bundeszentrale für politische Bildung verweist auf eine seit Jahrzehnten überdurchschnittliche Bindung türkeistämmiger Wähler an die SPD. Bei der Bundestagswahl 2025 stand unter Türkeistämmigen inzwischen auch die Linke besonders hoch im Kurs.
Besonders die Linke hat sich durch ihre massive Eintrittswelle seit 2024 verändert; in Berlin warnen selbst Parteimitglieder vor dem wachsenden Einfluss einer radikalen pro-palästinensischen Strömung. Eine parteiinterne Arbeitsgemeinschaft debattierte über „bewaffneten Widerstand“ gegen Israel, Mitglieder besetzten nach dem Ausschluss des Anti-Israel-Aktivisten Ramsis Kilani die Parteizentrale, und auf dem Bundesparteitag 2026 erklärte Parteichefin Ines Schwerdtner Israels Vorgehen in Gaza zum „Genozid“. Auch die SPD richtet ihre Ansprache verstärkt auf muslimische Milieus aus; Berliner Spitzenpolitiker treten bei Fastenbrechen und Veranstaltungen muslimischer Verbände auf, während innerhalb der Partei zugleich darüber gestritten wird, wie offen Islamismus benannt werden darf. Der frühere Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel beklagte, dass seine harte Linie gegen politischen Islam im eigenen SPD-Kreisverband auf erbittertsten Widerstand gestoßen sei. Bärbel Bas beschwört ein Ende des „Einheitsbrauns“, Thilo Sarrazin und weitere Kenner der Materie berichten schon länger von der radikalislamischen Unterwanderung der Partei.
Bei der Höhe des Novus-Ergebnisses mahnt der Forscher zur Vorsicht. Daten des Swedish National Election Studies Programme aus dem Jahr 2021 ergaben unter Befragten, die sich selbst als Muslime bezeichneten, 58,7 Prozent Unterstützung für die Sozialdemokraten. Die Linkspartei kam damals auf 8,3 Prozent. Besonders ihr aktueller Novus-Wert fällt damit erheblich höher aus.
Oscarsson widerspricht auch einer in Teilen der schwedischen Rechten verbreiteten These, nach der die Sozialdemokraten aus parteipolitischem Eigeninteresse eine hohe Einwanderung anstrebten. „Wenn dies eine Strategie wäre, wäre sie eine furchtbar schlechte“. Naja, heißt ja nichts. Für den großen Kommunismus kann man das eigene Land und den Kontinent schon mal über die Klippe stoßen.
Er verweist dabei auf die deutlich geringere Wahlbeteiligung von Menschen, die außerhalb Europas geboren wurden. Rund ein Drittel dieser Wähler stimmt zudem für Parteien der Rechten. Hinzu kommt die begrenzte Größe der betrachteten Gruppe in der aktuellen Erhebung: Muslime stellten lediglich 2,6 Prozent der Novus-Stichprobe.
Migration und Kriminalität gehören zu den dominierenden Themen des schwedischen Wahlkampfs. Die Regierung hat zuletzt die gesetzlichen Maßnahmen gegen die Rekrutierung durch kriminelle Banden verschärft. Der Hintergrund ist eine seit Jahren anhaltend hohe Welle von brutalster Bandenkriminalität. Innerhalb von drei Jahren wurden bei Schießereien 23 unbeteiligte Menschen getötet. Die Eskalation hat die schwedische Migrations- und Sicherheitspolitik erneut ins Zentrum gerückt.
Am 13. September entscheidet Schweden über alle 349 Sitze im Riksdag. Gleichzeitig werden die Regional- und Kommunalvertretungen gewählt. Die vorzeitige Stimmabgabe läuft seit dem 26. August.


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein