Péter Magyar: Ein ungarischer Friedrich Merz?

Seine Gönner in der EU stellen Ungarns Wahlsieger Péter Magyar als korrekten Konservativen dar, in Ungarn sehen ihn die Konservativen aber als Liberal. Dabei ist es egal, was er ist – wie Friedrich Merz in Deutschland ist er politisch gefesselt.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | John Thys

Wenn er am 9. Mai vereidigt wird, wird Péter Magyar über die größte parlamentarische Mehrheit verfügen, die jemals ein ungarischer Regierungschef seit der Wende hatte. 141 von 199 Abgeordneten, das gab es noch nie. Der scheidende Amtsinhaber Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei erzielten 2022 zwar einen höheren Stimmenanteil (54 Prozent, Magyars Tisza-Partei kam bei den jetzigen Wahlen auf 53 Prozent), aber das reichte „nur” für 135 Mandate.

Péter Magyar verfügt also über enorme demokratische Legitimation, eine Verfassungsmehrheit, und erhebliches politisches Talent. Er könnte durchregieren, seine eigene Vision umsetzen (wenn er denn eine hat).

Aber er hat politisch viel weniger Spielraum, als es seine Zweidrittel-Mehrheit vermuten ließe. Da ist zum einen die EU – er will die eingefrorenen EU-Gelder, wird dort also Zugeständnisse machen müssen. Und dann sind da seine Wähler.
Er selbst tritt als Konservativer auf, aber die meisten seiner Anhänger haben früher die alte, linke, liberale Opposition gewählt. Der Rest – und das entschied die Wahl – war die Jugend, die Gen Z, die nicht minder links und liberal eingestellt ist. Die konservativen Fidesz-Wähler blieben im Kern bei Orbán.

Magyar muss aber auch die Konservativen überzeugen, denn auf die Linksliberalen kann er sich auf Dauer nicht verlassen. Er navigiert das Problem bislang so, dass er im Ton markant konservativ auftritt, aber inhaltlich nach links abbiegt. Ein wenig wie der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz, der markante konservative Parolen mit linker Politik kombiniert – weil er gefangen ist hinter der Brandmauer und die Linken zum Machterhalt braucht. Péter Magyar braucht zwar keine Koalitionspartner. Aber seine linksliberale Basis muss er zufriedenstellen.

Das spiegelt sich auch in der Zusammensetzung seines Kabinetts. Es trägt deutlich liberale, teilweise linksliberale Züge. Den vielleicht einflussreichsten Posten des Kanzleramtsministers bekam der eingefleischte Linksliberale Bálint Ruff. Er soll die Arbeit der Fachressorts „harmonisieren” und darauf achten, dass eine möglichst schnelle und umfassende „Abrechnung” mit der Vergangenheit stattfindet. Man könnte ihn auch „Vergeltungsminister” nennen: Ziel ist es, die „Verbrecher” der Vorgängerregierung und ihres Umfeldes vor Gericht zu stellen.

Ihm wird die linke Schriftstellerin Kriszta Bodis helfen, die „Gesellschaftspolitik zu koordinieren”. Sie hat sich mit ihrem Einsatz für benachteiligte Roma-Kinder echte Verdienste erworben. Sie trat allerdings auch als dezidierte LGBTQ-Aktivistin auf, was Konservative irritiert.

Bildungsministerin wird Judit Lannert, die keine Kinder und nie an einer Schule gelehrt hat, aber als kompetente Bildungsforscherin gilt. Für sie ist lexikalisches Wissen nicht so wichtig, und kirchliche Schulen ungerecht, weil sie aufnehmen, wen sie wollen, und daher ein besseres Bildungsangebot und bessere Ergebnisse vorweisen können. Das, so Lannert, ist ungerecht gegenüber den staatlichen Schulen, die ja jeden aufnehmen müssen und daher schlechter sind. Sie hat auch viele sehr berechtigte Argumente – zu rigides Schulsystem, zu streng, veraltete pädagogische Methoden. Aber jedenfalls ist sie nicht jemand, den ein Konservativer zur Ministerin machen würde. Zeitweise schmückte sie ihr social media Profil mit den Regenbogenfarben.

Drei Schlüsselminister sind István Kapitány (Wirtschaft), András Kármán (Finanzen) und Anita Orbán (Außenpolitik). Alle drei gelten als kompetent in ihren Fachgebieten, und sind von der politischen Ausrichtung her klassische Liberale und EU-Integrationisten. Unter ihnen dürfte die ungarische Wirtschafts- Finanz- und Außenpolitik bald so aussehen wie die deutsche: Progressive Steuern (statt der jetzigen Flatrate), stärkere Belastung der Mittelklasse (maskiert als Entlastung der Minderverdienenden). Und feste Einbindung in die immer engeren Spielräume für Nationalstaaten innerhalb der EU.

Da gerät die Frage nach Péter Magyars politischer Identität ins Brennlicht. Im Wahlkampf hatte er versprochen, die „27 Meilensteine”, also Forderungen Brüssels für die Freigabe der seit Jahren suspendierten EU-Gelder, nur in vier Bereichen erfüllen zu wollen. „Pressefreiheit” (im Klartext ein Ende der Förderung konservativer Medien und eine personelle Neubesetzung der öffentlich-rechtlichen Medien), Wissenschaftsfreiheit (eine Umkehr von Orbáns Stiftungsmodell für Universitäten, die zurück an den Staat fallen würden), Korruptionsbekämpfung (also ein strenges Vorgehen gegen die alten Fidesz-Eliten) und einen Umbau des Justizsystems, um es „unabhängig” zu machen.

Demgegenüber dürfte die EU zusätzlich einen vorzeitigen Beitritt der Ukraine wünschen, was Magyar offiziell ablehnt, sovie eine EU-konforme Migrationspolitik und Stärkung der LGBTQ-Rechte.

Am Mittwoch hielt Magyar in Brüssel informelle Gespräche mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Danach sagten beide, das Treffen sei „konstruktiv” gewesen, und dass die EU-Gelder für Ungarn so bald wie möglich auf den Weg gebracht würden. Magyar behauptete dabei, die EU habe keine Forderungen an Ungarn, die dem nationalen Interesse widersprechen.
Ob das stimmt? Presseberichten zufolge wurde sehr wohl über die Themen gesprochen, die Magyar meiden möchte, also Migration, LGBTQ-Rechte und Ukraine-Beitritt, auch das Ende des Veto-Rechts. In diesen Fragen würde Magyar sich selbst widersprechen und auch Konservative vor den Kopf stoßen, wenn er sich auf Kompromisse einlässt. Ende Mai dürfte sich die Lage klären, dann wird Magyar, nunmehr als Ministerpräsident, in Brüssel eine Vereinbarung unterzeichnen über seine nächsten Schritte.

Auch da gibt es Parallelen zu Friedrich Merz: Die Stärkung der EU ist ein Schwerpunkt seiner Politik, aber damit kann er die Konservativen daheim nicht überzeugen.

Natürlich gibt es erhebliche Unterschiede. Friedrich Merz würde sich nicht nach einer durchsoffenen Nacht in einer unbekannten Wohnung mit Drogen auf Gelegenheitssex mit einer Ex-Liebschaft einlassen, die er seit Monaten öffentlich der Erpressung bezichtigt. Er würde niemandem, der ihn mit dem Handy filmt weil er berühmt ist, das Telefon aus der Hand reißen und in den nächstbesten Fluss werfen. Und er würde nicht seine eigene Frau heimlich aufnehmen, um das dann aus politischem Kalkül, und um ihr zu schaden, an die Öffentlichkeit zu bringen.

Auch kam Friedrich Merz’ Karriere im Finanzsektor nicht als Ergebnis der politischen Kontakte seiner Frau zustande, wie im Falle Péter Magyars, der seinen Posten als Leiter der Studentenkredit-Vergabe der Tatsache verdankte, dass seine (damalige) Frau Orbáns Justizministerin Judit Varga war.

Und Friedrich Merz wurde nicht dadurch Kanzler, dass er sich gegen seine eigene Partei wendete. Aber ansonsten gibt es doch auffallende Parallelen. Beide Männer versuchen sich als Alpha-Tiere zu profilieren, folgen aber in Wirklichkeit der Herde.

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Kommentare ( 14 )

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Talleyrand
19 Tage her

Wir werden sehen. Dass aber Ungarn als Sand im Getriebe der EU ausfällt, ist nicht so schlimm. Die Gerangel um den EU-Kadaver unter den Mitgliedern wird wohl bald das Orban Problemchen bei weitem übertreffen und vergessen machen. Der Laden ist bankrott. Das Motto: Rette sich wer kann und nach mir die Sintflut.

wegmitdenaltparteien
18 Tage her
Antworten an  Talleyrand

Sintflut für die EU oder uns Bürger bis 2030.

Ohanse
19 Tage her

Schade, die Ungarn schienen umgängliche Leute zu sein. Nun lassen auch sie freiwillig ihr Land und ihre Kultur zerstören. Bedauerlich.

verblichene Rose
19 Tage her
Antworten an  Ohanse

Warum dieses Mitleid? Das hat man die letzten 10 Jahre mit uns auch nicht gehabt!

Aliena
19 Tage her

Das Wesen eines Alpha-Tieres kann man nicht einstudieren, entweder man ist es oder man ist es nicht. Wird in der Tierwelt in der Sekunde der Begegnung erkannt und respektiert, verhält sich bezogen auf das menschliche Wesen ebenso, wird bereits nonverbal erkannt.
Alle Versuche, sich trotz dessen als Alpha-Tier zu gerieren, erzeugen Irritationen und sind zum Scheitern verurteilt.

Dundee
19 Tage her

„Péter Magyar: Ein ungarischer Friedrich Merz?“

Eine Haarprobe würde das schnell klären. Doch auch ohne Probe, wäre die Probe sicher: Positiv !
Alternativ kann man auch in der Kanalisation Proben nehmen. So zum Vortesten.

Die Kumpels Selensky, Starmer, Macron, Merz und nun auch Magyar verbindet das gleiche Hobby. Hat mit Schnee zu tun – ist aber nicht Skifahren !

rainer erich
19 Tage her

Möglich, dass sich diese Subspezies immer mehr breit macht und im Wertewesten nach “ oben“ kommt. Mir scheint, dass es etliche davon im Politbetrieb des Westens gibt, die zumindest in bestimmten Teilen gleich oder sehr ähnlich verfasst sind. Offenbar sind die „Rahmenbedingungen“ aktuell sehr günstig, es sei denn , man ist gleich so eindeutig und klar unterwegs wie der Herr aus Spanien. Typbedingt gibt es natürlich auch gewisse Besonderheiten, wenn man sich die Herren z.B. auch aus Ungarn, Frankreich und GB so anschaut. Erkennbar auch in ihren Beziehungen. Zumindest vordergründig scheinen sie sich ja gut zu verstehen. Damen wie Merkel,… Mehr

MaxVanMoritz
19 Tage her

Auch so ein Plastelinmännchen aus dem Sorros Politlabor?

luxlimbus
19 Tage her

Man kann schlecht Menschen vorwerfen, dass sie die Sehnsüchte von Millionen Wählern lediglich als persönliche Karriereleiter missbrauchen. Entweder der „Wahlkörper“ ist lernfähig, oder aber er wird zu Grunde gehen. Demokratie ist nichts für Völker mit einem niedrigen Durchschnitts-IQ!

Ava Tar
19 Tage her
Antworten an  luxlimbus

Herrlich, fuer Ihre eigentlich korrekte Antwort gab es gleich mal den Daumen runter. Der „Wahlkoerper“ vermag also immer noch zu erkennen, wenn er in seiner Eitelkeit angegriffen wurde. Da hat dieser „Wahlkoerper“ offensichtliche Gemeinsamkeiten mit dem seinem Kanzler. Er ignoriert die Realitaet und wenn er darauf angesprochen wird, dann wird er ungehalten….

(geschrieben am [30.04.2026 14:00 Uhr MESZ / 15:15 AM PDT]

Alfons Kuchlbacher
19 Tage her
Antworten an  luxlimbus

„The problem with democracy is that those who need leaders are not qualified to choose them“ – Michael Malice

Diogenes
19 Tage her

JA! Ein ungarischer Merz.
Schnallt euch an Magyaren! Von jetzt an geht es rasend Abwärts!

In 10 Jahren, wenn sie alle auf der untersten Sohle angekommen sind, werden sie noch zu dessen Lebzeiten Orban dem Großen ein Denkmal setzen.

Reinhard Schroeter
19 Tage her
Antworten an  Diogenes

Genau so wird es kommen. Die Magyaren haben sich am 12. April ein zweites 56 herbei gewählt. Nur kommen die Panzer dieses mal nicht aus Moskau sondern aus Brüssel und Berlin. Und sie rollen auch nicht auf Ketten, sie sind viel gefährlicher.
Es braucht nicht einmal 10 Jahre, nein schon am Ende diesen Jahres , werden die Ungarn merken, das sie sich in die Knechtschaft gewählt haben und es bitter bereuen.

Schwabenwilli
19 Tage her

Wenn jetzt auch noch Osteuropa fällt dann gute Nacht.
Russland wird da eine goldene Zukunft haben, insbesondere wenn die Chinesen mitmischen.
Aber die AOK zahlt in Russland/Kaliningrad nicht 😢
Das wäre noch die letzte kulturell ähnliche Option gewesen dem Kalifat zu entkommen.