Erst Romanze, dann Rosenkrieg: Warum Meloni für Trump wichtiger ist als Brüssel

Giorgia Meloni ist für Donald Trump mittlerweile zur wichtigsten Ansprechpartnerin in Europa geworden. Mit einem leichtsinnigen Kommentar düpiert er sie vor der Weltöffentlichkeit – und erhält umgehend die Quittung.

IMAGO / ABACAPRESS

Selenskyj kurz links liegen gelassen, stapfte Donald Trump energischen Schrittes auf Giorgia Meloni zu. Beide suchten förmlich die Nähe des anderen. Manche Journalisten konnten der Versuchung nicht widerstehen: Kaum saßen Giorgia Meloni und Donald Trump beim G7-Gipfel wieder nebeneinander, alles wirkte herzlich und vertraut, die Blicke waren fest, wurde Shakespeare aus dem Regal gezogen.

Romeo und Julia. Der mächtige Amerikaner, schmachtend unter dem Balkon der Römerin. Ein politischer Liebesroman zwischen Washington und Rom. Eine hübsche Geschichte.

Leider ist sie falsch. Denn Politik ist kein Theaterstück. Und falls doch, dann eher eines von Machiavelli als von Shakespeare.

Giftige Kommentare, gekränkte Eitelkeiten und diplomatische Frostnächte. Wir erinnern uns, wie Giorgia Meloni Papst Leo XIV. eisern gegen Trumps Vorwürfe verteidigte. Bereits seit Monaten fegten Sturmböen über die Beziehungen zwischen Trump und Meloni. Romeo und Julia? Nein. Eher Kabale und Liebe, oder Dallas Revival. Was ist passiert? Rom jedenfalls kocht.

Aus Romeo wird das Trump-eltier

Wahrscheinlich passten Donald Trump die Vergleiche mit dem schmachtenden Romeo am Balkon der Giorgia nicht?

Kaum hatten Kommentatoren die Rückkehr des politischen Frühlings zwischen Rom und Washington ausgerufen, polterte Donald Trump wieder durch den Porzellanladen der Diplomatie. Der US-Präsident besitzt ein bemerkenswertes Talent, Brücken zu bauen – und unmittelbar danach mit einem Bulldozer wieder einzureißen.

In einem Telefoninterview mit dem italienischen Fernsehen behauptete Trump doch glatt, Giorgia Meloni habe ihn beim G7 förmlich um ein gemeinsames Foto angefleht. Er habe ihr den Gefallen schließlich getan, erklärte der Präsident gönnerhaft, beinahe wie ein Monarch, der einer Untertanin eine Audienz gewährt.

Es war einer jener Sätze, die weniger über den Adressaten verraten als über den Absender. Offenbar wollte Trump vor seinem amerikanischen Publikum noch einmal den starken Mann markieren. Den globalen Alpha-Präsidenten. Den Mann, vor dessen Tür die Welt Schlange steht: „I’m the boss“, hatte er beim G7-Gipfel herumgepoltert.

Doch da hat er die Rechnung ohne Giorgia Meloni gemacht. Diesmal traf seine Showeinlage auf eine Politikerin, die nicht für die Rolle der Statistin geboren wurde. Und die Antwort der Römerin kam dann auch prompt: In einem offiziellen Statement antwortete Italiens Premier bestimmt, keine 40 Sekunden lang: „Weder ich noch Italien betteln jemals“, stellte Meloni klar.

Mehr war nicht nötig. Mit einem einzigen Satz rasierte sie die aufgeblasene Erzählung bis auf die Grundmauern. Ohne Geschrei, ohne Empörungstheater. Und ohne diplomatische Operette.

Trump hatte vermutlich kaum mehr im Sinn, als ein lockeres Bonmot für sein heimisches Publikum zu liefern. Stattdessen produzierte er einen kleinen transatlantischen Flächenbrand. Die angebliche Shakespeare-Romanze war damit schneller beendet als manche Sommerliebe an der Adria.

Dennoch kommt Trump an Meloni nicht vorbei. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Times Meloni jüngst als die starke Frau Italiens und Europas porträtiert hat.

Meloni wird zur Brücke über den Atlantik

Europa gleicht derzeit einem Schiff, dessen Kapitäne sich auf der Kommandobrücke über die Route streiten, während draußen die Wellen immer höher werden. Deutschland blickt nach innen. Frankreich ringt mit sich selbst. London unter Keir Starmer möchte sich aufblasen, während ihm das Königreich gerade um die Ohren fliegt. Brüssel produziert Verordnungen wie mittelalterliche Klöster Ablassbriefe.

In dieser Situation wächst Italiens Bedeutung. Während viele Regierungschefs Trump wie eine Naturkatastrophe behandeln, die irgendwann vorüberzieht, betrachtet Meloni ihn als politische Realität. Deshalb wird sie für Washington wertvoll und für Europa unverzichtbar.

Der neue Schwerpunkt Europas liegt nicht mehr an der Seine

Noch vor wenigen Jahren wäre die europäische Antwort auf jede internationale Krise automatisch aus Berlin oder Paris gekommen. Heute klingt diese Vorstellung wie eine alte Schallplatte mit Sprung. Der Motor Europas stottert. Die Achsen knarren, die großen Hauptstädte wirken erschöpft. Meloni möchte die Ukraine zwar unterstützen, aber um Himmels willen keinen Krieg mit Russland. Berlin, Paris und Brüssel wagen dagegen eine scharfe Rhetorik gegenüber Putin, obwohl sie wenig zu bieten haben.

Italiens erste Frau im Amt des Ministerpräsidenten ist sich dessen bewusst. So schiebt sich Rom langsam nach vorn: Schritt für Schritt, fast lautlos. Wie eine Figur auf dem Schachbrett, die lange unterschätzt wurde und plötzlich das Zentrum kontrolliert. Auch die Debatte über einen europäischen Vermittler für die Ukraine zeigt diese Verschiebung.

Meloni denkt funktional, nicht imperial. Der geeignetste Kandidat soll sich durchsetzen, nicht der größte Name. Eine Haltung, die in Brüssel beinahe schon als revolutionär gelten darf. Ähnlich nüchtern bleibt sie beim Thema Iran. Während andere bereits Friedensfanfaren blasen, mahnt sie zur Vorsicht. Sie spricht von sechzig Tagen Beobachtung, von Unsicherheit und Risiken. Wer den Nahen Osten kennt, weiß, warum. Dort gleicht der Frieden oft einem Kristallglas auf einem schwankenden Tisch. Ein falscher Stoß genügt und alles liegt in Scherben.

Früher galt der Spruch, Amerika sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Italien das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Inzwischen scheint es beinahe umgekehrt zu sein. Trumps USA wirken auf viele widersprüchlich, Italien dagegen wie eine Konstante.

Die USA brauchen Europa, das spürt Meloni. Trump und Vance brauchen allerdings nicht jenes Europa der Sonntagsreden, Gipfelfotos und moralischen Selbstbespiegelung. Sie brauchen Ansprechpartner, verlässliche Partner und Menschen, die Interessen vertreten und Entscheidungen treffen.

Giorgia Meloni hat sich genau dort positioniert. Deshalb ist sie für Trump wichtiger geworden, als viele in Brüssel wahrhaben wollen – und als Trump lieb ist.

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