2020 gab der heutige Regierungschef dem damaligen Orbán-treuen Magazin „Mandiner“ ein Interview, das nie erschien. Bei der Autorisierung schrieb er auch die Fragen um – weil sie zu kritisch waren. Das sorgt jetzt für Aufmerksamkeit.
picture alliance / NurPhoto | Balint Szentgallay
Es geht um ein Interview, das nie veröffentlicht wurde. Damals war Ungarns jetziger Regierungschef Péter Magyar noch ein eifriger Verfechter der Regierung von Viktor Orbán, Ehemann von Justizministerin Judith Varga, und Chef der Einrichtung, die für die Vergabe von Studentenkrediten zuständig war, das „Studentenkreditzentrum“.
Heute existiert „Mandiner“ nicht mehr: Das Medium wurde im Zuge der Reformen der neuen Regierung verstaatlicht und dichtgemacht. Aber damals war es für die Fidesz-Prominenz wichtig, dort zu erscheinen. Wer die gesammelten Mandiner-Titelseiten über die Jahre betrachtet, sieht ein Panoptikum der Fidesz-Granden und ihrer namhaftesten Anhänger in Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft.
Mandiner stand (einigermaßen zu Recht) in dem Ruf, ein Regierungsorgan zu sein, und insofern gingen die meisten Beobachter davon aus, dass die Entscheidung, wer auf das jeweilige Cover sollte, im Ministerpräsidentenamt getroffen wurde. Das war auch manchmal so. Zumindest war das mein Eindruck. Ich arbeitete dort ein Jahr lang als stellvertretender Chefredakteur und sollte das Print-Blatt etwas lebendiger und interessanter machen, was mir im Großen und Ganzen nicht gelang. Ich hätte gern valide thematische Titelseiten gehabt. Eine Ausgabe mit einer Exklusiv-Geschichte zu den Grooming-Gangs in England auf dem Titel sah gut aus – verkaufte sich aber nicht. Ich musste einsehen, dass die spezielle Leserschaft der Zeitung Fidesz-Köpfe wollte.
Wie auch immer: Auf den Mandiner-Titel zu kommen, das bedeutete, im Fidesz-Universum jemand zu sein. Péter Magyar war bislang nur als Mann seiner Frau bekannt gewesen (aber nicht sonderlich bekannt), Justizministerin Judit Varga. Im Juni 2019 aber wurde er zum Chef des Studentenkreditzentrums ernannt. Im Sommer 2020 startete er eine Öffentlichkeitskampgne, mit Interviews in diversen Fidesz-Blättern. So kam er auf die Titelseite des „Figyelő“ und des „Demokráta“. Die dritte Titelstory sollte Mandiner werden.
Ich war damals noch nicht beim Blatt, aber ich gehe davon aus, dass die Idee nicht von den Redakteuren kam, sondern dass sie entweder von Magyar ein Interview angeboten bekamen, oder es „von oben” empfohlen wurde. In der Regel galt nämlich dass Prinzip, dass ein Titelinterview exklusiv sein sollte, nicht der dritte Aufguss dessen, was schon in anderen Blättern fast zeitgleich erschienen war.
Jedenfalls, das Interview fand statt, geführt von der stellvertretenden Chefredakteurin Laura Szalai. Als die autorisierte Fassung zurückkam, war die Redaktion konsterniert: Magyar hatte nicht nur die eigenen Aussagen komplett umgeschrieben, sondern auch die Fragen. Weil sie seiner Meinung nach zu „negativ”, also kritisch waren. Laura Szalai hatte also, obwohl sie als Vertreterin eines regierungstreuen Blattes ein Interview mit einem regierungstreuen Fidesz-Granden gemacht hatte, ihre journalistische Grundaufgabe erfüllt, zumindest hier und da kritisch zu fragen. Etwa, ob nicht die Gefahr der Verschuldung drohe für manche Studenten, die diese Kredite in Anspruch nehmen.
Dazu schrieb Magyar eine unangenehme Mail, in der er monierte, als regierungstreues Blatt sollte Mandiner lieber die Vorzüge der Regierungpolitik – und natürlich besonders seiner Einrichtung – hervorheben, statt „negative” Fragen zu stellen (ihm zufolge vier von zehn Fragen, nicht sonderlich viele). Gleich zu Anfang schreibt er herablassend, er werde das mit „Zoli“ besprechen (also mit dem Chefredakteur), aber er wolle auch der Autorin erklären, warum sie schlecht gearbeitet habe.
Wir wissen nicht, ob er mit „Demokráta“ und „Figyelő“ ähnlich umsprang, aber Mandiner nahm das nicht hin, und veröffentlichte das Interview am Ende nicht.
Erst jetzt wird es zum Thema, denn Magyar ist inzwischen Regierungschef und nutzt jeden öffentlichen Auftritt, die Vorgängerregierung als Verbrecherbande zu beschimpfen. Sich selbst als Teil der damaligen Fidesz-Elite beschrieb er im Wahlkampf als jemanden, der zwar mit dabei war, im Geiste aber die Exzesse des „Regimes“ nur schwer ertrug, bis es ihm zu viel wurde und er rebellierte.
Nun hat ein neues konservatives Portal, reakcio.hu, die damalige Email und auch Teile des von Magyar umgeschriebenen Manuskripts öffentlich gemacht. Darin wird deutlich, dass Magyar kein im Herzen widerstrebender Mitläufer war, sondern ein autoritärer Fidesz-Potentat, päpstlicher als der Papst, wenn man so möchte. Orbán selbst war ja oft die Titelgeschichte bei Mandiner, und in den Interviews mit ihm wurden ihm immer, man glaube es oder nicht, auch kritisiche Fragen gestellt. Nicht wirklich tödliche Kritik, aber es wurde doch zuweilen scharf gefragt – was nie ein Problem war, weil Orbán mit solchen Fragen souverän umging. Anders als Magyar.
Die Veröffentlichung auf dem noch relativ unbekannten Portal reakció.hu (Mandiner ging nach dem Machtwechsel in den Besitz der Regierung über und wurde sofort geschlossen) wäre für Magyar noch kein Problem gewesen, kaum jemand liest es bislang. Aber das prominenteste Nachrichtenportal des Landes, telex.hu, griff das Thema auf, noch dazu recht ausführlich. Telex postete den Artikel auch auf Facebook, und da kam, wie so oft, sofort ein Kommentar des Ministerpräsidenten. Darin warf er Telex vor, Orbáns Propaganda Raum zu geben.
Man kann die Bearbeitungsgeschichte seines Kommentars anklicken. Oha! Vier Versionen binnen zwei Minuten, von 20.14 bis 20.16 Uhr. Die ursprüngliche Version kritisiert, dass Telex sich überhaupt damit beschäftigt, dann ergänzt er eine Bemerkung über seine Haare auf dem dazugehörigen Foto („wenigstens sind mir seither die Haare gewachsen”), dann kommt noch hinzu, sie seien inzwischen „ergraut”, und zum Schluss löscht er ein überflüssiges Wort.
Das lässt den Schluss zu, dass er wirklich selbst kommentiert (manche fragen sich, ob er seine ständige Kommentiererei auf den sozialen Medien selbst verfasst), und deutet auch auf heftige Gefühle hin.
Es ist gut zu sehen, dass der Mann, der Ungarn führt, von der Regierungsarbeit nicht überlastet ist. Er hat offenbar auch Zeit für Facebook.

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