„Die Grenze ist offen“ – Der digitale Marsch vor dem realen Sturm auf Ceuta

Auf TikTok und Facebook verbreiteten anonyme Konten die Botschaft, die Grenze nach Ceuta sei offen und ohne Papiere passierbar. Dazu kursierten konkrete Hinweise auf Routen, Treffpunkte und geeignete Ausrüstung. Mehr als 60.000 Menschen setzten sich daraufhin in Bewegung.

IMAGO

Die Invasion nach Ceuta wurde auf den Bildschirmen Tausender Mobiltelefone vorbereitet. Auf TikTok kursierten Videos der spanischen Exklave, verbunden mit dem Versprechen, die Grenze sei offen und könne ohne Papiere überwunden werden. Wer bestimmte Treppen in Ceuta sehe, so eine der Botschaften, habe seinen Traum erfüllt. Die Beiträge wurden später gelöscht. Da waren zehntausende Marokkaner bereits unterwegs.

Die bisher unbekannten Organisatoren beließen es nicht bei allgemeinen Durchhalteparolen. Sie verbreiteten Hinweise auf Geschäfte, in denen Neoprenanzüge und Schwimmflossen verkauft wurden. Dazu kamen Taucherbrillen, Schwimmreifen und wasserdichte Beutel für Mobiltelefone und Dokumente. Ausschnitte aus Google Maps wiesen den Weg zum Strand von Tarajal und markierten Stellen, an denen die Polizeipräsenz geringer sein sollte. Das war keine bloße Erzählung von einem vermeintlich offenen Europa. Es war eine Anleitung zum illegalen Grenzübertritt.

Analyse
Ceuta als Bühne eines marokkanischen Machtkampfs
Das beherrschende Schlagwort lautete „hrig“. Im marokkanischen Arabisch bedeutet es wörtlich, die Papiere zu verbrennen. Gemeint ist die illegale Reise nach Europa. Diejenigen, die ohne Visum und Arbeitserlaubnis aufbrechen, werden als „Harragas“, als Verbrannte, bezeichnet. Für eine Generation, die sich im eigenen Land ohne Platz und Zukunft sieht, wurde daraus ein Aufruf zum gemeinsamen Aufbruch.

Auf Facebook, TikTok und weiteren Plattformen entstanden Gruppen, die die Botschaften dann vervielfachten. Eine Gemeinschaft namens „Hrig Sebta“ (Sebta ist die marokkanische Bezeichnung für Ceuta, die Redaktion) hatte laut „El País“ mehr als 20.000 Anhänger, bevor sie geschlossen wurde. Sie bezeichnete Fnideq, das frühere Castillejos, als Treffpunkt. Von dort aus liegt Ceuta unmittelbar vor Augen. Die Nachrichten sprangen von Gruppe zu Gruppe, ergänzt durch Bilder und genaue Zeitangaben für die Bewegung auf die Grenze.

Mehr als 60.000 Menschen wurden auf diese Weise mobilisiert. Viele Gruppen sind inzwischen verschwunden. „El País“ hält auch den Einsatz automatisierter Konten für möglich. Die digitale Spur wurde gelöscht, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatte. Übrig blieben die Menschenmassen an der Grenze und die Behauptung, alles sei aus dem Nichts entstanden.

Den entscheidenden Anreiz lieferte offenbar eine wenige Wochen alte Entscheidung des spanischen Obersten Gerichtshofs. Das Gericht stellte fest, dass die für Ceuta und Melilla vorgesehenen unmittelbaren Zurückweisungen nicht ohne Weiteres auf Menschen angewendet werden dürfen, die schwimmend über das Meer kommen. Die gesetzliche Sonderregelung bezieht sich auf Migranten, die physische Grenzhindernisse wie Zäune überwinden. Wer im Meer abgefangen wird, fällt nach der Auslegung des Gerichts nicht automatisch darunter.

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Die Nachricht verbreitete sich in den einschlägigen Netzwerken. Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte bei seinem Besuch in Ceuta, das Urteil sei in den Strukturen der Menschenschmuggler „wie ein Lauffeuer“ herumgereicht worden und habe die Massenbewegung ausgelöst. Damit räumte selbst der spanische Regierungschef ein, dass jedes neue Bleibehindernis, das Gerichte aus dem Weg räumen, unverzüglich als Einladung verstanden und vermarktet wird.

Die Regierung kann die Rechtslage nach dem Urteil durchaus ändern. Der Oberste Gerichtshof wies ausdrücklich darauf hin, dass maritime Grenzhindernisse geschaffen werden könnten, auf die sich die Regelung zu unmittelbaren Zurückweisungen dann ebenfalls anwenden ließe. Die Politik müsste handeln. Bis dahin wird das juristische Schlupfloch in den sozialen Netzwerken als Zusage verkauft: Wer das Wasser erreicht, verschafft sich Zugang zu einem Verfahren und damit zunächst zu Spanien.

Bemerkenswert ist auch der Zeitpunkt. Der stärkste Zustrom fiel auf den 30. Juli, den marokkanischen Throntag, einen der wichtigsten Feiertage des Landes, an dem der staatliche Betrieb weitgehend ruht. Beobachter sehen darin eine mögliche Erklärung dafür, dass die Kontrollen zeitweise auffallend schwach ausfielen. Ob Sicherheitskräfte wegen der Feierlichkeiten gebunden waren oder die Grenze aus anderen Gründen unzureichend bewachten, ist bislang nicht geklärt.

Unbeantwortet bleibt die Rolle der marokkanischen Behörden. Bereits im September 2024 hatten marokkanische Sicherheitsdienste eine ähnliche Kampagne zur kollektiven illegalen Ausreise entdeckt. Damals wurden Dutzende Blogger und sogenannte Influencer festgenommen. Ein massives Aufgebot an der Grenze stoppte die geplanten Anläufe. Der Staat bewies damit, dass er solche Bewegungen im Netz erkennen und an der Grenze unterbinden kann.

Diesmal blieben entsprechende Warnungen des Inlandsgeheimdienstes aus. Dabei hatten marokkanische Menschenrechtsvereinigungen und Nichtregierungsorganisationen schon seit Wochen auf Ansammlungen junger Menschen im Norden des Landes hingewiesen.

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Auch 2021, als rund 10.000 Personen nach Ceuta gelangten, hatte der marokkanische Geheimdienst keine vorherige Warnung veröffentlicht. Ob Rabat die Dimension der Mobilisierung nicht erkannte, die Kontrolle verlor oder zeitweise bewusst nicht eingriff, beantwortet der Bericht nicht. Die Passivität der ersten Stunden ist jedoch Teil des Geschehens.

Die Kampagne traf auf ein gewaltiges Reservoir an Enttäuschung. Mehr als 1,5 Millionen Marokkaner zwischen 15 und 25 Jahren besuchen nach den angeführten öffentlichen Statistiken weder eine Schule noch gehen sie einer Arbeit nach. Bis zum Alter von 35 Jahren steigt die Zahl auf mehr als vier Millionen. Eine solche Generation lässt sich leicht mit der Botschaft erreichen, nur wenige Kilometer und ein Sprung ins Wasser trennten sie von einem Leben in Europa. Dabei zogen nicht nur junge Männer los. An der Grenze warteten Eltern auf zwölf- und fünfzehnjährige Kinder. Ganze Familien machten sich auf den Weg.

Die Opferzahlen waren am Sonntag weiterhin unübersichtlich. „El País“ berichtete unter Berufung auf marokkanische Medien zunächst von 17 Toten auf marokkanischem Gebiet, darunter ein zwölfjähriges Mädchen. Der spanische Staatssender RTVE hatte zuvor bereits mindestens 34 Tote im Zusammenhang mit der Massenüberquerung genannt.

Für viele endete die vermeintliche Abkürzung nach Europa schon in Ceuta. Rückkehrer berichteten, ihnen sei ein Aufnahmeplatz und anschließend ein Visum für die Weiterreise auf das spanische Festland versprochen worden. Beides erwies sich nach Ankunft in Ceuta als reine Erfindung. Viele schliefen im Freien und wurden von Einwohnern mit Essen versorgt, bevor sie enttäuscht nach Marokko zurückkehrten.

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Kommentare ( 1 )

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ekki
16 Minuten her

wer steckt dahinter? der tweet von netanjahu jr. zeigt vorwissen. israel und die usa sind sehr eng und lange mit marokko verbündet, trump verurteilte nur sanchez, der sich gegen den iran krieg aussorach und gegen israel stichelt. es soll die wiederwahl verhindert werden, migration als waffe.