Ein Konzern – zum Töten?

Die Bundeswehr ist kein normaler Konzern. Solches Gerede der Verteidigungsministerin beweist nur, dass sie eine Fehlbesetzung ist.

Man braucht nie in einem Leopard-Panzer eingesperrt gewesen zu sein, in Afghanistan unter Feuer gelegen zu haben oder im Kampfjet die Grenze physischer Belastbarkeit austesten, um zu wissen: Die Bundeswehr ist gerade kein „weltweit agierender Konzern mit eigener Logistik, Reederei, Airline und Klinikverbund“, wie Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen seit Wochen landauf, landab repetiert. Denn Konzerne schaffen Werte oder vernichten sie gelegentlich auch. Aber Konzerne töten nicht. Konzernchefs schicken ihre Mitarbeiter nicht ins Gefecht, wo sie fallen können.

Die Bundeswehr war immer eine Provokation. Dass Deutschland sich nach den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs wieder bewaffnete, dagegen haben Millionen auf Ostermärschen demonstriert. Dass die Bundeswehr von früheren Wehrmachtsoffizieren aufgebaut werden musste und manche Traditionen abgekriegt hat, traf spätestens in den Siebzigerjahren auf den Widerwillen einer pazifistischen, demokratischen und sich rasch individualisierenden Gesellschaft. Der „Bürger in Uniform“ hatte diese Widersprüche auszubalancieren.

Mit dem Ende der Wehrpflicht vertieften sich die Abgründe zwischen dem Militär und der hedonistischen Gesellschaft. Bis zur Wiedervereinigung verspießerte und verbürokratisierte sich das Militär, weil es im Zeitalter der atomaren Abschreckung ja das erklärte Ziel war, den militärischen Einsatz unbedingt zu verhindern, um nicht den gesamten Planeten zu zerstören. Aber seit dem Einsatz im Kosovo, heute in Afghanistan und morgen weiß Gott wo noch schießen und sterben Bundeswehrsoldaten wieder auf den Schlachtfeldern.

Für das Vaterland zu sterben war nie süß, sondern ist die Zerstörung jenes Universums prallen Lebens und süßen Hoffens, das Mensch heißt. Dafür aber müssen Soldaten ausgebildet und innerlich bereit sein. Sie werden zum Kämpfer geschult, damit sie andere Kämpfer besiegen können, ehe diese sie töten. Daher kommen das Düstere, das Bedrohliche, das Unbedingte und der Drill. Klar sind ein paar Kilo egal für die Führungsoffiziere in den Leitständen im arkadischen Potsdam, und Übergewicht ist fast unvermeidlich für die Drohnen-Piloten vor Bildschirmen. Aber ihre Computerspiele töten ganz real und oft auch Frauen und Kinder im Schrecken der Kriege. In einer Gesellschaft, die jedes Risiko abwälzt, muten wir einigen das allerhöchste Risiko zu: Verantwortung und Tod.

Das untere Ende der Befehlskette – würde Frau von der Leyen das Wertschöpfungskette nennen? – trifft vor Somalia auf Piraten, die nichts Besseres finden können als den Tod, oder auf fanatische Muslime, die ihn herbeisehnen für ein Dutzend Jungfrauen im Himmel. Das schauen wir uns nicht gerne an. Wir verschließen lieber die Augen vor den Giftgasmorden in Syrien und den Massenmorden im Irak im Namen eines arabischen Wüstenpropheten, der aber auch junge Männer aus Frankfurt oder Hamburg anzieht, sodass sie sich einreihen in seine Mörderbrigaden. Die Bilder sind zu entsetzlich für unsere pazifierten Flachbildschirme, aber sie rücken näher, stehen schon am Südrand jenseits des urlaubsblauen Mittelmeers und am Ostrand unserer zivilisierten Welt.

Darüber müssen wir reden, nicht über Kinderkrippen und Krabbelgruppen. Zumindest das sind wir den Soldaten schuldig und ihrem Gelöbnis, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen. Da ist es verletzend, wenn eine wie immer gut geföhnte Ministerin im Lifestyle-Magazin grinst, während die Soldaten beim Liegestütz geschunden werden. Ihre Soldaten.

Die Bundeswehr ist gerade kein Konzern; und wenn die dafür zuständige Ministerin damit die derzeitige Debatte befeuert, zeigt ihr zeitgeistiges Managementgewäsch nur ihr tiefes Unverständnis. Wer Unterschiede zwischen Soldaten und Angestellten wegplappern und verharmlosen will, dient weder der Wahrheitsfindung noch dem Frieden.

(Erschienen auf Wiwo.de am 28.06.2014)

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