Pop für Weltenwandel

Michael Jackson war vermutlich der letzte globale Popstar; Brad Pitt und Angelina Jolie sind das letzte universelle Götterpaar der Leinwand.

Die Welt der Unterhaltungsindustrie ist längst in drei auseinanderdriftende kulturelle Kontinente zerfallen; ein Vorgang, der der wirtschaftlichen und politischen Sphäre noch bevorsteht: Die Welt wird multipolar, geprägt von drei Großmächten. Die Stars in China und Indien werden nicht in Hollywood gemacht, sondern in Mumbai oder Hongkong: Indien produziert doppelt so viel Filme wie Hollywood, gefolgt von Nollywood – den Filmfabriken Nigerias, die Afrika mit dem Stoff für Träume versorgen. So wenig wir die Stars von Bolly- und Nollywood kennen, kennen wir die Musikstars – etwa Emraan Hashmi, der mit seinem Clip zum Film „Haal-e-Dil“ Platz eins der indischen Musikvideo-Hitparade innehat, vor „Lk Junoon“ aus dem Soundtrack des Films „Zindagi Na Milegi Dobara“. Wir träumen ja noch auf Englisch, singen US-Songs von Love and Freedom, leben den amerikanischen Way of Life; wir teilen noch die Wertvorstellung für Hamburger, Individualismus und persönliche Freiheit, wie sie in den Filmen aus Hollywood vorgelebt wird, und wir bewundern noch uneingeschränkt deren Stars und ihre Konsumvorlieben. Die kulturelle Hegemonie der USA nach 1945 ist mit ihrer wirtschaftlichen Bedeutung gewachsen – und schrumpft jetzt mit ihr.

Unangefochten die Nummer eins sind die USA mit ihrer militärischen Fähigkeit; ihre sieben Kampfgruppen mit Flugzeugträgern und Begleitarmada beherrschen jeden Punkt der Welt. Aber schon in die Raumstation müssen sich Astronauten um eine Mitfahrgelegenheit auf einer russischen Rakete vom Raumbahnhof in Baikonur aus bemühen. Irgendwann folgt auch die militärische Macht dem wirtschaftlichen Schmelzprozess und der verblassenden kulturellen Strahlkraft.

Und diese Zeit ist längst vorbei, in der ein in Hessen stationierter wehrpflichtiger GI wie Elvis Presley mit seinem Hüftschwung ganz Deutschland verrückt machte – das alte Deutschland wegen seiner rotzigen Aufmüpfigkeit und das junge wegen der erwachenden Lust am Ausbrechen aus dem Nachkriegsmief.

Und wo befindet sich Deutschland in der Kontinentaldrift? Kulturell sind war ja unwichtig, nur auf der Backlist mit in Hongkong digitalisierten Werken von Goethe und Beethoven zu finden. Wir positionieren uns als eine große Schweiz: So solide wie bieder, aber den Lieferanten von Werkzeugmaschinen muss man ja nicht bewundern, sondern nur pünktlich bezahlen. Unser Erfolg ist, dass die am schnellsten wachsende Nation der Welt, der asiatische Mittelstand, gerade eine Vorliebe für deutsche Konsumgüter entwickelt – von Miele bis Mercedes, vom Bosch-Hammer bis zum BMW. Lange hat ja auch die Schweiz die Welt sehr erfolgreich mit Taschenmessern und Uhren versorgt. Solche Bescheidenheit schützt davor, zur Projektionsfläche für islamistischen Terror zu werden. Wir sind zwar im Weltmaßstab klein. Aber es reicht, um sich neben unseren weniger wirtschaftlich tüchtigen europäischen Nachbarn als die Größten zu fühlen.

Sollten Sie Ihren Herrenschneider um Rat fragen bezüglich Gewand und Konjunktur im Herbst, wird er Ihnen zu wertigen, handwerklich gut verarbeiteten und nachhaltigen Materialien raten, in Hellbraun und Dunkelblau, zu Kaschmir und Seide. Mailand macht Schluss mit aufgeblasenen Michelin-Männchen und Nylon-Bombern, verrät mir die fachkundige Textilwirtschaft, mehr Schliff, mehr Schnitt, mehr Eleganz, kniebedeckte Röcke und bloß nichts Grelles mehr, verehrte Damen: Nur für den Eingeweihten soll Qualität erkennbar sein, Reiz und Verführung dürfen nur auf den zweiten Blick auffallen – das Gegenmodell der von Silvio Berlusconi präferierten Trash-Queen.

Wir sind wieder wer mit Geld, signalisiert die Mode dem Kenner und versteckt diese Botschaft vor neidischen Blicken; unauffällig lebt es sich besser zu Zeiten wachsender Unsicherheit.

(Erschienen auf Wiwo.de am 23.07.2011)

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