Israel in der Spannung von jüdischem Staat und gleichberechtigter ethnischer und religiöser Vielfalt

Der Staat Israel steht seit seiner Gründung vor einer Herkules-Aufgabe: Wie kann man als jüdischer Staat seine ethnische und kulturelle Ausrichtung bewahren, wenn gleichzeitig ein großer Teil der Bevölkerung und der Nachbarn diese Ausrichtung ablehnt, verachtet oder gar bekämpft? Deutschland hat es da vermeintlich einfacher, weil es ihm nicht wichtig zu sein scheint, seine nationale und kulturelle Ausrichtung zu bewahren.

Als Student erlebte ich eine Podiumsdiskussion zwischen einem orthodoxen und einem liberalen Juden. Die beiden schenkten sich nichts. Es wurde mehr als einmal laut und fast unerträglich hitzig. Doch am Ende gingen die beiden gemeinsam scherzend, ja fast brüderlich aus der Versammlung.

Über den damaligen Inhalt der Diskussion kann ich heute nichts mehr sagen. Aber diese Streitkultur hat mich beeindruckt. Mit roten Köpfen streiten. Und dennoch gemeinsam und miteinander weiterleben, weil die sachlichen Spannungen dann doch (durch irgendetwas Drittes) überbrückt werden.

Die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israels vom 14.Mai 1948 enthält auch solche immensen Spannungen.

Einerseits wird bei dem neuen Staat ganz klar und unmissverständlich von der „Errichtung eines jüdischen Staates“ gesprochen. Diese ethnische, religiöse und kulturelle jüdische Identität leuchtet in der Unabhängigkeitserklärung immer wieder auf:

  • Es wird von der eigenen heiligen Schrift begeistert als von dem „Ewigen Buch der Bücher“ gesprochen.
  • Die besondere und über Jahrtausende bewährte Gottesbesziehung Israels wird angedeutet: „Nie verstummte sein Gebet um Heimkehr und Freiheit.“
  • „Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ werden nicht von den internationalen Menschenrechten her verstanden, sondern spezifisch jüdisch „im Sinne der Visionen der Propheten Israels“.
  • Ethnisch soll der neue Staat „der jüdischen Einwanderung und der Sammlung der Juden im Exil“ offenstehen.

Der Staat Israel hat unmissverständlich eine jüdische Identität. Es fällt aber auf, dass die Errichtung des jüdischen Staates nicht religiös begründet wird. Es wird vom „natürlichem Recht“ gesprochen; es wird von den traumatischen Erfahrungen der Schoa her gedacht, die eine echte Heimstätte für Juden unbedingt nötig mache; es wird von „historischem Recht“ gesprochen, weil Israel geschichtlich untrennbar mit diesem Landstrich verbunden ist; und es wird auf den „Beschluss der Vollversammlung der Vereinten Nationen“ zur „Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel“ verwiesen. Diese rein säkulare Staatsbegründung zeigt, dass die Zionisten religiös gemäßigt und zurückhaltend agierten, zumal auch viele Atheisten und Agnostiker unter den Zionisten waren.

In direkter Spannung zu dem Bekenntnis zum „jüdischen Staat“ treten die überaus freundlichen Stellen der Unabhängigkeitserklärung im Blick auf die arabischen Mitbewohner des Landes hervor. Der Staat Israel „wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen. Er wird Glaubens- und Gewissensfreiheit, Freiheit der Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten“. Diese Gleichberechtigung mündet in einen Aufruf an die Araber, sich im neuen Staat einzubringen und diesen mitzugestalten: „Wir wenden uns (…) an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufruf, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen.“

Diese Offenheit des jüdischen Staates gegenüber den Arabern fällt umso mehr ins Gewicht, als in dem zweiten Staat, der auf dem Boden der ehemals britischen Verwaltungseinheit Palästina entstand, im arabischen Jordanien, alle Juden des Landes verwiesen wurden. Jordanien wurde nach 1948 ethnisch gesäubert und judenfrei gemacht. Im Staat Israel dagegen, ohne die besetzten Gebiete, leben heute 2 Millionen Araber, die gleichberechtigt mit israelischem Pass im jüdischen Staat das Parlament mitwählen. Es ist darum eine billige Polemik, wenn links-illiberale und antiprogressive Kräfte „Zionismus“ als Synonym für Rassismus und Imperialismus verfälschen und zu einem Schimpfwort degradieren.

Und da sind sie wieder, die immensen Spannungen, die Israel in sich trägt. Zwischen Tradition und Moderne, zwischen Orthodoxie und Liberalismus, zwischen Religiostät und Säkularismus, zwischen dem „jüdischen Staat“ und den gleichberechtigten anderen Staatsbürgern. Hinzu kommt die Spannung zwischen Krieg und Friedensbemühungen. Elf Mitglieder des vorstaatlichen „Volksrates“ konnten die Unabhängigkeitserklärung im Mai 1948 nicht termingerecht unterschreiben, da sie in militärischen Auseinandersetzungen mit Arabern beteiligt waren.

Die Unabhängigkeitserklärung endet mit den Worten, die im Nahen Osten nur teilweise auf fruchtbaren Boden fallen: „Wir reichen allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und zu guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe mit dem unabhängigen hebräischen Volk in seiner Heimat auf. Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.“

Ich wünsche mir entsprechende Passagen in den zentralen Urkunden der Hamas, der Hisbollah und der Islamischen Republik Iran. Natürlich würden solche Friedensbekenntnisse von beiden Seiten nicht zwangsläufig zu einem realen Frieden führen; aber sie wären eine Basis, auf der echter Frieden erreicht werden könnte.

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Kommentare ( 13 )

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Retlapsneklow
1 Monat her

Wieder mal ein klassischer Fall, das etwas das mit Engelszungen poltitisch deklariert, anschließend nicht so gemacht wurde. Mann kann niemanden aus seinem Lebensraum verdrängen und vertreiben, seinen Besitz rauben oder vernichten – und anschließend verlangen: „Nun habt euch mal alle wieder lieb.“ Was ist das schon weiter als kindlich naive Träumerei fernab von Gerechtigkeit, real zu erwartender Politik aber auch von universellem Religionsverständnis?! Religion oder Idealismus braucht keinen weiteren Namen. Es kommt nur darauf an, was richtig gehandelt ist und was falsch. Wo sich Politik und Religion verheddern, wo sogar im religiösen Werk Fehler wider die Gerechtigkeit und die 10… Mehr

Last edited 1 Monat her by Retlapsneklow
Chris Groll
1 Monat her

Um sich ein Bild über Israel zu machen, sollte man sich die Sendungen „Fokus Jerusalem“ und „Faszination Israel“ ansehen. Beide TV-Magazine sind sehr sehenswert und auf Bibel TV zu sehen. Man bekommt einen sehr guten Eindruck über das Miteinander in diesem kleinen Land. Auch als Besucher wird man jederzeit gastfreundlich aufgenommen.
Es ist ein Staat mit wirklich westlichen Werten. Anders als die islamischen Nachbarn, die von vielen meiner lieben Mitbürger und Politiker so sehr hofiert werden.

Monostatos
1 Monat her
Antworten an  Chris Groll

„Wirklich westliche Werte“: Was soll das sein? In der Realität kann ich immer weniger Werthaltiges an dem erkennen, was der Westen, i.e. EU, UK, USA und -ja auch – Israel erkennen. Aber vielleicht kann mir jemand das Werthaltige an den Proxy-Wars der Ukraine gegen Russland und gegen den Iran, an der per Klimaideologie betriebenen Deindustrialisierung, LGBTQ-Ideologie uvm. erklären. Worauf darf man mit Recht stolz sein – insbesondere als Anhänger der Lehren Jesu Christi und auch zum Beispiel von Sokrates?

verblichene Rose
1 Monat her

Aus der Lehre des ‚Nie wieder‘ folgt für mich zwingend, dass wir jede Form von herrenmenschlicher Anmaßung ablehnen müssen – insbesondere die Chuzpe derer, die Israel als einzigem Volk das Existenzrecht in seiner historischen Heimat absprechen wollen. Es ist eine Beleidigung unseres Weltbildes und unserer Geschichte, wenn Menschen auch in Deutschland die Freiheit unserer Diaspora genießen, während sie gleichzeitig gegen den jüdischen Staat hetzen. Angesichts der demografischen Realitäten in Europa, wo Millionen Muslime einer schwindenden jüdischen Minderheit gegenüberstehen, ist es höchste Zeit, dass unser Rechtsstaat klare Kante zeigt: Wer unsere Werte missachtet und die Vernichtung Israels propagiert, hat sein Gastrecht… Mehr

Monostatos
1 Monat her
Antworten an  verblichene Rose

Und wie schätzen Sie Äußerungen von israelischen Politikern und Militärs ein, in welchen sie die Palästinenser als Tiere bezeichnen? Welche Lehren wurden denn da gezogen? Das macht in den USA die Runde und führt zu einer deutlichen Erosion der Sympathie für Israel – bis in die Reihen der Republikaner hinein. Gerne kann der Autor auch zu dieser Frage Stellung. Das ist erheblich konstruktiver und souveräner, als unwillkommene Fragestellungen wegzusensieren.

Last edited 1 Monat her by Monostatos
Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Monostatos

Haben Sie bitte einen link?

Monostatos
1 Monat her
Antworten an  Kassandra

Gerne erneut: YouTube- Gespräche von Professor Glenn Diesen mit diversen Gesprächspartnern wie Jeffrey Sachs, John Mearsheimer uvm. Hier z. B. ein Gespräch mit dem ehemaligen VIA -Analysten Larry Johnson: https://youtu.be/U0tdU6sChjQ?is=JhvvByXNmMnAdWvA. Kennt die TE-Redaktion, der Sie wohl angehören oder zumindest in deren Auftrag Sie unablässig posten, diesen Substack wirklich nicht???
Und es gibt noch Viele mehr, z. B. Alex Krainer, Judge Andrew Napolitano. So kann man sich besser informieren und von offensichtlicher Propaganda emanzipieren. Viel Erfolg!

Wise Otherwise
1 Monat her
Antworten an  Monostatos

Die Links, die Sie posten, geben Meinungen EINZELNER wieder, die meist nur deshalb Beachtung finden, weil sie einem bestimmten politischen Vorurteil eines Teiles der Leser/Hörer entsprechend. Auch das ist „Propaganda“, nur im Auftrag eines anderen Netzwerkes. Die von Ihnen genannten Personen haben nicht schon allein deshalb Recht, weil Ihnen persönlich die Aussagen recht sind.
Für JEDEN einzelnen Link könnte ich 10 andere posten, von Leuten, die ebenfalls als „prominent“ gelten, die aber eine völlig entgegengesetzte Meinung vertreten.
Und nun?

Monostatos
1 Monat her
Antworten an  Wise Otherwise

Sachs, Mearsheimer et al.: Propaganda … nicht mein Humor, sondern eher nach Art der Heute-Show. Wer ist denn das „andere Netzwerk“ resp. welches Interesse haben diese Leute (zumeist jüdischer Herkunft), ihre eigene Herkunft respektive den Staat kritisch zu bewerten. Kommt es für Sie nicht einmal ansatzweise in Betracht, dass diese Leute schlicht und einfach schockiert sind, was in Palästina geschieht? Gerne dürfen Sie Ihre Prominenten benennen -Manche schreiben hier ja in TE Artikel.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Monostatos

Es kann sein, dass diverse Politiker in wessen Auftrag auch immer agieren – ich schreibe hier für mich – und für sonst niemanden.
Wie kommen Sie darauf, dass das anders sein könnte?

achijah
1 Monat her
Antworten an  Monostatos

Erst einmal: Ich habe noch nie Fragestellungen wegzensiert. Ich bin strikt gegen Zensur. Bitte keine falschen Anschuldigungen. Ich habe keinen Einfluss auf die Kommentare. Manche Kommentare von mir werden auch nicht veröffentlicht, was immer auch Überlastungsgründe der wenigen TE-Mitarbeiter haben kann.

Zweitens: es gibt in Israel wie in jeder deutschen Partei und in jedem Land unappetitliche Aussagen von Menschen. Das ist einzeln und mit Kontext zu überprüfen. Aber das Fundament Israels, die Unabhängigkeitserklärung von 1948, ist mir 10000000000000x lieber als die GrundsartzCharta von Hamas, der Hisbollah und der Islamischen Republik Iran.

Monostatos
1 Monat her
Antworten an  achijah

Mein gestriger Kommentar wurde nicht veröffentlicht… anscheinend musste er – Ihrer Darstellung folgend wegen Arbeitsüberlastung oder so -entfernt werden. Kann ja mal vorkommen – bei mir gefühlt häufiger als beimmTE-Darling „Kassandra“… Ich habe übrigens keine Sympathien für die Hamas oder die Hisbollah, aber ebensowenig für völkerrechtswidrige Kriegsverbrechen gegen wehrlose Zivilisten, wie sie der STAAT ISRAEL notorisch begeht. Liegen Ihnen Gegenbeweise vor, oder haben die Palästinenser das ebenso „verdient“ wie die wehrlosen Flüchtlinge und Zivilisten in Dresden und zahlreichen anderen deutschen Städten im II. Weltkrieg oder die Einwohner von Hiroshima und Nagasaki . Von „westlichen Werten“ war da für mich überhaupt… Mehr

verblichene Rose
1 Monat her
Antworten an  Monostatos

Was wollen Sie mir damit sagen, daß irgendwo etwas erodiert? Ich bin Deutscher! Was hielten Sie ergo davon, sich mit meinem Kommentar auseinander zu setzen? Der Holocaust „wirkt“ bei mir persönlich übrigens über das eigentliche Verbrechen hinaus. Und trotzdem „genügt“ er für einzelne Sachverhalte. Die amerikanischen Republikaner tangieren mich insofern nur marginal.