Die offene Gesellschaft und ihre Freunde

Was zeichnet eigentlich eine moderne Gesellschaft aus? In einer modernen Gesellschaft sind „die da oben“ nicht so wichtig.

Was zeichnet eigentlich eine moderne Gesellschaft aus? Ist es ihr Wohlstand, die Infrastruktur oder sind es ihre technischen Errungenschaften? Nein, es sind bestenfalls auch die Ergebnisse einer offenen Gesellschaft. Doch hier sind moderne Gesellschaften nicht alleine. Auch Saudi-Arabien kennt Wohlstand und eine gute Infrastruktur, obwohl das Land die Meinungsfreiheit unterdrückt und Steinigungen und Todesstrafen regelmäßig vollzieht. Und auch China kennt einen wachsenden Wohlstand, obwohl die Kommunistische Partei Chinas alles beherrscht und Andersdenkende einsperrt.

Eine moderne Gesellschaft zeichnet in erster Linie aus, dass sie offen für Neues ist und Widerspruch nicht nur zulässt, sondern ihn braucht. Das ist nicht selbstverständlich. Denn das Neue ist unbekannt, unsicher und möglicherweise auch mit Risiken behaftet. Eine moderne Gesellschaft verlässt sich nicht auf die Regierung. In einer modernen Gesellschaft verlässt sich der Einzelne erst mal auf sich selbst und dann auf sein näheres Umfeld, die Familie und Freunde, und erst an letzter Stelle greift der Staat und sein Netz an Hilfen ein.

In einer modernen Gesellschaft sind „die da oben“ auch nicht so wichtig. Sie sind die Dienstleister der Bürger. Nicht die Bürger sind in dieser Gesellschaft zur Transparenz verpflichtet, sondern die Regierung und ihre Organe. Zu diesem Idealzustand muss eine offene Gesellschaft immer wieder erneut streben. Das ist oft leichter gesagt als getan. Denn Regierungen und Parlamente streben nach Macht und Einfluss. Diese Macht ist im Rechtsstaat aber begrenzt durch das Gesetz. Doch auch das Gesetz kann Recht aushebeln. Jüngste Beispiele sind das Netzdurchsetzungsgesetz der großen Koalition, wo die Betreiber von Sozialen Netzwerken wie Facebook zu Hilfssheriffs der Regierung degradiert werden, um die Meinungsfreiheit einzuschränken.

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Das Recht muss daher immer von einer offenen Gesellschaft verteidigt werden. Die Gleichheit vor dem Recht ist dabei der Maßstab. Es darf keine Unterschiede machen, ob jemand arm oder reich ist oder Einfluss bei den Oberen hat oder nicht. Dieses Recht unterliegt einem kulturellen und gesellschaftlichen Wandel. Was vor hundert Jahren als unrecht empfunden wurde, muss heute längst nicht mehr unrecht in den Augen einer Gesellschaft sein. Früher war der Ehebruch nicht nur vor dem Gesetz verboten, sondern auch Unrecht in den Augen der Gesellschaft. Seitdem findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, der auch die Gesetzgebung beeinflusst hat.

Seit 1969 wird der Ehebruch nicht mehr strafrechtlich sanktioniert und seit 1977 wird die Schuldfrage bei Scheidungen nicht mehr gestellt. Die hohen Scheidungsraten lassen auch einen gesellschaftlichen Wandel im Rechtsempfinden der Menschen erkennen. Das muss man nicht gut finden, dennoch verändert sich die Gesellschaft.
Damit gesellschaftlicher Wandel stattfinden kann und Regierungen ihre persönliche Meinung nicht zum Maßstab aller erklären, müssen Gesetze allgemein, abstrakt und für alle gleich sein. Wenn Regierungen Einzelfallgerechtigkeit per Gesetz durch immer neue Paragrafen herstellen wollen, dann verschlimmbessern sie das Recht. Es wird bürokratisch, interventionistisch und damit ungerecht. Der Einzelne versteht es nicht mehr, muss sich einen Rechtsbeistand nehmen, den wiederum nicht jeder sich leisten kann. Damit wird das Gesetz ungerecht, weil es nur noch auf dem Papier für jeden gleich ist.

Nicht alles, was gut gemeint ist, ist in seiner Wirkung auch gerecht. Die Sozialgesetzgebung in Deutschland ist das beste Beispiel für diese Einzelfallgerechtigkeit. Sie hilft nicht den wirklich Bedürftigen, sondern auch denjenigen, die sich eigentlich selbst helfen können. Letztere zahlen das mit ihren Steuern und Abgaben, die ein Rekordniveau erreichen und den Staat immer fetter und einflussreicher machen. Auch das führt zu immer mehr Unfreiheit. Haben Sie Mut zu Recht und Freiheit!

Zuerst erschienen in der Fuldaer Zeitung.

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Kommentare

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  • Sören Hader

    „Sie versuchen Ihre „Selbstverständlichkeiten“ zum Gesetz zu machen.“

    Ein feiner Unterschied, ich weise darauf hin, welche allgemeinen Eigenschaften Verträge haben. Umgekehrt höre ich von Ihnen Aussagen wie „bis dass der Tod Euch scheidet“ und sind der Ansicht, meine Freu/Freundin würde meine Sichtweise nicht verstehen. Sind Sie sicher, dass Sie nicht Ihre Selbstverständlichkeiten zum Gesetz erklären? 🙂

    „Das Ding mit Freundin oder Frau könnte ebenso Ihr eigenes Postulat sein, für das es keine Grundlage gibt. ;-)“
    Halten Sie es nicht für möglich, dass ich mit denen über diese prinzipiellen Dinge schon gesprochen habe? Oder schließen Sie hier von sich auf mich? 😉

  • Sören Hader

    Die Ernsthaftigkeit der Zusage zur Ehe wird nicht in Zweifel gezogen, wenn man von einem Vertrag spricht. Ich möchte nur darauf hinweisen, jede Übereinkunft, oder Vertrag oder Zusage enthält auch die Option des Ausstiegs. Man kann von niemanden erwarten unter allen denkbaren Umständen bei der Zusage zu bleiben.

    „Aber auch „Vertrag“ heißt nicht per se, dass er zur Wiederauflösung vorgesehen sein muss.“

    Doch, die Möglichkeit einer Vertragsbeendigung muss immer gegeben sein.

    „Die standesamtlich geschlossene Ehe sieht jedenfalls keine vertragliche Scheidung vor.“

    Natürlich, wir haben doch Scheidungen. Es steht außer Frage, dass für die Scheidung bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen und nicht nur ein einfaches „wir wollen nicht mehr“ genügt.

    „Wann fangen Sie an, Absicht und Sinn einer Sache zählen zu lassen anstelle von herbeigequälter Rechthaberei mit Nachrangigem, das bei anderen Gelegenheiten die Hauptsache ist, nämlich zwischen Fremden :-)) die in der Regel auch Fremde bleiben wollen.“

    Lieber Herr Wolkenspalter, Sie meinen doch damit, Absicht und Sinn einer Sache, die Sie persönlich für wichtig halten. Das ist auch vollkommen okay, solange Sie zur Kenntnis nehmen, wie die Allgemeinheit Zusagen und Verträge sieht.

    „Erzählen Sie ihrer Freundin oder Frau, falls Sie eine haben, besser nichts von dieser Diskussion. Sie könnte davonlaufen.“
    Warum sollte sie? In dem Punkt hatten wir immer eine übereinkommende Ansicht.