Der Spiegel seit 12 Wochen auf Schulz-Trip

Die Nr. 17/2017 ist die 12. Ausgabe seit der Ausrufung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten. Sie ist auch ein Unikat: Das erste Heft seit Januar ohne eine einzige Story mit direktem Bezug zum Schulz-Wahlkampf.

© Steffi Loos/Getty Images

Die Frage, wann der Bundestagswahlkampf 2017 begonnen hat, ist einfach zu beantworten: am 24. Januar dieses Jahres. Da sickerte die Nachricht durch, dass nicht Sigmar Gabriel sondern Martin Schulz die Bundeskanzlerin herausfordern werde. Von Stund‘ an war alles anders: Der unmittelbar danach einsetzende Schulz-Hype bescherte der SPD in den Umfragen Zuwächse, wie sie Meinungsforscher so noch nie gesehen hatten.

Unmittelbar danach nahm der „Schulz-Zug“ Fahrt auf – und die Medien, allen voran Der Spiegel, machten begeistert Tempo. Plötzlich schienen nicht nur bisher verzweifelte SPD-Genossen den Kandidaten als „Gottkanzler“ zu verklären. Auch das sich sonst gerne abgeklärt gebende „deutsche Nachrichten-Magazin“ war schnell von der Schulz-Manie infiziert – und sorgte freudig für die Verbreitung dieses „Erregers“.

Im Dienste des Machthungers des Kandidaten Schulz
DER SPIEGEL Nr. 5 - Sankt Martin
12 Wochen und 12 Spiegel-Ausgaben später muss man keinen Spion im Willy-Brandt-Haus haben, um sich vorstellen zu können, dass man dort mit dem Rückenwind, der von der Alster her weht, mehr als zufrieden ist. Und hier der bisherige Spiegel-Fahrplan für den publizistischen Schulz-Zug:

28. Januar: Spiegel 5/2017 erscheint am Vorabend der offiziellen Schulz-Ausrufung. Er widmet, was logisch ist, dem Kandidaten Titelbild und Titelgeschichte: „Sankt Martin“. Damit ist der Ton der Kampagne gesetzt: Dieser Kanzlerkandidat ist der gute Mensch von Würselen, er macht „Gerechtigkeit“ zu seinem Thema. Zugleich wird er zum Beinah-Heiligen befördert. Immerhin treibt den Neuen nach Ansicht des Spiegels nicht nur Nächstenliebe, sondern auch „Machthunger“.

4. Februar: Zwei Schulz-Titel hintereinander – das geht nicht. Dafür gibt es in der Ausgabe 6/2017 ein großes Interview mit dem Kandidaten; aus journalistischer Sicht ist das auch richtig. Als Zugabe eine Geschichte über die „fehlende Geschlossenheit zwischen Merkel und Seehofer“. Tenor: Vorteil Schulz.

11. Februar: Eine Woche später wird Schulz schon wieder ein Titel gewidmet: Ein übergroßer Schulz und eine kleine, ängstliche Merkel. Überschrift: „Merkeldämmerung: Kippt sie?“ Im Willy-Brandt-Haus dürften sie gejubelt haben. Allerdings kritisiert der Spiegel 7/2017 zum ersten Mal seinen „Sankt Martin“ und berichtet über „fragwürdige Privilegien“ für die Getreuen des ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten. Alles in allem: zu 80 % positiv für Schulz.

18. Februar: Im Spiegel 8/2017 setzt die Redaktion mit dem Jubeln mal aus. Sie legt beim für Schulz unerfreulichen Thema der „Versorgung“ von Brüsseler Mitarbeitern sogar noch nach. Aber zu viel Negatives soll auch nicht sein. Angela Merkel wird in einer Kolumne empfohlen, sich „neu zu erfinden.“ Kein Wunder – bei diesem Herausforderer auf der Erfolgsspur.

25. Februar: Eine Woche später stößt die Lokomotive des Schulz-Zugs weißen Rauch aus. Der Titel: „Die Schulz-Debatte: Wie gerecht ist das Land?“. Was kann sich ein Kandidat mehr wünschen, als dass „das deutsche Nachrichten-Magazin“ sich seines zentralen Wahlkampf-Themas intensiv annimmt? Der Tenor: Mehr Gerechtigkeit könnte es schon sein.

4. März: Nein, man kann den Lesern nicht jede Woche aufs Neue verkaufen, wie toll doch „Sankt Martin“ ist. Aber indirekt geht immer was. Also beschäftigt sich die Ausgabe 10/2017 mit der CDU-internen Kritik an CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Und warum ist der wohl unter Beschuss? Richtig: weil der Schulz-Zug mit immer höherem Tempo durch die Lande rast.

11. März: Der Kandidat ist ausgiebig vorgestellt, gewürdigt und gepriesen. Was nun? Es wird sich doch jemand von außerhalb des Politikbetriebs auftreiben lassen, der etwas Positives sagt. Das klappt: Ein Arbeitsmarktexperte lobt in Ausgabe 11/2017 die Pläne von Kanzlerkandidat Schulz für ein neues „Arbeitslosengeld Q“. Und das, obwohl der Experte zugibt, zunächst skeptisch gewesen zu sein. Doch inzwischen hat er es sich im Schulz-Zug recht bequem gemacht.

18. März: Die Ausgabe 12/2017 erscheint einen Tag vor dem SPD-Sonderparteitag, auf dem Schulz zum SPD-Vorsitzenden gewählt und – ganz offiziell – als Kanzlerkandidat nominiert werden soll. Mit Blick auf die Krönungsmesse muss man den Lesern schon etwas Besonderes bieten. Was der Spiegel auch tut: Eine Analyse, „wie Angela Merkel hinter ihrem Amt verschwindet“, also schon scheintot ist. Dazu eine wohlwollende Story zur Vorbereitung von Rot-Rot-Grün: „Oskar Lafontaine sucht den Frieden mit der SPD.“ Man hört förmlich die Osterglocken – wenn auch etwas verfrüht – läuten: Die Wiederauferstehung der SPD als Kanzlerpartei.

25. März: Die Umfragen sind nicht mehr ganz so gut für „Sankt Martin“ und die SPD. Der Spiegel 9/2017 trägt dem Rechnung. In ihrem Essay „Er ist da“ fragt Christiane Hoffmann, ob der Hype um Schulz nicht doch nur eine Blase ist: „Kann das gut gehen?“. Der Schlusssatz bringt die Hoffnungen der SPD – und der Spiegel-Redaktion – auf den Punkt: „Er könnte aber auch die Antwort auf die widersprüchlichen Erwartungen vieler Deutscher sein: populistisch im Habitus, aber gemäßigt in seinen Inhalten, kein Volkstribun und doch ein bisschen charismatisch.“

1. April: Die rot-roten und rot-rot-grünen Pläne an der Saar sind zerplatzt; die SPD wird trotz Schulz von der CDU auf Distanz gehalten. Der Spiegel schaltet schnell um. In Nr. 14/2017 werden „Die Pläne von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz für eine Ampelkoalition“ enthüllt und Altkanzler Gerhard Schröder darf den Kandidaten in einem Interview loben sowie vor Rot-Rot-Grün warnen. Doch die Redaktion spürt: Schulz braucht Hilfe. Also gibt’s als dritten Beitrag zum Schulz-Wahlkampf ein Gespräch mit dem Ex-Buchhändler Schulz über seine literarischen Vorlieben. Aus dem Kandidaten für die „hart arbeitende Mitte“ („Gerechtigkeit“) wird auch ein Kandidat für die Gebildeten aller Stände (Bücher sind für ihn „Lebensmittel“).

8. April: Es naht der 50. Todestag Konrad Adenauers am 19. April. Die CDU plant, aus diesem Anlass den Gründungskanzler der Republik in hellem Licht erstrahlen zu lassen. Spiegel 15/2017 bietet das Kontrastprogramm: Eine negative Titelgeschichte über den Alten: “Geheimakte Adenauer. Machtmissbrauch, Bestechung – und Spähangriffe gegen Willy Brandt.“ Nichts davon ist neu, aber wir befinden uns halt in einem Wahljahr. Die Redaktion vergisst auch Martin Schulz nicht völlig. Kardinal Reinhard Marx unterstützt Schulz im Interview durch sein Plädoyer, Gerechtigkeit zum Wahlkampfthema zu machen. Auch ist der Kirchenmann – ganz im Sinne von Rot-Rot-Grün – für höhere Steuern. Amen.

15. April: Nichts Neues von der Wahlkampffront. Der Schulz-Zug dampft, kommt aber nicht von der Stelle. Für den Spiegel kein Grund zum Verzagen. In seinem Kommentar empfiehlt René Pfister der CDU vorsorglich, mit dem „Nachdenken über die Zeit nach ihr (Merkel)“ schon jetzt zu beginnen. Die Zeit nach Merkel? Für den Spiegel scheint die schon im September 2017 anzubrechen. Aber es gibt auch einen kritischen Hinweis an Schulz: dass nämlich kleine Leute, anders als „Sankt Martin“ behauptet, vom Staat doch stark geschröpft werden – weniger über die Lohnsteuer als über Sozialabgaben.

24. April: Die Nr. 17/2017 ist die 12. Ausgabe seit der Ausrufung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten. Sie ist auch ein Unikat: Das erste Heft seit Januar ohne eine einzige Story mit direktem Bezug zum Schulz-Wahlkampf. War die Schulz-Fraktion in der Spiegel-Redaktion etwa kollektiv im Urlaub? Hat der Spiegel seinen „Sankt Martin“ etwa schon abgeschrieben. Warten wir’s ab.

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Kommentare ( 43 )

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Dafür dürfen wir zwangsweise den St. Martin spielen und unseren mottenzerfressenen Mantel mit den ganzen Goldstücken teilen. Ich erwarte stündlich die Einladung zur Seligsprechung.

Wissen Sie, Herr Müller-Vogg, ich mache mir da gar nicht so viele Gedanken zum Herrn Schulz wie Sie. Als ehemaliger Aachener kenne ich ich den Herrn und seine Verheerungen in der Nachbargemeinde nur zu gut. Schulz ist ein Nichts; ein Schaumschläger. Er steht für nichts, verspricht alles und wird ganz sicher nichts davon halten Wenn es an großen Figuren in der Politik mangelt, kommen immer solche Naturen wie er temporär ins Rampenlicht. Schulz ist wie die Kamille, welche sich auf den Schuttfeldern alter Industriebrachen breit macht, bevor größere Büsche oder gar Bäume das Gelände zurückerobern. Ein „Brachsiedler“, der aber nur… Mehr

Man muss leider immer wieder sagen : Ausgerechnet der Schulz muss das Maul aufmachen. Diese ideologisch-kranken Heuchler und „Moralwächter“ der Einheitspartei lügen dem Bürger frech ins Gesicht, und ausgerechnet der rote Spiegel (Zufall?) bläst diese kleine abschlusslose Suffunke zum Messias auf. Dabei merken diese gekauften Qualitätsjounalisten nicht einmal, dass Schulz‘ Reden, polemisch, reisserisch und verlogen sind. Dieser Schulz verkörpert genau das, was man der AfD vorwirft.

Ergänzung !
Der SPIEGEL/SPON sind nicht einfach „Meinungsjournalismus“ sondern
„Meinungsmanipulationsjournalismus“
Damit kommt man der Wahrheit über diese MSM näher !

Danke. Stimme Ihnen zu. Muß heißen : in „demokratrischen Gewässern“. Traurig, traurig, aber wahr!

Eher Twilight Martin…..

Richtig,
ich habe nochmal nachgeschaut und rausgefunden, dass das Original von Otto stammt:

Das Original hieß „Theo, vier fahren nach Lodz“

Daraus hat Merkel dann ihr „Vier schaffen das“ gemacht.

Bislang weiss aber immer noch niemand, von welchem „Vier‘ hier die Rede ist.
– Meinte Merkel die Vier Musketiere ?
– oder meinte Merkel die Vier Jahreszeiten ?
– oder waren damit doch „Vier alle gemeint ?

Fazit:
Die Prinzen haben doch recht:
„Denn es ist alles nur geklaut…“

Ich stelle mir das „Wir schaffen das“ als ultimatives Überbleibsel ihrer FdJ-Zeit vor. Wurde bestimmt auch schon gemeinsam intoniert, wenn drei Männekes zusammen das neue 100qm große FdJ-Heim aus dem Boden stampfen wollten. Packen sich gegenseitig an die Hände und Jaulen „Wir schaffen das“. Ein Stunde später macht ein Gewitter dem Trauerspiel ein Ende.

Zitat aus dem heutigen Westfalenblatt, “Das europäische Amt für Betrugsbekämpfung sieht keine Anhaltspunkte, dass es im Europaparlament unter dem heutigen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz zu juristisch relevanten Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Schulz wurde vorgeworfen, sich als EU-Parlamentspräsident für die Karriere von Mitarbeitern eingesetzt zu haben“ ENDE
juristisch relevant, was soll man davon halten? Ein Thema für den nächsten Spiegel?
Nur noch widerlich.

Ist auf der Rolle aber immer noch günstiger.