DER SPIEGEL Nr. 5 – Sankt Martin

Das SPIEGEL-Autoren-Ensemble ist von der Lichtgestalt Schulz offensichtlich geblendet und trägt in „Sehnsucht nach Größe“ fleißig alles an Positivem über den neuen Kanzlerkandidaten zusammen, was nur irgendwie zu finden war: Gesinnungsjounalismus pur.

Der SPIEGEL enttäuscht in dieser Woche mit Gesinnungsjournalismus pur. Das Autoren-Ensemble, angeführt von Markus Feldenkirchen, trägt, von der Lichtgestalt Schulz offensichtlich geblendet, in „Sehnsucht nach Größe“ fleißig alles an Positivem über den neuen Kanzlerkandidaten zusammen, was nur irgendwie zu finden war. Negative Seiten werden auf den wenigen Zeilen, die sie ausmachen, gleich einer anonymen Schar von Kritikern zugeschrieben. Und unklar bleibt, wozu Schultz überhaupt antritt? Immerhin trägt die SPD die Politik der Kanzlerin mit. Was unterscheidet ihn vom Original? Das ist die Frage, die die Wahl entscheiden wird – und für die SPD scher zu beantworten ist.

Martin Schulz, von Januar 2012 bis Januar 2017 Präsident des EU-Parlaments, betätigte sich für EU-Präsident Jean-Claude Juncker und Angela Merkel jahrelang als Strippenzieher. Auch wenn sich Schulz verbal als der größte Europa-Versteher gibt, muss die Frage erlaubt sein, wer die Verantwortung für den Niedergang der europäischen Vision und das miese EU-Image trägt? Ganz bestimmt nicht zuletzt der ehemalige Präsident des EU-Parlaments, dessen Aktivitäten bisher vorwiegend auf eine Verteidigung des Status quo, dem Klopfen auf die eigene Schulter und auf Erstarrung zielen. Und so jemand soll jetzt in Deutschland was bewegen? Wenn er der Retter der SPD sein soll, dann fragt man sich, in welch schlechter Verfassung die Partei ist, dass sie ein Strohfeuer als Erscheinung des Heilsbringers willkommen heißt.

Aber es kommt noch schlimmer: Offensichtlich scheint die Selbstbeweihräucherung der Autokraten, die in China, Russland, der Türkei und neuerdings auch in den USA brutal ins Wirtschaftsgeschehen eingreifen, gestandene SPIEGEL-Redakteure wie Dietmar Hawranek, Martin Hesse, Alexander Jung, Christoph Pauly, Michael Sauga und andere nachhaltig zu beeindrucken. Der Beitrag „Befehls-Wirtschaft“ kritisiert die naive und wirre Trumpsche Wirtschaftspolitik nur moderat. Wie kann denn Trumps Ankündigung, gleichzeitig Steuern zu senken und in die Infrastruktur zu investieren, überhaupt als ernsthaftes Programm betrachtet werden? Die USA zählen eine Vielzahl von kompetenten Ökonomen und Wirtschaftsfachleuten, die man dazu befragen sollte. Soros hat sich bereits zum Amoklauf von Trump geäußert. Wer wie Trump Export- und Importströme lenken will, wird bald auch zum Investitionslenker. Und die sind in der Vergangenheit allesamt gescheitert.

Es wäre an der Zeit, dass der SPIEGEL sich ernsthaft der sich abzeichnenden, von diesem Dilettanten verursachten Weltwirtschaftskrise annimmt und den transatlantischen Amoklauf volkswirtschaftlich analysiert. Es wäre ein Anfang, den Lesern den Unterschied zwischen Leistungsbilanz und Handelsbilanz zu erklären und zu analysieren, in welchem Maße der Leistungsbilanzüberschuss von Mexiko gegenüber den USA nicht nur von VW, Audi oder Porsche verursacht wird, sondern in hohem Maße von den Geldtransfers der Mexican Americans.

Warum Ursula von der Leyen bereits jetzt verlauten lässt, dass die Deutschen für mehr als eine Milliarde Euro Flugzeuge von Lockheed ordern wollen, ist mir schleierhaft. Wenn man schon einen solchen Trumpf in der Hinterhand hat, dann spielt man ihn doch dann aus, wenn er gebraucht wird – als Verhandlungsmasse zum Thema Strafzölle für deutsche Exporte. Der SPIEGEL nimmt für sich in Anspruch, als vierte Gewalt Politik zu machen. Strategisch denken und handeln würde dazu gehören. Mit derartigen Veröffentlichungen verdirbt man „Deals“.

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