Wie die Endemann-Ebbe alle Boote senkt

Eine Ebbe senkt an der Börse alle Boote - auch die Guten. Selbst wenn man am Ende Recht behält, geht es stärker und tiefer runter, als man aushalten kann. Der Unterschied ist nur, die guten Boote steigen in der nächsten Flut wieder, die schwachen Boote saufen dagegen ab und verschwinden.

Aus der Reihe „selbstgemachter Bockmist“ habe ich heute eine kleine Erzählung für Sie, die aber trotzdem eine wichtige Botschaft enthält. Diese knüpft inhaltlich an den Artikel – > Du wirst Angst haben! < –  an und würzt dessen Botschaft mit ein paar netten Anekdoten und Erlebnissen aus meinem Börsenleben.

Denn man kann am Markt eine Sache sehr richtig sehen und trotzdem das Falsche tun, oder in anderen Worten:

Zu früh ist auch nur ein anderes Wort für falsch

Wir schreiben das Jahr 2000 und die Internet-Blase feiert an den Börsen fröhliche Urstände. Und mitten drin bin ich, der Ihnen bekannte Michael Schulte, auch „Hari“ genannt, der damals schon Firmenchef eines mittelgroßen Software-Unternehmens war.

Insofern war ich ja „Brancheninsider“ und ich erinnere mich noch genau, wie ich mich damals immer wieder über die Übertreibungen von Internet-Firmen wie Endemann!! lustig gemacht habe. Das war für mich schon damals offensichtlich eine nette Fassade mit ganz viel heißer Luft dahinter, und ich weiß nicht mehr, wie oft und wie sarkastisch ich meine Gesprächspartner vor diesen „Geschäftsmodellen“ gewarnt habe: Ende für Endemann

Mir war also damals ziemlich klar, dass wir es hier und bei vielen anderen hochgejazzten Geschäftsmodellen, mit einer massiven Übertreibung zu tun hatten und ich habe meine Finger damit nicht verbrannt. Gleichzeitig war ich ja schon seit Ende der 80er Jahre, seit über 10 Jahren aktiv im Markt unterwegs, wenn auch leider alles als Autodidakt – einen Dienst wie Mr-Market heute gab es damals nicht. Und vor allem, ich hatte einen anstrengenden Job, war in den Jahren damals auf dem steilen Karrierepfad und hatte daher gerade mal die berühmte knappe Stunde am Tag für Börse Zeit, die ja auch für viele von Ihnen nun das Thema ist.

Insofern war ich im Jahr 2000 für einen Privatanleger schon etwas erfahren und gleichzeitig Branchenexperte, der die Blase rund um Endemann!! und ähnliche „Buden“ eindeutig sehen konnte. Da konnte doch nicht mehr viel schief gehen, oder?

Doch konnte es. Denn seit dem Ende der 80er Jahre – ich bin mehr oder weniger mit dem Schwarzen Montag zur Börse gekommen – gab es bis 2000 praktisch keinen einzigen harten Einbruch. Der einzige nennenswerte Event mit dem LTCM Crash 1998 wurde schnell wieder gekauft.

Wie ich anlagetechnisch vom Jüngling zum Mann wurde

Nicht unähnlich wie es vielen heute gehen wird, die auch erst seit knapp 10 Jahren im Markt sind, hatte ich zwar von Baissen und Crashs gehört, aber nie selber eine erlebt und insofern konnte ich mir die Härte der Dinge auch nicht vorstellen. Nun, ich wurde ab 2000 aufgeklärt, wenn man so will, wurde ich da anlagetechnisch vom Jüngling zum Mann. Denn ich hatte als Branchenexperte nicht nur gesehen, was für ein aufgeblasener Luftballon Endemann und Co. waren, ich kannte aber auch viele große Softwarefirmen und war davon überzeugt, dass die in gar keiner Blase waren und erst am Anfang einer Erfolgsgeschichte.

Aber Mangels Zeit und mangels Wissen um die Markttechnik, hatte ich damals Aktien eben primär nach fundamentaler Überzeugung im Depot, verknüpft mit ein bisschen rudimentärem Risikomanagement auf der Ebene des Gesamtdepots – deshalb hatte ich ja 2000 auch schon allerlei verkauft. So hatte ich damals Namen wie SAP, Adobe, Oracle, Microsoft und Co. im Depot und war von deren Substanz und Zukunftschancen überzeugt. Auf gut Deutsch, diese Aktien wollte ich nicht verkaufen! Gleichzeitig war mir 2000 aber „mulmig“, mein Instinkt meldete sich und ich habe wenigstens viele andere Sachen verkauft und so meine Risiken reduziert.

Aber diese Software-Bluechips habe ich gehalten und ich kam ja aus der Branche, kannte deren Geschäfte, was sollte mir also passieren? Wie schmerzhaft so ein Absturz sein kann, konnte ich mir nicht vorstellen, ich hatte ja noch nie einen wirklich erlebt. Tja …..

Keine Vorahnung des Schmerzes 

Ich hatte eben noch nicht das Wissen und die Erfahrung, die ich heute habe und wenn mir damals jemand einen Artikel wie Du wirst Angst haben! geschrieben hätte, wäre ich sicher konsistenter und disziplinierter auch bei diesen Werten raus gegangen. Aber hätte, hätte, Fahrradkette, ich war von meiner fundamentalen Sicht fest überzeugt.

Bei Adobe beispielsweise ist es so wie unten gelaufen, ich weiß es noch wie gestern, weil ich mich so geärgert habe, vor allem weil es bald nach dem Ausstieg dann wieder hoch ging. Ich kann Ihnen nicht mehr den präzisen Aus- und Einstieg sagen, dazu müsste ich lange in alten Unterlagen forschen, aber ich weiß noch, dass ich erst bei mehr als 50% Minus raus bin und dann 2003 etwas tiefer wieder rein:

Das sieht ja nun nicht so schlimm aus, ist aber eine optische Täuschung wegen der logarithmischen Darstellung. Die echte, gefühlte Fallhöhe im Depot bringt die lineare Darstellung besser herüber, das war einfach *brutal*!

Auch Bluechips werden geschlachtet

Beim Ausstieg hatte ich also bei Adobe, diesem Bluechip, schon über 50% von den Höchstständen verloren! Einfach weil ich fundamental so überzeugt war und mich damit (zu) lange gegen den Markt gestellt hatte.

Heute würde mir das nicht mehr passieren, heute würde ich nicht mehr alleine wegen fundamentaler Erwägungen halten, sondern ganz hart mein Risikomanagement fahren.

Und das Perfide daran war, ich hatte ja trotzdem fundamental völlig Recht!

Ich war kein verblendeter Jünger absurder Geschäftsmodelle und ich hatte völlig Recht in meiner Einschätzung der Substanz und der Zukunftsentwicklung von Adobe. Ich hatte völlig recht und lag trotzdem falsch. Denn mehr als 50% Verlust waren einfach zu viel und auch wenn man fundamental recht hat, zu früh ist eben nur ein anderes Wort für falsch!

Als es dann in 2003 wieder hoch ging, war ich glücklicherweise schon klug genug solche Aktien wieder einzusammeln, im Saldo habe ich mich im Crash 2000-2002 auch akzeptabel geschlagen und sogar daraus einen minimalen Vorteil generiert, weil im Mittel tiefer wieder eingestiegen als ausgestiegen.

Aber wirklich richtig gut nach meinen heutigen Maßstäben habe ich das damals nicht gemacht. Mir hat damals einfach die Erfahrung im Umgang mit solchen Krisen gefehlt. Dank dieser Erfahrung und der Schlüsse, die ich daraus gezogen habe, konnte ich dann 2008/2009 richtig profitieren. Ab März 2009 war ich praktisch mit dem Tief – ich weiß noch der DAX war noch knapp unter 3.800, als ich eingestiegen bin – dann voll dabei und hatte 2009/2010 die prozentual gesehen besten Jahre meiner Anlagegeschichte.

Aber 2000-2002 war trotz meiner Voraussetzungen als Brancheninsider trotzdem noch „Lehrzeit“ für mich, obwohl ich damals schon weit mehr als 10 Jahre im Markt und keineswegs unerfahren war.

Was lernen wir daraus? Eine Menge:

Erstens, senkt die Ebbe alle Boote – auch die Guten. Der Unterschied ist nur, die guten Boote steigen in der nächsten Flut wieder, die „Endemanns“ saufen dagegen ab.  Wir sollten also nie glauben, mit fundamentalen Argumenten stur Kurs halten zu können. Wie bei Adobe geht es – selbst wenn man am Ende Recht behält – stärker und tiefer runter, als man aushalten kann. Lieber also gleich frühzeitig ein sauberes Risikomanagement, zumal sich auch unter vermeintlich fundamental guten Unternehmen, auch mal ein Betrugs-Schema im Stile von Enron verstecken kann.

Zweitens, man kann am Markt fast alles richtig sehen und auch die richtigen Aktien haben und trotzdem Geld verlieren, weil einen das eigene „Affenhirn“ emotional im falschen Moment überwältigt. Um das zu vermeiden, braucht es im Vorfeld eine klare, eindeutige Strategie, auf die man sich verpflichtet!

Drittens, ist am Markt zu früh nur ein anderes Wort für falsch und das gilt gerade auch für permanente Crash-Weissagungen. Auch für die besten Aktien braucht man einen sinnvollen Einstiegspunkt, und auch die beste Aktie kann sich halbieren – jede Aktie kann das!

Viertens, geht erfolgreicher Börsenhandel nur über Erfahrung. Input von dritter Seite kann diesen Erfahrungs-Prozess beschleunigen und unterstützen, aber nicht ersetzen. Lassen Sie sich also Zeit und erwarten Sie nicht zu viel von sich. Die Börse lässt sich zu nichts zwingen und ein guter, erfolgreicher Trader/Anleger ist nicht jemand, der keine Fehler macht, sondern einer, der daraus lernt und das kostet Zeit!

So …. und wenn Sie diese Worte nun wirklich ernst nehmen, dann haben Sie die Chance, durch die Wahl guter, unabhängiger Quellen zum Thema Märkte, dem nächsten zu 2000 vergleichbaren Event aus dem Wege zu gehen. Was wäre ich im Nachhinein froh gewesen, mir hätte diese Wahrheit mal im Jahr 2000 jemand mit Macht ins Bewusstsein gepresst!

Nun wissen Sie übrigens auch, warum ich so prägnant über diese psychologischen Effekte schreiben kann. Eben weil ich sie selber erlebt und durchlitten habe und viele klassische Fehler selber gemacht habe! Das ist der Unterschied zwischen einem Theoretiker und Praktiker, gerade im Börsenhandel ist der himmelweit!

Ihr Michael Schulte (Hari)

Unterstützung
oder

Kommentare ( 13 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Andere bringen wir ungekürzt.
Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

----

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Niemand beherrscht den Markt. Der Markt beherrscht uns. Linksgrüne begreifen das nicht. Die denken immer noch, der Staat würde entscheiden. Unser Staat ist der Markt, nicht die Merkel-BRD. Der Markt ist aber nichts anderes als das momentan global investierte Kapital. Dahinter stecken immer Menschen. Also machen Menschen den Markt. Nur eben eine Vielzahl anonymer Menschen. Diese Menschen vorherzusagen, entscheidet über den Börsen-Erfolg. Wir wissen nicht, wann die Kapitalmehrheit wieder aus Aktien raus will. Das kann noch viele Jahre dauern.

Nachher ist man immer schlauer – und an der Börse wird bekanntlich nicht geklingelt. Trotz allem erscheint mir ein Investment in Aktien aktuell immer noch sinnvoll – wenn nicht sogar alternativlos. Was ist denn besser als an einem Pool von erfolgreichen, seriös gemanagten Unternehmen beteiligt zu sein? Draghi-Geld, Staatsanleihen, Immobilien oder gar „Substanzwerte“ wie Schiffs-/Containerbeteiligungen? Nein – unter Rendite-, Sicherheits- und Liquiditätsgesichtspunkten geht nichts über Direktinvestitionen in Aktien.

Hallo Herr Schulte. Ich lese seit geraumer Zeit Ihre Kommentare und Meinungen über die Börse, auch aus Ihrem Blog Mr-Market. Wie so oft, so erscheint mir auch der Tiefgang dieses Artikels als schnell erschöpft. Man kann Ihre Kernaussagen i.d.R. auf Risiko-Management, „Keiner-kennt-den-Markt-wirklich“ oder makroökonomischste Mutmaßungen reduzieren. Ich war damals versucht, Ihren Blog für nicht wenig Geld zu abonnieren. Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe. Letztendlich nutzt ein wirklich guter Börsenkenner seine Zeit, um Papiere erfolgreich zu handeln und nicht um Blogs zu schreiben. Abschließend würde ich mir etwas mehr Substanz und konkretere Aussagen wünschen, ansonsten bleibt es… Mehr

Fast … als hätten sie „meine Geschichte“ erzählt. 😉 😉 😉

Ja, aber… Ich habe diese Erfahrungen damals auch gemacht. Trotzdem erschließt sich mir die Intention des Artikels nicht: „wenn Sie diese Worte nun wirklich ernst nehmen, dann haben Sie die Chance[…]“ – die Chancen sind unabhängig davon, ob ich die Worte ernst nehme. Aber WAS zu tun ist, um meine Chancen zu erhöhen, darüber schweigt sich der Artikel aus. Mit Recht, denn die Meinungen angeblicher Glaskugel-Besitzer sind Zeitverschwendung.

Niemand kann die Marktentwicklung vorhersagen, auch nicht die Anleger mit langjähriger Erfahrung. Daher frage ich mich nach der Lektüre des Artikels: Was will der Künstler mir damit sagen?

Ich sehe es so, dass er sagt, dass Aktienkauf kein Bund für´s Leben ist, und man eben gehen soll wenn die Party vorbei ist.

+

>> tja, die Kunst ist, *den Mut zu haben, anders zu denken, als alle Anderen* – den Herdentrieb zu überwinden – ich mein´: das will uns der Herr hier sagen – genau deshalb, les´ ich ihn so gerne!

+++

Das ist doch mal wieder eines der positiven, aber seltenen Beispiele, dass es an der Börse nicht nur Verlierer gibt. Denn in der Masse haben die Deutschen keine Aktien, ertragen den Nullzins, und die Geldentwertung, regen sich dann aber über einen Joe Kaeser auf, der etwas rüde formuliert, dass man sich durchaus mit Aktien beschäftigen soll. Das ist übrigens weniger risikoreich, als sich mit einer eigenen Idee selbständig zu machen. Es sei denn man erbt einen Betrieb von den Eltern, und kann auf einen vorhandenen Kundenstamm aufbauen. Schön zu lesen, dass wir alle die gleichen Fehler machen. Hat man anfangs… Mehr

Den „goldenen Weg“ hinsichtlich des Aktienmanagements gibt es wohl nicht. Im Zweifel, so denke ich, liegt man mit der „Handlungsanweisung“ des Altmeisters Kostolany nicht verkehrt.

1. Nur in grundsolide Werte investieren. 2. Nur das Geld investieren, das wirklich „übrig ist“ und langfristig nicht benötigt wird. 3. Sich vom Tagesgeschehen nicht „verrückt“ machen lassen und die Investition „einfach vergessen“. 4. Nach 30 oder so Jahren mal wieder nachschauen und sich daran freuen, daß man mit relativ kleinem Einsatz „quasi über Nacht“ (auch wenn die 30 Jahre gedauert hat) Millionär geworden ist.

🙂

Hallo Herr Schulte, gute und richtige Weisheiten für jeden, der „in Aktien machen“ will, und in Zeiten des abgeschafften Zinses sollte man das auch tun. In Deutschland gibt es jedoch ein spezifisches Problem, ein psychologisches. Ich besitze als Familienerbstück einen Reichsmarkschein aus dem Jahre 1923. Wert: 50 Milliarden Mark. Nur aufgestempelt, gedruckt wies der Schein 5 Milliarden aus, aber das war wohl drei Tage zuvor gewesen. So wie mich entsinne, sagten mit meine Großeltern, Zeitgenossen von damals, sie hätten davon einen Koffer voll gebraucht, um eine Flasche Milch zu bekommen. Vor der Inflation gab es die für 10 Pfennig, oder… Mehr

Welches Risikomanagement empfehlen Sie denn?

wpDiscuz