Als die Inflation noch eine Lüge oder nur „vorübergehend“ war

Zur unbequemen Wirklichkeit der jetzigen Inflation gehört auch die Verharmlosung ihrer Gefahr in den Medien und in der EZB-Führung bis in die jüngste Vergangenheit.

IMAGO / Steinach

Die guten Zeiten der Deutschen sind vorbei, sagte der Ökonom Hans-Werner Sinn kürzlich in einem Interview, „nicht nur für die nächsten 15 Jahre, sondern für eine längere Periode“. Sinn spricht davon, dass „uns die Grünen die billige Energie … abstellen wollen“, und von den desolaten demographischen Aussichten – und natürlich von der Inflation, über die er auch sein jüngstes Buch verfasst hat. Der Staat werde „heillos überfordert“ sein und die sozialen Sicherungssysteme nicht mehr in der Lage, „die Entwicklung des Lebensstandards so fortzuführen, wie wir es gewohnt sind“. Den Bürgern rät er: „Sorgt für euch selber!“ Und: „Der Zusammenhält in der Familie wird angesichts der Schwierigkeiten des Staates immer wichtiger werden.“

Sendung 02.12.2021
Tichys Ausblick Talk: „Inflation kommt plötzlich“ – Hans-Werner Sinn im Gespräch
Ökonomischer Pessimismus ist nun nicht mehr nur ein Thema von Doom- und Crash-Propheten, auf die sich selbst für seriös haltende Ökonomen und vor allem Wirtschaftsjournalisten stets naserümpfend herabblickten. Verarmung ist kein dystopisches Szenario mehr, sondern durch die Inflation gegenwärtige Wirklichkeit: 7,3 Prozent im März gegenüber dem Vorjahresmonat, meldet das Statistische Bundesamt. Und die Bundesregierung erwartet nun, wie am Montag bekannt wurde, im laufenden Jahr eine durchschnittliche Inflation von 6,1 Prozent und, wie Robert Habeck am Mittwoch bekannt gegeben hat, nur noch 2,2 Prozent BIP-Wachstum. 

Die Erwartung der Bundesregierung von nur 2,8 Prozent Inflation für 2023 kann man als Fortsetzung der immer wieder auch von der EZB verbreiteten Wunschträumerei abhaken: Auch EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat immer wieder von einem nur „vorübergehenden“ Preisauftrieb gesprochen. Zum Beispiel im September 2021 und dann wieder im November. Natürlich konnte niemand den Ukraine-Krieg vorhersehen. Aber er ist eben bei Weitem nicht der einzige Grund. Auch die Energiepreise, als wichtigster Inflationstreiber, steigen nicht erst seit dem 24. Februar steil an, sondern schon seit Anfang 2021 und dann mit besonderer Intensität seit dem Jahresanfang 2022.

GELDENTWERTUNG
Trotz Rekordinflation: Die EZB bewegt sich nicht von der Stelle
Zur Antwort auf die Frage, warum bis jetzt weder die Regierenden in Berlin noch die EZB in Frankfurt ernsthaft gegen die Inflation aktiv werden, gehört auch der Mangel an entsprechendem Druck aus der Öffentlichkeit. Vor Inflation zu warnen, galt bis vor kurzem noch als sehr unfein – bisweilen auch jetzt noch. Die EZB mit ihrer lockeren Geldpolitik und die Regierenden in Berlin mit ihrer preistreibenden Ausgabenpolitik konnten sich wie auf anderen Politikfeldern auf eine weitgehend unkritische, EZB-freundliche Presse verlassen. Zu den bekanntesten Exponenten der jahrelangen Inflationsverharmlosung gehören etwa der Spiegel-Kolumnist Thomas Fricke, der konsequent die laxe Geldpolitik rechtfertigte und gegen „Stabilitätswächter und Bundesbank-Nostalgiker“ polemisiert, und nicht zuletzt Mark Schieritz, Wirtschaftskorrespondent der Zeit. Er wetterte in unzähligen Artikeln und einem Buch über „Die Inflationslüge“ (2013). Nicht die Inflation sei eine Gefahr, so die These, sondern eine falsche, restriktive Politik, die auf dieser Angst gründe.

Schieritz kann mittlerweile wohl beruhigt sein. Vor der Inflation warnen muss niemand mehr, und die aus seiner Sicht falsche Antiinflationspolitik gab und gibt es bekanntlich bis heute nicht: weder eine echte Sparpolitik der Regierenden noch eine Restriktion der Geldvermehrung durch Anhebung der Zentralbankzinsen – zumindest nicht durch die EZB.

Wer nach einem Einkauf nicht in Kummer angesichts der extrem gestiegenen Preise versinken will, kann durch die Lektüre alter Schieritz-Artikel dann vielleicht Trost finden – oder sarkastische Erheiterung. „Fürchtet euch nicht!“, schrieb Schieritz den Zeit-Lesern noch im August 2021, als der Preisanstieg bereits deutlich wurde, und: „Die steigenden Teuerungsraten sind ein Indiz dafür, dass die Wirtschaft wieder in Gang kommt und die staatlichen Hilfsmaßnahmen zurückgenommen werden. Wir sollten uns darüber freuen.“ Darin findet sich auch das Argument, es sei gar nicht klar, dass die ärmeren Menschen überhaupt besonders unter der Inflation litten. Schließlich hätten sie „oft überhaupt kein Geld, das sie vor irgend jemandem in Sicherheit bringen könnten“, und außerdem profitierten sie von den niedrigen Zinsen, „weil sie zum Beispiel ihr Auto günstiger finanzieren können“. Im Dezember 2021 dann nochmal ein Versuch: „Die Inflation könnte bald wieder sinken.“

GELDPOLITIK
EZB-Chefin Lagarde fordert EZB-Politiker auf, Kritik zurückzuhalten
In den letzten Tagen twittert Schieritz nun erstaunlich viel über Panzer und die Ukraine – und erstaunlich wenig über sein Fachgebiet, die Inflation. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren ihm keinen Tweet wert. Immerhin, in seiner Kolumne vom 1. April nennt er die Inflation „ein Problem“. Aber: „Das bedeutet nicht, dass es sinnvoll wäre, jetzt Ausgaben zusammenzustreichen und die Zinsen schnell zu erhöhen.“ Das würde zwar die Teuerungsrate zurückführen, aber wäre „mit einer schweren Rezession erkauft“. Seine Tipps dagegen dürften der Bundesregierung und vor allem den Grünen gut gefallen: „Energieeinsparungen zum Beispiel durch ein Tempolimit. Gezielte Entlastungen für die Betriebe und Haushalte, die sonst nicht über die Runden kommen. Staatliche Hilfsmaßnahmen wie das Kurzarbeitergeld, die Arbeitsplätze sichern, bis der Krieg vorbei ist beziehungsweise bis alternative Energiequellen erschlossen sind. Eine Steuerpolitik, die für eine gerechte Finanzierung der notwendigen Ausgaben sorgt.“ Noch mehr Staatsinterventionen als Antwort für ein Problem, das durch exzessive Staatsinterventionen entstanden ist: Solche Journalisten-Ratschläge liest man in Berliner Regierungskreisen sicher gerne. 

Für die Fürchtet-Euch-Nicht-Propheten in der Presse und die die Inflation für „nur vorübergehend“ haltende EZB-Präsidentin hat die Suche nach dem persönlichen Ausweg vermutlich schon begonnen. Einfach über andere Themen schreiben – zum Beispiel Panzerlieferungen an die Ukraine – bietet sich zum Beispiel an, um alte Prophezeiungen vergessen zu machen. Für Lagarde könnte vielleicht sogar ein besonders schöner Ausstieg aus dem Thema möglich werden. Sie, die ohnehin eher eine geldpolitische Seiteneinsteigerin war, wird als mögliche Premierministerin für den wiedergewählten Präsidenten Emmanuel Macron in Frankreich gehandelt. 


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Kommentare ( 51 )

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Cabanero
27 Tage her

Lieber Herr Knauss, es mag dem geschuldet sein, daß sie selbst Journalist sind, daß Sie deren Rolle sehen in der Bewertung von Inflation durch die Deutschen. Die bisherige Annahme dazu war, daß wir Deutschen Inflation besonders fürchteten, als ererbte Grundfurcht aus der Hyperinflation der 1920er Jahre. Ich habe das immer für Unsinn gehalten. Auch ich besitze als Familienerbstück eine Banknote von 50 Milliarden Reichsmark, die seinerzeit wohl nicht einmal einen Laib Brot erkaufte. Aber das hatte auch mich so wenig prägenden Einfluß wie das Eiserne Kreuz meines Urgroßvaters, das er sich vor Verdun verdiente. Ältere Altersgenossen kennen noch die Inflation… Mehr

Last edited 27 Tage her by Cabanero
Hansano
27 Tage her

Frau Merkel hat als eine ihrer politischen Großtaten (Massenimmigration in die Sozialsysteme, Abschaffung der Wehrpflicht, Schuldentransferunion, Abschaltung der Stromgrundversorgung durch Atomkraftwerke, Abhängigkeit von russischem Gas) der Bevölkerung Frau Lagarde als faules Ei ins Nest gelegt. Am Ende steht also noch die schrittweise Enteignung der Sparer, insbesondere der deutschen.
Ihre Regierungszeit war zerstörerisch.

Ante
27 Tage her

Die Mehrheit der BRD-Wähler hat Inflation gewählt, als man die DM abwählte. Wer das eine (Euro) will, muss das andere (Inflation) mögen. So einfach ist das. Die Aufgabe der DM war ein Fanal. Dafür zahlt BRD-Mensch heute den Preis. Strafe muss sein.

Silverager
27 Tage her
Antworten an  Ante

Sorry Ante, kein BRD-Wähler hat die D-Mark abgewählt. Tatsache ist, dass die Bürger überhaupt nicht gefragt wurden

NurEinPhilosoph
27 Tage her

Die Probleme von Wirtschaft und Gesellschaft werden seit Merkel mit der bewährten Formel gelöst: Leugnen, Verharmlosen, einen Schuldigen suchen. Anschliessend kommt die Schönfärberei mit „Modellen“, um dann bitte über etwas anderes zu sprechen, damit man die Lösung weiter aufschieben kann… Die EZB müsste längst eingreifen, weil die Inflation seit längerem weit über der 2 Prozent Marke liegt; sie tut es aber nicht, aus Angst vor einer neuen Banken- und Finanzkrise, welche in manchen Euro-Ländern zum Staatsbankrott führen könnte. Die Politik des lockeren Schuldenmachens, des lockeren Regierens, des lockeren Denkens und nicht konsequenten Handelns hat genau jene schwierige Lage herbeigeführt, in… Mehr

puke_on_IM-ERIKA
27 Tage her

Vor der Wahl fabulierte noch eine EZB-Direktorin Schnabel von kurzer Dauer der Inflation und im November 21 davon, dass der Gipfel der Inflation erreicht sei.
Und solchen kompetenzbefreiten und reGIERungsdevoten Claqueren hat man die Verantwortung für das Geldsystem übertragen……
De wegen Steuervergehen in Frankreich verurteilte Lagarde und ihre EZB-Helferlein werden ganz sicher was gegen die Inflation tun und haben schon mal mit dem Gelddrucken angefangen und ups: Hat doch keiner ahnen können, dass Geldrucken zu Inflation führt. Das hat uns keiner gesagt……

Last edited 27 Tage her by puke_on_IM-ERIKA
Fabian S.
27 Tage her

Und die 2,2 BIB-Wachstum beruhen dann aufs Gelddrucken, das Pharma-Konzerne, Waffenindustrie, Politiker, Beamte, Angestellte ÖD etc. pp. dann mehr bekommen. So viel zur Lage in DE!

Duke_van_Hudde
27 Tage her

Das Problem der VWL ist das es verschiedenen Theorien gibt die teilweise das Gegenteil von anderen sagen und das man trotzdem keine am Ende beweisen kann. Das liegt vor allen dadran das Menschen lernen können und wenn sie 10 mal gegen eine unsichtbare Wand rennen ein Teil der Menschen es nicht ein 11 mal versucht. Wenn man es etwas feiner ausdrücken will. (Lucas Kritik) Dass eine ökonomische Gesetzmäßigkeit in dem Augenblick nicht mehr funktioniert, wenn die Wirtschaftspolitik versucht, diese auszunutzen. Deshalb wird auch mittels Nudging die Menschen so zu manipulieren das man sie weiter ausnützen kann. Nun zum Thema Zentralbanlk.… Mehr

Watzmann
27 Tage her

Diesen Herren von der „Zeit“ kannte ich bis eben nicht. Da muss ich wohl etwas versäumt haben. Aber nun mal ernst! Seit Monaten war jedem rational denkenden Bürger klar, dass Inflation in der Pipeline steckt. Beispiele gibt es in Hülle und Fülle: Abschaltung von Kraftwerken und Verknappung des Energieangebots, CO2-Bepreisung fossiler Energieträger, Baumaterialien, Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung, „Kleinbeträge“ wie Porto und Rundfunkbeitrag und nicht zu vergessen Grundnahrungsmittel. Jeder kann diese Litanei für sich fortsetzen. Nein Inflation ist kein „statistisches Problem“, sondern längst Realität. Bei schwindender Kaufkraft wird es zwangsläufig zu Nachfragerückgängen kommen. Wann das den Arbeitsmarkt erreicht darf man… Mehr

StefanSch
27 Tage her

Das Volk wollte es so. Grüne und linke Märchenerzähler, damit ist auch die CDU gemeint, werden seit Jahren wiedergewählt.

Bitte noch mehr Inflation! Es ist Zahltag Freunde.

Ante
27 Tage her
Antworten an  StefanSch

Genau, der Euro wurde politisch herbeigewählt. Nun hat Wahl-Volk den Salat.

Juergen P. Schneider
27 Tage her

Das Volk der stolzen Mieter, wird sich schwer tun, für sich selbst zu sorgen. Ca. 50% unserer Landsleute leben in Mietwohnungen. Das so genannte „reiche Land“ ist ein Land mit reichlich Steuereinkommen und verhältnismäßig „armen“ Bürgern, gemessen an den Vergleichsdaten anderer EU-Länder. Der Durchschnittsdeutsche hält sich selbst für materiell begütert. In Relation zu den Rumänen stimmt dies ja auch, doch bei den meisten unserer mit mehr Privatvermögen gesegneten EU-Nachbarn wird er nur müde belächelt. Um an der Auspressung der deutschen Steuerbürger etwas zu ändern, müssten diese Steuerbürger sich ihrer eigenen Lage in Relation zu den anderen EU-Bürgern bewusst sein. Dies… Mehr

Donostia
27 Tage her
Antworten an  Juergen P. Schneider

Sie haben Recht. Der reiche deutsche Staat mit verhältnismäßig armen Bürger rettet arme Staaten (Italien, Frankreich, Spanien) mit reichen Bürgern. Man rufe die folgende Webseite auf Liste der Länder nach Vermögen pro Kopf – Wikipedia und sortiere nach Median- Vermögen. Das Medianvermögen ist die Grenze wonach die Hälfte der Einwohner weniger als das Median- Vermögen hat und die andere Hälfte mehr als das Medianvermögen. Italien (118.885 $), Spanien (105.831 $) und Frankreich (133.559$). Die Bürger des reichen Deutschland hingegen haben nur ein Medianvermögen von 65.374$. Auf gehts Michel wieder Grün, Rot, Schwarz, Gelb und Dunkelrot wählen damit es endlich aufwärts… Mehr